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Gastbeitrag

Ende der Beziehung

Die Ölpreisbindung ist historisch überholt. Das schreibt Josef Auer, Energieexperte in der Researchabteilung der Deutschen Bank.

Ende der Beziehung Ende der Beziehung
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Bis vor wenigen Jahren gab es einen steten Gleichklang zwischen den Öl- und Gaspreisen. Der Grund war die oft zitierte Ölpreiskoppelung. Sie sorgte dafür, dass in Zeiten steigender Ölpreise auch die Gaspreise anzogen, in Zeiten reichlicher Ölversorgung aber nicht nur die Öl-, sondern auch die Gaspreise nachgaben.

In den letzten Monaten hat sich viel geändert. Dies belegt schon ein kurzer Blick auf die Preise. Geradezu mustergültig haben die meisten Rohstoffpreise früh und stark die letzte Weltrezession gespiegelt. So kam es zu einer scharfen Korrektur nicht nur der Industriemetalle, sondern auch des mengenmäßig wichtigsten Energieträgers, des Erdöls. Dessen Preis sackte von nahe 150 US-Dollar pro Barrel auf zeitweise unter 50 Dollar. Auch die Gaspreise brachen ein, nicht zuletzt auch aufgrund der Ölpreisbindung.

Sonderentwicklung auf den Weltrohstoffmärkten

Im derzeitigen Aufschwung der Weltwirtschaft gibt es nun aber überraschende Sonderentwicklungen auf den Weltrohstoffmärkten. So preisten die Industriemetalle Kupfer, Blei, Zinn und Nickel sehr früh den Beginn des neuen Zyklus ein und liegen mittlerweile spürbar über dem Schnitt der letzten fünf Jahre. Selbst das mengenmäßig wichtige Aluminium übertrifft aktuell den 5-Jahresschnitt. Bei den Agrarrohstoffen kamen zu den konjunkturellen Impulsen auch Ernteausfälle dazu; letztlich rangieren aber auch sie über langjährigen Durchschnitten. Das gilt erst recht für Edelmetalle, allen voran Gold, aber auch Silber, Platin oder Palladium. Sie profitieren allesamt von der Sorge um die Geldwertstabilität.

Im Vergleich dazu verhalten sich die Energierohstoffe auffällig unterschiedlich. Das Erdöl nahm bereits in der ersten Februarwoche 2011 zwar bereits wieder die 100-Dollar-Grenze. Aber keineswegs alle fossilen Energien folgten dem alten Muster. Steinkohle notiert zwar – wie Öl – ebenfalls über dem Fünfjahresschnitt. Aber das Erdgas folgt nicht mehr dem althergebrachten Muster. So liegt vor allem der freie US-Erdgaspreis noch weit unter dem Mehrjahresdurchschnitt. Der Grund für die Sonderentwicklung ist die neue Gasschwemme in den USA infolge neuer Technologien. Insbesondere das Horizonthalbohren in Kombination mit innovativen Gewinnungsverfahren machen die Förderung bei heutigen Energiepreisen lukrativ.

Der neue Gasreichtum in den USA – und seine Folgen

Die neuen kommerziellen Gasquellen in den USA stellen faktisch fast alle Mittel- und Langfristszenarien in Frage, die noch vor wenigen Jahren durchaus plausibel erschienen. Dank des neuen Gasreichtums fallen die USA nämlich als künftiger Absatzmarkt für verflüssigtes Erdgas (LNG) aus Drittländern wie Katar künftig aus. Mittlerweile erreicht der Anteil der unkonventionellen Gasmengen an der US-amerikanischen Gasproduktion schon 50 Prozent. Zum Vergleich: Vor zehn Jahren waren es erst nach 30 Prozent.

In den letzten Wochen und Monaten werden in Nordamerika, aber auch in anderen Regionen der Welt, immer wieder neue interessante Funde von unkonventionellem Vorkommen gemeldet. Dies sorgt jetzt dafür, dass über neue Absatzkanäle nachgedacht wird. Bisher wird das Schiefergas aus den USA nur zu Hause in Nordamerika genutzt. Doch neuerdings werden neue Geschäftsmodelle entwickelt. Im Zentrum dieser Modelle steht die Überlegung, dass die USA über derart reichliche Vorkommen verfügen, dass sie davon künftig stärker profitieren könnten. Dazu müsste das Gas dort hin transportiert werden, wo sich perspektivisch ungesättigter Bedarf abzeichnet. Umso lukrativer wäre diese Strategie, wenn auch die Preise höher lägen als dies künftig in den USA der Fall sein dürfte. Derzeit wird nämlich für die USA infolge der Gasschwemme mit einer eher flachen Preisentwicklung gerechnet.

