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Rohstoffmanagement

Segen und Fluch

Wegen ihres Reichtums an Rohstoffen verarmen Länder. Um dem Fluch zu entkommen, investieren sie im Ausland – und entdecken Erneuerbare.

Segen und Fluch Segen und Fluch
ENERGLOBE.DE, Denny Rosenthal

Wegen ihres Rohstoffreichtums werden Länder paradoxerweise immer ärmer. Um diesem Fluch zu entkommen, investieren sie im Ausland – und entdecken dabei Erneuerbare Energien.

Pünktlich zum Weihnachtsfest sprudelt das Öl. Die Ghanaer haben kaum noch damit gerechnet. Seit hundert Jahren wird vor der Küste des westafrikanischen Landes schon nach dem kostbaren Rohstoff gebohrt – ohne nennenswerten Erfolg. Erst der hohe Ölpreis der vergangenen Jahre machte teure und riskanten Bohrungen in 4000 Metern Tiefe lukrativ und bescherte den Afrikanern den erhofften Reichtum. Seit dem 15. Dezember wird das Ölfeld „Jubilee“ im Atlantischen Ozean von einem Konsortium internationaler und einheimischer Explorationsfirmen angezapft: 120.000 Barrel, also rund 16.000 Tonnen, holen sie täglich aus dem Meeresgrund, binnen drei Jahren soll sich die Produktion verdoppeln. Das entspräche etwa einem Zehntel des deutschen Verbrauchs. 2011 beginnt der Export. Ein armes, hochverschuldete Land steigt zum Ölexporteur auf. „Das ist ein Geschenk Gottes“, jubelt Staatspräsident John Evans Atta Mills.

Armut durch Ressourcenreichtum

Doch mit dem schwarzen Gold kommen die Probleme. Die Gefahr ist groß, dass die Petrodollar in einigen wenigen, den falschen Kanälen landen. Es drohen nicht nur politische Unruhen sondern auch große wirtschaftliche Probleme. Paradoxerweise werden Staaten gerade wegen hoher Öl- und Gasfunde oft nicht reicher, sondern ärmer. Dieses Phänomen wird seit den 1950er Jahren von der Wissenschaft als „Ressourcenfluch“ beschrieben. Denn sollte die ganze Welt plötzlich Öl bei den Ghanaern kaufen, steigt der Wert ihrer Währung. Andere Güter der Volkswirtschaft werden im internationalen Handel teurer, ihre Absatzchancen sinken. Importe kosten dagegen weniger. Deshalb werden die Afrikaner tendentiell mehr einkaufen und weniger selbst produzieren. Der Öl- und Gasboom führt so aber zur Deindustrialiserung und Arbeitsplatzverlusten in den Branchen abseits der Mineralölwirtschaft. Die Abhängigkeit vom Öl wird zementiert.

Ghanas Regierung plant cleveres Ölmanagement

Die ghanaische Regierung will dem Ressourcenfluch durch gezielte Maßnahmen ein Schnippchen schlagen. Sie hat ein Gesetz zur Verwaltung der Öleinnahmen vorabschiedet, den „Ghana Petroleum Revenue Management Act". Darin werden drei Ziele formuliert: Gesamtwirtschaftliche Stabilität und Wachstum, Definition einer Finanzordnung sowie Transparenz und Rechenschaftspflicht. Um mehr als eine Willenbekundung handelt es sich allerdings nicht, denn das Gesetz lässt bislang offen, wie die Gelder verteilt werden. Konkrete Ideen zur Umsetzung der Richtlinien sind nicht veröffentlicht.

Bildung eines Staatsfonds nach Vorbild Norwegens

Ein probates Mittel wäre die Bildung eines Staatsfonds aus den Einnahmen der Exploration. Die Mittel aus diesem Topf würden, statt sie zu konsumieren, in langfristige Anlagen investiert, etwa in alternative Energien, Infrastrukturprojekte oder Bildung und Forschung - vornehmlich im Ausland. Durch den Kapitalabfluss sinkt der Wert der Währung wieder auf ein normales Maß. Die Idee dazu stammt von den Norwegern, die 1990 den ersten Rohstofffonds gründeten. Etliche Ölexportländer haben das Modell mittlerweile kopiert. Nach Angaben des „Sovereign Wealth Funds Institute“ gibt es weltweit inzwischen 44. Der größte seiner Art, der Ölfonds ADIA der Vereinigten Arabischen Emirate, verwaltet ein Vermögen von 627 Milliarden Dollar. Der jüngste soll im ersten Quartal 2011 in Peru starten. Und auch Ghanas Machthaber spielen mit dem Gedanken. Das kündigte Energieminister Joe Oteng-Adjei Anfang Mai bei einem Gespräch mit dem deutschen Entwicklungsminister Dirk Niebel in Berlin an.

Ölgeld für Erneuerbare Energien

Ein Teil soll demnach in Erneuerbare Energien und Effizienzmaßnahmen fließen. Schließlich gilt der Klimaschutz als wichtiger Zukunftsmarkt und somit sichere Anlagemöglichkeit. Der deutsche Minister wittert bereits gute Geschäfte: „Deutsche Unternehmen sind Weltspitze bei erneuerbaren Energien. Hier liegt ein großes Potenzial für die weitere Zusammenarbeit“, sagt Niebel. Wenngleich der Finanzsektor mit 56 Prozent die wichtigste Anlageklasse bleibt, fließen nach Branchenangaben 19 Prozent des Kapitals aller Fonds in den Energiebereich. So finanziert der Staatsfonds der Vereinigten Arabischen Emirate den Bau der Ökostadt Masdar City, deren Energieverbrauch sich zu 100 Prozent aus Erneuerbaren speisen soll. So sorgen die Ölscheichs für die Zeit vor, wenn das Öl zur Neige geht – und werden zum Treiber der Umweltbewegung. „Das Herrschaftssystem muss ein nachhaltiges Geschäftsmodell entwerfen“, schreibt der langjährige Wirtschaftsweise Bert Rürup in einem Gastbeitrag für das Handelsblatt.

Staatsfonds als Instrument der Klimapolitik

Die Norweger haben den Klimaschutz sogar in ihre Richtlinien für eine ethische Anlagepolitik aufgenommen. Ein Ethikrat überwacht, ob die Beteiligungen ökologisch unbedenklich sind. Im August dieses Jahres erst wurde entschieden, dass das malaysische Unternehmen Samling Global kein Geld mehr bekommt. Es steht im Verdacht, wiederholt illegal Holz in Sarawak und Guayana gefällt zu haben. Zwar kann nicht jedes einzelne Unternehmen, an dem der norwegische Staatsfonds beteiligt ist, lückenlos kontrolliert werden, doch von der Ankündigung eines möglichen Ausschlusses geht eine gewisse Drohwirkung aus: Für das Image eines Unternehmens ist es schlecht vom zweitgrößten Staatsfonds der Welt abgelehnt zu werden.

Weitere Informationen:

Das Sovereign Wealth Funds Institute im Internet: www.swfinstitute.org/

„Ölboom in Ghana - Dem Ressourcenfluch ein Schnippchen schlagen“, Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung: www.fes.de

„Staatsfonds als neues Instrument der Klimaschutzpolitik“, Studie der Wuppertal Instituts: www.wupperinst.org

„Suche nach Wohlstand abseits der Bohrtürme“, Gastbeitrag des „Wirtschaftsweisen“ Bert Rürup im Handelsblatt vom 7. Dezember 2010: www.handelsblatt.com

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014