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Energiewende

„Kohleanteil am Strom halbieren“

Wieviel uns die Energiewende kostet und warum es um mehr als den Atomausstieg geht, schreibt die Energieökonomin in einem exklusiven Gastbeitrag.

„Kohleanteil am Strom halbieren“ „Kohleanteil am Strom halbieren“
Andreas Schoelzel

Die Bundesregierung hat sich nach der schrecklichen Katastrophe in Japan entschlossen, eine nachhaltige Energiewende einzuleiten.

Alle Kernkraftwerke in Deutschland sollen bis zum Jahr 2022 abgeschaltet werden. Im Rahmen eines Moratoriums wurden bereits im Frühjahr 2011 acht Atomkraftwerke unmittelbar und irreversibel vom Netz genommen. Bei Lichte betrachtet ist dieser Atomausstieg nicht grundlegend neu. Im Prinzip kehrt die Regierung Merkel zu den Beschlüssen der rot-grünen Vorgängerregierung zurück.

Doch es geht bei der Energiewende nicht nur um den Ausstieg aus der Kernenergie – sondern auch um den Ausstieg aus der Kohle. Bis 2022 müsste eigentlich rund die Hälfte der deutschen Kohlekraftwerke altersbedingt vom Netz. Das Zeitfenster wäre also günstig, den Anteil von Kohle an der Stromerzeugung, derzeit bei 42 Prozent, zu halbieren. Doch in den nächsten Jahren droht das Gegenteil: Der Kohleanteil am Strommix könnte auf über 50 Prozent klettern.

Dabei muss der weitere Zubau von Kohlekraftwerken unbedingt verhindert werden. Derzeit sind etliche neue Kohlekraftwerke in Planung oder schon im Bau; sie erreichen eine Gesamtleistung von über 10 Gigawatt. Damit könnte man rein rechnerisch die derzeit noch im Einsatz befindlichen Atommeiler ersetzen. Doch Kohlekraftwerke passen nicht in das Konzept der nachhaltigen Energiewende: Sie produzieren deutlich mehr klimagefährdende Treibhausgase als andere Energieträger – zum Beispiel doppelt so viel wie Gas. Für die Übergangszeit wären Gaskraftwerke deutlich besser geeignet. Sie sind nicht nur relativ emissionsarm, sondern auch besser kombinierbar mit den fluktuierenden erneuerbaren Energien, weil man Gasanlagen flexibel hoch und runter fahren kann. Gas gibt es auf dem internationalen Markt im Überfluss, die Preise sind entsprechend niedrig. In Deutschland ist der Gaspreis vergleichsweise hoch, weil er immer noch zu sehr an den Ölpreis gebunden ist. Doch über kurz oder lang wird die internationale Entwicklung auch in Deutschland den Gaspreis drücken.

Das Ziel der Bundesregierung, in den kommenden vier Jahrzehnten den Anteil der erneuerbaren Energien von heute 17 Prozent auf 80 Prozent zu erhöhen, ist grundsätzlich machbar. Allerdings müssen dazu gleichzeitig die Netze deutlich ausgebaut und vor allem deutlich mehr Stromspeicher geschaffen werden – zum Beispiel sogenannte Pumpspeicher, die in Deutschland und Skandinavien bereits zum Einsatz kommen.

Zusätzlich sind völlig neue Formen der Stromspeicherung derzeit in der Forschungsphase. So können etwa Batterien von Elektrofahrzeugen als Speicher genutzt werden, wenn sie gleichzeitig die „Vehicle to grid“ Option umsetzen, also gespeicherten Strom zurück in das Netz einspeisen können. Dazu wäre allerdings ein Umbau der Infrastruktur notwendig.

Auch neue Kraftstoffe taugen für die Energiespeicherung. In Spitzenangebotszeiten erneuerbarer Energien könnte Wasserstoff oder Methan produziert werden, etwa zum Einsatz in der Mobilität.

Genauso wichtig wie das Angebot ist jedoch die Nachfrage. Je weniger Energie wir verbrauchen, desto weniger abhängig machen wir uns von den immer knapper und teurer werdenden fossilen Energien - und desto mehr Kosten können wir sparen. Neben dem Mobilitätssektor liegen die größten Einsparpotenziale vor allem im Immobilienbereich, genauer: in der Gebäudehülle. Es könnte knapp ein Fünftel des Energiebedarfs von Immobilien allein durch den Einsatz effizienter Dämm- und Klimatechnik eingespart werden.

Die Energiewende ist technisch machbar. Aber ist sie auch ökonomisch sinnvoll? Oder isoliert sich Deutschland dabei völlig? Droht eine Deindustrialisierung, müssen wir mit Blackouts und mit Strompreisexplosionen leben? Solche Horrorvisionen werden von interessierter Seite an die Wand gemalt. Richtig ist: Die Welt schaut manchmal skeptisch, meist jedoch mit großem Interesse auf Deutschland. Eine Deindustrialisierung wird es definitiv nicht geben, im Gegenteil. Gerade die wichtigen Zulieferindustrien der erneuerbaren Energien und der nachhaltigen Mobilität profitieren von der Energiewende. Die Chemiebranche liefert wichtige energieeffiziente Produkte, etwa für den Transport- und für den Gebäudesektor. Die Liste der industriellen Profiteure ist lang.

