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Laufzeiten

Kohle gegen Kernkraft

In der Debatte um längere Atomlaufzeiten rückt Klimaschutz in den Fokus. Das setzt Kohlekraftwerke unter Druck.

Kohle gegen Kernkraft Kohle gegen Kernkraft
energlobe.de, Denny Rosenthal

Die Protestnote folgte postwendend. Kaum hatte Bundesumweltminister Norbert Röttgen im Februar angekündigt, er wolle Kernkraftwerke ab 2030 komplett durch Erneuerbare Energien ersetzen, kritisierte ihn Wulf Bernotat dafür öffentlich. Der Chef des größten deutschen Energie-unternehmens Eon monierte: „Wir würden eine CO2-freie Technik durch eine andere ersetzen – und dabei nichts für den Klimaschutz gewinnen.”

DIW-Expertin Kemfert für Kohlereduktion

Unterstützt wird Bernotat in dieser Ansicht ausgerechnet von Claudia Kemfert. Die Energieexpertin vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), die sich als Regierungsberaterin und engagierte Anwältin der Erneuerbaren Energien einen Namen gemacht hat, stand in der Vergangenheit selten auf Bernotats Seite.

Doch in dieser Frage sind sich beide durchaus grün. „Klimaschutz ist jetzt wichtiger als der Atomausstieg“, sagt Kemfert mit Blick auf die geplante Laufzeitenverlängerung von Kernkraftwerken, die derzeit zwischen Bundesregierung und den vier Betreibern Eon, RWE, EnBW und Vattenfall verhandelt wird.

Kohle als Verlierer der Laufzeitverlängerung?

Stattdessen ist die Berliner Energieökonomin dafür, mit Hilfe der Erneuerbaren den Anteil der emissionsreichen Kohle am Strommix zu reduzieren – aus Klimaschutzgründen. „In den nächsten zehn Jahren geht etwa die Hälfte der Kohlekraftwerke altersbedingt vom Netz“, so Kemfert: „Diese Chance sollten wir nutzen.“

Ist die Kohle am Ende der wahre Verlierer der Laufzeitenverlängerung?  Zumindest gibt es in Wissenschaft, Wirtschaft und Politik Anhänger dieser These. Auch die aktuelle Marktentwicklung deutet in diese Richtung.

Weniger geplante Kohlekraftwerke

Während 2008 noch 26 Kohlekraftwerke geplant waren, sind es derzeit nach Auskunft des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BdEW) nur noch vier. Eine Reihe von Gründen hemmt offenbar den Neubau. Dazu gehören die wachsende Zahl von Bürgerprotesten, unklare Zusatzkosten durch den EU-Emissionshandel und die Diskussion über eine Laufzeitverlängerung.

Dürfen die 17 deutschen Kernkraftwerke zum Beispiel 40 Jahre – statt der im rot-grünen Atomausstieg vereinbarten 32 Jahre – am Netz bleiben, sinkt der Bedarf an zusätzlichen Kohlekapazitäten für die kommenden Jahre entsprechend.

Atomanlagen im Tausch gegen Kohlemeiler?

Auch bestehende Kohlemeiler könnten in die Bredouille geraten. Gerade erst haben sich 150 Stadtwerke zum Aktionsbündnis „Pro Wettbewerb im Strommarkt“ zusammengeschlossen.

Sie fürchten im Falle einer Laufzeitenverlängerung um ihre eigenen Marktanteile und fordern: Eon, RWE, EnBW und Vattenfall sollen verpflichtet werden, alte Kohlekraftwerke in dem Maße stillzulegen, wie Kernenergie am Netz bleibt.

Braunkohle zentral für Stromproduktion

Noch ist die Braunkohle laut BdEW der wichtigste Energieträger bei der Stromproduktion. Mit einem Anteil von 24 Prozent liegt sie knapp vor der Kernenergie (23 Prozent). Bereits in diesem Jahr könnten sich die Erneuerbaren, derzeit bei 16 Prozent, den dritten Platz in dieser Rangliste sichern und dabei die Steinkohle (18 Prozent) verdrängen.

Wissenschaftler wie etwa Sebastian Schröer vom Hamburger Weltwirtschaftsinstitut sehen die Gesellschaft nun vor der Wahl zwischen Kernkraft und Kohle – auf dem Weg in eine Zukunft mit regenerativer Energieversorgung. „Derzeit müssen Grundlastkraftwerke, die in der Regel mit Kernenergie oder Kohle arbeiten, die Erneuerbaren Energien ergänzen“, erklärt Schröer.

HWWI: Kohle oder Atomkraft derzeit nötig

Anders gesagt: Entweder Atom- oder Kohlemeiler springen ein, wenn kein Wind weht oder die Sonne nicht scheint. Diese Ersatzleistungen sind laut Schröer noch mindestens so lange notwendig, bis es ein europaweites Netz und genügend Energiespeicher gibt, um die Schwankungen der Erneuerbaren auszugleichen.

