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Exploration

Gas am Stiel

Eine neue Eiszeit: Rund um den Globus bohren Staaten nach gefrorenem Methan. Japan erhofft sich einen Gasboom wie in den USA.

Gas am Stiel Gas am Stiel
ENERGLOBE.DE, Denny Rosenthal

Weltweit investieren Staaten Milliarden in die Erschließung der größten Energieressource des Planeten: Gashydrate, in Eis gebundenes Methan. Japan hofft, so vom Weltmarkt unabhängig zu werden, wie das den USA mit Schiefergas gelungen ist. Deutsche Wissenschaftler mischen bei den Tests kräftig mit.

Es geschah im „Messoyakha“-Gasfeld im Norden Sibirens, irgendwann in den 1970er Jahren: Die Bohrmannschaft traute ihren Augen kaum, als in einer Ruhepause plötzlich wieder Gas aus dem Loch emporstieg. Der Druck nahm rapide zu. Wie sich erst Jahre später herausstellte, hatten die Russen unbewusst die größte Energieressource der Erde angezapft: Gashydrat. So nennen Forscher in Eis eingeschlossenes Methan. Die physikalische Verbindung entsteht bei extremer Kälte und sehr hohem Druck in den Permafrostböden der arktischen Gebiete sowie unterhalb der Ozeane – und zwar über den herkömmlichen Gas- und Ölvorkommen. Durch den Druckabfall bei der Bohrung in Messoyakha löste sich das darüber liegende Eis am Stiel auf und füllte die leere Blase erneut.

Neue Ressource mit herkömmlichen Methoden

Messoyakha ist zum Vorbild avanciert. In Zeiten knapper Ressourcen lohnt es sich, diese unkonventionelle Ressource gezielt zu untersuchen. Sie befindet sich an den Kontinentalrändern rund um den Globus, etwa in der Arktis, dem Pazifik, im Golf von Mexiko, aber auch in der Nordsee und dem Mittelmeer. In Alaska, Asien und im Schwarzen Meer laufen Forschungstests. Attraktiv sind insbesondere die Gebiete mit frei verfügbarem Gas oder Öl unterhalb der Hydrate wie in Messoyakha. „Druckabfall ist die wirtschaftlichste Methode der Gashydratförderung“, sagt Timothy Collett, der führende Experte auf diesem Gebiet in den USA.

Japan hofft auf Gasboom wie in den USA

Eines der attraktiven Fördergebiete liegt an der Prudhoe-Bucht im Norden Alaskas. Der britische Ölmulti BP und das US-Energieministerium haben dort 2007 eine Erkundungsbohrung erfolgreich abgeteuft. Bereits 2002 förderte ein internationales Konsortium unter Beteiligung des Geoforschungszentrums Potsdam Hydrate zu Testzwecken im kanadischen Mackenzie Delta. Vor allem aber investieren derzeit Japan, Taiwan, Südkorea, Neuseeland und Indien Milliardenbeträge in die Gashydrat-Forschung. Allein der Etat von Japan beträgt eine Milliarde Euro über einen Zeitraum von fünf Jahren. Die Japaner erhoffen sich, was den Amerikanern in den vergangenen beiden Jahren durch die Erschließung großer Schiefergasfunde gelang: die Unabhängigkeit vom Weltmarkt. Japan könnte seinen Gasbedarf durch Hydrate für etwa hundert Jahre decken und setzt dabei voll auf die Druckmethode. 2012 soll ein kommerzieller Produktionstest beginnen.

Deutsches Know-How für das Schwarze Meer

Auch in Europa ist ein interessantes Projekt auf dem Weg. Der rumänische Milliardär Dinu Patriciu hat die Lizenz für einen Gashydratblock im Schwarzen Meer von Georgien gekauft. Weil seine Firma Marexin über wenig Expertise verfügt, wird der deutsche Professor Gerhard Bohrmann von der Universität Bremen die Lagerstätte in den kommenden fünf Wochen per Schiff erkunden, wie er das auch schon in China, der Ukraine, dem Golf von Mexiko oder im Kongo gemacht hat, und seine Ergebnisse Patriciu zur Verfügung stellen. Die weitaus größten europäischen Vorkommen lagern jedoch in Norwegen und Russland, vor allem auf der Halbinsel Jamal und im Kaspischen Meer. Russland besitzt zwar sehr große konventionelle Gasvorkommen, dennoch existieren nach Angaben der deutschen Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe auch hier Überlegungen, das gewaltige Potenzial der Gashydrate zu erschließen. So könnten die existierenden Bohrtürme und Pipelines deutlich länger genutzt werden.

