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Option Erdgas

Wie weiter nach Fukushima

Fukushima zwingt Japan zu völlig neuen Entscheidungen über seine Energiezukunft – eine Studie

Wie weiter nach Fukushima Wie weiter nach Fukushima
Grafik: Maud Radtke

„Fukushima“ – Dieses Wort steht heute für weit mehr als das verheerende Erdbeben, das vor einem Jahr die japanische Ostküste erschütterte. Es steht auch für mehr als die schrecklichen Bilder Zehntausender Toter, Verletzter und Vertriebener. Seit der live in alle Welt übertragenen Kernschmelze im Kraftwerk Fukushima-Daiichi steht „Fukushima“ vor allem auch für den Moment, der wie kein anderer seit dem apokalyptisch anmutenden Reaktorunglück von Tschernobyl 1986 die moralische Frage nach der Verantwortbarkeit der Atomenergie stellte. Schon heute wird von einer Ära vor und nach „Fukushima“ gesprochen. Der Tag des Unglückes wird in Anlehnung an „9/11“ bereits als „3/11“ bezeichnet.

Besonders intensiv wird die Nutzung von Kernenergie in Europa in Frage gestellt. Deutschland vollzog in einer historisch beispiellosen Schnelligkeit den „Ausstieg vom Ausstieg vom Ausstieg“, als Bundeskanzlerin Angela Merkel im Mai 2011 ankündigte, Deutschland werde bis 2022 ohne Atomkraftwerke auskommen. Deutschland wäre damit das erste wichtige Industrieland, dem der  Weg aus der Atomkraft gelingt. Aber auch andere europäische Staaten stellen den eigenen atompolitischen Status-quo in Frage. Die Schweiz plant den Ausstieg aus der Kernkraft bis 2034, Italien rückte vom Wieder-Einstieg ab, die spanische Regierung will den Ausstieg bis 2028, und selbst in Frankreich, dem europäischen Atomland schlechthin, regen sich mittlerweile mehr als nur leise Proteste.

Doch wie sieht die Diskussion im „Fukushima“-Mutterland Japan aus?

Weitgehend unbemerkt in Europa, hat sich im Land der aufgehenden Sonne eine Dynamik entwickelt, die mit Blick auf die dortige, bisher wenig ausgeprägte energiepolitische Diskussion geradezu revolutionär anmutet. Nach jahrzehntelanger Selbstgenügsamkeit und fast blindem Vertrauen in die Segnungen der Atomenergie stellt Japan seine Energiepolitik und die Rolle der Atomkraft in seinem Energiemix erstmals überhaupt ernsthaft auf den Prüfstand. Zwar ist noch unklar, wohin diese Diskussion führen wird – allein ihre Existenz deutet jedoch darauf hin, dass „Fukushima“ und „3/11“ auch für Japan mehr sein könnten, als „nur“ ein „normales“ Unglück. Dabei steht das Land  vor enormen energiepolitischen Herausforderungen. Wie, so stellt sich die Frage, sollen die ausgefallenen Atomstromkapazitäten kurzfristig ersetzt werden? Und, viel grundsätzlicher: Welchen energiepolitischen Weg will das Land mittel- und langfristig beschreiten? Kann, wenn der richtige Weg beschritten wird, aus der Krise gar eine Chance werden?

Auf dem Weg zu einem Paradigmenwechsel

In den Jahrzehnten vor “3/11” war die japanische Energiepolitik vor allem durch zweierlei gekennzeichnet – einer starken Verzahnung zwischen Politik und privatwirtschaftlichen Interessen sowie einem einseitigen Verfolgen eines atomaren Entwicklungswegs. Besonders als Reaktion auf den ersten Ölpreisschock 1973 in Folge des Jom-Kippur-Krieges suchte Japan sein Heil in der Atomkraft, um den eigenen Energiemix zu diversifizieren. Zur Umsetzung ihres energiepolitischen Konzeptes unterstützte die japanische Regierung massiv den Bau und Betrieb von Atomkraftwerken durch zehn private regionale Energieversorgungsunternehmen. Politische Eliten und Energieunternehmer bildeten so zum (scheinbaren) Wohl des Landes schnell ein verkrustetes Energiekartell. Während die Wirtschaft den Erfolg der nationalen Atomtechnologie feierte, führte nicht zuletzt das Wirtschaftswachstum dazu, dass die Atomkraft im Volk zumindest öffentlich nie ernsthaft in Frage gestellt wurde. Vor Fukushima funktionierten in Japan 17 Atomkraftwerke mit 54 Atomreaktoren, womit Japan nach den USA (104 Reaktoren) und Frankreich (59) weltweit den dritten Platz einnahm. Auch hinsichtlich der Menge des produzierten Atomstroms belegte Japan im weltweiten Vergleich Platz drei.[1]

So waren auf dem japanischen Energiemarkt stark zentralisierte Strukturen entstanden, die einigen Energieunternehmen eine von der Politik nie hinterfragte Marktdominanz ermöglichten und dezentralen Energieversorgungskonzepten, etwa in Form von erneuerbaren Energien, jede Luft zum Atmen von vorne herein abdrehten.

Dieses unbedingte Vertrauen der Japaner in ihre großen Energieversorgungsunternehmen sowie deren fast absolute Unterstützung durch die Politik geriet durch die Ereignisse von Fukushima nachhaltig ins Wanken. Exemplarisch festmachen lässt sich dies an dem verheerenden Bild, das das Betreiberunternehmen von Fukushima, Japans größter Energieversorger TEPCO (“The Tokio Electric Power Company”) bei Krisenmanagement und Aufklärung des Unglücks abgab. Mit dem Ansehensverlust der japanischen Energiegiganten stieg auch die Ablehnung der Atomkraft als solche im Volk. Während vor Fukushima laut Umfragen [2] noch 62 Prozent der Bevölkerung mit der Atomkraft einverstanden waren – einer der höchsten Werte weltweit –, fiel dieser Anteil nach dem Unglück auf 39 Prozent. Die Ablehnung der Kernenergie hingegen stieg von 28 auf 47 Prozent. Gar 74 Prozent der Befragten gaben zu Protokoll, einen graduellen Ausstieg aus der Atomenergie zu befürworten. 

