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Erdölförderung

Amerikas neue Unabhängigkeit

Kohlendioxid aus CCS-Anlagen soll die Ölimporte der Vereinigten Staaten bis 2030 um die Hälfte reduzieren.

Amerikas neue Unabhängigkeit  Amerikas neue Unabhängigkeit
energlobe.de, Denny Rosenthal

Weiße Engel mit Atemschutzmaske und roten Gummihandschuhen blasen Kohlendioxid (CO2) aus dicken Schläuchen auf die ölverseuchten Sandstrände im Süden der USA. Es soll die Küste von den schmierigen Hinterlassenschaften der Ölplattform von BP befreien, die im April hunderte Kilometer entfernt im Golf von Mexiko explodiert war. Doch nicht nur Umweltschützer, auch Politik und Wirtschaft setzen große Hoffnungen in den Klimakiller. CO2 säubert nämlich nicht nur Strände. Es kann womöglich sogar die riskanten Tiefseebohrungen ersetzen, die zu dem Unglück geführt haben.

Größeres Potential als Offshorebohrungen

Laut einer Untersuchung der US-Consultingfirma Advanced Resources International (ARI) könnte Kohlendioxid aus CCS-Anlagen, die im Rahmen des Klimagesetzes von Präsident Barack Obama geplant sind, die Ölförderung an Land bis zum Jahr 2030 um bis zu 167 Millionen Tonnen pro Jahr steigern. Das ist doppelt so viel, wie von allen Hochseeplattformen in den USA derzeit gefördert wird. Die CCS-Technik, also die Abtrennung von CO2 aus den Rauchgasen von Industrieanlagen und seine unterirdische Speicherung, wurde ursprünglich entwickelt, um die Emissionen zu mindern.

Mangel an natürlichem CO2 stoppt Expansion

Wird Kohlendioxid in die Öllagerstätten gepresst, erhöht sich der Druck darin. Das erleichtert die Förderung aus technischen Gründen und macht sie wirtschaftlicher. Bereits abgeschriebene Reservoirs können so revitalisiert werden. Die Amerikaner nutzen das Verfahren, Enhanced Oil Recovery (EOR) genannt, bereits seit den siebziger Jahren. Bislang griffen sie auf Kohlendioxid aus natürlichen Vorkommen in der Erdkruste zurück. Diese Quellen versiegen allerdings.

Handelsplus von 700 Milliarden Dollar

Ein neuer schwarzer Goldrausch dank CCS-Technik hätte laut ARI weitreichende ökonomische Konsequenzen: Die Abhängigkeit des Ölimport-Weltmeisters USA von ausländischen Lieferungen würde bis 2030 um etwa die Hälfte reduziert. Das Plus in der Handelsbilanz beliefe sich auf 700 Milliarden Dollar. Zehntausende Arbeitsplätze könnten entstehen. Die Staatseinnahmen stiegen um bis zu 210 Milliarden Dollar. Der globale Welthandel ändert wegen des Angebotsüberhangs auf dem US-Markt vielleicht seine Flussrichtung und Geschwindigkeit, ähnlich wie derzeit auf dem Erdgasmarkt zu beobachten. Die Voraussetzung ist jedoch, so die Unternehmensberater, dass das gesamte CO2 aus den CCS-Anlagen in Höhe von bis zu 530 Millionen Tonnen jährlich ausschließlich der Ölförderung zugute kommt.

Richtige Technik zu angemessenem Ölpreis

Bei einem Ölpreis von mindestens 70 Euro und CCS-Projektkosten von höchstens 15 Dollar je Tonne wären insgesamt sogar 4,8 Milliarden Tonnen wirtschaftlich förderbar, heißt es in der Studie. Zum Vergleich: Der Jahresverbrauch der Vereinigten Staaten belief sich 2008 auf 900 Millionen Tonnen. „Die Ölreserven der USA an Land sind etwa zur Hälfte erschöpft“, bestätigt der Geologe Brandon C. Nuttall von der University of Kentucky gegenüber energlobe.de. „Mit der richtigen Technologie und einem angemessenen Ölpreis gibt es ein großes ungenutzes Potential.„“