Die von Schröer formulierte Wahl zwischen Kernkraft und Kohle erfolgt vor dem Hintergrund eines ehrgeizigen Klimaschutzziels. Die Bundesregierung hat im Koalitionsvertrag festgeschrieben, dass die deutschen Treibhausgas-Emissionen bis 2020 um 40 Prozent gegenüber 1990 sinken sollen.

CSU will erst aus Kohlemeiler abschalten

Längst stellen im Bundestag daher nicht mehr nur die Grünen die emissionsreiche Kohle in Frage. Auch der CSU-Landesgruppenchef im Bundestag, Hans-Peter Friedrich, bekennt: „Langfristig streben wir einen Ersatz der Kohle durch Erneuerbare Energien an.“

Friedrich würde wie seine Partei eher auf Kohle als auf Kernkraft verzichten, hält allerdings beide Energieträger vorerst noch für notwendig – solange die Erneuerbaren den Energiebedarf in Deutschland noch nicht zu jedem Zeitpunkt decken.

RWE verspricht weniger Kohlestrom

Solche Aussagen bleiben nicht ohne Wirkung. RWE-Chef Jürgen Großmann hat der Politik bereits ein klimafreundliches Angebot gemacht: 75 Prozent des RWE-Stroms, der derzeit mehrheitlich aus Kohlekraftwerken stammt, sollen spätestens 2025 durch regenerative Energien, Kernkraft und Gas produziert werden.

Großmann stellt hierfür allerdings zwei grundlegende Bedingungen: Die Bundesregierung müsse die Laufzeiten der Kernkraftwerke verlängern und die Europäische Union auch nach 2020 bei ihren Zielen zur Minderung der CO2-Emissionen bleiben.

Öko-Institut: längere Laufzeit spart kein CO2

Lässt sich mit einer Laufzeitverlängerung wirklich CO2 sparen? Felix Matthes vom Freiburger Öko-Institut bezweifelt das. „Die Emissionsmenge ist schließlich durch die Zahl der Zertifikate des europäischen Emissionshandels fixiert“, erklärt Matthes.

Seine Überlegung: Wenn die Energiekonzerne weniger Zertifikate brauchen, weil sie wegen der Laufzeitverlängerung emissionsreiche Kohlekraftwerke ersetzen können, kauft ihnen ein anderes Unternehmen die frei werdenden Verschmutzungsrechte ab und emittiert an ihrer Stelle das Kohlendioxid.

„Es geht allein um Gewinne der Betreiber"

„Der Preis für Zertifikate sinkt, wenn mehr davon auf dem Markt angeboten werden“, warnt Matthes. Damit würde der Ausstoß von CO2 billiger und der Anreiz für Unternehmen zur Emissionsvermeidung würde schwächer. Nach Ansicht von Matthes dreht sich der Kampf um längere Laufzeiten deshalb gar nicht um Klimaschutz: „Hier geht es allein um Zusatzgewinne der Kernkraftwerks-Betreiber, nicht um Emissionen.“

Um diesen Effekt zu vermeiden, fordert DIW-Expertin Kemfert flexible Obergrenzen für die Zertifikate. Die Brüsseler EU-Kommssion würde nach diesem Vorschlag Zertifikate vom Markt nehmen, die Energiekonzerne nicht brauchen, wenn ihre Kernkraftwerke länger am Netz bleiben. So würde die EU sicherstellen, dass das eingesparte Kohlendioxid nicht an anderer Stelle wieder emittiert wird.

CCS gegen hohe CO2-Kosten

Aktuell ist der Preis für eine Tonne CO2 als Folge der Wirtschaftskrise und des dadurch reduzierten Energieverbrauchs auf unter 20 Euro gesunken. Wie viel eine Tonne künftig kostet, wenn Konjunktur und Stromverbrauch wieder anziehen und die EU das erlaubte Emissionsvolumen weiter senkt – das ist für die Betreiber von Kohlekraftwerken von geradezu existenzieller Bedeutung.

„Ohne CCS ist der Industriestandort in Gefahr.“

Viele von ihnen forschen daher an sogenannten CCS-Techniken zur Abscheidung und Speicherung von Kohlendioxid, um sich vor der Gefahr explodierender Emissionskosten zu schützen.

Zwar will die Bundesregierung noch vor der Sommerpause das 2009 zunächst verschobene CCS-Gesetz wieder auf den Weg bringen, um Betreibern Rechtssicherheit zu geben. Doch ob sich solche CCS-Techniken jemals durchsetzen werden, ist offen. Für den Bundesverband Braunkohle steht dagegen schon heute fest: „Ohne CCS ist der gesamte Industriestandort Deutschland in Gefahr.“

Weitere Informationen:

CSU-Energiekonzept www.csu.pdf

Artikel über den Rückzug aus der Kohle: „Kraftwerke fallen wie Dominosteine“ www.handelsblatt.com

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014