Vorangetrieben wird diese öffentliche Abwendung von der Kernkraft auch durch prominente Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. Literaturnobelpreisträger Kenzaburo Oe stellt das Unglück von Fukushima in eine Reihe mit dem Atombombenabwurf auf die Städte Hiroshima und Nagasaki im Zweiten Weltkrieg. Für ihn ist „Unbesonnenheit im Umgang mit Atomkraft größter Verrat an den Opfern Hiroshimas“.[3] Oe fordert ein grundsätzliches Umdenken: „Wie auch immer dieses Unglück ausgehen wird, und mit allem Respekt vor all dem menschlichen Leid, hieran gibt es keinen Zweifel: Die Geschichte Japans ist in eine neue Ära eingetreten, und die Blicke unserer Opfer sind auf uns gerichtet. Aus dieser Situation können wir nur die Konsequenzen ziehen, dass sich eine solche Situation nie mehr wiederholen darf.“ Die Japaner, die „das atomare Feuer am eigenen Leib erlebt“ hätten, dürften die Atomenergie „nicht als eine Quelle industrieller Produktivität“ verstehen.

Doch auch die japanische Politik sah sich gezwungen, ihre Energiepolitik neu zu justieren. Als erste Reaktion auf Fukushima erklärte Japans damaliger Premierminister Naoto Kan im Mai 2011, den geplanten Bau von 14 neuen Atomkreaktoren bis 2030 nicht weiter verfolgen zu wollen. Kurz nach einer Pressekonferenz am 13. Juli ging er direkt auf die Stimmung im Volk ein und versprach, Japan werde sich aus seiner Abhängigkeit von der Atomkraft befreien.[4] Er gab das Ziel vor, bis in die 2020er Jahre den Anteil der Erneuerbaren am japanischen Energiemix auf über 20 Prozent anzuheben – ein drastischer Kursschwenk zur 2010 angekündigten Erhöhung des Anteils der Atomenergie an der japanischen Stromerzeugung auf 53 Prozent bis 2030.[5] Eine solche Kurskorrektur würde einen bisher beispiellosen Wandel in der Energiepolitik Japans bedeuten, der einem Paradigmenwechsel gleichkäme.

Kein leichtes Erbe - Japans Energiemix

Wie schwierig dieser Weg für Japan werden könnte, zeigt sich bei einem Blick auf den japanischen Primärenergiemix (Abb. 1). Eine dreißigjährige Fixierung auf fossile Brennträger und Atomenergie haben ihre Spuren hinterlassen. Deutlich spiegeln sich im Energiemix auch die geringen heimischen Brennstoffreserven und die Insellage wieder. Heute ist Japan nach den USA, China und Russland der viertgrößte Energiekonsument weltweit und zur Deckung seines Primärenergiebedarfs in hohem Maße vom Import von Brennstoffen abhängig (Rohöl, Erdgas/LNG, Kohle). Konventionelle Energieträger machen 84 Prozent am Primärenergiemix des Landes aus, während Atomenergie und alternative Energien den Rest bilden.

Abb. 1, Eigene Grafik, Daten: Internationale Energieagentur (IEA)

Der japanische Elektrizitätsmarkt

Japan ist mit einem jährlichen Output von 1046 Terrawattstunden (2009) weltweit der drittgrößte Stromerzeuger - nach den USA und China.[6] Insgesamt 63 Prozent des Stroms (Abb. 2) werden durch konventionelle, auf fossilen Brennträgern basierende Kraftwerke gewonnen. Rund 90 Prozent dieser insgesamt 60 Kraftwerke verbrennen Kohle oder Gas. Die Atomkraft hatte vor Fukushima einen Anteil an der Bruttostromerzeugung von 27 Prozent. Erneuerbare spielen demgegenüber mit 10 Prozent nur eine untergeordnete Rolle. Allerdings fallen die deutschen Vor- Fukushima-Daten von 2010 im Vergleich dazu auch nicht sehr schmeichelhaft aus: 57 Prozent Fossile, 22 Prozent Kernenergie aber immerhin 17 Prozent Erneuerbare.[7] Interessanterweise produziert Japan zwar deutlich die meiste Energie im asiatischen OECD-Raum, gleichzeitig jedoch weist es eine der geringsten Zuwachsraten bei der Elektrizitäts-Nachfrage in der Region auf – laut Vorhersagen nur 0,7 Prozent zwischen 2007 und 2018.[8]

Abb. 2, Eigene Grafik, Daten: Internationale Energieagentur (IEA)

Zehn private regionale Stromversorger teilen den japanischen Elektrizitätsmarkt nach regionalen Gesichtspunkten praktisch unter sich auf (Abb. 3). Gemeinsam kommen sie auf rund 85 Prozent der Stromerzeugung und kontrollieren die zentralisierte Stromversorgungs-Infrastruktur praktisch nach Belieben.[9] Der wichtigste Player ist hierbei die vom Fukushima-Unglück am stärksten betroffene Firma TEPCO, die alleine rund 27 Prozent des japanischen Stroms produziert und an den Endnutzer bringt. Auch das andere betroffene Unternehmen, die Tohoku Electric Power Company (Tohoku-EPCO), ist mit einem Anteil von 17 Prozent alles andere als ein Stromzwerg.

Abb. 3, Japans Stromversorger, Quelle: Global Energy Network Institute (GENI), 2011

Die elektrische Infrastruktur Japans teilt sich in zwei Stromnetzsysteme auf, ein östliches, das mit einer Netzfrequenz von 50 Hertz operiert (wie in Westeuropa), und ein westliches, in dem die Netzfrequenz 60 Hertz beträgt (wie in Nordamerika). Beide Netzsysteme (Abb. 4) sind durch drei Frequenzumsetzerstationen mit einer Gesamt- Umwandlungskapazität von 1 Gigawatt (GW) verbunden. Dieses System hat sich in Folge des Fukushima-Unglücks als problematisch erwiesen, da der von dem Erdbeben betroffene Westen plötzlich Reststrom aus dem Osten benötigte, was Engpässe auslöste. 