USA müssen Infrastruktur erst noch errichten

Wie kann eine solche Strategie umgesetzt werden? An der US-Küste müsste die Infrastruktur für den Gasexport erst gebaut werden. Es gibt nämlich bisher noch keine Verflüssigungs- und Verladestationen. Auch die politisch-rechtlichen Voraussetzungen fehlen noch. Dem Vernehmen nach werden derzeit auf Ebene von US-Regierung und Unternehmen solche Modelle und Strategien diskutiert, beziehungsweise bereits evaluiert. Würde der Export ermöglicht, dann wäre dies eine weitere große Herausforderung für alle in Europa noch de facto praktizierten Ölpreisbindungen. Möglicherweise entpuppt sich der Gasexport der USA dann sogar als der finale Sargnagel für die Ölpreisbindung.

Die Ölpreisbindung war in der Retrospektive sicherlich ein zweckmäßiges Instrument, um dem Erdgas den Weg in den Massenmarkt zu bahnen. Die Verknüpfung von Öl- und Gaspreisen machte Sinn: Erdöl war (und ist) der global wichtigste Energieträger; der Ölpreis strahlt(e) stets auf die anderen Energiepreise aus. Weil Öl im Wärmemarkt am Anfang der Hauptkonkurrent von Erdgas war, verbesserte die Verdrahtung die Planbarkeit. Sie gab den Marktteilnehmern mehr Sicherheit, indem es Risiken reduzierte.

Preisbindung beim Heizen und der Mobilität hat ausgedient

In der modernen Welt der Null-Energie-Häuser bzw. Netto-Energie-Export-Häuser bringt die Preisbindung keinen Mehrwert mehr. Tatsächlich sind moderne Gebäude heute gut isoliert und benötigen kaum noch externe Energie, vor allem immer weniger Energie fürs Heizen. Auch im Wettbewerbsfeld der Mobilität, wo bisher Benzin und Diesel dominieren, machen Preisbindungen keinen Sinn mehr.

In den kommenden Jahren kann gasbefeuerte Mobilität in Mitteleuropa wohl kaum die frei werdenden Mengen aus dem Wärmemarkt auffangen. Überdies wächst neue Konkurrenz seitens der Elektrofahrzeuge. Zukunftsträchtiger erscheint – auf den ersten Blick – dagegen die stärkere Nutzung des Erdgases für die Elektrizitätserzeugung. Würden in Zukunft alle fossilen Stromproduktionsvarianten noch stärker als bisher nach ihren tatsächlichen Emissionen belastet werden, gäbe dies dem Erdgas zusätzliche Impulse. In der Stromerzeugung konkurriert Erdgas nämlich national und international insbesondere mit der Kohle. Da dies aber so ist, liegt eher eine Verknüpfung mit den internationalen Steinkohlenpreisen nahe. In der Praxis sind solche Anbindungen längst üblich.

Das Energiekonzept der Bundesregierung misst dem Erdgas – zumindest verbal – keine besondere Bedeutung zu. Nicht nur im Wärmemarkt, sondern auch in der Verstromung dürfte der Gasanteil künftig sinken. Der subventionierte Boom der Erneuerbaren Energien sorgt dafür, dass Strom an manch windigem Sommertag um die Mittagszeit keinen positiven Preis mehr erzielt. Dies reduziert die Nutzungszeiten der Gaskraftwerke und deren Rentabilität; die Kosten des EU-Emissionshandels belasten zusätzlich. Da hilft also auch keine Kohlepreisbindung.

Vorsicht vor teuren Fehlentscheidungen

Fazit: Die Ölpreisbindung macht künftig keinen ökonomischen Sinn mehr. Auch für Erdgas ist eine Marktpreisbildung nach Angebot und Nachfrage möglich. Diese preist die aktuellen und künftigen Knappheiten rund ums Erdgas adäquat ein. Die Illusion vom Fortbestand der Ölpreisbindung kann zu teuren Fehlentscheidungen führen, in Form der für die Gaswirtschaft typischen Großinvestitionen wie dem Erschließen neuer Fördergebiete oder dem Bau tausende Kilometer langer Pipelines.

Öl wird in den kommenden Dekaden wesentlich teurer. Im Falle des Erdgases sprechen aktuelle Gasschwemme und reichliche Vorkommen gegen eine ähnliche Dynamik. Deshalb ist es durchaus möglich, dass sich heutige Pipelineprojekte wie Nabucco oder South Stream in Zukunft als weniger dringlich erweisen und damit vom Markt entwertet werden.

Zur Person:

Dr. Josef Auer beschäftigte sich bereits im Studium der Volkswirtschaftslehre an der Universität Frankfurt/Main und während seiner Tätigkeit bei der Metallgesellschaft AG mit Fragen des Maschinenbaus und der Energiewirtschaft. Heute ist er Senior Economist und Energieexperte bei DB Research, der Forschungsabteilung der Deutschen Bank.

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014