Sie benutzen einen veralteten Browser. Bitte updaten Sie Ihren Browser oder aktivieren Sie Chrome Frame um die Darstellung zu verbessern.

Um den vollen Funktionsumfang dieser Webseite zu erfahren, benötigen Sie JavaScript. Eine Anleitung wie Sie JavaScript in Ihrem Browser einschalten, befindet sich hier.

Rohstoffförderung

Mit CCS zum Gasboom

Exxon und RWE Dea pumpen Tausende Tonnen CO<sub>2</sub> tief ins deutsche Gestein. Die CCS-Technik verspricht einen Gasboom.

Mit CCS zum Gasboom Mit CCS zum Gasboom
ENERGLOBE.DE, Denny Rosenthal

Niedersachsen blockiert das CCS-Gesetz des Bundes zur unterirdischen Speicherung von CO2. Gleichzeitig dürfen Exxon und RWE Dea tausende Tonnen des Klimakillers zur Gasförderung in den norddeutschen Untergrund pressen. Die CCS-Technik verspricht den Konzernen einen Gasboom.

Die Niedersachsen haben mit Mülllieferungen deutscher Kraftwerksbetreiber leidlich Erfahrung gemacht. Jahr für Jahr rollt nuklearer Abfall in die Atomlager Asse, Schacht Konrad und Gorleben. Pläne der Bundesregierung zur Abscheidung und unterirdischen Speicherung von Kohlendioxid (CCS) aus den Emissionen der Energiekonzerne wecken neuerliche Ängste: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass es dafür eine Akzeptanz in Niedersachsen gibt“, sagt Landeswirtschaftsminister Jörg Bode. Seine Regierung blockiert ein Gesetz im Bundesrat, das diese neue CCS-Technik bundesweit erlauben soll.

Vor dem Hintergrund überrascht es völlig, dass der Klimakiller bereits seit Jahren in Niedersachsen verpresst wird – nicht etwa um ihn zu entsorgen, sondern gewinnbringend zu nutzen. Das CO2 hilft wesentlich dabei, besonders dichtes, gashaltiges Gestein in bis zu 5.000 Metern Tiefe aufzubrechen. Dieses Verfahren, hydraulic fracturing oder fraccing genannt, war in den vergangenen Wochen und Monaten in die Schlagzeilen geraten, weil es das Grundwasser gefährden soll.

Bis zu 70 Prozent flüssiges Kohlendioxid

„Beim Fraccing von dichten Lagerstätten setzt Exxon zur Verbesserung der Produktivität flüssiges CO2 ein“, erklärt Sprecher Norbert Stahlhut auf Anfrage von ENERGLOBE.DE. Bislang habe der Konzern die Methode 26 Mal angewandt, zum Beispiel in den Karbonlagerstätten im Raum Südoldenburg. Eine Anfrage von ENERGLOBE.DE beim Landesbergamt Niedersachsen, das die dafür nötigen Genehmigungen erteilt, ergab CO2-Fracs in den Gas-Bohrungen Söhlingen, Goldenstedt und Wietingsmoor in den Jahren 2007 bis 2010. Auch das Gasfeld in Cappeln soll auf diese Weise exploriert werden.

Der Anteil des CO2 an der Frac-Flüssigkeit schwankt nach Angaben Stahlhuts zwischen 30 und 70 Prozent. Bei einem Gesamtvolumen des Gemischs von etwa 400 Kubikmeter in den Karbonlagerstätten fließen also bis zu 280 Tonnen des Treibhausgases. Hochgerechnet hat Exxon demnach tausende Tonnen zur Gasförderung in Deutschland injiziert. Wieviel insgesamt, verrät der Konzern nicht. Das Kohlendioxid stammt von der Linde Gas AG, dem weltgrößten Anbieter von Industriegasen. Dort heißt es: „CO2-Fraccing ist eine der effektivsten und saubersten Methoden zur Steigerung der Gasproduktion“.

RWE Dea mischt ebenfalls mit

Unter dem Schulzentrum Nord in der Gemeinde Vechta beispielsweise lagern Milliarden Kubikmeter Gas, eingeschlossen in den millimeterdünnen Poren von Karbongestein, 4.925 Meter tief in der Erde. Um diesen Schatz zu heben, setzt Exxon auf modernste Bohrmethoden. Der Standort der Anlage befindet sich 1,5 Kilometer von der Schule entfernt. Von dort drang der Bohrmeißel seit Februar 2009 ins Erdreich vor, erst senkrecht, dann horizontal, bis er sein Ziel erreicht hatte. Anschließend wurden 440 Kubikmeter Flüssigkeit mit etwa 92 Tonnen Kohlendioxid gespritzt. Das Fluid kühlt das 150 Grad heiße Gestein ab und erzeugt im weiten Umfeld Risse. Keramikkügelchen halten die Poren offen. Nachdem die Flüssigkeit abgepumpt war, konnte das Gas herausströmen. Kostenpunkt des Erdgasbohrprojektes „Goldenstedt Z23“: rund 20 Millionen Euro.