Abb. 4: Japans Stromnetzsysteme; Quelle: Institute of Energy Economics, Japan, 2011

Weiterhin starke Abhängigkeit von Öl und Kohle

Legt man den japanischen Primärenergiemix zu Grunde, ist das Öl mit einem Anteil von 46 Prozent (Deutschland: 34 Prozent [10]) nach wie vor wichtigster Energieträger – aller Diversifizierungsanstrengungen zum Trotz, die seine Position von ehemals rund 80 Prozent vor den Erdölschocks auf 46 Prozent reduzierten.[11] In der Stromerzeugung hingegen ist Öl mit einem Anteil von neun Prozent durch den Aufstieg der Atomkraft und auch von Erdgas weitgehend bedeutungslos geworden. Es wird hauptsätzlich als Ersatzkapazität verwendet, falls es zu Spitzenzeiten zu Versorgungsengpässen kommt.[12]

Japan selbst ist dabei absolut abhängig vom Ölimport, der zu 85 Prozent aus dem Nahen und Mittleren Osten stammt. Allerdings ist die Nachfrage Japans zwischen 2000 und 2010 von 5,5 Millionen Barrel pro Tag auf 4,4 Millionen Barrel zurückgegangen - Tendenz weiter sinkend.[13] Gründe hierfür sind einerseits alternative Antriebsformen für Kraftfahrzeuge und andererseits Steigerungen im Bereich der Energieeffizienz. Allgemein ist zudem sowohl in der Industrie als auch im Bereich der Heizung von Privatwohnungen eine Bewegung weg vom Öl und hin zum Gas zu beobachten.[14]

Auch wenn der heimische Kohleabbau im Jahr 2002 eingestellt wurde, bleibt auch Import-Kohle mit einem Anteil von 21 Prozent am Primärenergiemix ein wichtiger Faktor für die japanische Energiegewinnung. Japan ist heute der weltgrößte Kohleimporteur und bezieht den Rohstoff vor allem aus Australien.

Erdgas – Der „Rising Star“

Kein anderer Energieträger hat in Japan während der letzten zwei Jahrzehnte so stark an Bedeutung gewonnen wie Erdgas. Der Erdgasanteil am Primärenergiemix stieg von rund 10 Prozent 1990 auf aktuell 17 Prozent. Bei der Stromerzeugung spielte Gas vor Fukushima mit 26 Prozent nur eine geringfügig kleinere Rolle als der Atomstrom. Da Japan durch keinerlei Pipelines mit dem Festland verbunden ist, geschieht der gesamte japanische Gasimport auf Basis von LNG (Flüssigerdgas). Während im Jahr 2000 noch 51,1 Millionen Tonnen LNG importiert worden waren, stieg dieser Wert bis 2010 auf rund 70 Mio. Tonnen an.[15] Als weltgrößter LNG-Importeur führt Japan damit ein Drittel des global gehandelten LNG ein.[16] Die Importe stammen derzeit zu jeweils etwa 19 Prozent aus Malaysia, Indonesien und Australien. Russland nimmt mit 6 Prozent nur eine vergleichsweise geringe Stellung ein (Abb. 5).

Abb. 5, Eigene Grafik, Daten: IEA

Erneuerbare – Bisher noch Stiefkinder

Erneuerbare Energie spielt in Japan eine untergeordnete Rolle, was nicht zuletzt auch am mangelnden politischen Willen lag, diese zukunftsträchtigen Energieformen nach vorne zu bringen. Zudem sorgten die großen Energieversorgungsunternehmen mit ihrer mächtigen Lobby dafür, dass Japan einseitig auf Kernkraft setzte und politische Initiativen zur Förderung von erneuerbaren Energien – etwa durch ein effektives Einspeisegesetz – unterblieben bzw. verwässert wurden. Trotzdem gibt es in Japan insbesondere im Bereich der Wasserkraft bereits eine Infrastruktur, die mit acht Prozent allerdings derzeit noch weniger zur Bruttostromerzeugung beiträgt als Öl. Mehrere Hydro-Großprojekte befinden sich in Planung, während kleinere Wasserkraftanlagen zur Versorgung einzelner Ortschaften von der Regierung bezuschusst werden.[17] Auch wenn andere Formen der Gewinnung von erneuerbaren Energien (etwa durch Wind oder Photovoltaik) während der letzten Jahre ausgebaut wurden, ist ihr Anteil an der Stromversorgung mit zwei Prozent sehr gering. Das Potential für Erneuerbare ist dagegen enorm. Auch das Know-How und die notwendigen Forschungseinrichtungen zur Entwicklung leistungsstarker Systeme zur Gewinnung von erneuerbarer Energie sind in Japan vorhanden.

Gemeinsam kommen erneuerbare Energien hinsichtlich ihres Anteils am japanischen Primärenergiemix auf 5 Prozent, was gut der Hälfte des deutschen Wertes entspricht (2010: 9,4 Prozent [18]).

 

Der Fukushima-Einschlag

 

Der Atomsektor – Im freien Fall

Fukushima schlug mit gewaltiger Macht in den gesamten japanischen Energiesektor ein. Besonders gilt dies für den Atomstrom. Insgesamt elf Reaktoren von vier Atomkraftwerken (Fukushima Daiichi, Fukushima Daini, Onagawa and Tokai Daini) mit einer Stromerzeugungskapazität von 12 GW mussten sofort abgeschaltet werden. Alleine die ausgefallene Nuklearkapazität entsprach dabei rund acht Prozent der japanischen Gesamtstromerzeugung und rund 20 Prozent des gemeinsam von den beiden betroffenen Unternehmen  TEPCO und  Tohoku-EPCO erzeugten Stroms.[19]

Drei der sechs Reaktoren des Kraftwerkes Fukushima-Daiichi (4.5 GW) fuhren sich beim Erdbeben automatisch selbst herunter, während die drei übrigen zu diesem Moment abgeschaltet waren.  Als der Tsunami das Kraftwerk traf, zerstörte er die Notgeneratoren und damit letztlich auch das Kühlsystem, was dazu führte, dass sich die Brennstäbe überhitzten. Als die Kühlung der Brennstäbe durch mobile Generatoren und das Pumpen von Meerwasser in die Reaktoren misslang, kam es zur Kernschmelze. Das Meerwasser beschädigte die Reaktoren in einer Art und Weise, die ihre Wiederinbetriebnahme wohl gänzlich unmöglich machen wird. Auch sechs Monate nach dem Unfall arbeiten noch rund 3.700 Arbeiter daran, die Lage in Fukushima-Daiichi unter Kontrolle zu behalten.

