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Energieträger

Im Geschäft mit Schwarzem Gold

Der Energiehunger der Schwellenländer wie China und Indien lässt das Geschäft mit der Steinkohle brummen.

Im Geschäft mit Schwarzem Gold Im Geschäft mit Schwarzem Gold
energlobe.de, Denny Rosenthal

Der Blick aus den weiten Glasfenstern auf die Spree ist idyllisch. Den Eingangsbereich prägt das große Gemälde eines regionalen Künstlers über die Französische Revolution. Große Umwälzungen dominieren an manchen Tagen auch den Büroraum. Sie erscheinen auf einem großen Bildschirm an der Wand, in Form flimmernder Zahlen. Es sind die ständig aktualisierten Kurse der weltweiten Online-Börse Globalcoal mit Sitz in London.

Kohlestaub oder Bergleute mit Helm und verschmierten Visagen sucht man hier vergeblich. Nichts erinnert in diesem modernen und schlichten Büro im Berliner Stadtteil Köpenick an Steinkohle, das „Schwarze Gold“ mit langer Tradition, das im Ruhrgebiet bereits seit dem 14. Jahrhundert abgebaut wird. Auch Lars Schernikau entspricht in seinem dunkelblauen Anzug nicht gerade dem Klischee eines Kohlehändlers, sondern eher dem eines Unternehmensberaters. Tatsächlich war er bis 2003 Projektmanager der Boston Consulting Group.

Quer durch die Welt

Die Handelsfirma „HMS Bergbau“ seines Vaters wollte der 38-Jährige früher auf keinen Fall übernehmen, die erschien ihm viel zu altbacken. Heute erzielt er mit HMS einen Jahresumsatz von knapp 160 Millionen Euro und beteuert: „Ich bin Kohletrader aus Leidenschaft“. Schernikau reist quer durch die Welt, um seine Außenstellen in Südafrika, Indien, Indonesien, Polen und Kolumbien zu besuchen. Der Handel ist international, seine 30 Mitarbeiter sprechen sechs verschiedene Muttersprachen.

Pro Jahr werden rund 930 Millionen Tonnen Steinkohle auf dem Weltmarkt gehandelt, und zwar ausschließlich per Schiff. Der Seehandel hat sich in den vergangenen 20 Jahren versechsfacht. Riesige Capesize-Schiffe befördern jeweils bis zu 150.000 Tonnen Kohle; damit werden in einem durchschnittlichen Kraftwerk 380 Megawattstunden Strom erzeugt – genug, um 110.000 Haushalte ein Jahr lang zu versorgen. Die Bezeichnung „Capesize“ beschreibt, dass die Frachter zwischen den Ozeanen das Kap Horn oder das Kap der guten Hoffnung umfahren müssen; für den Panama- oder Suezkanal sind sie zu breit.

Beladen werden die Capesize-Schiffe von den fünf großen Kohleproduzenten BHP-Billton, Rio Tinto, Anglo, Xstrata/Glencore, oder Drummond, die den Markt mit einem Anteil von bis zu 80 Prozent dominieren. Kleinere Firmen müssen sich zusammenschließen, da sie allein weder das nötige Kapital noch die Sicherheiten besitzen. Alternativ chartern sie zuweilen kleinere Schiffe.

Spekulation mit der Steinkohle

Das gilt auch für Händler Schernikau. Der sucht zwar privat extreme Herausforderungen, wenn er sich mit seinem Gleitschirm von den Schweizer Alpen in die Lüfte schwingt. Beruflich ist er deutlich vorsichtiger: „In der Regel führen wir konkrete Bestellungen von Kunden aus“, erzählt er. „Eine Spekulation mit Steinkohle ist für uns zu riskant.“

Wie auf anderen Rohstoffmärkten auch wird im Kohlehandel viel spekuliert. Zwar wechselt nicht bei jeder Überfahrt der Besitzer eines Schiffes, allerdings kann er sich auf dem Papier durchaus mehr als zehn Mal ändern. Das Volumen des Wertpapierhandels ist deshalb bis zu zehn Mal höher als beim physischen Handel. Bei der Ölspekulation ist dieser Wert zwar fast 30 Mal höher, allerdings stieg auch der Kohlepreis in den letzten Jahren stark an. „Liquidität ist gewissermaßen der Motor des Handelsgeschäfts“, erläutert Michael Rosen von RWE Trading in Essen.

