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Interview

„Die Öl-Lager sind voll“

Carsten Fritsch beobachtet für die Commerzbank den Ölhandel. Im Interview nennt er Gründe für den Preisanstieg.

„Die Öl-Lager sind voll“ „Die Öl-Lager sind voll“
ENERGLOBE.DE, Denny Rosenthal

Die Autofahrer werden sich in den nächsten Wochen auf hohe Preise an den Tankstellen einrichten müssen. Auch beim Heizöl ist vorerst nicht mit einer Entspannung zu rechnen. Aber schlimmer wird es nicht. Der Ölpreis wird sich noch eine Weile über der Marke von 100 US-Dollar je Barrel halten und dann wieder fallen, so die Einschätzung von Rohstoffexperte Carsten Fritsch von der Commerzbank in Frankfurt. Im Interview mit ENERGLOBE.DE spricht er über die Gründe für den Preisanstieg und die Aussichten für 2011.

Herr Fritsch, der Ölpreis durchbrach vor wenigen Tagen die 100-US-Dollar-Marke. Höher war er nur im Sommer 2008 vor dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise. Ist die deutsche Konjunktur bedroht?

Carsten FritschCarsten Fritsch: Nein, um die deutsche Konjunktur müssen wir uns vorerst keine Sorgen machen. Die Unternehmen können ein Preisniveau von 100 US-Dollar pro Barrel durchaus verkraften. Ein Grund für den Aufwärtstrend der vergangenen Wochen ist vielmehr auch ein zunehmender Konjunkturoptimismus. Die Anleger agieren risikofreudiger und setzen auf eine Erholung der Konjunktur sowie auf eine stärkere Ölnachfrage – deshalb stieg der Preis.

Gibt es noch andere Ursachen?

Fritsch: Natürlich spielen auch die Unruhen in Nordafrika eine Rolle. Seitdem es in Tunesien und Ägypten Massendemonstrationen und Straßenschlachten gab, ist in den Ölpreis quasi eine Risikoprämie eingebunden. Das erklärt die letzten fünf bis sieben US-Dollar, die der Preis seit Ende Januar nach oben geklettert ist. Bis jetzt sieht die OPEC noch keinen Grund, ihre Förderquoten zu erhöhen. Auch diese starre Haltung hat den Preisanstieg begünstigt.

Aus Ägypten stammt ein Prozent der Welt-Ölförderung. Erwarten Sie Lieferengpässe durch die Unruhen?

Fritsch: Von Knappheit können wir eigentlich nicht reden. Bis jetzt gab es noch keine Angebotsausfälle – die eingepreiste Risikoprämie bildet nur die Angst vor Lieferengpässen ab. Die Nachfrage nach Öl hat zwar in den vergangenen Monaten etwas angezogen, nicht nur in China, sondern auch in den Industriestaaten. Gleichzeitig ist aber auch das Angebot gestiegen, sodass die weltweiten Lagerbestände bislang kaum zurückgegangen sind.

Wenn sich allerdings die Unruhen in Ägypten auf andere Länder ausweiten und es in der Folge zu Lieferausfällen kommt, wird die OPEC reagieren und die Produktion erhöhen. Sie ist an einem nachhaltig hohen Ölpreis interessiert und will starke Schwankungen vermeiden. Ihr nutzt kein Ölpreis, der in die Höhe schießt und dann stark nach unten weg bricht.

Welche Entwicklung des Ölpreises erwarten Sie für 2011?

Fritsch: Das Problem ist, dass wir im Moment zwei Ölpreise haben. Der Preis für das nach der Förderregion in der Nordsee benannte Brent-Öl liegt zur Zeit bei 100 US-Dollar pro Barrel. Für das in den USA geförderte WTI-Öl müssen Käufer derzeit weniger als 90 US-Dollar pro Barrel zahlen. Diese Preisspanne ist außergewöhnlich, daher muss man darauf achten, von welchem Ölpreis man wirklich spricht. Auch weil wir davon ausgehen, dass sich diese massive Differenz in Kürze nicht aufheben wird, obwohl sie mit Hinblick auf die Ölqualität nicht gerechtfertig ist.

Wodurch kommt diese Spanne zustande?

Fritsch: Der WTI-Preis ist im Moment nach unten verzerrt, weil die Lager in den USA voll sind. Im Hauptlagerort Cushing in Oklahoma im Mittleren Westen befinden sich die Ölvorräte auf einem Rekordniveau, was den Preis nach unten drückt. Anfang des Jahres haben daher viele Anleger stärker auf den Brent-Preis gesetzt anstatt auf WTI, wodurch sich der höhere Brent-Preis zusätzlich erklären lässt.

Welche Konsequenzen hat das?

Fritsch: Der WTI-Preis war bisher die weltweit führende Benchmark für den Ölhandel. Die meisten abgeschlossenen Verträge bezogen sich auf ihn. Die momentane Situation zeigt allerdings, dass der Brent-Preis die internationale Marktentwicklung besser abbildet. Brent wird international vermarktet und ist abhängig von der Ölnachfrage der ganzen Welt und nicht nur von der US-amerikanischen. Daher steht der Status von WTI als führende Bezugsgröße immer mehr in Frage. Es ist ein Trend weg von WTI hin zu Brent erkennbar, wenn es um die Preissetzung in den Lieferverträgen geht.

Wie entwickelt sich dann also der Brent-Preis 2011?

Fritsch: Ich gehe davon aus, dass der Preisanstieg nahezu ausgereizt ist. Der Markt hat die Krise in Ägypten hinreichend im momentanen Ölpreis berücksichtigt. Möglich sind höchstens noch kurzzeitig Spitzen von 110 oder 115 US-Dollar pro Fass. Aber so lange sich die Krise in Nordafrika nicht ausweitet und wichtige Ölproduzenten wie Algerien oder Libyen erreicht, ist davon nicht auszugehen. Die OPEC hat auch signalisiert, dass sie im Fall der Fälle den Ölhahn weiter aufdrehen würde.

Mittelfristig wird der Preis wieder sinken, sobald sich die Lage in Nordafrika zu normalisieren beginnt. Dann verringert sich die Risikoprämie, die jetzt den Preis erhöht, und er wird angesichts des reichlichen Angebots deutlich unter die 100-US-Dollar-Marke fallen. In der zweiten Jahreshälfte sind Preise unterhalb von 90 US-Dollar pro Barrel zu erwarten.

Weitere Informationen:

Die aktuellen Rohölpreise: www.finanzen.net

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014