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Urban Mining

Wertvoller Müll

Städte sind gigantische Rohstoffquellen – man muss sie nur nutzen.

Wertvoller Müll Wertvoller Müll
energlobe.de, Maud Radtke, Denny Rosenthal

Deutschland ist Recyclingland Nummer eins in Europa – und trotzdem landen auch hierzulande immer noch zu viele Wertstoffe auf dem Müll. Viele dieser Wertstoffe drohen in nächster Zeit knapp und teuer zu werden; Urban Mining, die Gewinnung von Rohstoffen aus den Städten, soll dieses Problem lösen.

Deutschlands wichtigste Ressource, so hieß es lange Zeit, befinde sich in den Köpfen der Menschen. Doch angesichts einer weltweit wachsenden Sorge um Rohstoffe hat die Republik eine weitere Ressource entdeckt: die Städte. Mittels Urban Mining, dem Abbau von Rohstoffen aus den Städten, soll Deutschland zum Rohstoffland werden.

Handys sind Gold wert

Statt Braunkohle werden dann zwischen Garzweiler und der Lausitz womöglich sogenannte seltene Erden wie Yttrium, Lanthan oder Europium „abgebaut“. Sie finden sich beispielsweise in Handys, Rasierapparaten oder Toastern – und werden bislang noch viel zu oft mit den Geräten entsorgt statt wiederverwertet. Gleiches gilt für geläufigere Metalle wie Gold, Kupfer oder Platin. In 41 Handys etwa steckt so viel Gold wie in einer Tonne Golderz. Dennoch werden die alten Mobiltelefone immer wieder achtlos weggeworfen oder in die Dritte Welt verschifft.

Abfälle = Wertstoffe am falschen Ort

„Statt diese wertvollen Rohstoffe auch noch zu exportieren, sollten wir Depots anlegen“, sagt Stefan Gäth. China tue dies bereits. Der Inhaber des Lehrstuhls für Abfall- und Ressourcenmanagement an der Uni Gießen hat ein einfaches Motto, das da lautet: „Abfälle sind Wertstoffe am falschen Ort.“ Diese Einsicht setzt sich auch in der Politik langsam durch. Mit einem neuen Abfall- und Kreislaufwirtschaftsgesetz will Umweltminister Norbert Röttgen den Recyclinggedanken stärken und eine neue Tonne einführen: In der Wertstofftonne sollen künftig neben Verpackungen beispielsweise auch alte Toaster, Töpfe oder Werkzeuge aus Metall, Schüsseln und ausgedientes Spielzeug aus Kunststoff entsorgt werden können. Eigentlich sollte das neue Gesetz zum Ende des Jahres in Kraft treten, doch der Weg zur Kreislaufwirtschaft ist länger als gedacht – unter anderem, weil sich kommunale und private Entsorger nicht über die Zuständigkeit für die Wertstoffe einigen können.

Lukratives Recycling-Geschäft

Das liegt auch daran, dass das Geschäft mit Sekundärrohstoffen – also solchen, die bereits einmal verwendet oder verbaut worden sind – als äußerst lukrativ gilt, und zwar mit steigender Tendenz. So ist nach Angaben des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln der Umsatz der Entsorgungswirtschaft in den vergangenen 15 Jahren um knapp 70 Prozent gewachsen, jener der Sekundärrohstoffbranche sogar um mehr als 500 Prozent. Und bis 2015, so IW-Chef Michael Hüther in einer Studie für den Bundesverband der Deutschen Entsorgungswirtschaft, könne sich der Umsatz der Sekundärrohstoffbranche nahezu verdoppeln. Stefan Gäth hat eine einfache Erklärung für diesen Anstieg: „Bis 2050 soll die Weltbevölkerung auf mehr als neun Milliarden Menschen anwachsen, immer mehr Menschen streben Wohlstand an, dazu gehören ein Auto, ein Handy – alles Produkte, in denen seltene Erden und Metalle verbaut werden.“ Hinzu komme, dass immer weniger geologische Vorkommen vorhanden seien. Dies führe zwangsläufig zu einem Preisanstieg.

All das macht eine Kreislaufwirtschaft zum Gebot der Stunde – und doch kritisieren Experten, dass in Deutschland immer noch zu wenig recycelt werde. Dabei ist Mülltrennung beinahe Volkssport, und mit einer Recyclingquote von 46 Prozent liegt die Bundesrepublik europaweit an der Spitze. „Aber beim Recyceln von Elektroschrott zum Beispiel werden nur maximal 20 Prozent der enthaltenen Rohstoffe wieder genutzt, der Rest wird entweder verbrannt oder minderwertig genutzt“, sagt Gäth.