Diese dramatische Situation blieb in drei weiteren von dem Unglück betroffenen Kernkraftwerken aus. Das vier Reaktoren umfassende Kraftwerk Fukushima Daini (4.3 GW), das Kraftwerk Onagawa (2.1 GW, drei Reaktoren) und der Atomreaktor Tokai (1.1 GW) blieben von einer Kernschmelze verschont, da die Notgeneratoren funktionstüchtig blieben und so die Brennelemente gekühlt werden konnten.[20] Trotzdem sieht es danach aus, dass die Reaktoren – wenn überhaupt – erst in einigen Jahren wieder ans Netz gehen werden können.

Fukushima führte im gesamten Land zu ernsthaften Zweifeln an der Sicherheit japanischer Atomkraftwerke. Auch als Reaktion auf den öffentlichen Druck forderte die japanische Agentur für Reaktorsicherheit (NISA) ein neues, zweistufiges Stresstest-Verfahren für alle japanischen Atomkraftwerke. Wenn diese Tests ordnungsgemäß durchgeführt werden sollen, müssten die Atomreaktoren abgeschaltet werden. Bisher jedoch gibt es keinerlei festen Zeitplan für die neue Testserie. Dies liegt auch daran, dass kein genauer Plan dafür vorliegt, wie und wann die Atommeiler anschließend wieder ans Netz gehen sollen.  

Ob es in dieser Angelegenheit weiter geht oder nicht, ist auch Sache der Gouverneure der elf Präfekturen, in denen sich derzeit Atomkraftwerke befinden. Diese wollen kein grünes Licht für einen Neustart brachliegender Atomreaktoren geben und berufen sich auf die Ankündigung des früheren Premierministers Kan, sich aus der Abhängigkeit von der Atomkraft lösen zu wollen.[21] Kabinettsmitglieder haben die Aussage Kans hingegen als dessen Privatmeinung interpretiert, die nicht der offiziellen Regierungslinie entspreche. Damit war die politische Verwirrung über einen möglichen Neustart der Reaktoren komplett.

Als Folge des Fukushima-Unglückes ist die japanische Versorgung mit Atomstrom derzeit auf ein historisches Minimum gesunken. Aufgrund von Schäden oder routinemäßigen Inspektionen befinden sich derzeit nur 2 der insgesamt 54 Reaktoren am Netz.[22] Ohne einen klaren Plan hinsichtlich der Stresstests wird sich diese Situation weiter verschärfen. Nach derzeitigen Planungen sollen auch die noch aktiven Reaktoren  überprüft werden. Es könnte also sein, dass im April 2012 alle japanischen Atomkraftwerke offline sind.

Trotz der dramatischen Auswirkungen des Unglücks ist die Stromknappheit in Japan weniger schlimm als befürchtet. Nach Zahlen des Unternehmens TEPCO liegt die Nachfrage nach Strom rund 20 Prozent unter dem erwarteten Wert. Experten führen dies vor allem auf den Erfolg einer landesweite Kampage für Energiesparen zurück, bei der sich der Premierminister etwa per SMS an seine Landsleute wandte [23], ferner auf die gezielte zeitweise Stromabschaltung, ein relativ mildes Wetter und einen geringeren industriellen Output. 

Hoffnungsträger LNG

Die größte Herausforderung für Japan wird es sein, den ausgefallenen Atomstrom zu ersetzen – was vor allem durch Öl-, Kohle-, und Gaskraftwerke geschieht. Als Notfallmaßnahme wurden einige stillgelegte Kraftwerke kurzfristig reaktiviert. Eine besondere Bedeutung erhalten nach dem Unglück Gaskraftwerke, da die vom Erdbeben betroffenen Stromversorger im Bereich der fossilen Energien vor allem auf LNG statt auf Rohöl oder Kohle setzen.[24] Die Energieerzeugungskapazitäten durch Erdgas von insgesamt 54 GW wurden auch nur in geringem Umfang vom Erdbeben getroffen.[25]

Darüber hinaus gibt es fünf weitere Gründe, warum die Voraussetzungen für LNG zumindest mittelfristig günstig sind:

- Mit ungefähr 190 Billionen Kubikmetern gibt es mehr als ausreichend Reserven des Rohstoffs, um eine gestiegene japanische Nachfrage zu decken.

- LNG ist aus ökologischer Sicht verhältnismäßig attraktiv. So werden bei der Gasverbrennung deutlich weniger C02-Emissionen erzeugt als beim Verbrennen von Öl oder gar Kohle.

- Gaskraftwerke sind besonders gut mit erneuerbaren Energien kombinierbar. Einige Gaskraftwerk-Modelle haben die Möglichkeit, einzuspringen, wenn erneuerbare Energieträger wie Wasser, Wind oder Sonne (zu) wenig Strom produzieren.

- Die LNG-Bezugsquellen Japans sind stark diversifiziert, so dass die Gefahr einer Abhängigkeit von einem Gasproduzenten eher gering ist.

- Trotz gestiegener Nachfrage auf den weltweiten Spotmärkten liegen die LNG-Preise unter den Preisen für Rohöl.

