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Sicherheit

Inspektion auf hoher See

Die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko führte zu einem Paradigmenwechsel in der Branche, so Experten der Deutschen Rohstoffagentur.

Inspektion auf hoher See Inspektion auf hoher See
ENERGLOBE.DE, Denny Rosenthal

Eine Branche ist alarmiert: Wegen der hohen Kosten von Offshore-Ölkatastrophen überprüfen alle Konzerne die Sicherheit ihrer Plattformen. Sie wollen Zuständigkeiten an sich reißen und Partnerfirmen entmachten. 

Als die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko nach nur fünf Monaten aus den Schlagzeilen der Weltpresse verschwand, war das für Ölexperte Dieter Franke ziemlich überraschend. Mit den klebrigen Rückständen an den Küsten des sonnigen Bundesstaates Louisiana verschwand offenbar auch das öffentliche Interesse. Dabei ist seither vieles in Bewegung gekommen, weiß der Fachmann von der Deutschen Rohstoffagentur (DERA) zu berichten. „Die Explosion der Ölplattform „Deepwater Horizon hat zu einem Paradigmenwechsel in der Erdölindustrie geführt“, sagt Franke.

Auch angesichts der extrem hohen Kosten, die dieser Unfall am 20. April 2010 verursachte, und des Imageschadens, würden weltweit die Sicherheitsrichtlinien der Anlagen auf hoher See überarbeitet. Die Unternehmen hätten neue Methoden mit klaren Verantwortlichkeiten zur Kontrolle der Umweltrisiken eingeführt. „Alle Ölfirmen haben auf das Unglück reagiert“, so Franke. Sie seien „durchaus erschrocken“ gewesen über die Ausmaße des Desasters. 

Unter anderem haben sich inzwischen zehn Unternehmen wie BP, ExxonMobil, Shell, Chevron und ConocoPhillips zur Marine Well Containment Company (MWCC) zusammengeschlossen. Ziel der Initiative ist es, ein technisches System zu entwickeln, um in Zukunft austretendes Öl auffangen zu können. Die beteiligten Unternehmen kontrollieren rund 70 Prozent der Tiefseebohrungen im Golf von Mexiko. Sie investieren in die Entwicklung eine Milliarde US-Dollar. ExxonMobil leitet das Projekt.

Ölkonzerne übernehmen die Regie

Außerdem haben die großen Ölfirmen als Reaktion auf die Katastrophe die Zuständigkeit für die Sicherheit auf den Anlagen an sich gerissen, erklärt DERA-Experte Franke. Sie haben „komplett die Regie übernommen.“ Bislang war es üblich, bestimmte Aufgaben bei der Öl- und Gasförderung an Unterfirmen, die Subkontraktoren, zu vergeben – und ihnen somit auch die Hohheit über die Technik zu übertragen. Den Partnern oblag es bis dato beispielsweise, wie viele und welche Sicherheitsventile eingesetzt wurden, oder wie der Zement zum Abdichten des Bohrlochs beschaffen sein muss.

Der BP-Konzern, der die Explorationsrechte an dem Macondo-Ölfeld im Golf von Mexiko besitzt, gibt den beteiligten Firmen eine Mitschuld an dem Desaster. Der Firma Halliburton wird beispielsweise vorgeworfen, einen Zement zum Abdichten des Bohrloches geliefert zu haben, der instabil war. Auch die Schweizer Firma Transocean wurde verklagt, bei der BP die Plattform gemietet hatte. „Jedes einzelne Sicherheitssystem hat versagt“, argumentiert BP. Das Sicherheitsventil der Firma Cameron „entspricht nicht den Standards“, heißt es in der Klageschrift. Die Beschuldigten haben bereits mit einer Gegenklage reagiert. Nach Einschätzung Frankes werden sie sich aber nicht ganz reinwaschen können. „Ich gehe davon aus, dass sich die Beteiligten auf einen außergerichtlichen Vergleich einigen werden.“

