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Exklusiv

EU plant Ölboom mit Klimakiller

Die EU will Kohlendioxid aus Kraftwerken unter der Nordsee lagern. Das Gas könnte vor allem bei der Ölförderung helfen, was für das Klima schlecht ist.

EU plant Ölboom mit Klimakiller EU plant Ölboom mit Klimakiller
energlobe.de, Denny Rosenthal

Die EU-Kommission wird Anfang November ihre Pläne für ein CO2-Pipelinenetz in die Nordsee präsentieren. Damit könnte der Klimakiller Kohlendioxid zum Exportschlager werden: Weil die Ölindustrie in der Nordsee händeringend CO2 für die Ölförderung benötigt, könnten die Emissionen aus Europas Kraftwerken dort gewinnbringend eingesetzt werden. In Kombination mit der Ölförderung verliert die große Ökohoffnung CCS, die Technik zur Abscheidung und unterirdischen Speicherung von CO2, aber ihren Klimanutzen.

Die geplante Metallröhre auf dem Grund der Nordsee ist 750 Kilometer lang. Sie verläuft zwischen Holland und Norwegen, eine zweite verbindet das deutsche Festland mit Großbritannien. Von dem Kreuz gehen viele kleinere Leitungen in alle Richtungen ab. Die Pipelines sollen eines der drängendsten Probleme der europäischen Umweltpolitik lösen: Wohin mit all dem Kohlendioxid, das in wenigen Jahren aus den Kraftwerken und Industrieanlagen gefiltert werden soll? Die Europäische Kommission verfolgt jetzt im Zusammmenspiel mit Energiewirtschaft und Wissenschaft einen verwegenen Plan: Angesichts unsicherer Speichermöglichkeiten an Land und starker Proteste der Bevölkerung könnte das gefährliche Treibhausgas in Lagerstätten unterhalb der Nordsee „entsorgt“ werden.

EU könnte sich an Finanzierung beteiligen

Im November wird die Kommission ihre Pläne zum Bau eines Pipelinenetzes präsentieren. Das bestätigte die Sprecherin von Energiekommissar Günther Oettinger gegenüber energlobe.de. In Oettingers Infrastrukturpaket, so die Sprecherin, „wird eine mögliche europäische CO2-Transport-Infrastruktur berücksichtigt, die aber nicht auf die Nordsee beschränkt ist“. Das ehrgeizige Projekt rangiert auf der Prioritätenliste der Kommission weit oben. Das unterstrich Fabrizio Barbaso, Vize-Generaldirektor Energie der Kommission, vergangene Woche auf dem Weltenergiegipfel im kanadischen Montreal im Gespräch mit energlobe.de: „Wir wollen mit den Mitgliedsländern diskutieren, ob es einen finanziellen Beitrag der EU zur Finanzierung dieser Pipelines geben soll“.

Kohlendioxid macht Öl flüssiger

Als Lagerstätten kommen theoretisch Öl- und Gasfelder sowie unterirdische Gesteinsschichten, sogenannte Saline Aquifere infrage. Ölfelder sind dabei nach Ansicht von Experten die wahrscheinlichste, weil finanziell lukrativste Option. Denn mit Hilfe von CO2 kann die Förderung des Rohstoffes deutlich erleichtert werden. Es verflüssigt den Rohstoff und erhöht den Druck im Reservoir. Die Ausbeute der Vorkommen in der Nordsee könnte so von derzeit im Schnitt rund 35 Prozent auf rund die Hälfte gesteigert werden – die Grenze des technisch machbaren ist dann erreicht. Der Klimakiller Kohlendioxid würde so zur wertvollen Handelsware.

Nachfrageüberschuss von 170 Millionen Tonnen CO2

In der Nordsee entsteht die bizarre Situation, dass der Bedarf der Ölindustrie nach CO2 – rund 200 Millionen Tonnen pro Jahr - noch lange Zeit weitaus größer sein wird als das Angebot. Die zwölf geplanten CCS-Testprojekte, die von der EU unterstützt werden, scheiden lediglich 30 Millionen Tonnen jährlich ab. „Es bestünde also ein zusätzlicher Bedarf von 170 Millionen Tonnen CO2 ab dem Jahr 2020, schreiben die Forscher des Wupppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie, in einer aktuellen Studie für das Bundesumweltministerium. „Hierfür wären 20 große Kraftwerke nötig, deren abgetrenntes CO2 dann allein für die Rohstoffförderung in der Nordsee benötigt würde. Weil die Pipelines ausgelastet werden müssen um sie ökonomisch zu betreiben, ist ein gesamteuropäischer Pipelineverbund besonders sinnvoll.

