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Energiemix

Grün hinter den Ohren

Ökostrom ist wetterabhängig und teuer. Wie er in den Markt integriert werden kann, ist noch völlig unklar.

Grün hinter den Ohren Grün hinter den Ohren
ENERGLOBE.DE, Denny Rosenthal

Ökostrom ist wetterabhängig und teuer, soll in ein paar Jahrzehnten aber ganz Deutschland versorgen. Derzeit wird heftig darüber gestritten, wie die Erneuerbaren in den Markt integriert werden sollen. Ein dauerhaftes Ende der Subventionen fordert Ewald Woste, Präsident des Branchendachverbandes BDEW, im Video-Interview mit ENERGLOBE.DE.  

Ein heißer Sonntagmittag im Juli 2020: Die Solaranlagen in Deutschland laufen auf Hochtouren, nur eine luftige Brise verschafft ein bisschen Kühlung und treibt zahlreiche Windräder an. Die meisten Menschen halten Siesta. Der Stromverbrauch ist so gering, dass er komplett aus dem mittlerweile stark gestiegenen Angebot erneuerbarer Energien gedeckt werden kann. In nicht einmal zehn Jahren könnte also jene Situation eintreten, für die Rainer Baake seit Jahren kämpft: Die Vollversorgung mit grünem Strom. „Diese Situation wird sich Woche für Woche wiederholen“, prophezeite der Chef der Deutschen Umwelthilfe (DUH) auf der Tagung "Smart Renewables" des BDEW am Dienstag in Berlin.

Wetterlaunen und das liebe Geld

Bis zum Jahr 2050 soll dieser Zustand zur schönen Regelmäßigkeit werden. In ihrem Energiekonzept hat die Bundesregierung einen Ausbaupfad für Ökostrom beschrieben: Bis 2020 soll der Anteil auf 30 Prozent steigen, bis 2050 gar auf vier Fünftel. Bis dahin müssen aber noch große Hindernisse aus dem Weg geräumt werden. Wind- und Sonnenstrom sind stark witterungsabhängig und daher nicht ständig verfügbar. Gibt es genügend Speicher, oder einen anderen Ausgleich? Sind Kernkraftwerke dafür flexibel genug? Und vor allem: Können wir uns die Ökowende leisten und sind Erneuerbaren Energien auch ohne Subventionen irgendwann wettbewerbsfähig?

Noch kein Marktmodell für Erneuerbare

Vor allem die letzte Frage bereitet Kopfzerbrechen. „Wir wissen leider noch nicht, wie ein Marktmodell für Erneuerbare und das Zusammenspiel mit konventionellen Energieträgern funktionieren soll“, räumte BDEW-Präsident Ewald Woste gegenüber ENERGLOBE.DE ein. Eines stehe fest: „Eine dauerhafte Subventionswirtschaft kann nicht der Weg sein, die Erneuerbaren müssen flexibler werden.“ Mit Blick auf die Novellierung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) im Jahr 2012 sprach sich Woste unter anderem für eine optionale Marktprämie aus: Der Betreiber, etwa einer Windanlage, speist seinen Strom nicht mehr ins Netz ein und bekommt dafür eine feste Vergütung, sondern verkauft ihn selbst und erhält einen deutlich kleineren Bonus. Wie das genau aussehen soll, ist aber noch unklar.

Hohe EEG-Umlage für Jahrzehnte

Eine schnelle Integration in die Marktwirtschaft ist bislang nicht abzusehen. Im kommenden Jahr steigt die EEG-Umlage – der Betrag, den die Stromverbraucher für die Förderung von Ökostrom zahlen – von 8,2 auf 13,5 Milliarden Euro. Je Kilowattstunde bedeutet das einen Anstieg um 70 Prozent von etwa zwei auf dreieinhalb Cent. „Unser Ziel ist es, die EEG-Umlage dauerhaft bei drei Cent je Kilowattstunde zu etablieren und bis zum Jahr 2030 auf 2,7 Cent zu senken“, erklärte Katherina Reiche, parlamentarische Staatssekretärin im Bundesumweltministerium, auf der BDEW-Tagung. Die Ökobranche ist demnach noch lange auf staatliche Unterstützung angewiesen.

