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Energiemix

Massenspeicher fehlen

Deutschland könnte 2050 komplett mit Ökostrom versorgt werden, sagen Forscher. Andere halten das für „völlig unrealistisch“.

Massenspeicher fehlen Massenspeicher fehlen
ENERGLOBE.DE, Denny Rosenthal

Deutschlands Strombedarf könnte im Jahr 2050 komplett aus Erneuerbaren Energien gedeckt werden, behaupten Forscher im Auftrag der Bundesregierung. „Völlig unrealistisch“, meint dagegen der Verband deutscher Ingenieure. Es fehle ein technischer Ansatz für massentaugliche Speicher. 

Windkraft von der Küste, Solarenergie aus Freiburg und Biogas aus Sachsen, während die Kohlekraftwerke an Rhein und Ruhr längst Industriemuseen geworden sind: Schon in 40 Jahren könnte Deutschland vollständig mit Strom aus Erneuerbaren Quellen versorgt werden. Das sagen etliche Forscher voraus, allen voran der Sachverständigenrat für Umweltfragen, das Umweltbundesamt, und selbst die Unternehmensberatung McKinsey. Die Bundesregierung hat 80 Prozent Ökostrom im Jahr 2050 zum Ziel erklärt. Laut Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) geht es womöglich sogar noch schneller: „In zehn Jahren könnte Deutschland zeitweilig, bei geringer Nachfrage und großem Angebot, seinen Energiebedarf aus erneuerbaren Energien decken“, sagte er auf der Handelsblatt-Jahrestagung Energiewirtschaft am Mittwoch in Berlin.

„Noch kein technischer Ansatz“

Doch manche Experten bezweifeln, dass der radikale Umbau bis 2050 gelingen kann. „Die Prognose der Sachverständigen ist aus technischer Sicht absolut unrealistisch, der Bevölkerung wird etwas vorgegaukelt“, sagt Volker Wanduch gegenüber ENERGLOBE.DE. Er ist Leiter der Abteilung Technik und Wissenschaft des Verbandes deutscher Ingenieure (VDI). Für eine CO2-freie Stromversorgung fehlen seiner Meinung nach die technischen Voraussetzungen. Das Hauptproblem: Weil der Wind nicht pausenlos weht und die Sonne nicht den ganzen Tag scheint, braucht es enorm große Speichermöglichkeiten, will man alle Haushalte ununterbrochen mit Grünstrom beliefern. „Für einen massentauglichen Speicher gibt es aber noch keinen technischen Ansatz“, so Wanduch. Dieses Problem könne auf absehbare Zeit nicht gelöst werden – auch nicht durch norwegische Pumpspeicherwerke. Umweltauflagen der Skandinavier würden dies verhindern. Auch künftig seien deshalb fossile Kraftwerke unverzichtbar.

„Prognosen bis 2050 sind Hellseherei“

In der Fachwelt ist unstrittig, dass die Ökorevolution, wenn überhaupt, nur im europäischen Verbund realisiert werden kann. Strom muss dort produziert werden, wo es am kosteneffizientesten ist, das heißt Windstrom in Nordeuropa und Solarstrom in der afrikanischen Wüste. Nach Ansicht des VDI wurden in den Szenarien des Sachverständigenrates aber die Kosten des Ausbaus der regenerativen Ressourcen und des Netzes für ihre Anbindung viel zu optimistisch bewertet. Der Chef der deutschen Energieagentur Stephan Kohler sieht das ähnlich: Die Kosten seien „systematisch nach unten gerechnet“, sagte er dem Handelsblatt. Laut VDI-Experte Wanduch könnte der Netzausbau noch Jahrzehnte blockiert werden, weil betroffene Bürger durch sämtliche gerichtliche Instanzen dagegen klagen. Sein Verband hatte Berechnungen beim Forschungszentrum Jülich in Auftrag gegeben. Heraus kam ein Ökostrom-Anteil von lediglich 40 bis 50 Prozent bis 2050, was sich „mit den meisten realistischen Szenarien deckt“. Wanduch schränkt aber ein: Prognosen, die weiter als 20 Jahre in die Zukunft reichen, seien „Hellseherei“.

Auftragsstudie zeigt Wege auf 

Die Bundesregierung hatte beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) eine Untersuchung in Auftrag gegeben, wie ein 100-Prozent-Ziel für 2050 erreichbar sei. Das Resultat stand also vorher fest, nur der Weg dorthin sollte beschrieben werden. Die DLR-Berechnungen waren auch die Grundlage für die Studie des Sachverständigenrates vom Mai 2010. „Wir Ingenieure und Naturwissenschaftler arbeiten an neuen Wegen, wie man regenerativen Strom kostengünstig und zuverlässig erzeugen kann“, sagt DLR-Energievorstand Ulrich Wagner im Gespräch mit ENERGLOBE.DE. Die Szenarien seien aber keine Vorhersagen der wahrscheinlichen Entwicklung, und vor allem keine Forderung.

Gefahr für den Industriestandort?

In keinem noch so komplexen Modell ließen sich alle möglichen Entwicklungen abbilden, meint Wagner. So seien mögliche „volkswirtschaftliche Kollateralschäden“ und industriepolitische Aspekte bisher nicht berücksichtigt worden. Er meint damit, dass die ehrgeizigen Ökopläne Auswirkungen haben auf die konventionelle Stromerzeugung hierzulande und die Standortwahl von Betrieben. Wenn Deutschland in einem europäischen Verbund irgendwann 30 Prozent des Stromes importiert, wie im Energiekonzept der Bundesregierung beschrieben, erzeugt die deutsche Energiewirtschaft entsprechend weniger. Zudem könnten bei höheren Preisen stromintensive Unternehmen abwandern, beispielsweise nach China. Arbeitsplätze sind bedroht. Das dürfte politisch schwer durchzusetzen sein. „30 Prozent Importe sind schlichtweg undenkbar“, sagte kürzlich BASF-Arbeitsdirektor Harald Schwager. Bundeswirtschaftsminister Brüderle hielt auf der Handelsblatt-Tagung dagegen: „Dieser neue Protektionismus ist falsch.“ Er habe vor der neuen Konkurrenz für die einheimischen Unternehmen keine Angst.

Nicht das Porzellan zerschlagen

VDI-Experte Wanduch plädiert für ein Energiekonzept, das neben dem Klimaschutz auch Versorgungssicherheit und Bezahlbarkeit berücksichtigt. „Alle drei Ziele in Einklang zu bringen ist der einzig realistische Weg“, sagt er. Notwendig sei ein breiter Erzeugungsmix. Dazu gehörten auch neue Kohle- und Gaskraftwerke. In den kommenden Jahren müsse die Hälfte des Kraftwerksparks modernisiert werden, doch momentan werde kaum investiert. Wanduch: „Wir dürfen nicht das Porzellan zerschlagen, das wir später nicht ersetzen können.“

Weitere Informationen:

Sachverständigenrat für Umweltfragen, „100% erneuerbare Stromversorgung bis 2050: klimaverträglich, sicher, bezahlbar“: www.umweltrat.de

Wie eine CO2-arme Energieversorgung aussehen kann, zeigt die VDI-Stellungnahme „Klimaschutz und Energiepolitik“: www.vdi.de  

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014