Laut Landesbergamt wurde mit CO2 auch das Gaslager „Söhlingen Z16“ aufgebrochen, an dem RWE Dea mit knapp 21 Prozent beteiligt ist. Das Tochterunternehmen des Essener Großversorgers plant den Einsatz des Treibhausgases auch bei der Bohrung „Weißenmoor Z1“, wie Sprecher Derek Mösche auf Nachfrage von ENERGLOBE.DE sagte. „Allerdings nicht vor Mitte 2011." Das dort verwendete Gemisch sollte zu einem Viertel aus Kohlendioxid von Linde bestehen. Gaz de France/Suez und Wintershall gaben an, „weder in der Vergangenheit noch zukünftig" mit CO2 zu fraccen. Allerdings ist GdF/Suez an Forschungsarbeiten zum Thema „Kältefracs mit Flüssig-CO2“ beteiligt.

Bundesministerium hat keine Kenntnisse

Für viele Experten ist das offenbar ein neues Terrain: „Die Verbindung CO2-Fracs und Gas-Produktion in Niedersachsen ist sehr erstaunlich“, sagt Bernhard Cramer, Abteilungsleiter bei der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR). Ähnliche Stimmen kommen aus der Politik: „Nach unseren Kenntnissen wird in Deutschland kein CO2 zur Stimulierung der Öl- und Gasförderung genutzt“, erklärte eine Sprecherin des für CCS zuständigen Bundeswirtschaftsministeriums.

Rechtlich gibt es keine Einwände. Wenn CO2 zur Gas- oder Ölproduktion genutzt wird, ist es ein normales Wirtschaftsgut und kein Abfall. Die Landesbergämter genehmigen dies. Im Gegensatz dazu gibt es für die reine Speicherung keinen Rechtsrahmen. Der soll jetzt geschaffen werden. Allerdings wird er womöglich gar nicht gebraucht. Schließlich handelt es sich bei allen in Frage kommenden Speicheroptionen um Gas- und Ölvorkommen, auch bei den Salinen Aquiferen. In diesen porösen Gesteinen ist das Gas im Salzwasser gelöst.

CCS verspricht einen Schub für die Gasförderung

Im Norddeutschen Becken sind nach Angaben der BGR Erdgasvorräte von bis zu 150 Milliarden Kubikmeter Gas in dichten Gesteinen vorhanden, deren Produktion derzeit wirtschaftlich noch nicht möglich ist. Die Förderung setze voraus, dass das Reservoirgestein massiv geklüftet wird. „Die Kältefrac-Technologie mit Flüssig-CO2 ist der Schlüssel“, sagt der Geologe Frieder Häfner von der TU Bergakademie Freiberg im Gespräch mit ENERGLOBE.DE. Nach Untersuchungen der BGR könnten in den löchrigen Gesteinen zirka 20 Milliarden Tonnen Kohlendioxid gelagert werden. Die oberflächennahen Bereiche kommen dabei kaum in Frage, sie können nur 0,1 Milliarden Kubikmeter aufnehmen. Als realistisches Ziel bleibt daher nur der tiefe Untergrund. 

Allerdings stellt sich die Frage, ob CCS in diesem Fall dem Klima nützt, wie von Befürwortern der Technik propagiert. Denn das injizierte CO2 wird zum Teil wieder mitgefördert. Außerdem entstehen durch die Verbrennung des geförderten Gases zusätzliche Emissionen. Häfner verdeutlicht das Problem anhand einer Beispielrechnung: In eine 100 Meter dicke Schicht in 4.400 Metern Tiefe sollen über einen Zeitraum von zwei Jahren insgesamt 800.000 Tonnnen CO2 injiziert und danach 300 Millionen Kubikmeter Erdgas gewonnen werden, wobei 35 Prozent des CO2 rückgefördert wird. Das hieße, das letztlich deutlich mehr Kohlendioxid produziert als weggesperrt wird. Die Klimahoffung CCS verliert so ihre eigentliche Funktion.  

Weitere Informationen:

Heinrich Herm Stapelberg, Exxon, „Auf der Suche nach neuem Erdgas in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen“: www.oliver-krischer.eu

Frieder Häfner, TU Bergakademie Freiberg, „Geothermie UND CO2-Speicherung – eine synergetische Betrachtung des Problems“: www.geothermie.de

Deutsche Wissenschaftliche Gesellschaft für Erdöl, Erdgas und Kohle e.V.: Recherche zum Stand der Technologie von Kälte-Fracs

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014