Preistreiber des Kohlehandels

Wie hängen Kohle und Öl zusammen? Das ist in der Branche umstritten. Für RWE-Experte Rosen steht fest: „Mit der Einführung des Emissionshandels ist die Beziehung zwischen Öl-und Kohlepreis enger geworden.“ Doch Franziska Holz vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin widerspricht: „Empirisch konnten wir keinen Zusammenhang zwischen Öl- und Kohlepreis feststellen.“ Zumindest die Transportkosten für die Kohle sind vom Ölpreis abhängig. „Hier könnte der eigentliche Zusammenhang bestehen“, vermutet Händler Schernikau. Nachdem der Preis für Kesselkohle jahrzehntelang bei 40 Euro pro Tonne lag, erreichte er 2008 – zur Zeit des hohen Ölpreises – einen durchschnittlichen Jahreswert von 112 Euro. Im letzten Jahr lag er wieder knapp unter 80 Euro pro Tonne.

Der Haupttreiber für den hohen Kohlepreis ist der immense Energiehunger von China und Indien. Und der wird in Zukunft noch weiter zunehmen. China und Indien produzieren rund 80 Prozent ihres Stroms aus Steinkohle. Zum Vergleich: Deutschland gewinnt 20 Prozent seines Stroms aus Steinkohle; weitere 23 Prozent stammen aus Braunkohle, die im internationalen Handel jedoch keine Rolle spielt, weil ein Transport über weite Strecken aufgrund des hohen Wassergehalts nicht wirtschaftlich ist. „Kohle wird das Rückgrat des Stromsektors bleiben“, urteilt die Internationale Energieagentur und prognostiziert: „Ihr Anteil am weltweiten Energiemix für Stromerzeugung wird sich bis 2030 um weitere drei Prozent auf 44 Prozent erhöhen.“

Der Markt ist sehr dynamisch

Der Grund dafür liegt auf der Hand: Als Energieträger ist Kohle nur halb so teuer wie Gas und drei Mal billiger als Erdöl. Sie ist nach Öl der zweitwichtigste Primärenergieträger der Welt und rund um den Globus verteilt. Die größten Vorkommen liegen bei den Hauptkonsumenten in Nordamerika, China und Russland. Allein China verbraucht knapp die Hälfte der weltweiten Kraftwerks- und Kokskohle.

Die wichtigsten Exporteure sind dagegen andere: Indonesien, Südafrika, Kolumbien und allen voran Australien, das 30 Prozent des gesamten Exportbedarfs deckt. Deutschland gehört zu den Importeuren und sichert zwei Drittel seines Bedarfs mit ausländischer Kohle. „Der Markt ist momentan sehr dynamisch, gerade in der pazifischen Gegend, und die Nachfrage ist auch während der Wirtschaftskrise weiter gewachsen“, analysiert Wolfgang Ritschel, seit fast vier Jahrzehnten in der Branche und seit 2001 Geschäftsführer des Verbands der Kohlenimporteure.

Hoffnungsträger CCS

Heikel ist diese Entwicklung allerdings unter Klimaaspekten. Der EU-weite Emissionshandel taxiert die CO2-Belastung durch die Kohleverstromung und wird den Kohlepreis künftig verteuern. Für Kohletrader Schernikau ist das derzeit allerdings kontraproduktiv: „Der Emissionshandel ist nur sinnvoll, wenn er global umgesetzt wird, und dies ist nach dem gescheiterten Klimagipfel von Kopenhagen vorläufig nicht realistisch.“ Wenn die Kohlenachfrage aufgrund eines hohen CO2-Preises innerhalb der EU sinkt, würde sich Kohle für Großverbraucher außerhalb der EU verbilligen. Ineffiziente Kraftwerke in China würden dann noch mehr von dem schmutzigen Energieträger verheizen.

Als Hoffnungsträger bleibt das CCS-Verfahren, also die Abspaltung und unterirdische Speicherung von Kohlendioxid. Doch diese Technik soll frühestens in zehn Jahren marktreif sein und findet bis dato wenig Akzeptanz bei den EU-Bürgern. Trotz allem wird die weltweite Nachfrage nach Steinkohle laut Internationaler Energieagentur weiter steigen. Lars Schernikau hat diese Entwicklung in seiner jüngst abgeschlossenen Dissertation, die beim Springer Verlag im Sommer erscheint, bereits im Titel aufgegriffen: „Die Renaissance der Kraftwerkskohle“.

Weitere Informationen:

Studie zum Weltmarkt für Steinkohle von Schiffer/Ritschel

Das Buch: Economics of the International Coal Trade, springer.com

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014