RWE Dea: „Anpassungen nicht notwendig“

„Die Standards sind branchenweit auf den Prüfstand gestellt worden“, bestätigte Sprecher Derek Mösche von RWE Dea. Auch bei der Öl- und Gastochter des Essener Energieversorgers habe der Vorfall im Golf von Mexiko in Einzelfällen zur Überprüfung von Einrichtungen und Prozessen geführt, wobei keine Mängel festgestellt wurden. Von einem Paradigmenwechsel könne deshalb keine Rede sein, so Mösche: „Aus unserer Sicht besteht keine Notwendigkeit, die bewährten Zuständigkeiten anzupassen.“ Bei allen Aktivitäten des Unternehmens würden höchste Sicherheitsansprüche eingehalten, sowohl bei eigenen Mitarbeitern als auch bei Kontraktor-Firmen. Ähnliche äußerte sich ein Sprecher von Shell Deutschland.

Im Januar 2011 wurde der „US National Commission Report“ veröffentlicht, eine Untersuchung des Unglücks im Golf von Mexiko. „Wir untersuchen den Bericht derzeit auf mögliche Relevanz für unsere Bohraktivitäten, um diese weiter zu verbessern“, sagte ein Sprecher von Wintershall, dem größten deutschen Öl- und Gasförderer. Der Konzern operiere jedoch in deutlich geringeren Wassertiefen von maximal 400 Metern, deshalb seien die Risiken besser zu beherschen. BP bohrte in 1.500 Metern Tiefe. „Wir gehen davon aus, dass sich ein Unglück mit derartigen Ausmaßen auf unseren Plattformen nicht ereignen kann“, so der Wintershall-Sprecher. BP und Exxon äußerten sich zu diesen Fragen nicht.

Die ganze Wahrheit in Jahrzehnten“

Dass die Firmen von nun an alles besser kontrollieren wollen, bezeichnet Deutschlands einziger Erdölgeologe Wolfgang Blendinger von der TU Claustahl als „die üblichen vollmundigen Ankündigungen“. Das bedeute wohl, dass sie es vorher schlecht im Griff hatten. „Was exakt zur Katastrophe geführt hat, wissen wir nicht“, sagt Blendinger. Es gebe einige technisch fundierte Analysen zu den Ursachen. „Die ganze Wahrheit können wir vielleicht in einigen Jahrzehnten in den Archiven recherchieren.“ Verantwortlich „sind wir eigentlich alle, denn das Öl ist vermeintlich unser Lebenselixier“, meint der Professor. Und weil das einfach zu fördernde knapp wird, müssten immer risikoreichere Methoden angewandt werden.

„Keine Frage: Tiefseebohrungen sind riskant“, schrieb die Professorin Claudia Kemfert 2010 in einem vielbeachteten Gastbeitrag für ENERGLOBE.DE. Insbesondere wenn es in Meerestiefen von über 1.500 Meter geht wie bei der Ölkatastrophe im Golf. Allerdings sei die Technik beherrschbar, „und wir haben leider auch keine andere Wahl“, so das Fazit der Ökonomin. „Insbesondere die westliche Welt braucht dieses Tiefsee-Öl.“ Die Deutsche Rohstoffagentur prognostiziert, dass sich der Anteil des Tiefwasser-Erdöls an der gesamten Fördermenge in den nächsten fünf Jahren von sieben auf 15 Prozent mehr als verdoppeln wird - trotz hoher Auflagen und steigender Kosten.

Unangekündigte Kontrollen der US-Behörden

Der politische Druck auf die Konzerne steigt, die Risiken zu minimieren. Seit dem vergangenen Jahr müssen die Ingenieure und Arbeiter auf den Plattformen im Golf von Mexiko mit unangekündigten Besuchen der US-amerikanischen Aufsichtsbehörden rechnen. Die Kommission der Europäischen Union will die Mitgliedsstaaten dazu verpflichten, schärfere Auflagen in ihren Hoheitsgewässern gesetzlich zu verankern. Ob die Kommission dies durchsetzen wird, ist aber völlig offen.

Weitere Informationen:

Die Deutsche Rohstoffagentur zur künftigen Bedeutung von Tiefseebohrungen: www.bgr.bund.de

Mehr Infos zur Marine Well Containment Company: www.marinewellcontainment.com

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014