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Gastbeitrag Direktor Gazprom Export

Europäische Gasmarktreformen gefährden die Versorgungssicherheit

Die Europäer sollten verstehen, welch ein einzigartiges Preissystem sie momentan haben und was passieren wird, wenn dieses zusammenbricht.

Europäische Gasmarktreformen gefährden die Versorgungssicherheit Europäische Gasmarktreformen gefährden die Versorgungssicherheit

In der aktuellen Diskussion heißt es häufig, Gazprom stehe in seinem Kampf für ölpreisgebundene Verträge auf verlorenem Posten, weil sich Europa mit großem Enthusiasmus in Richtung der Spotmärkte orientiert. Wir sehen jedoch keinen Grund dafür, weshalb ölindizierte Preise und Hubpreise nicht auch in Zukunft nebeneinander existieren können - zum beiderseitigen Vorteil. Die Europäer sollten verstehen, welch ein einzigartiges Preissystem sie momentan haben und was passieren wird, wenn dieses zusammenbricht.

Im derzeitigen "hybriden Modell" spielen die ölindizierten Preise eine dominierende und die Hubpreise eine ausgleichende und untergeordnete Rolle. In der Kombination entsteht daraus ein marktwirtschaftliches und wettbewerbsintensives System, bei dem sich der Wettbewerb auf andere Weise als im amerikanischen Modell von Angebot und Nachfrage äußert. Es wird oft gesagt, die europäischen Hubs - speziell im Nordwesten - seien ausreichend liquide und die Spotpreise bereits ausreichend integriert, um als Gradmesser für Angebot und Nachfrage in Europa zu dienen. Dies ist jedoch ein Irrtum. An den europäischen Hubs werden nur die Restmengen gehandelt, nachdem der Großteil der Nachfrage durch die ölpreisgebundenen Langfristverträge gedeckt wurde.

Viele Faktoren

Die europäischen Hubpreise bilden sich also nicht infolge von Angebot und Nachfrage, sondern resultieren aus einer Vielzahl anderer Faktoren: die Bilanzierung und Ausnutzung von Preisunterschieden auf verschiedenste Weise zwischen unterschiedlichen Vertragspreisstrukturen an sich, zwischen Vertragspreisstrukturen und Spotmarktpreisen, zwischen Hubs, schließlich zwischen Kontinentaleuropa und Großbritannien. Der europäische Markt ist daher ideal beschaffen, um Preisunterschiede auszunutzen. Ein Schritt in Richtung einer angebots- und nachfrageorientierten Preisbildung, den sich viele wünschen, kann also nicht erfolgen, da sich die Hubpreise auf dem europäischen Festland selbst nicht nach Angebot und Nachfrage richten. Ferner haben unsere Analysen gezeigt, dass sich die Preise am NBP und am TTF nicht nur auf einander angepasst sind.

Es besteht auch eine hohe positive Korrelation mit den ölindixierten Preisen von Gazprom mit Koeffizienten von 0.75 beziehungsweise 0.79. Das zeigt, dass die Gaspreise in starkem Maße von ölindizierten Vertragspreisen abhängen und sich praktisch von den Gazprom-Preisen ableiten. Zu den Abweichungen zwischen Vertrags- und Spotmarktpreisen möchte ich Folgendes anmerken. Einer der Hauptgründe für die Preisunterschiede ist die Flexibilität, die im Rahmen von Langzeitverträgen gewährt werden kann. Hubs liefern nur Standardmengen ohne jegliche Anpassungsmöglichkeit. Man muss deshalb fragen, was diese Flexibilität wert ist.

Der zweite Grund, weshalb Spotpreise für gewöhnlich niedriger sind als Vertragspreise ist ein Ungleichgewicht zugunsten der Hubs: bei kurzfristiger Unterversorgung ist es wesentlich günstiger die fehlenden Gasmengen über bestehende Langzeitverträge zu beziehen. Bei einem Überangebot ist es oft sinnvoller, überschüssiges Gas über Hubs zu verkaufen.

Der dritte Grund für den Preisunterschied ist auf die hohe Verfügbarkeit von Flüssiggas aus den USA und billigen Gasimporten aus Großbritannien zurückzuführen. Spotgas ist daher generell billiger als Vertragsgas. Der Vorschlag, Vertrags- und Spotpreise durch eine Senkung der Vertragspreise anzugleichen, kann von Erdgasproduzenten daher nicht akzeptiert werden, da Spotpreise in der Folge noch weiter sinken würden. Die gegenwärtige Marktstruktur in Kontinentaleuropa ist zumindest dahingehend zufriedenstellend, als dass sie für Käufer wie Verkäufer Win-Win-Möglichkeiten bietet.