CCS-Projekte werfen bereits Gewinne ab

Mit jeder Tonne CO2 können bis zu sechs Barrel (insgesamt fast eine Tonne) Öl zusätzlich gefördert werden. Bei CCS-Projektkosten von 60 bis 90 Euro je Tonne CO2 und einem Ölpreis von derzeit rund 75 Dollar je Barrel ist das offenbar ein lohnendes Geschäft: Bereits im Jahr 2004 berichtete die Internationale Energieagentur davon, dass CCS-Projekte durch den Einsatz in der Ölförderung Gewinne von 55 Dollar pro Tonne CO2 abwerfen. Wenn die CO2-Speicherung dudurch wirtschaftlich würde, „wäre das natürlich in unserem Sinne“, sagte Derek Mösche, Sprecher bei RWE Dea.

Ölindustrie unter großem Zeitdruck

Die Industrie steht aber unter enormen Zeitdruck: Ökonomisch sinnvoll wäre der Start solcher Maßnahmen etwa drei Jahre bevor das Förderende eines Feldes erreicht wird, schreibt das Wuppertal Institut. Für große Felder im Norden Großbritanniens müsste die Injektion deshalb schon 2011 starten, „wofür schnellstmöglich viel CO2 benötigt wird." Was in Europa allerdings sehr unwahrscheinlich erscheint, weil sich der flächendeckende Start von CCS Richtung 2030 verschiebt.

Saudis investieren Milliarden in CCS

In den USA wird die Ölförderung mit Kohlendioxid, Enhanced Oil Recovery (EOR) genannt, seit 30 Jahren an Land praktiziert. Dabei greift man auf reines Kohlendioxid aus der Erdkruste zurück. Doch diese natürlichen Vorkommen versiegen - „das ist das größte Hindernis bei der Expansion der Ölproduktion", sagt Michael Godec von der US-Consultingfirma Advanced Resources International. Mit Hilfe von CO2 aus CCS-Anlagen könnten die Vereinigten Staaten ihre Ölimporte bis zum Jahr 2030 um die Hälfte reduzieren, so Godec. Voraussetzung sei jedoch, dass das abgeschiedene Treibhausgas ausschließlich für die Ölförderung verwendet wird. Der weltgrößte Ölförderer Saudi Aramco kündigte auf dem Weltenergiegipfel an, „hunderte Millionen Dollar in ein CCS-Projekt zu investieren", um das anfallende Kohlendioxid in Ölfeldern zu nutzen. „Die stärkere Ausbeute bestehender Felder bietet die größten Möglichkeiten zur Steigerung der Ölproduktion", erklärt Bernhard Cramer von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe im Interview mit energlobe.de.

Die Ökobilanz wird vermasselt

Die Klimabilanz des Hoffnungsträgers CCS, der die Kohle grün machen soll, wird durch Enhanced Oil Recovery negativ. Schließlich wird durch die Verbrennung des zusätzlich geförderten Öles weiteres Kohlendioxid freigesetzt. Für jede injizierte Tonne CO2 werden laut Peter Viebahn vom Wuppertal Institut vier Tonnen emittiert. „Die Frage ist: In welchen der möglichen Einsatzgebiete ist CCS das, was Interessenvertreter als Anspruch erheben: ein Beitrag zur Lösung des Klimaproblems“ , sagt Hans-Jochen Luhmann vom Wuppertal Institut. „Dieses Prädikat ist der Schlüsselbegriff der Debatte – mit seiner Auslegung entscheidet sich alles.“

Preis für Emissionen zu niedrig

Mögliche Alternativen sind Gasfelder und Saline Aquifere an Land und auf See. Ihre Nutzung als CO2-Lager ist jedoch unwahrscheinlich. Zum einen werden Erdgasfelder als Speicher für den Rohstoff immer interessanter – es kommt zu einem Nutzungskonflikt. Aquifere können nach neuesten Erkenntnissen nur genutzt werden, wenn das dabei verdrängte Salzwasser aufgefangen wird. Abgesehen davon ist die CO2-Verpressung in Erdgasfelder und Aquifere noch weit von der kommerziellen Anwendung entfernt. Der Preis für CO2-Emissionen im Europäischen Emissionshandel von rund 15 Euro bietet allein zu wenig Anreiz, das Kohlendioxid einfach zu entsorgen.

Weitere Informationen:

Bloomberg, 16. Sepptember 2010: „Shell, BP May Reap Serious Profit by using CO2 in oil fields"

Die Studie des Wuppertal-Instituts im Netz: RECCS Plus. Regenerative Energien (RE) im Vergleich mit CCS. 

 

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014