Blackouts wird es nicht geben, wenn ausreichend in Netze und fossile Kraftwerke investiert wird. Der Strompreis wird nur moderat ansteigen, da neben preistreibenden auch preissenkende Faktoren gibt. Preistreibend wirkt die Zunahme des Börsen- und CO2 Preises, sowie die Zunahme der Netzentgelte durch den Ausbau der Stromnetze. Mit steigendem Börsenpreis sinkt allerdings auch die Umlage zur Förderung erneuerbarer Energien. Mehr Wettbewerb und mehr Stromimporte sorgen für Druck auf die Preise. Sicherlich sind energieintensive Branchen besonders von einem Anstieg der Börsenpreise betroffen, sie sind allerdings auch weitgehend von den Zahlungen zur Förderung erneuerbarer Energien, Ökosteuer und den Kosten des Emissionshandels befreit. Für sie sind neue Anbieter, mehr Importe sowie bilaterale Verträge besonders wichtig.

Die Frage bleibt dennoch: Wer zahlt diese Energiewende? In der Tat sind gewaltige Investitionen notwendig. Wird der Anteil erneuerbarer Energien verdoppelt, müssen bis zu 122 Mrd. Euro in den kommenden 10 Jahren in diesen Sektor investiert werden, so die Schätzung des Bundesumweltministeriums. Die Umlage zur Förderung erneuerbarer Energien wird demnach die derzeitige Höhe von 3,5 Cent pro Kilowattstunde nicht übersteigen; im Gegenteil, sie wird sogar sinken.

Für den Netzausbau veranschlagt die Bundesnetzagentur eine Größenordnung von bis zu 25 Milliarden Euro in den kommenden 15 Jahren, was den Strompreis um bis zu einen Cent pro Kilowattstunde erhöhen dürfte.

Für die energetische Gebäudesanierung werden pro Jahr bis zu 3,5 Milliarden Euro Fördermittel benötigt. Das sind zwei Milliarden Euro mehr als derzeit im Föderprogramm der KfW-Bank vorgesehen. Die benötigten Fördermittel könnten, ebenso wie die zusätzlichen Ausgaben für die Energieforschung, aus dem Verkauf der CO2 Emissionsrechte erwirtschaftet werden.

Für zusätzliche Gaskraftwerkskapazitäten von bis zu zehn Gigawatt müssen bis zu 15 Milliarden Euro investiert werden, und zwar von privaten Investoren wie Stadtwerken, sowie Infrastruktur- und Energieunternehmen. In der Summe kommt man so auf Investitionen von knapp 200 Milliarden Euro in den kommenden 10 Jahren- bei nur moderaten Strompreissteigerungen.

Am Anfang der Energiewende sind Stromproduktionskosten mittels erneuerbarer Energien relativ zu konventioneller Energie noch teurer. Doch durch steigende CO2 Preise werden Kohlekraftwerke wirtschaftlich tendenziell eher unattraktiver.

Die Kosten für fossile Energien, insbesondere für Öl, werden steigen, die für erneuerbare Energien im Zeitablauf dagegen sinken. Durch den Umbau des Energiesystems und durch das Energiesparen können steigende Kosten fossiler Energien vermieden werden. Bei einem Ölpreisanstieg von 100 auf 120 Dollar pro Barrel würden zusätzliche Kosten für die deutsche Wirtschaft in Höhe von mindestens 20 Milliarden Euro entstehen- und zwar pro Jahr! Das entspricht innerhalb der kommenden zehn Jahre in etwa den notwendigen Investitionen zum Umbau des Energiesystems, die wie erwähnt bei 200 Milliarden Euro liegen.

Enorme Investitionen sind also notwendig, die wiederum Wertschöpfung und Arbeitsplätze schaffen. Die deutsche Wirtschaft kann dabei wie keine andere von dem Boom in erneuerbaren Energien, bei neuen Kraftwerken, Energieeffizienz, bei nachhaltigen Gebäude und Mobilität profitieren. Denn hierzulande ist das notwendige Knowhow im Anlagen-, Infrastruktur- und auch Kraftwerksbau zur Genüge vorhanden. Hunderttausende neue Arbeitsplätze können so neu geschaffen werden. Die Energiewende wird heute eingeleitet. Sie führt uns in eine nachhaltige Energieversorgung. Und sie bietet definitiv mehr Chancen als Risiken.

 

Zur Person: Prof. Dr. Claudia Kemfert (42) leitet seit April 2004 die Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) und ist Professorin für Energieökonomie und Nachhaltigkeit an der Hertie School of Governance in Berlin. Die mehrfach ausgezeichnete Spitzenforscherin hat im Herbst 2008 ein Buch mit dem Titel „Die andere Klima-Zukunft - Innovation statt Depression“ veröffentlicht (www.claudiakemfert.de).

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014