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Gastbeitrag

Mehr Wettbewerb beim Gas bitte!

Ein Gastbeitrag zum Energiekonzept der Bundesregierung

Mehr Wettbewerb beim Gas bitte! Mehr Wettbewerb beim Gas bitte!
Werner Schüring

Gas wird immer bedeutsamer. Das liegt zum einen an der Malaise der anderen konventionellen Energieträger: Öl wird knapper und teurer, die Stromherstellung ohne Kohle und Atom ist für Bürger und Politiker zunehmend erstrebenswert.

Zum anderen besitzt Gas eine Reihe eigener Vorzüge: Es ist für die Stromerzeugung, insbesondere in Kombination mit Kraft-Wärme-Kopplung (KWK), die effizienteste und auch eine klimaschonende Form der Energiebereitstellung. Zudem ist Gas für die Mobilität als Alternative zum Öl interessant, da es pro gefahrenen Kilometer deutlich weniger Kosten verursacht. Erdgasfahrzeuge werden geringer besteuert, sie sind also durchaus wirtschaftlich attraktiv. Zudem ist Gas als Speicher interessant: Mittels Elektrolyse kann aus Strom Methan hergestellt werden. Somit ist Gas prinzipiell der ideale Stromspeicher für die erneuerbaren Energien; und das existierende Erdgasnetz könnte dabei genutzt werden.

Im Lichte all dieser Vorzüge drängt sich die Frage auf: Warum nutzt Deutschland eigentlich immer noch vergleichsweise wenig Gas? Im Bereich der Stromherstellung sind es nur 13 Prozent, und oftmals wird Gas dabei ohne KWK genutzt. Dabei können Gaskraftwerke flexibel eingesetzt werden und sind somit in der Verbindung mit den erneuerbaren Energien besonders wichtig. Autofahrer und Hausbesitzer könnten Geld sparen, wenn sie auf Gas umstellen. Warum tun sie es denn nicht?

Endkundenpreise deutlich höher als im EU-Durchschnitt

Eine wesentliche Antwort ist, dass Gas noch immer vergleichsweise teuer ist. Der Endkundenpreis für Privatkunden in Deutschland liegt deutlich, rund 30 Prozent, über dem Mittelwert der Europäischen Union.

Dabei ist der Gaspreis an der Börse niedrig. Anders als kürzlich noch vermutet, gibt es nämlich ein Überangebot an Gas. Das liegt insbesondere an den USA. Dort hat die unkonventionelle Gaserschließung zugenommen und die Nachfrage nach Flüssiggas (Liquified Natural Gas, LNG) ging deutlich zurück.

Eigentlich müsste somit der Gaspreis auch für die Verbraucher sinken. Leider ist jedoch in Deutschland der Gaspreis noch viel zu häufig an den Ölpreis gekoppelt, da die überregionalen Gasversorger mit den ausländischen Lieferunternehmen diese Preisbindung in die langjährigen Verträge festlegen. Es gibt nur wenige große überregionale Verteilunternehmen, und die schreiben die Preise mit den ausländischen Anbietern auf Jahrzehnte fest. Diese Energiekonzerne sind gleichzeitig die Eigentümer der Gaspipelines. Die EU-Kommission hat festgestellt, dass die beiden größten Konzerne Eon und RWE eine marktbeherrschende Stellung innehaben. Dadurch wird der Zugang neuer Anbieter erschwert oder sogar ganz verhindert. Die EU Kommission hat im Rahmen eines Wettbewerbsverfahrens daraufhin beschlossen, dass RWE sein Gasnetz verkaufen muss. Dies ist ein erster und guter Schritt für mehr Wettbewerb.

Warum der Gasmarkt so verkrustet ist

Der Gasmarkt an sich ist trotzdem noch immer sehr verkrustet. Auch eine hohe Anzahl von Regional- und Ortsunternehmen ist kein Garant für mehr Wettbewerb. Es ist zwar richtig, dass es knapp 700 Regional- und Ortsunternehmen gibt. Es existieren jedoch nur ganz wenige Ferngasunternehmen, d.h. überregionale Gasunternehmen mit direktem Gasbezug, welche wiederum die regionalen Orts-Unternehmen mit Gas beliefern. Die drei größten Gasanbieterunternehmen in Deutschland haben einen Marktanteil von bis zu 80 Prozent. Eon ist zudem nahezu das einzige Unternehmen, welches einen direkten Zugang zu Erdgasförderquellen besitzt. Nahezu 70 Prozent der regionalen und kommunalen Gasunternehmen beziehen eine bestimmte Liefermenge bei Eon Ruhrgas. Und Eon bezieht den größten Teil der Gasimporte aus Russland, in erster Linie von Gazprom. Die oft über Jahrzehnte laufenden Verträge enthalten feste Preisklauseln mit der Bestimmung, dass der Gaspreis dem Ölpreis in einem ungefähren Zeitabstand von sechs Monaten folgt. Dieser Zustand wird durch die neue Ostseepipeline zementiert.

Was die Ostseepipeline und Nabucco bringen

Zwar stärkt die Ostseepipeline grundsätzlich die Versorgungssicherheit, sie ist jedoch auch die kostenintensivste Variante des Gastransports aus Russland. Russland wird auch weiterhin der Hauptanbieter von Gas in Deutschland sein. Da norwegisches und niederländisches Gas zur Neige gehen, wird der Anteil von russischem Gas weiter steigen. Dieses Gas könnte jedoch über bestehende Pipelines transportiert werden, oder aber mittels Flüssiggas.

Der europäische Gasbezug muss diversifiziert werden, auch mittels alternativer Leitungsrouten. Die Nabucco-Pipeline, die Gas über Südeuropa liefern soll, ist ein wichtiges Projekt. Es steht immer wieder in der Kritik, wegen angeblichem Mangel an Gaslieferanten. Zwar wird Russland sicherlich versuchen, Länder wie Turkmenistan mit besonders attraktiven Angeboten an sich zu binden – um Gasmonopolist zu bleiben und mittels einer „Gas OPEC“ den Preis kontrollieren zu können. Doch auch andere Anbieter wie Katar, Länder in Afrika oder im kasachischen Raum haben ein eigenständiges Interesse, Gas zu verkaufen.

Deutschland braucht ein eigenes Terminal für Flüssiggas

Umso wichtiger ist es somit, dass der Wettbewerb insbesondere durch LNG gestärkt wird. Deutschland sollte ein Terminal für Flüssiggas bauen, um viel flexibler als bisher Gas beziehen und handeln zu können. In den Bundesministerien hat sich diese Einsicht längst durchgesetzt. Es bleibt zu hoffen, dass die Bundesregierung diesen Punkt auch in ihr Energiekonzept aufnimmt, dessen endgültige Fassung Ende September veröffentlicht werden soll.

In diesem Energiekonzept muss die Regierung Merkel Wege zu mehr Wettbewerb beim Gas zumindest skizzieren. Es gilt die Regel: Je mehr Flexibilität und Liquidität durch Diversifikation der Anbieterländer und Transportwege inklusive LNG ermöglicht wird, desto mehr Wettbewerb kann entstehen. Und um so preisgünstiger wird das Gas. Diese Entwicklung wäre hochgradig wünschenswert, aus Gründen des Klimaschutzes und der Versorgungssicherheit.

Zur Person:

Die Autorin ist Leiterin der Abteilung „Energie, Verkehr und Umwelt“ am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung und Professorin für Energieökonomie und Nachhaltigkeit an der Hertie School of Governance.

Die Homepage von Claudia Kemfert: www.claudiakemfert.de

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014