Die gestiegene LNG-Nachfrage aus Japan seit „3/11“ macht sich allerdings inzwischen auf den Märkten bemerkbar. Laut Angaben des Branchenverbandes wird der LNG-Bedarf Japans 2011 im Vergleich zum Vorjahr von rund 70 auf ca. 76,5 Millionen ansteigen (Abb.6).[26]

Abb. 6: Japanische LNG-Importe 2007-2011, Eingene Grafik, Quelle: IHS CERA

Unklar bleibt, welche Auswirkungen die weiter steigende japanische Nachfrage nach LNG noch auf die weltweiten Gasmärkte haben wird. Sollte durch LNG lediglich die Hälfte der verlorenen Atomstromerzeugung kompensiert werden, ist nach Expertenmeinung eine Erhöhung der Importmenge um 20 Millionen Tonnen notwendig. Bereits diese Menge würde die derzeitigen Gasmärkte in Bewegung bringen.[27] So könnte es zu verstärkten LNG-Lieferungen aus großen Gasmärkten, etwa Europa kommen, was Europa dann seinerseits kurzfristig etwa durch den Import von mehr Pipelinegas kompensieren müsste. So würde die Abhängigkeit Europas von den Pipelinegas-Produzenten – besonders von Russland – zumindest kurzfristig erhöht, bis sich die LNG-Weltmärkte auf die gestiegene japanische Nachfrage eingestellt haben.

Seit Fukushima ist der Preis für nach Asien exportiertes LNG bereits deutlich angestiegen (Abb.7). Neben dem Unglück gibt es hierfür weitere Ursachen, etwa den Ausfall an Erdöl aus Libyen in Folge der dortigen Krise sowie den allgemeine Nachfrageanstieg aus Asien. Experten erwarten für das Jahr 2035 eine weltweite Nachfrage an LNG von 447 Millionen Tonnen – gegenüber gerade einmal 182 Millionen Tonnen im Jahr 2009.[28] Für Europa stellt der Import von LNG aus dem Nahen und Mittleren Osten sowie aus Zentralasien eine Möglichkeit dar, seine Abhängigkeit von Pipeline-Gas zu verringern. Bei diesen Aussichten ist es durchaus wahrscheinlich, dass der LNG-Preis weiter steigt und sich dem ölpreis-indexierten Pipeline-Gas annähert. Und je weiter dieser Prozess fortschreitet, desto mächtiger wird die Verhandlungsposition der Erzeugerländer.

Abb. 7, Preise für LNG-Importe: 2010 vs. 2011, Quelle: Japan Ministry of Finance

Ein wichtiger Faktor auf dem globalen LNG-Markt ist die in den letzten Jahren stark gestiegene Erschließung unkonventioneller Gasvorkommen, besonders in den USA und Kanada. Diese „shale-gas-Revolution“ verfolgt Japan mit großem Interesse. Gasimporte aus diesen Märkten, die für den japanischen LNG-Import bisher keine bedeutende Rolle spielten, hätten für Japan einige Vorteile. So dauert eine LNG-Lieferung von der kanadischen Pazifikküste nach Japan rund 12 Tage – gegenüber 20 Tagen, die für eine solche Lieferung aus dem Mittleren Osten veranschlagt werden müssen.[29] Zudem ist es für Japan erstrebenswert, beim LNG nicht von Regionen abhängig zu werden, deren geopolitisches Risiko wie im Fall des Mittleren Ostens als eher hoch einzuschätzen ist. Japanische Unternehmen investieren deshalb in shale-gas-Projekte auf dem amerikanischen Kontinent. Ein Beispiel ist das von Mitsubishi gemeinsam mit anderen japanischen und kanadischen Unternehmen vorangetriebene und nach „3/11“ stark ausgeweitete joint-venture shale-gas-Projekt in der nordwestkanadischen Provinz British Columbia.[30]

Trotzdem ist klar: Auch LNG ist alles andere als ein Allheilmittel. Wie bei allen anderen fossilen Energieträgern auch, würde eine zu starke Abhängigkeit von LNG-Importen erhebliche Risiken bergen. Trotz der diversen Herkunftsmärkte besteht die Gefahr der Abhängigkeit von gewissen Staaten, man wäre gegenüber Preisschocks hilflos ausgeliefert und hätte Schwierigkeiten, LNG durch andere Rohstoffe zu ersetzen.

Nichts desto trotz wird der LNG-Markt mittel- und langfristig kaum Probleme haben, die steigende japanische Nachfrage zufrieden zu stellen. Der springende Punkt des japanischen Gasproblems wird deshalb nicht eine unzureichende Vorratslage sein, sondern vielmehr die Frage, wie schnell, effizient und kostengünstig diese Vorräte eingesetzt werden können, während das Land seinen Energiesektor restrukturiert. Dies schließt nicht aus, dass es kurzfristig auch beim LNG zu Versorgungsengpässen kommen könnte – besonders, wenn Mitte 2012 wirklich alle Atomreaktoren vom Netz gehen sollten.

Kohle und Öl – Lückenbüßer oder langfristige Profiteure der Atomstromkrise?

Vergleichsweise wenig Beachtung fand in der internationalen Presse die Auswirkung des Fukushima-Unglückes auf die nicht atombetriebenen Kraftwerke der Region. Fünf Kohlekraftwerke mit insgesamt 8,3 GW Erzeugungskapazität wurden bei dem Unglück beschädigt oder automatisch heruntergefahren. Schäden gab es auch an Öl- und in geringem Maße an Gaskraftwerken.

Besonders die Beschädigung der Kohlekraftwerke wird zu einer Reduzierung des japanischen Kohleimports führen und damit vor allem Australien treffen. Dies wird kurzfristig Auswirkungen auf die Weltmarktpreise für Kohle haben. Auch wenn einige Kohlekapazitäten mittlerweile wiederhergestellt wurden, ist es unwahrscheinlich, dass es nach Fukushima zu einer Trendwende im Kohlebereich kommt. Auch die Unsicherheit darüber, welche Rolle für die an CO2-Emissionen sehr intensive Verbrennung von Kohle im künftigen japanischen Energiemix politisch gewollt ist, wird einen starken Anstieg der Importe verhindern. Da Japan vor Fukushima den Kohleanteil an der Energieproduktion stetig reduziert hat, ist nicht zu erwarten, dass Kohle künftig eine stärkere Rolle spielen wird. Ein anderer Fall könnte eintreten, wenn es durch den Einsatz der Technologie der CO2-Abschneidung und Speicherung (Carbon Capture and Storage, CCS) gelingen könnte, Kohleverbrennung in großem Stil ohne CO2-Ausstoß zu erreichen.