Rückendeckung von Ökoaktivisten

Die Abtrennung von CO2 im großindustriellen Maßstab gilt bislang als unausgereift und zu teuer. Deshalb wurden Offshore-Bohrungen in den USA lange Zeit favorisiert. Mit der Genehmigung weiterer Förderlizenzen in den Ozeanen wollte sich Obama die Zustimmung der Wirtschaftslobby für sein Klimagesetz sichern. Infolge der Ölkatastrophe rückt Enhanced Oil Recovery vielleicht stärker in den Fokus. „Möglicherweise hilft es dabei, das Klimagesetz durchzudrücken“, sagt der Autor der Studie, Michael Godec. Die Ökoaktivisten hat er auf seiner Seite. Ausgerechnet die Umweltschutzorganisation Natural Resources Defense Council (NRDC) hat die Studie von ARI in Auftrag gegeben.

Bis zu zehn CCS-Projekte geplant

Am 12. Mai dieses Jahres brachten die Demokraten John Kerry und Joseph Lieberman die bis dato letzte Version eines neuen Klimagesetzes in den Kongress ein. Vorgesehen sind demnach Subventionen für CCS-Anlagen in Höhe von zwei Milliarden Dollar pro Jahr. In den vergangenen Jahren wurden dafür bereits 2,4 Milliarden ausgegeben. Fünf bis zehn Projekte sollen bis 2016 finanziert werden. Ziel ist es, in erster Linie Kohlekraftwerke sauberer zu machen. Schließlich werden die USA noch lange Zeit auf den Rohstoff setzen müssen, der die Energieversorgung des Landes zu 48 Prozent sichert.

Kein Beitrag zur Lösung des Treibhausproblems“

Durch die EOR-Projekte verliert CCS jedoch seine wichtige Funktion bei der Entkarbonisierung der Energieversorgung. „Wegen der Verbrennung des zusätzlich geförderten Öles entstehen Emissionen, die dreimal so hoch sind wie die ursprünglich gespeicherte Menge CO2“, sagt Hans-Jochen Luhmann vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie. Das Verfahren sei deshalb kein Beitrag zur Lösung des Treibhausproblems. Die Ölexploration mit Hilfe von CO2 ist gar nicht auf die langfristige Speicherung ausgelegt. Dazu ist die Kapazität von Öllagerstätten auch einfach zu gering.

Erste Projekte werfen Gewinne ab

Enhanced Oil Recovery könne jedoch die Rentabilität von CCS und damit die Chancen einer flächendeckenden Markteinführung erhöhen, halten Experten wie Nuttall dagegen. Nach Angaben der Internationalen Energieagentur (IEA) werfen manche der weltweit über 100 CCS-Anlagen dank EOR sogar schon Gewinne von 55 Dollar je Tonnne CO2 ab. Ihre Zahl dürfte aber überschaubar bleiben, solange es keinen zusätzlichen Anreiz zur Reduktion von Kohlendioxid gibt, räumt Godec ein. Dieser sollte von der Politik geschaffen werden. Entweder durch die Deckelung der Gesamtemissionen und einen funktionierenden Emissionshandel, in dem sich ein Preis für den Treibhausgasausstoß bildet, oder durch eine Steuer.

Brücke in eine Zukunft ohne Öl

Bei einem entsprechend hohen Preis je Tonne Kohlendioxid würden sich CCS auch ohne EOR lohnen. Er müsste höher sein als die Kosten, die derzeit je nach Anlage zwischen 60 und 90 Dollar betragen., langfristig aber auf 30 Dollar sinken sollen. In dem Fall könnte der Klimakiller auch in Salinen Aquiferen gespeichert werden, wo er keinerlei wirtschaftlichen Mehrwert stiftet. Dabei handelt es sich um salzwasserführende Gesteinsschichten. Ob sie genügend Volumen als Endlager aller industriellen Emissionen bieten, wird ebenfalls kontrovers diskutiert.

Weitere Informationen:
Die vollständige Untersuchung "U.S. OIL PRODUCTION POTENTIAL FROM ACCELERATED DEPLOYMENT OF CARBON CAPTURE AND STORAGE"

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014