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Bohrrisiken

Die Eisbombe

Vor der Explosion der Ölplattform Deepwater Horizon stieß der Bohrer auf gefrorenes Methan - den Auslöser der Katastrophe?

Die Eisbombe Die Eisbombe
ENERGLOBE.DE, Denny Rosenthal

Die Explosion der Ölplattform Deepwater Horizon im Golf von Mexiko erscheint in einem ganz neuen Licht: Bei der Bohrung stieß BP auf gefrorenes Gas – einen möglichen Auslöser der Katastrophe. Details erläutert Professor Robert Bea von der Universität Berkeley gegenüber ENERGLOBE.DE. 

Sie sind eines der größten Sicherheitsrisiken bei der Öl- und Gasförderung und Versicherungsgrund Nummer eins: Gashydrate, in Eis eingeschlossenes, gefrorenes Methan. Womöglich waren sie auch der Auslöser der größten Ölkatastrophe aller Zeiten: die Explosion der Plattform Deepwater Horizon im Golf von Mexiko am 20. April 2010. „Sie könnten eine Rolle gespielt haben“, behauptet der Energiespezialist Peter Folger vom Wissenschaftlichen Dienst des US-Kongresses in einem Untersuchungsbericht vom Mai vergangenen Jahres.

„Das Bohren und Maßnahmen zur Befestigung des Bohrlochs haben die Hydrat-führenden Schichten vielleicht zerstört“, erklärt er weiter. Durch die Hitze und den Druckabfall seien die Eisklumpen aufgelöst worden. Sollte das Gas durch Fehler in der Außenhülle in das Bohrloch gelangt sein, könnte es einen Beitrag geleistet haben zu dem plötzlichen, unkontrollierbaren Gasaustritt, der zu der Explosion geführt hat. Fragen von Journalisten dazu darf Folger nicht beantworten, hat die Kongressverwaltung festgelegt. 

Macondo-Bohrung stieß auf Gashydrate“

Die Gerüchte werden geschürt durch Aussagen von Professor Robert Bea von der Universität Berkeley. Als erster spricht er über die Existenz von Gashydraten über dem Macondo-Ölfeld im Mississippi-Canyon, Block 252, Golf von Mexiko: „BP stieß bei der Macondo-Bohrung auf Gashydrate in Tiefen von weniger als 10.000 Feet (3.048 Meter, Anm. der Red.) unterhalb des Meeresbodens“, sagt Bea gegenüber ENERGLOBE.DE und beruft sich auf interne BP-Dokumente. Das Gas könne den Zement beschädigt haben, der das Bohrloch abdichten sollte, und den Blowout so ermöglicht haben. Bea weiß wovon er spricht, war er doch jahrelang für Shell tätig.

Bereits vor der Explosion habe es nach Angaben Beas ähnliche Probleme gegeben: „Basierend auf Aussagen des Bohrpersonals gehen wir davon aus, dass Gashydrate eine Rolle gespielt haben bei einem plötzlichen Gasaustritt am 8. März“, sagt er auf Nachfrage. Wurden also Warnsignale übersehen? Fest steht, dass Gashydrate die Rettungsversuche von BP stoppten, das ausgetretene Öl mittels einer Glocke aufzufangen. Das Gerät wurde durch die Eisklumpen verstopft, zur großen Verwunderung der BP-Ingenieure. „Die Hydrate bildeten sich viel schneller als wir das erwartet hatten“, erklärten sie hinterher.

Ein altbekanntes Sicherheitsproblem

Unfälle mit Gashydraten sind ein altbekanntes Problem in der Branche. Sie befinden sich näher an der Oberfläche als herkömmliche Lagerstätten und müssen beim Bohren nach den tieferliegenden Ressourcen durchstoßen werden. Durch die Hitze des Bohrers und einen Druckabfall lösen sich die Hydrate auf, entweichen in das Bohrloch und es kommt zum Ausbruch. Experten sprechen von „Kicks“ oder „Blowouts“. Bei der Ausdehnung werden gewaltige Energien frei: Ein Kubikmeter der frostigen Blöcke enthält 164 Kubikmeter Methan. Um so etwas zu verhindern, dichten die Unternehmen das Bohrloch mit Zement ab. Die Firma Halliburton, die den Zement für die BP-Bohrung herstellte, beschäftigt sich intensiv mit Schäden am Zement durch Gashydrate.   

