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Atommüll

Handwerkszeug für weitere Erkundungen

Geologe Bräuer über internationale Endlagerforschung und den Standort Gorleben.

Handwerkszeug für weitere Erkundungen Handwerkszeug für weitere Erkundungen
ENERGLOBE.DE, Denny Rosenthal

Volkmar Bräuer hat einen guten Überblick. Sein Büro liegt im 13. Stock eines Hochhauses in Hannover. Auf der Fensterbank stehen diverse Bohrkerne aus dem Salzstock Gorleben. Vor mehr als 25 Jahren wurde der Geologe mit dem Thema Endlagerung betraut. Bei der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) leitet er die Abteilung für Unterirdischen Speicher- und Wirtschaftsraum. Bräuer war zudem Mitglied des Arbeitskreises Auswahlverfahren Endlagerstandorte (AkEnd), der vom Bundesumweltministerium 1999 ins Leben gerufen wurde und dessen Arbeit 2002 mit einem Abschlussbericht endete. Die Expertengruppe definierte erstmals wissenschaftlich fundierte Kriterien für die Suche nach einem Endlagerstandort.

Herr Bräuer, die Bundesregierung hatte die Erkundung des Salzstocks Gorleben im Jahr 2000 mit einem Moratorium für zehn Jahre ausgesetzt. Seit Oktober 2010 können Sie Ihre Arbeit fortsetzen, wie ist der aktuelle Stand Ihrer Erkundung?

Volkmar Bräuer: Die übertägige Erkundung ist abgeschlossen und die Ergebnisse sind veröffentlicht. Die untertägige läuft seit vergangenem Jahr wieder. Das ist nicht viel Zeit, dennoch haben wir bereits einige gute Ergebnisse für die zerstörungsfreie Erkundung mittels geophysikalischer Messmethoden erzielt. Global betrachtet, ist Gorleben einer der am intensivsten untersuchten Standorte neben Bure in Frankreich und der Nordschweiz. Das Planfeststellungsverfahren läuft bereits seit den siebziger Jahren, wurde allerdings von einem zehnjährigen Moratorium unterbrochen.

Wie sieht der Zeitplan für die weitere Untersuchung untertage aus?

Bräuer: Der ist noch relativ offen. Mit dem Bundesamt für Strahlenschutz ist das Vorgehen bis Ende 2013 abgestimmt. Zwei wesentliche Punkte sind dabei weitere Vor-Ort-Untersuchungen und eine vorläufige Sicherheitsanalyse. Alle Ergebnisse und Befunde werden von einer Expertenkommission zusammengefasst und beurteilt. Ende 2012 soll dieser Bericht dann an eine internationale Expertengruppe übergeben werden, um die Ergebnisse zu bewerten. Das ist der engere Zeitplan.
Für den Betrieb des Endlagers war man ursprünglich von 2030 ausgegangen – das ist heute nicht mehr realistisch, eher zehn Jahre später.

Ist Gorleben als Endlager für hochradioaktiven Atommüll geeignet?

Bräuer: Darüber kann erst entschieden werden, wenn die Erkundung vollständig abgeschlossen ist. Bisher haben wir jedoch keine Befunde, die gegen eine solche Eignung sprechen.

Kritiker behaupten, Gorleben werde nicht nur erkundet, sondern bereits zum Endlager ausgebaut. Stimmt das?

Bräuer: Das kann ich nur von der geowissenschaftlichen Seite her beurteilen: Wir erkunden Gorleben, und das sehr umfangreich. Für uns ist entscheidend, ob wir die nötige Infrastruktur bekommen, um die Befunde auch wissenschaftlich bewerten zu können. Das ist in Gorleben der Fall. Wenn wir entsprechende weitere Bohrungen für nötig halten, wird das auch gemacht. Denn die BGR ist angehalten, hinterher ein umfassendes Ergebnis abzuliefern.

Nichtregierungsorganisationen fordern, die Endlagersuche mit einer „weißen Landkarte“ neu zu beginnen. Wäre es aus Ihrer Sicht sinnvoll, weitere Standorte parallel zu prüfen?

Bräuer: Schon der AkEnd-Bericht für die rot-grüne Bundesregierung empfahl diese Vorgehensweise 2002. Die Konzentration auf Gorleben ist jedoch eine politische Endscheidung. Wir haben durchaus das Handwerkszeug und die Grundlagen dazu, um weitere Erkundungen durchzuführen, wenn die Regierung dies wünschen sollte. Das ist derzeit jedoch nicht der Fall.

Welche Bedeutung hat die internationale Forschungskooperation?