Für einen Bedeutungsgewinn von Rohöl bestehen mittelfristig eher weniger gute Aussichten. Durch das Fehlen eines genauen Plans, wann die abgeschalteten Atomkraftwerke wieder ans Netz gehen sollen, wurden auch ausrangierte Öl-Heizkraftwerke reaktiviert, um die Versorgungslücken aufzufüllen. Dies führt kurzfristig zu einem Anstieg der japanischen Ölimporte. Da Rohöl bei der japanischen Bruttostromerzeugung mit neun Prozent jedoch keine herausragende Rolle spielt, sollte eine steigende japanische Nachfrage nicht zu übermäßigen Bewegungen auf dem weltweiten Rohölmärkten führen. Limitiert wird eine mögliche Nachfragesteigerung auch durch vom Erdbeben verursachte Schäden im Transport- und Industriesektor sowie durch Zweifel daran, ob die alten japanischen Ölkraftwerke wirklich eine deutliche Erhöhung ihrer Kapazitäten über einen längeren Zeitraum verkraften. Aufgrund von Japans jahrzehntelanger Anstrengungen, von der Erdöl-Abhängigkeit durch den Bau von Atom- und Gaskraftwerken wegzukommen, ist es eher unwahrscheinlich, dass Tokio seine Politik fundamental ändern und neue Ölkraftwerke bauen wird. Der Bedeutungszuwachs von Öl in der japanischen Stromerzeugung wird deshalb wohl auf einen kurzen Zeitraum beschränkt bleiben.

Japan und Russland – Wird die Krise zum Neustart?

Die gestiegene Energie- und besonders Gasnachfrage Japans könnte den bilateralen Beziehungen zu einem Land neuen Schwung verleihen, zu dem das Verhältnis besonders aufgrund von Territorialstreitigkeiten um die vier südlichen Kurilen-Inseln bisher eher frostig waren – zu Russland. Nach der russischen Besetzung der ehemals japanischen Inselgruppe zwischen der russischen Halbinsel Kamschatka und der japanischen Nordinsel Hokkaido im Zweiten Weltkrieg weigerte sich Japan, die russische Hoheit über die Inseln anzuerkennen und bezeichnet diese auch heute noch als seine „nördlichen Territorien“. Russland ist deshalb auch die einzige Siegermacht, mit der Japan nach dem Zweiten Weltkrieg bis heute noch keinen Friedensvertrag geschlossen hat. Erst 2010 erhielt der Konflikt neue Nahrung, als Russlands Präsident Medwedew als erstes russisches Staatsoberhaupt überhaupt eine Kurilen-Insel besuchte und Japan daraufhin kurzfristig seinen Botschafter aus Moskau abzog.[31] In dieser vertrackten Situation könnte die japanische Energieknappheit nach Fukushima zu einem Neustart im japanisch-russischen Verhältnis beitragen. Allein aufgrund der geografischen Nähe zwischen Japan und dem östlichen Russland, in dem riesige Gasvorkommen liegen, erscheint eine verstärkte Zusammenarbeit als logischer Schritt. Eine politische Geste sorgte nach dem Unglück von Fukushima bereits für Aufsehen, als Japan zum ersten Mal überhaupt ein Hilfsangebot aus Moskau annahm. Bereits zwei Tage nach „3/11“ brachen zwei russische Katastrophenschutzeinheiten ins Unglücksgebiet auf.[32]

Abb. 8: Landkarte Russland/Japan, Quelle: Link

Bisher gibt es im Osten Russlands nur ein einziges Terminal zur Umwandlung von Erdgas in LNG, was durch Kühlung auf minus 164 Grad Celsius geschieht. Dieses Terminal befindet sich auf der zwischen dem russischen Festland und Japan gelegenen erdgasreichen Insel Sakhalin. Die Umwandlungskapazität des Werkes beträgt 9,6 Millionen Tonnen jährlich [33], die vor allem nach Japan und Südkorea exportiert werden. Die Betreibergesellschaft Sakhalin Energy gehört zu 50 % plus eine Aktie Gazprom, jedoch sind an ihr mit Mitsui und Mitsubishi auch zwei japanische Firmen mit insgesamt 22,5 Prozent beteiligt. Bereits kurz vor dem Fukushima-Unglück verständigten sich Gazprom und Japans staatliche „Agency for Natural Ressources and Energy“ zudem auf die Konstruktion eines zweiten LNG-Terminals in der am japanischen Meer gelegenen russischen Großstadt Wladiwostok.[34] Dieses LNG-Terminal würde von der am 8. September 2011 eröffneten Sakhalin-Vladiwostok-Pipeline profitieren, die Gas über 1822 km von Sakhalin nach Wladiwostok leitet. Bei voller Auslastung soll die Kapazität der Pipeline 30 Millionen Kubikmeter pro Jahr betragen.[35]

Eine Pipeline Russland – Japan?

Aus japanischer Bedürftigkeit und russischen Geschäftsinteressen ist es durchaus möglich, dass sogar eine schon Jahrzehnte alte, aber auch aufgrund der politischen Spannungen nie realisierte Idee einen neuen Schub erhält – der Bau einer Erdgas-Pipeline unter dem Meer hindurch von der Insel Sakhalin auf die japanische Nordinsel Hokkaido. Die zum Zweck der Realisierung dieses Projektes 1998 unter russischer Beteiligung gegründete „Japan Pipeline Development and Operation Inc.“ mit Sitz in Sapporo/Japan vermeldet auf ihrer Homepage: „Das große ostjapanische Erdbeben führte Japan zu einer grundsätzlichen Überprüfung seiner bisher vor allem auf Nuklearenergie fokussierten Energiepolitik. Unser Projekt begann, von verschiedensten Seiten an Attraktivität zu gewinnen, um saubere Energie sicherzustellen und die Unglücksgebiete wieder aufzubauen.“[36] Das Unternehmen zeigt sich optimistisch, dass „Japans erste internationale Pipeline“ nach Fukushima endlich vorangebracht werden könne.