Weg in die Kreislaufwirtschaft mit Hindernissen

Die Hindernisse auf dem Weg zur Kreislaufwirtschaft und zum Urban Mining sind zahlreich. Wer in der Stadt nach Rohstoffen schürft, hat das gleiche Problem wie jemand, der im Kongo Kobalt abbauen will: Woher weiß man, wo man schürfen soll? Dabei sind die geologischen Vorkommen zumeist besser erforscht als die urbanen. „Bisher gibt es keine systematischen und nachhaltigen Ansätze zur Erschließung der in den Baukörpern und Konsumprodukten vorhandenen seltenen Metalle“, kritisiert Rainer Lucas, Projektleiter der Forschungsgruppe Stoffströme und Ressourcenmanagement am renommierten Wuppertal Institut. Außerdem werden für die Zukunft zwar steigende Rohstoffpreise prognostiziert, beim derzeitigen Marktniveau aber lohnt sich die oft aufwändige Gewinnung von Sekundärrohstoffen nur in einzelnen Fällen. Das gilt auch für das urbane Rohstofflager par excellence: die Mülldeponie.

Rückbau von Deponien lohnt sich noch nicht

Auch in der Abfallwirtschaft wird das Thema Urban Mining heiß diskutiert – so hat die Berliner Stadtreinigung (BSR) die Öffnung einer ihrer Deponien zur Rohstoffgewinnung zumindest schon einmal theoretisch überprüfen lassen. „Abschätzungen dazu, welche Stoffe in der Deponie vorkommen, haben wir aus den Wiegedaten der Abfallannahme und den Abfallanalysen aus der Betriebszeit der Deponie. Bei dem Bau von Brunnen für die Gewinnung von Deponiegasen haben wir bereits einmal Erkenntnisse gewonnen, in welchem Zustand die abgelagerten Stoffe heute sind“, erklärt Tjado Auhagen, Abteilungsleiter für Deponien und Altablagerungen der BSR. Im zweiten Schritt hat die BSR errechnen lassen, welche Preise für diese Stoffe zu erlösen sind. Das Ergebnis war ernüchternd: „Selbst in der sehr guten Phase im Frühjahr 2008, als die Rohstoffpreise Rekordhöhen erklommen hatten, hat sich das nicht gelohnt“, so Auhagen.

100-prozentige Verwertung nicht möglich

Um aus dem sogenannten Landfill Mining, dem Rohstoffabbau aus Deponien, ein lohnendes Geschäft zu machen, müssten sich die Preise aus dem Frühjahr 2008 noch einmal verdoppeln. „Und die Kosten für eine erneute Oberflächenabdichtung sind hier noch nicht einmal eingerechnet“, fügt Auhagen hinzu. Denn es könnten keineswegs alle Deponieabfälle verwertet werden – weder thermisch noch stofflich. „Es bleibt immer ein Rest zurück, der wieder deponiert werden muss“, sagt der BSR-Mitarbeiter. Und dieser Rest – immerhin bis zu 70 Prozent der Abfälle – muss entsprechend abgedichtet werden.

Und es gibt weitere Schwierigkeiten bei der Nutzung der Rohstoffe in Deponien: Eine ist die hohe Volatilität der Rohstoffpreise. „Der Rückbau einer Deponie dieser Größenordnung dauert etwa zehn Jahre. Um die Wirtschaftlichkeit der Maßnahme vernünftig planen zu können, bräuchte man für diesen Zeitraum stabile Preise – eine Finanzkrise wie die letzte, und die ganze Planung rechnet sich nicht mehr“, sagt Tjado Auhagen. Außerdem treten Rohstoffe auf den Deponien nicht sortenrein auf. „Hätte man Bereiche, in denen beispielsweise nur Elektroschrott deponiert ist, würde sich die Verwertung natürlich lohnen“, erklärt Auhagen. Die Realität sieht aber anders aus: Edelmetalle sind vermischt und verklebt mit Bodenresten, Kaffeesatz oder Bauschutt. Diese verschiedenen Müllfraktionen müssen technisch getrennt werden, bevor das Metall gesäubert und verwertet werden kann, und auch das verursacht Kosten.

Deponien als Depots begreifen

„Gegenwärtig lohnt es sich nicht, Deponien zurückzubauen“, resümiert Ressourcenwissenschaftler Gäth. Dennoch sei ein Umdenken nötig – weg von einer Deponieverordnung, hin zu einer „Depotverordnung“, wie er es nennt. „Deponie und Depot sind schließlich sinnverwandte Wörter“, erklärt er. Und die Zeit, in der man auf dieses Lager angewiesen sei, werde kommen, da ist er sich sicher, auch, wenn derzeit niemand daran denke. „Alle reden von Nachhaltigkeit, aber so weit in die Zukunft blickt keiner.“

Weitere Informationen:

Stoffpotenziale in abgelagerten Abfällen. Konzepte für Deponierückbau und Ressourcengewinnung. Eine Studie von Gerhard Rettenberger, FH Trier.

Warum Urban Mining derzeit noch Zukunftsmusik ist. Eine Studie von Rainer Lucas, Ressourcenforscher am Wuppertal Institut.

Der Chemiker Michael Braungart über Kreislaufwirtschaft und das Cradle-to-Cradle-Prinzip.

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014