 

Wir verstehen unsere Kunden, die sagen, dass sie sich nicht für theoretische Preismodelle interessieren, sondern Spotpreise bevorzugen, weil diese momentan billiger sind. Wenn wir ihnen jedoch vorschlagen, sich mit größeren Gasmengen an den Spotmärkten einzudecken, um den Durchschnittspreis ihres Portfolios zu senken, hören wir von ihnen, dass sie sich nicht vollständig auf die Hubs als Bezugsquelle verlassen können und lieber ihr Gas von uns beziehen würden, jedoch zu gasindizierten Preisen.

Es gibt einige Marktteilnehmer, die geringe Mengen Erdgas über Hubs beziehen. Diese Unternehmen haben keine langfristigen Importverträge für Erdgas unterzeichnet und sind auch nicht verantwortlich für die Gasinfrastruktur oder Gasspeicheranlagen. Am meisten verwundert jedoch, dass manche in Europa diese kleinen Anbieter als Preisgeber bezeichnen. Diese Akteure tragen keinerlei Verantwortung und doch werden ihnen Vorteile gewährt, wodurch ein unfairer Wettbewerb entsteht.

Wettbewerbsverzerrung

Wenn die Marktreformer nicht das implizite Ziel verfolgen, Importeure aus dem Markt zu drängen, sollten sie die Inhaber von Langzeitverträgen vor unlauterem Wettbewerb schützen. Importeure sollten genau überlegen, ob sie mit solchen Rosinenpickern konkurrieren wollen. Wenn der Inhaber eines Cafés eine Tasse Kaffee zu einem Preis verkauft, der unter dem Preis der importierten Kaffeebohnen liegt aus dem er gebrüht wurde, handelt es sich gelinde gesagt um eine äußerst unkluge Vertriebspolitik. Warum sollte es beim Gas anders sein?

Was müsste also getan werden, um das aktuelle hybride Modell aufrecht zu erhalten? Die Vergabe von Lieferaufträgen an Endverbraucher müsste sich an strikteren Voraussetzungen orientieren. Dabei könnte man sich vorstellen, dass solche Lieferanten bevorzugt werden, die sich auch im Besitz eines Importvertrages befinden. Diese Auflage würde beispielsweise auch dazu beitragen, die Versorgungssicherheit zu verbessern, da einige Discountgasanbieter ohne Lieferverträge bereits Pleite gegangen sind (wie zum Beispiel TelDaFax in Deutschland). Sie konnte ihr Versprechen, billiges Gas zu liefern, nicht halten, weil die Hubpreise sich den Vertragspreisen annäherten. Die Forderung von Gasimporteuren, dass die Produzenten die Preisrisiken in Langzeitverträgen alleine übernehmen sollen, würde letztere unverhältnismäßig benachteiligen.

Büchse der Pandora

Sollte sich diese Forderung durchsetzen, wäre dies das Ende der Langzeitverträge. Denn wenn die Märkte liquide genug sind, so wie es die Importeure, die sich für hubindexierte Preise stark machen, annehmen, sind Langzeitlieferverträge überflüssig.

Ein Modell ähnlich dem auf dem amerikanischen Markt, der auf hubindexierten Preisen ohne langfristige Vertragsbindungen und dem Direktverkauf durch Erdgasproduzenten basiert, ist für Europa nicht geeignet, da der Kontinent zunehmend von Importen abhängig ist und oligopolistische Strukturen die Käufer- wie die Verkäuferseite dominieren. Ein neues Preismodell würde die Büchse der Pandora öffnen und zu endlosen Konflikten führen.

Die bestehende Ölpreisindexierung schützt Endverbraucher in Europa vor Preismanipulation durch die großen Anbieter, da keiner von ihnen in der Lage ist, den Ölpreis zu beeinflussen. Es ist also nicht Gazprom, die auf verlorenem Posten kämpft. Vielmehr sind es jene europäischen Firmen, die ein Hub-Modell nach amerikanischem Muster durchsetzen wollen und damit die Versorgungssicherheit gefährden.

Sergei Komlev ist Direktor für Vertragsgestaltung und Preissetzung bei Gazprom Export und fasst in seinem Gastbeitrag für ENERGLOBE.DE einen von ihm auf der diesjährigen Flame Konferenz gehalten Vortrag zusammen.

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014