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Rohstoffhandel

Abschied vom schwarzen Gold

Ist Öl teuer, spürt das auch der Gaskunde. Doch der traditionelle Zusammenhang verliert an Bedeutung. Die langfristigen Folgen sind ungewiss.

Abschied vom schwarzen Gold Abschied vom schwarzen Gold
energlobe.de, Denny Rosenthal

Steine haben den europäischen Gasmarkt mächtig ins Rollen gebracht. Seit 2009 gewinnen die US-Amerikaner größere Mengen des Rohstoffs aus Schiefergestein und müssen ihn deshalb kaum noch importieren. Außerdem reduzierte die Wirtschaftskrise den Energiehunger der Industrie, 2009 sank der Gasverbrauch der EU um knapp sieben Prozent. Somit entstand ein großes Überangebot, das den Strukturwandel der Branche beschleunigt, mehr Wettbewerb verspricht und Verbraucher auf sinkende Preise hoffen lässt.

Gazprom ist 50 Prozent teurer

Selbst Gazprom muss plötzlich Kompromisse eingehen. Der russische Staatskonzern stimmte im Februar erstmals öffentlich einem neuen Preismechanismus zu. Künftig wird mindestens ein Zehntel seiner Lieferungen an die deutsche Eon Ruhrgas nicht mehr zu langfristig vereinbarten Höchstpreisen verkauft, die sich am Ölpreis orientieren, sondern auf der Basis der Preise an den Gasbörsen, etwa in Leipzig oder dem belgischen Zebrügge. Eon hatte darauf gedrängt, weil russisches Gas 50 Prozent teurer war als auf dem kurzfristigen Spotmarkt. Mit diesem billigeren Gas hatten sich etliche Firmenkunden von Eon eingedeckt.

Der deutsche Versorger bezog daraufhin viel geringere Mengen von Gazprom als vertraglich vereinbart und riskierte hohe Strafzahlungen. Die Russen pochten bis zuletzt auf die Einhaltung der Verträge. Allerdings agierten sie dabei ambivalent. Bereits vor einem Jahr hatte Der Energie Informationsdienst (EID) den Gazprom-Chef Alexej Miller mit den Worten zitiert: „Es ist Zeit, sich von der Ölpreisbindung zu verabschieden“. Für Josef Auer, Energieexperte bei Deutsche Bank Research, kommt die aktuelle Einigung nicht überraschend. „Gazprom ist eben auch ein rational denkendes Unternehmen, und nicht nur der verlängerte Arm der Politik“, kommentiert er. Die Russen hätten erkannt, dass das Festhalten an überholten Strukturen keinen Sinn mehr ergebe.

Gasmarkt wird flexibler  

Langfristige Lieferverträge stammen aus den sechziger Jahren, als die Energiepolitik im Zeichen der Versorgungssicherheit stand. Weil Erdgaspipelines sehr teuer sind, verpflichteten sich die Abnehmer, fixierte Preise bis zu 30 Jahre lang zu zahlen, selbst wenn nicht die komplette Menge bezogen wird. „Ohne Langfristverträge werden großen Pipeline-Projekte nicht realisiert“, erklärt Auer. Eine Flexibilitäsklausel erlaubt es, die Menge unter bestimmten Umständen etwas zu variieren. Der Preis wurde an den des Öls gekoppelt, damit sich Gas zu einem konkurrenzfähigen Produkt auf dem Wärmemarkt entwickeln konnte. Heute wird dieses Arrangement oft kritisiert, wenn die Ölpreise politisch motiviert oder von Spekulanten getrieben in die Höhe schießen und die Gaspreise folgen müssen.

Durch den Strukturwandel in der Gaswirtschaft steht dieses System seit Jahren unter Druck. Infolge der Gasmarktliberalisierung Ende der neunziger Jahre, durch die Erschließung neuer Gasfelder und den Boom des Flüssiggashandels drängen viele Konkurrenten auf den Markt. Transaktions- und Transportkosten sinken. Gasbörsen gewinnen Marktanteile. Für die Entkopplung spricht auch, dass Öl und Gas im Energiesektor immer weniger miteinander konkurrieren, weil kaum noch Neubauten mit Ölheizung errichtet werden. Experten erwarten zwar, dass Langfristverträge und Ölpreisbindung weiter existieren werden, vor allem bei teuren Investitionen in neue Pipelines wie die geplante Trasse “Nordstream” zwischen Russland und Deutschland. Die Abkommmen werden jedoch flexibler.

Die Laufzeiten der Lieferverträge sinken 

„Keiner der großen Marktteilnehmer wird bestreiten, dass die Zeit der Langzeitverträge in ihrer bisherigen Form vorbei ist“, erklärten die Ökonomen Christian von Hirschhausen und Anne Neumann bereits vor sechs Jahren in einer Studie der TU Dresden. Sie analysierten 142 langfristige Verträge von europäischen Importeuren zwischen 1980 und 2003, die zusammen 78 Prozent des Gesamtmarktes abdeckten. Ergebnis: Die Laufzeiten der Lieferverträge sind deutlich gesunken, von durchschnittlich 25 Jahren im Jahr 1980 auf 15 Jahre zu Beginn des neuen Jahrtausends. Heute muss demnach früher nachverhandelt werden. In den USA und Großbritannien seien die dauerhaften Lieferstrukturen im Zuge der Liberalisierung ganz oder teilweise verschwunden. In ähnlicher Weise, so die Autoren, verliere die Ölpreisbindung auch in Europa an Bedeutung. Spotmarktverkäufe ersetzten zunehmend die Flexibilitätsklauseln.

Dass ausländische Lieferanten zu Abschlüssen mit kürzeren Laufzeiten ohne Ölpreisbindung bereit sind, zeigt etwa der Vertrag zwischen dem britischen Importeur Centrica und dem norwegischen Gasmulti Statoil von 2004. Russland verkaufte 2009 zwölf Prozent weniger Gas über Langzeitverträge als 2008. Gleichzeitig hat Europa 18 Prozent mehr Flüssiggas importiert. Fast 70 Prozent der europäischen Erdgasmanager glauben, dass es nur noch ein Frage der Zeit ist, bis die Ölpreisbindung gekippt wird. Das ergab eine aktuelle Umfrage des Energieökonomen Jonathan Stern von der Oxford-Universität. Er prognostiziert: „Die unmittelbare Folge einer Entkopplung vom Ölpreis wird ein signifikanter Abwärtstrend bei den Gaspreisen sein, solange das Überangebot besteht.”

Wie lange wird Gas billig bleiben?  

Ob die Preissenkungen lange anhalten werden, ist aber fraglich. „Der langfristige Megatrend ist die Verknappung des Gasangebotes bei steigender Nachfrage“, sagt Deutsche-Bank-Experte Auer. Zumal sich die Erschließung neuer Gasfelder momentan kaum lohnt angesichts der niedrigen Preise. Das spielt den wenigen Produzenten in die Karten. Auer rechnet damit, dass Großproduzenten wie Gazprom künftig selbst im großen Stil am Spotmarkt handeln wollen. So können sie ihre Liefermengen flexibel an die Nachfrage anpassen, um die Vorräte möglichst lange zu strecken und sie zu Höchstpreisen zu verkaufen. Der Experte hofft jedoch, dass bei den großen Exportländern wie Russland ein Umdenken stattfindet und sie mehr Wettbewerb auf dem Exportmarkt zulassen. Auer: „Schließlich ist die Abhängigkeit von einem einzelnen Unternehmen für Russland nicht gesund.“

Weitere Informationen

Die Studie im Netz: "Less long-term Gas to Europe?"

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014