Der US-Amerikaner Timothy Collett, einer der weltweit führenden Experten, hat bereits im Jahr 2000 die Fälle in einer Studie dokumentiert. Sie ereigneten sich unter anderem in dem Feld „Bovenenkovskoe“ auf der russischen Halbinsel Jamal, das die derzeit im Bau befindliche Gaspipeline North Stream nach Deutschland speisen soll. Auch den Sicherheitsbehörden ist das Problem seit langer Zeit bekannt: „Die Erfahrung zeigt, dass Gashydrate zu katastrophalen Öl- und Gasaustritten führen können“, heißt es in einem Bericht der US-Regulierungsbehörde MMS aus dem Jahr 2000 zu Tiefwasserbohrungen.

BP dementiert: „Risiko unter Kontrolle“

Was exakt zur Katastrophe geführt hat, wissen wir nicht“, sagt Deutschlands einziger Erdölgeologe Wolfgang Blendinger. „Die ganze Wahrheit können wir vielleicht in einigen Jahrzehten in den Archiven recherchieren.“ Klar ist nur, dass ein ungewöhnlich heftiger Gasstoß, der sich an einem Funken entzündete, zu der Explosion geführt hat. „Ich habe noch nie an einer Bohrung gearbeitet, bei der so viel Gas aus dem Schlamm kam“, wird der Mechaniker Douglas Brown, einer der Überlebenden, später zu Protokoll geben. Das Sicherheitsventil, Blowout-Preventer genannt, hielt dem Druck nicht stand.

BP-Sprecher Robert Wine sagte auf Anfrage von ENERGLOBE.DE, viele Dinge hätten zu dem Unglück geführt, aber nicht Gashydrate. Die Gefahr, die von ihnen ausgeht, habe die Industrie unter Kontrolle – jeden Tag, rund um den Globus. In den offiziellen Untersuchungsberichten von BP zu dem Unglück tauchen sie nicht auf. Wissenschaftler schenken ihnen mehr Aufmerksamkeit. Die Aussagen von Peter Folger seien „im Wesentlichen richtig“, sagt Gashydrat-Experte Klaus Wallmann vom Institut für Meereswissenschaften an der Uni Kiel. Genaue Kenntnisse über die Vorgänge im Golf hat – wenn überhaupt – aber nur BP.

Konzern ist Pionier bei der Gashydratförderung

Besonders brisant sind die Spekulationen, weil die kommerzielle Förderung des gefrorenen Gases, „Öl der Zukunft“ genannt, bald beginnen soll. Ausgerechnet BP ist Pionier auf diesem Gebiet und hat 2007 die ersten Tests in der Prudhoe-Bucht in der kanadischen Arktis erfolgreich durchgeführt. Der Konzern Conoco-Phillips will in diesem Jahr damit beginnen. Und die Japaner planen eine erste Langzeitproduktion für 2012. Weltweit sind etwa 100 Vorkommen nachgewiesen. Attraktive Fördergebiete befinden sich nach Aussagen aller Experten vor allem dort, wo sich freies Gas oder Öl unterhalb der Hydrate befindet. Das ist in der Prudhoe-Bucht der Fall und auch im Golf von Mexiko, wo die weltweit größten Vorkommen lagern. 

Lagerstätten dieses Typs könnten voraussichtlich mit bereits bekannter Technik aus der konventionellen Erdgasgewinnung produziert werden“, behaupten die Experten von der deutschen Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe. „Die notwendige Drucksenkung würde dabei durch die Produktion des freien Erdgases relativ leicht erreicht werden.“ Die Schwierigkeiten beginnen danach.

 

Weitere Informationen:

Peter Folger, „Gas Hydrates and the Deepwater Horizon Oil Spill in the Gulf of Mexiko“: www.fas.org

Timothee Collett: „Detailed Analysis of Gas Hydrate Induced Drilling and Production Hazards“, Proceedings of the Fourth International Conference on Gas Hydrates, Yokohama, 2002

NETL, „Joint Industry Project Leg II Discovers Rich Gas Hydrate Accumulations in Sand Reservoirs in the Gulf of Mexico“: www.netl.doe.gov

NETL, „Evaluation Of Geohazards of in Situ Gas Hydrates related to Oil and Gas Operations“: www.netl.doe.gov

Halliburton, „Deepwater Cementing Consideration to Prevent Hydrates Destabilization“: www.aade.org

Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe, „Energierohstoffe 2009“: www.bgr.bund.de

Guardian, 20. Mai 2010, „Did deepwater Methan Hydrates cause the BP gulf explosion?“: www.guardian.com

Los Angeles Times, 12. Mai 2010: „Oil rig blast caused by gas hydrates, Berkeley professor believes“: www.latimes.com

 


»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014