Bräuer: Der internationale Austausch ist wichtig, weil wir uns in Deutschland auf Salz-Untersuchungen konzentriert haben. Forschungsbergwerke mit anderen Wirtsgesteinen gibt es bei uns nicht, deshalb muss die BGR ihre Forschung in Ton- oder Granitgesteinen an ausländischen Standorten vornehmen. Dadurch wird Know-how mit Partnerstaaten geteilt und wir bleiben auf dem neuesten Stand von Wissenschaft und Technik. Zudem hilft die Zusammenarbeit, die eigenen Ergebnisse abzusichern – so wie im Atomgesetz gefordert.

Ist Salz tatsächlich die beste Endlagerformation?

Bräuer: Das hängt insgesamt von den Eigenschaften der Endlagergesteine ab. In Deutschland haben wir jedoch einen großen Kenntnisvorsprung bei Salzgestein. Seit über 100 Jahren sammeln wir Erfahrungen in Salzbergwerken und auch speziell in der Endlagerung: Bereits Ende der fünfziger Jahre dachte man erstmals über diese Option in Deutschland und den USA nach, weil Salz als undurchlässiges Gestein bekannt war. Auch erste Laborversuche wurden damals durchgeführt.
Die Amerikaner haben bereits ein Endlager in Salz für schwach- und mittelradioaktiven militärischen Abfall.

In den USA werden derzeit 104 Atomkraftwerke betrieben. Wie weit sind die Amerikaner beim Thema Endlagerung?

Bräuer: Die US-Amerikaner haben gerade eine Denkpause eingelegt. Sie wollten ein Endlager in Tuffgestein, also vulkanischem Festgestein, errichten. Aber nach dem Wahlsieg von US-Präsident Barack Obama ist das unterbrochen worden – jetzt herrscht ein Moratorium. Die Obama-Administration hat einfach das Budget gekürzt. Es wurde also nicht gesagt, dass der Standort nicht funktioniert, sondern es wurde das Geld gestrichen. Derzeit wird erneut über Standorte und Wirtsgesteine diskutiert. Bis der neue Arbeitskreis Endlager in den USA Vorschläge zum weiteren Vorgehen macht, wird aber einige Zeit vergehen. Bei der BGR baten die Amerikaner deshalb auch um eine neue Zusammenarbeit bei der Salzerforschung.

Sind die Erkenntnisse für einzelne Gesteine überhaupt übertragbar – und damit auch für andere Staaten nutzbar?

Bräuer: Darüber haben wir uns sehr intensiv Gedanken gemacht, bevor wir diese Partnerschaften eingegangen sind. Mit der Schweiz und Frankreich haben wir intensive Kooperationen bei der Erkundung von Ton als Wirtsgestein. Im Schweizer Felslabor Mont Terri untersuchen wir Opalinus-Ton, den wir auch in Deutschland vorfinden. Vor Ort können BGR-Experten die Methoden entwickeln und testen, die später in Deutschland angewandt werden. Außerdem versuchen wir, unsere Salzmethoden auch auf Ton zu übertragen. Im zweiten Forschungsbergwerk Bure in Frankreich herrschen geologische Verhältnisse, die denen in Deutschland sehr ähneln. Dadurch sind einige Ergebnisse auch direkt übertragbar. Die Bundesregierung konzentriert sich also nicht nur starr auf Salz als Endlagerformation, sondern untersucht auch Alternativen.

Weder in Deutschland noch in anderen Staaten wird die Endlagersuche schnell vorangetrieben. Warum lässt man sich eigentlich so viel Zeit?

Bräuer: Das hat unter anderem mit der langen Zwischenlagerung zu tun. Die Brennstäbe werden etwa 30 bis 40 Jahre aufbewahrt, damit sie abkühlen. Bei Salz nimmt man eine Endlagertemperatur von rund 200 Grad Celsius an. Diese Hitze an der Behälter-Außenhülle kann toleriert werden, da Salz ein guter Wärmeleiter ist. Bei Ton sieht es anders aus: Eine Temperatur von mehr als 95 Grad verändert die chemischen und physikalischen Eigenschaften negativ. Das hat jedoch auch Konsequenzen für die Einlagerung der Brennstäbe. Die Behälter dürfen nicht so dicht aneinander gestellt werden – ein Endlager in Tongestein braucht deshalb erheblich mehr Platz.

Weitere Informationen:

Bräuer im Videointerview zu Gasvorkommen in Gorleben:
„Schlagkräftiger Befund“

Homepage der BGR: www.bgr.bund.de

AkEnd-Bericht auf der Homepage des Bundesamtes für Strahlenschutz: www.bfs.de

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014