In Japan allerdings ist man skeptisch, ob sich dieses Projekt mittelfristig realisieren lässt. Auf einer Konferenz der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) und des japanischen International Institute for Policy Studies (IIPS) in Tokio Mitte Oktober 2011 wurde das eindringliche Werben russischer Wissenschaftler von japanischer Seite immer wieder mit dem Verweis auf die tiefen Emotionen im japanischen Volk beantwortet, welche eine umfassende Annäherung zwischen Moskau und Tokio von einer Rückgabe der Kurilen abhängig machen. Der Hinweis auf das russische Angebot von 1956, nämlich zwei der vier Inseln zurückzugeben, fand keine Resonanz.

Die Skepsis gegenüber Russland ist in Japan nach wie vor groß. Aber dient Japan damit wirklich seinen Interessen? Wird Russland jemals ein besseres Angebot machen? Will die japanische Regierung wirklich die Chance verstreichen lassen, jetzt – nach Fukushima – eine umfassende Neuordnung des Verhältnisses zu Russland und damit die mögliche Lösung der Energieversorgung anzustreben? Wäre es nicht ein großartiges Projekt, wenn japanische Firmen und Ingenieure mithelfen würden, „upstream“ bei der Erschließung neuer Vorkommen, bei der Verbesserung der Energieeffizienz und der Infrastruktur in Ostsibirien mitzuwirken? Liegt nicht eine solche Zusammenarbeit auch deshalb im Interesse Japans, weil sich die russischen Bemühungen sonst immer stärker auf das – in Japan gefürchtete – China konzentrieren würden? Bei der KAS-Konferenz in Tokio wurde jedenfalls den deutschen Teilnehmern genau zugehört, die von einer im ganzen positiven deutsch-russischen Energiepartnerschaft und der Verlässlichkeit russischer Lieferungen seit dem „Erdgas-Röhren-Geschäft“ von 1970 berichteten. 2012 soll die Diskussion zwischen Japanern, Russen und Deutschen bei einer KAS-Konferenz in Moskau fortgesetzt werden.

Japan wird am Ende seine Entscheidungen treffen – es werden Entscheidungen sein, welche die Wettbewerbs- und Zukunftsfähigkeit der japanischen Wirtschaft – trotz deutlich weniger Atomstrom – in den Mittelpunkt stellen werden. Zu große Sorgen oder gar Zukunftsängste, so zeigte es auch die KAS-Konferenz in Tokio, haben die Japaner nicht. Stattdessen sind die japanischen Entscheidungsträger fest von den eigenen Fähigkeiten und der Leistungsfähigkeit ihres Landes überzeugt.

Ausblick

Wie also geht es weiter mit der japanischen Energieversorgung? Die bisherigen Signale aus der japanischen Politik deuten darauf hin, dass es nach der Fukushima-Krise ein “weiter so” nicht geben wird. Allerdings sollte die Macht der Atomlobby und auch die Interessenverwicklung zwischen (Atom-)Wirtschaft und Politik nicht unterschätzt werden. Wohin der japanische Weg deshalb genau führt, ist derzeit noch nicht klar abzusehen. Die Regierung steht vor der Herausforderung, ein schlüssiges neues Energiekonzept zu erarbeiten.

Wichtig ist, dass Japan von der enormen Zentralisierung seines Energiemarktes wegkommt. Das Unglück von Fukushima hat klar gemacht, wie verwundbar dieses System ist und wie unkalkulierbar seine Risiken sind. Besonders in den Blick rückt damit die dezentrale Energiegewinnung durch erneuerbare Energieträger wie Sonne, Wind, Wasser, Geothermie oder Biogas. 

Die Erzeugung von Energie in kleineren Mengen durch Erneuerbare hat für Japan vier entscheidende Vorteile.

- Saubere und nachhaltige Energie wird produziert und gleichzeitig die Abhängigkeit von importierten fossilen Brennträgern reduziert.

- Ein dezentrales Energienetz schützt den Verbraucher vor konzentrierten Schocks, wie sie etwa durch Erdbeben oder Tsunamis ausgelöst werden können.

- Die lokale Energiegewinnung erhöht die Streuung der Akteure auf dem Energiemarkt und hält somit die Bildung von zentralisierten Energieriesen mit Monopolstellung auf.

- Dies beugt zu engen Verflechtungen zwischen der Politik und den Interessen der Großkonzerne vor – ein besonders in Japan sehr wichtiger Faktor.

Japan hat das Know-How und das Potenzial, um bei den Erneuerbaren eine führende Rolle weltweit einzunehmen. Was es braucht, ist jedoch nicht zuletzt politischen Willen und eine klare Strategie. Dazu empfiehlt sich das Studium der verschiedenen Modelle, wie erneuerbare Energien durch vorübergehende staatliche Subventionen gefördert werden können. Maßnahmen wie das deutsche Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG), mit dem Netzbetreiber verpflichtet werden, aus Erneuerbaren gewonnene Energie vorrangig zu einem festen Preis abzunehmen und in ihr Energienetz einzuspeisen, sollten genau auf ihre großen Chancen, aber auch Risiken studiert und dementsprechend umgesetzt werden. Auch wenn sich Japan so entschieden auf den Weg zu mehr erneuerbaren Energien machen sollte, ist klar: Dieser Weg ist lang und steinig.

Vor diesem Hintergrund erscheint zunächst Gas als besonders wichtiger Player am Horizont. Da heute jedoch kaum vorherzusehen ist, wie sich die LNG-Preise in Zukunft entwickeln werden, sollte Japan darauf achten, seine Gas-Infrastruktur nicht zu einseitig auszubauen. Stattdessen sollte Gas intelligent als eine wichtige Energiequelle benutzt werden, die den Übergang in eine nachhaltigere und grünere Energieerzeugung der Zukunft erleichtert. Besonders falls es gelingen sollte, die politische Blockade mit Russland aufzulösen, wird Russland bei der Gaszufuhr eine wichtigere Rolle als bisher spielen. Die Russen sind dazu bereit und Japan sollte diese Chance ergreifen. Natürlich hat es dabei jedoch darauf zu achten, eine zu starke Abhängigkeit von Moskau zu vermeiden.

