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Welthandel

Die Ohnmacht des Kartells

Die Bildung einer Gas-Opec verzögert sich. Schuld daran ist die Erschließung vieler neuer Quellen.

Die Ohnmacht des Kartells Die Ohnmacht des Kartells
energlobe.de, Denny Rosenthal

Die derzeitige Gasschwemme auf dem Weltmarkt verzögert die Entstehung eines Kartells nach dem Vorbild der wichtigsten Ölförderländer (Opec). „Der Boom von Schiefergas könnte die Gas-Opec zumindest bremsen“, vermutet Herbert Reul, Vorsitzender des Ausschusses für Industrie, Forschung und Energie des Europaparlamentes, im Gespräch mit energlobe.de.

In einem Kartell sprechen die Anbieter untereinander ab, ihre Mengen zu reduzieren, um die Preise in die Höhe zu treiben und so ihren gemeinsamen Gewinn zu maximieren. Das ist aber nur möglich, wenn diese Gruppe das Angebot kontrolliert. Momentan kann davon keine Rede sein. „Dank der neuen Überschussmengen aus unkonventionellen Quellen in den USA kann das Gaskartell derzeit keine Macht entfalten“, bestätigt Josef Auer von Deutsche Bank Research.

Die Zeit der Gas-Opec wird kommen“

Europa sei jedoch gut beraten, so Auer, „nicht auf die dauerhafte Ohnmacht des Kartells zu vertrauen“. In ein bis zwei Dekaden steige der Marktanteil der größten Gasexporteure wegen des Versiegens alternativer Quellen und des steigenden Verbrauchs wieder. Und damit auch die Wahrscheinlichkeit, dass ein funktionierendes Bündnis tatsächlich ins Leben gerufen wird. Auer: „Die Zeit der Gas-Opec wird kommen.“ Sollte es Russland & Co. gelingen, bald noch weitere Länder für das Kartell zu gewinnen, dann „würde für Europa die geopolitische Dimension noch früher relevant“.

Ewald Woste, der neue Präsident des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft, sagte dazu im Interview mit energlobe.de: „Ich befürchte, dass sich die Produzenten den Preisverfall nicht mehr lange mit anschauen und in den nächsten zwei Jahren eine Drosselung der weltweiten Gasförderung verabreden.“ Wichtigste Mitglieder dürften seiner Meinung nach wohl Russland, Norwegen, Algerien und Katar sein.

Preis könnte um die Hälfte steigen

Die Konsequenzen wären drastisch. Eine Gas-Opec würde den durchschnittlichen Preis auf dem Weltmarkt deutlich erhöhen. Das hat eine Studie von internationalen Wissenschaftlern um den deutschen Ökonomen Christian von Hirschhausen aus dem Jahr 2008 gezeigt. Bis zum Jahr 2030 würde Gas um bis zu 44 Prozent teurer als im Wettbewerbsszenario - je nachdem, wie wirkungsvoll das Kartell agiert. Besonders betroffen davon seien Europa und Nordamerika, weil sie stärker von den wichtigsten Erzeugerländern abhängen. 

Eine lose Zusammenarbeit der Gasexporteure gibt es schon. Im Dezember 2008 wurde in Moskau das Forum Gas exportierender Länder (GECF) gegründet. Damit reagierten die Produzenten auf Pläne der EU, in die Preisgestaltung einzugreifen und die langfristigen Gaslieferverträge zu unterbinden. Einmal jährlich treffen sich seitdem die jeweiligen Minister zu Beratungen. Rund um das Macht-Dreieck Russland, Iran und Katar versammelten sich weitere Mitglieder: Ägypten, Algerien, Äquatorialguinea, Bolivien, Brunei, Indonesien, Libyen, Malaysia, Nigeria, Trinidad und Tobago, Venezuela sowie die Vereinigten Arabischen Emirate. Kasachstan, Niederlande und Norwegen fungieren als Beobachter. Die Organisation kontrolliert rund 70 Prozent der Gasreserven, 40 Prozent des Pipelinehandels und 85 Prozent des Flüssiggasmarktes. „Das GECF wird teilweise als erster Schritt zu einer Gas-Opec gedeutet“, so EU-Politiker Reul.

Algeriens Energieminister für Förderquote

Wie schwierig die Verhandlungen jedoch sind, zeigte das letzte Treffen der GECF am 19. April im algerischen Oran. In einer einstimmig verabschiedeten Absichtserklärung hieß es noch, dass die Gaspreise in Zukunft gestützt und ihre Parität mit den niedrigeren, kurzfristigen Börsenpreisen hergestellt werden soll. In Letzteren kommt der aktuelle Angebotsüberschuss zum Ausdruck. Wie man dieses Ziel erreichen will, wurde jedoch offen gelassen. Algeriens Energieminister Chakib Khelil plädierte erneut für die Einführung von Förderquoten. Allerdings waren Russland und Katar dagegen.

Die institutionelle Schwäche des Forums erklärt sich dadurch, dass wichtige Förderländer wie Kanada oder Australien nicht darin involviert sind. „Alle wichtigen Gasexporteure müssten mitmachen. Deshalb kommt ein Kartell nicht zustande“, glaubt der Gas-Experte Jonathan Stern von der Oxford-Universität. Außerdem wissen alle GECF-Teilnehmer, dass bei einem künstlich in die Höhe getriebenen Gaspreis der jeweils andere einen starken Anreiz hat, mehr Gas zu fördern als vereinbart. Das kann kaum überprüft werden. Deshalb wird sich womöglich niemand an die Abmachung halten. Obwohl sie davon profitieren würden. „Das GECF müsste besser organisiert sein, damit ein Kartell funktioniert“, sagt der Wirtschaftswissenschaftler Steven Gabriel von der US-Universität Maryland.

Europäisches Käuferkartell als Gegenpol

Ein koordiniertes Handeln scheiterte bisher auch daran, dass es keinen globalen Gashandel ähnlich wie beim Öl gibt. Der Boom des Flüssiggastransporte mit sogenannten LNG-Tankern schafft dafür erst die Voraussetzungen. Darüber hinaus entscheiden letztlich nicht die Konzerne über den Gaspreis, sondern die Politik. Denn die meisten großen Gasförderer stehen unter staatlicher Kontrolle. „Die Schaffung eines solchen Kartells ist eine eminent politische Entscheidung“, sagt Herbert Reul.

Vieles wird auch davon abhängen, wie sich die Gasnachfrage entwickelt. Laut Auer von Deutsche Bank Research dürfte der Angebotsüberschuss ab etwa 2015 wegen des asiatischen Energiehungers verschwinden. "Die Verkäufer hätten dann wieder das Sagen", prognostiziert er. Die europäischen Staaten sollten nach Ansicht von Herbert Reul darauf reagieren, indem sie geschlossen nach außen auftreten. Derzeit wird der Vorschlag einer EU-Käufergemeinschaft diskutiert. Die Europäer würden der Gas-Opec also de facto ein Käuferkartell entgegenstellen.

Weitere Informationen:

Welchen Einfluss eine funktionierende Gas-Opec auf die Produktion, den Handel und die Preise auf dem Gasmarkt hätte, haben Wissenschaftler im Jahr 2008 erstmals untersucht in der Studie „Representing Gaspec with the World Gas Model".

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014