RWE: „Interessante Option für die Zukunft“

Deutsche Energiekonzerne sind in Lauerstellung: „Gashydrate sind aufgrund der großen Ressourcen eine sehr interessante Option für die Zukunft“, sagt Derek Mösche, Sprecher von RWE Dea, der Öl- und Gastochter des Essener Stromriesen. „Sollte die Gashydrat-Förderung wirtschaftlich interessant werden, könnten wir im größeren Maßstab aktiv werden.“ Für RWE wären vor allem Vorkommen an den europäischen Kontinentalschelfen interessant, weil diese relativ dicht an den europäischen Verbrauchszentren liegen. Es käme also in erster Linie die Norwegische See in Frage. Die Förderung freien Gases unterhalb der gebundenen Hydrate würde die Wirtschaftlichkeit erhöhen, so Mösche. Auch Wintershall vermutet im Nordmeer „sehr große Gashydratvorkommen“, wie Foppe Visser, Chef der Forschungsabteilung des Konzerns, auf Anfrage sagte. Allerdings gebe es noch keinen Businessplan. Bei Eon Ruhrgas hieß es: „Gashydrate sind nicht Bestandteil der aktuellen Strategie.“

Bohranlagen vom Meer verschluckt

Ob sich Gashydrate wirtschaftlich fördern lassen ist noch nicht klar. Ein großes Hindernis: Bei ihrer Zersetzung muss auch jede Menge Wasser entsorgt werden. Abgesehen davon gibt es Sicherheitsbedenken, die eine Genehmigung von Bohrungen verhindern könnten. Der Kölner Schriftsteller Frank Schätzing hat die Gefahren durch die Gashydratförderung 2004 in seinem Erfolgsroman „Der Schwarm“, der in Fachkreisen hochgeschätzt wird, anschaulich beschrieben. Durch die Destabilisierung des Untergrundes drohen Erdrutsche bis hin zu Flutwellen. „Tsunamis müssen wir nach heutigen Erkennntnissen zwar nicht befürchten“, sagt Klaus Wallmann vom Institut für Meereswissenschaften der Uni Kiel, bei dem Schätzing seinerzeit recherchiert hatte. Doch „im schlimmsten Fall könnten Bohranlagen im Meeresboden versinken“, sagt der Forscher. Im Gegensatz zu den Permafrostböden an Land sei das Risiko, dass es zu Erdrutschen kommt, auf See größer. Schließlich befindet sich zwischen Hydraten und Meerwasser meist nur loser Sand, aber keine steinige Deckschicht. Im Zuge der Rutschungen könnten große Mengen Methan in die Atmosphäre gelangen.

Hydratförderung mit Kohlendioxid startet

Deshalb wird an einer Alternative zur reinen Druckmethode gearbeitet. Die Injektion von flüssigem, warmen Kohlendioxid (CO2). Es soll das Methan durch chemische Prozesse im Eisblock ersetzen, ohne dass dieser schmilzt. Diese revolutionäre Idee ist der Kern des Sugar-Projektes, das Wallmann leitet, und an dem unter anderem RWE Dea, Eon Ruhrgas, BASF, Wintershall und Linde beteiligt sind. Erwünschter Nebeneffekt: Das Treibhausgas würde nicht in die Atmosphäre gelangen. Der US-Konzern Conoco-Phillips startet laut Wallmann in diesem Jahr in Zusammenarbeit mit dem US-Energieministerium einen ersten Versuch zur CO2-Verpressung in Gashydrate in der Prudhoe-Bucht. Russland und die EU arbeiten in einem gemeinsamen Forschungsprojekt ebenfalls daran. Ob und wie diese Technik funktioniert, steht aber auf einem anderen Blatt.

Weitere Informationen:

Timothy Collett, „Gashydrates as a future energy resource“: www.agiweb.org

Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe, „Energierohstoffe 2009“: www.bgr.bund.de

Das Sugar-Projekt: www.ifm-geomar.de

Projekt von EU und Russland: „Assessment of the feasibility of CO2-storage in the russian permafrost“: www.ibes.be/permafrost

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014