Neben der Förderung von Erneuerbaren können auch andere Maßnahmen sowohl die Umweltbilanz als auch die Energiesicherheit Japans verbessern. Solche sind die Verstärkung der Energieeffizienzanstrengungen, die Ausweitung intelligenter Stromnetze (smart grids) und die Investition in die CCS-Technologie, mit deren Hilfe nicht nur Kohle-, sondern auch Öl- und Gasverbrennung ohne C02-Ausstoss erreicht werden könnte. Gerade die CCS-Technologie zeigt: Es ist von großer Bedeutung, neben allen Investitionen in Erneuerbare auch Anstrengungen zu unternehmen, die Energiegewinnung aus fossilen Brennträgern “grüner” zu gestalten.

Der Paradigmenwechsel weg von der Atomenergie scheint - glaubt man den Umfragen - im Volk bereits geschehen zu sein. Die japanische Regierung hat die Chance, dieses Momentum aufzunehmen und die japanische Energiewirtschaft in Richtung einer grüneren Zukunft zu lenken. Nicht zuletzt das deutsche Beispiel hat gezeigt, wie Volkes Stimme die Politik zum energiepolitischen Umdenken veranlasst hat. Nur wenn auch Japan diesem Weg folgt, kann das Land nachhaltige Energiesicherheit erreichen und gleichzeitig die umweltpolitischen Herausforderungen erfüllen.

Nimmt man die oft gezeigte Fähigkeit Japans zur Grundlage, sich aus scheinbar ausweglosen Situationen durch eine große Kraftanstrengung zu befreien und bedenkt man den beeindruckenden Optimismus im Land, mit dem neuen Herausforderungen gegenübergetreten wird, gibt es mehr als nur Grund zur Hoffnung, dass das Land nach dem Trauma von „3/11“ auch diesen Weg erfolgreich bewältigen wird.


[1] Vgl. EIA Country Analysis Brief Japan 2011: http://www.eia.gov/cabs/Japan/Full.html

[2] Vgl. http://japanfocus.org/events/view/98, 4. Oktober 2011.

[3] Zitate aus einem Interview mir Kenzaburo Oe, Focus 12/2011. http://www.focus.de/panorama/welt/tsunami-in-japan/interview-mit-kenzaburo-oe-verrat-an-den-opfern_aid_610439.html.

[4] Vgl. http://www.huffingtonpost.com/2011/07/29/naoto-kan-japan-prime-minister-nuclear-energy-cutback-_n_913092.html, 4. Oktober 2011.

[5] Kubota, Yoko. “Japan PM vows to boost renewable energy”, http://uk.reuters.com/article/2011/05/25/greenbiz-us-japan-energy-renewable-idUKTRE74O6PI20110525, 25. Mai 2011.

[6] Vgl. EIA Country Analysis Brief Japan 2011: http://www.eia.gov/cabs/Japan/Full.html

[7] Vgl. http://www.thema-energie.de/energie-im-ueberblick/daten-fakten/statistiken/energieerzeugung/bruttostromerzeugung-in-deutschland.html, 6. Oktober 2011.

[8] Vgl. EIA Country Analysis Brief Japan 2011: http://www.eia.gov/cabs/Japan/Full.html.

[9] Ibid.

[10] Vgl. http://www.stromrechner-24.de/energiemix-2010-primaerenergieverbrauch-deutschland-551/, 6. Oktober 2011.

[11] Vgl. EIA Country Analysis Brief Japan 2011: http://www.eia.gov/cabs/Japan/Full.html.

[12] Ibid.

[13] Vgl. BP Statistical Review of World Energy 2010.

[14] Vgl. EIA Country Analysis Brief Japan 2011: http://www.eia.gov/cabs/Japan/Full.html.

[15] Vgl. http://www.yomiuri.co.jp/dy/business/T110708005057.htm, 2. August 2011.

[16] Vgl. IEA. “Impact of earthquakes and tsunamis on energy sectors in Japan,” 15. März 2011.

[17] Vgl. EIA Country Analysis Brief Japan 2011: http://www.eia.gov/cabs/Japan/Full.html.

[18] Vgl. http://www.stromrechner-24.de/energiemix-2010-primaerenergieverbrauch-deutschland-551/, 6. Oktober 2011.

[19] Vgl. Wang, Jone-Lin. “The unfolding crisis in Japan and what it means to energy”. IHS CERA Alert, 16. März 2011.

[20] Ibid.

[21] Vgl. Acheson, Chris. “The future of nuclear energy in Japan,” 1. August 2011. http://www.nbr.org/research/activity.aspx?id=163.

[22] Vgl. Reuters, “TABLE-Japan nuclear plant ops (Tomari No.2 shut for maintenance)”, 26. August 2011. http://af.reuters.com/article/commoditiesNews/idAFL4E7JQ01P20110826.

[23] Vgl. http://www.eurasia-energy-observer.com/news/new/the-end-of-japans-nuclear-era-a-new-opportunity-for-russian-gas, 2. Oktober 2011.

[24] Vgl. Platts.“Japan LNG demand could rise 800,000 mt/month on nuke shutdowns: report”, 22. August 2011. http://www.platts.com/RSSFeedDetailedNews/RSSFeed/ElectricPower/8259136.

[25] Vgl. Fink, Daniel. “EconoMonitor, RGE Analysts: Japan’s Surging LNG Demand”, 22. August 2011.

[26] Vgl. Vgl. IHS Cera Market Briefing, 12. August 2011.

[27] Ibid.

[28] Vgl. http://www.yomiuri.co.jp/dy/business/T110708005057.htm, 2. Oktober 2011.

[29] Ibid.

[30] ibid.

[31] Vgl. http://de.euronews.net/2010/11/02/kurilen-konflikt-tokio-zieht-botschafter-ab/, 2. Oktober 2011.

[32] Vgl. http://www.aktuell.ru/russland/panorama/japan_akzeptiert_erstmals_hilfe_aus_russland_3249.html, 6. Oktober 2011.

[33] Vgl. http://www.eurasia-energy-observer.com/news/new/the-end-of-japans-nuclear-era-a-new-opportunity-for-russian-gas, 2. Oktober 2011.

[34] Ibid.

[35] Vgl. http://en.rian.ru/infographics/20110914/166836701.html, 3. Oktober 2011.

[36] http://www.jpdo.co.jp/ehistory.html, 2. Oktober 2011.

 

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014