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Weltklimagipfel

Müll für die Dritte Welt

Die UN wollen CO2-Speicher in Entwicklungsländern fördern. Ob diese dem Klima wirklich nützen, ist äußerst fraglich.

Müll für die Dritte Welt Müll für die Dritte Welt
ENERGLOBE.DE, Denny Rosenthal

Während in Deutschland eine Debatte um die unterirdische Lagerung von Kohlendioxid (CO2) tobt, haben die Vereinten Nationen diese sogenannte CCS-Technik als Klimaschutzoption offiziell anerkannt: Auf dem Weltklimagipfel in Cancún wurde sie in den CDM-Mechanismus aufgenommen. Das bedeutet: Unternehmen aus Industriestaaten können ihre Klimabilanz aufpolieren, indem sie sich an Projekten in Entwicklungs- und Schwellenländern beteiligen. Obwohl äußerst fraglich ist, ob diese dem Klima nutzen.

Im Wüstenreich Abu Dhabi wird so manche versiegende Ölquelle bald wieder sprudeln. Den neuen Reichtum verdanken die Ölscheichs ausgerechnet den Klimaschützern der UN.

Was ist passiert? Auf dem Weltklimagipfel im mexikanischen Cancún beschlossen die Vereinten Nationen am Sonnabend, was allen voran das Kartell erdölexportierender Länder OPEC seit fünf Jahren fordert: Die umstrittene CCS-Technik zur Abscheidung und unterirdischen Speicherung von Kohlendioxid wird im Rahmen des „Clean Development Mechanism“, kurz CDM, anerkannt. Das bedeutet, dass Unternehmen aus Industriestaaten Teile ihrer Reduktionsverpflichtungen durch entsprechende Maßnahmen in Entwicklungsländern erfüllen dürfen. Die dritte Welt wird so zum CO2-Müllplatz.

Abu Dhabi plant „Multimilliarden-Dollar-Projekt“

„Erhebliche finanzielle Unterstützung“ erhofft sich auch Keristofer Seryani. Er managed die CCS-Sparte von Masdar. Das Unternehmen verwaltet den gleichnamigen Ölfonds der Vereinigten Arabischen Emirate, den größten der Welt. Und Masdar plant ein „Multimilliarden-Dollar-CCS-Projekt“ – bestenfalls mit ausländischer Beteiligung. „CCS ist eine große Herausforderung und benötigt internationale Unterstützung“, sagt Seryani. Das wäre möglich, weil die Emirate trotz ihres Reichtums nach wie vor als Entwicklungsland gelten. 

Im Jahr 2012 will Masdar unter anderem 800.000 Tonnen Kohlendioxid aus den Emissionen eines Stahlwerks in der Stadt Musaffah abscheiden und durch eine 500 Kilometer lange Pipeline in die Ölfelder nahe der Hauptstadt Abu Dhabi pumpen. Mit Hilfe des Kohlendioxid kann die Ausbeute dieser Vorkommen laut Seryani um 15 Prozent gesteigert werden. Es macht das Rohöl im Gestein fließfähiger und erhöht zudem den Druck im Reservoir. Beides zusammen steigert die Fördermenge. Im englischen Fachjargon heißt das Enhanced Oil Recovery, kurz EOR.

Öllobby drängte seit Jahren auf CCS im CDM

Das eingepresste CO2 wird bei diesem Prozess zwar zum Teil wieder mitgefördert, aber erneut abgeschieden und im Kreislauf zurückgeführt. Netto verbleibt ein nicht unerheblicher Teil unter der Erde. Deshalb lag es für die Erdölindustrie nahe, sich dies vergüten zu lassen. Allen voran die OPEC-Staaten machen sich seit 2005 dafür stark, dass CCS als CDM-Maßnahme anerkannt wird. Der jüngste Vorstoß in Cancun ging von Saudi-Arabien aus und wurde von einem Dutzend Länder unterstützt, darunter mehrere Ölstaaten wie Kuwait, Nigeria und Norwegen. Die Interessen dieser mächtigen Öllobby setzten sich auf dem Klimagipfel letztlich durch. Die Europäische Union sprach sich ebenfalls dafür aus. Doch es gab auch kritische Stimmen. Brasilien weist seit Jahren darauf hin, dass CCS in Verbindung mit der Ölförderung nicht dem Klima nützt und somit unvereinbar ist mit dem CDM. 

Das zeigt sich beispielshaft im kanadischen Weyburn. In das dortige Ölfeld werden insgesamt 20 Millionen Tonnen Kohlendioxid aus einem US-Gaskraftwerk verpresst. So ließen sich 122 Millionen Barrel Öl zusätzlich produzieren – also mehr als sechs Barrel beziehungsweise knapp 1.000 Liter Öl pro Tonne CO2. CCS wird so zwar rentabel. Durch die Verbrennung des zusätzlich geförderten Öles entstehen allerdings Emissionen von knapp 57 Millionen Tonnen CO2. Als Faustformel gilt: Es wird das Dreifache dessen emittiert, was ursprünglich eingepresst worden war. Nach Angaben der Internationalen Energieagentur sind rund die Hälfte der CCS-Projekte weltweit mit EOR verbunden. Alternativ könnte der Klimakiller auch in Gaslagerstätten oder Salinen Aquiferen landen. Doch das ist weniger lukrativ. Außerdem hat man damit weit weniger Erfahrung.

Experte: „Technik schafft perverse Anreize“

In Cancun wurde eine Arbeitsgruppe gebildet, die bis zum nächsten Gipfel in Südafrika Ende 2011 Antworten auf ungeklärte Fragen liefern soll: Wer haftet bei einem unkontrollierten Austritt des Treibhausgases? Wieviele CO2-Gutschriften bekommen die Unternehmen? Solange die Modalitäten nicht genau definiert sind, können keine Anträge gestellt werden. Kritiker fordern, dass grundsätzlich geklärt werden müsse, ob die Pläne nachhaltig sind. Ihre Befürchtung: Durch CCS würde unter dem Deckmantel des Klimaschutzes das Zeitalter von Kohle, Öl und Gas verlängert und regenerative Energieträger wie Windkraft verdrängt. „CCS schafft perverse Anreize“, meint Energie-Experte Sven Bode vom Arrhenius Institut. Er war Begutachter des ersten CCS-Spezialreports der Internationalen Energieagentur.  

Für die europäischen Kraftwerksbetrieber sind Kohlendioxidspeicher in der dritten Welt bislang kein Thema. „Es gibt derzeit keine Planungen für CCS-CDM-Projekte“, so ein RWE-Sprecher. Wegen der geringen Preise für Luftverschmutzungsrechte im Europäischen Emissionshandel von nicht einmal 15 Euro pro Tonne sei die Wirtschaftlichkeit nicht gegeben. Vorreiter wird laut Bode die Mineralölwirtschaft sein. Diese sei mit der Technik „besser vertraut“. Schließlich muss bei der Verarbeitung von gefördertem Öl und Gas das CO2 in diesen Rohstoffen abgetrennt werden. Masdar-Manager Seryani frohlockt: CCS im CDM zu integrieren sei „ein Schritt in die richtige Richtung“.

Weitere Informationen:

Der Beschluss der UN in Cancun: http://unfcc.int

 

 

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014