Mengendeckel für jede einzelne Technik

Bis dato hat die Politik nicht erklärt, wie sie ihre ambitionierten Ziele genau erreichen will. Wie soll sich die grüne Komponente im Energiemix zusammensetzen? Nach Meinung von Experten wie dem Energieökonom Sven Bode vom Arrhenius Institut sollte die Regierung die Mengen deckeln. Bis dato kann jeder Anbieter soviel Wind, Sonne und Co. ins Stromnetz einspeisen wie er möchte - das solle laut Bode künftig nicht mehr möglich sein. Der Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) spricht sich in seiner Studie „Wege zur 100 Prozent erneuerbaren Stromversorgung“ für eine absolute jährliche Obergrenze der geförderten Solarstrom-Kapazitäten aus.

Streit um das Thema Kosteneffizienz

Das wichtigste Kriterium bei der Festlegung der Obergrenzen solle die Kosteneffizienz sein, meine viele Experten. Olav Hohmeyer vom SRU plädiert für eine stärkere Konzentration auf die Windenergie. Sie biete bei gleichem finanziellen Einsatz mehr Ertrag. Oliver Bettzüge, Leiter des energiewirtschaftlichen Instituts (EWI) der Uni Köln schließt sich der Forderung an. Doch andere halten dagegen: „Die Frage nach der Kosteneffizienz des EEG kann derzeit nur eingeschränkt beantwortet werden“, warnt Sebastian Schröers vom Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut. Schließlich gebe es noch viele Unsicherheiten bei der Etablierung der erneuerbaren Energien. Doch Bode gibt zu Bedenken: „Wenn man das Ziel nicht kennt, sollte man bremsen und nicht volle Pulle loslaufen.“

Biomasse ist unverzichtbar

Um regenerativen Energien zum Durchbruch zu verhelfen, müssen sie zuverlässiger werden, solange keine großtechnische Lösung für Speicher abzusehen ist. Das Angebot an Wind und Sonne ist sehr stark vom Wetter abhängig. Anders verhält es sich bei der Biomasse, auf die langfristig nicht verzichtet werden kann. Wie diese künftig gefördert werden soll, wird die Bundesregierung im ersten Quartal diesen Jahres in ihrer „Biomasse-Strategie“ vorstellen. Das kündigte Staatssekretärin Reiche an. Außerdem solle es einen Bonus für Kombikraftwerke geben. Bei diesen Anlagen werden beispielsweise eine Solaranlage und eine Biogasanlage zusammengeschaltet, um eine kontinuierliche Versorgung zu sichern. 

Kernkraftwerke zu langsam

Kernkraftwerke sind als Ausgleich für die fluktuierende Erzeugung von Biostrom nicht geeignet, weil zu unflexibel, meint DUH-Chef Baake. Sie könnten nicht auf unter 50 Prozent ihrer Leistung heruntergeregelt werden. In der beschlossenen Verlängerung der Laufzeiten deutscher Kernkraftwerke und der gleichzeitigen Festlegung der Ausbauziele für regenerative Energien sieht er deshalb einen fundamentalen Konflikt. Beides sei kaum zu vereinbaren. Baake befürchtet, dass der Einspeisevorrang für Erneuerbare in Zukunft zur Disposition steht, falls der Atomkompromiss nicht vorher durch das Verfassungsgericht oder eine neue Regierung gekippt wird.

Subventionen für Gaskraftwerke

Die bessere Alternative zur Kernkraft seien Gaskraftwerke, meint Baake, weil sie schneller rauf- und runtergefahren werden können. Doch Investitionen in diese Erzeugungsart lohnen sich kaum – nicht zuletzt wegen der hohen Subventionen für Ökostrom. Diese tragen wesentlich dazu bei, dass Ökostrom an der Börse zum Spottpreis angeboten werden kann. „Bei den derzeitigen Börsenpreisen investieren wir nicht in Gaskraftwerke“, erklärt Woste, der auch Chef des Stadtwerkeverbundes Thüga ist. Um zu gewährleisten, dass künftig genügend Gaskraftwerke bereitstehen, sollten „Bereitstellungsprämien“ diskutiert werden. Fazit: Am Ende müsste womöglich auch fossile Energie gefördert werden - die laut Bundesregierung eigentlich ein Auslaufmodell ist. 

Weitere Informationen:

Tagung des BDEW zur Marktintegration Erneuerbarer: www.smart-renewables.de

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014