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Flexibilität

Risiko-Meiler im Dauerstress

Alte Kernkraftwerke werden besonders flexibel eingesetzt, um Schwankungen beim Strom auszugleichen. Das ist riskant.

Risiko-Meiler im Dauerstress Risiko-Meiler im Dauerstress
ENERGLOBE.DE, Denny Rosenthal

Das Hoch- und runterfahren von Kernkraftwerken ist riskant. Das gilt vor allem für alte Anlagen. Doch gerade sie wurden bislang aus wirtschaftlichen Gründen eingesetzt, um Schwankungen im Stromangebot auszugleichen, erklärt Atomexperte Wolfgang Renneberg im Interview mit ENERGLOBE.DE.

Kernkraftwerke reagieren empfindlich auf Stress. Schnelles, starkes Hoch- und Runterfahren erhöht den Druck, die Hitze und Strömungsgeschwindigkeiten. Material und Personal werden stark belastet. Die Gefahr von Störfällen steigt. Dennoch wird den Meilern immer mehr Flexibilität abverlangt. Sie müssen als Puffer für die Schwankungen Erneuerbarer Energien herhalten – bis hin zur völligen Abschaltung. Schließlich soll Ökostrom Vorrang haben.

„Dieser Lastfolgebetrieb bedeutet einen Dauerstress für die Kernkraftwerke“, warnt Wolfgang Renneberg. Er war bis Ende 2009 Leiter der Abteilung Reaktorsicherheit im Bundesumweltministerium. Das gelte vor allem für ältere Reaktoren wie zum Beispiel für Biblis A und Neckarwestheim 1, erklärt Renneberg gegenüber ENERGLOBE.DE.

Häufiges Runterfahren verlängert die Restlaufzeit

Deshalb kritisiert der renommierte Experte, dass gerade diese teilweise mehr als 35 Jahre alten Reaktoren vorrangig im Regelbetrieb eingesetzt werden. Die Motive der Betreiber seien klar: Den alten Anlagen droht die Abschaltung. Je öfter sie herunter geregelt werden, umso länger ist ihre gesamte Restlaufzeit. Sie sollen möglichst noch viele Jahre in Betrieb bleiben, weil sie die größten Renditen versprechen. Jüngere Anlagen wie im Emsland liefen dagegen rund um die Uhr auf Hochtouren. Eigentlich müsste es genau andersherum sein. Ohne eine gründliche Überprüfung der alten Anlagen für diese neue Betriebsweise sollten diese nicht am Lastfolgebetrieb teilnehmen. „Die Atomaufsicht sollte das anordnen“, fordert Renneberg. Nur dann würden die Betreiber auch etwas tun.

Das Kernkraftwerk Neckarwestheim 1 wurde im Oktober 2009 für Wochen stillgelegt. Just in dem Moment, als das Angebot an Erneuerbaren Energien aus Wind und Sonne in Deutschland derart groß war, dass an der Strombörse in Leipzig negative Preise gezahlt wurden. Das bedeutet, dass die Energieversorger Kunden Geld dafür gaben, dass diese ihnen den überflüssigen Strom abnahmen. Das war für die „Verkäufer“ allemal billiger, als ihre Kernkraftwerke herunterzuregeln, was mit hohen Kosten verbunden ist.

Bundesamt: Drei Prozent der „meldepflichtigen Ereignisse“

„Es gibt in Deutschland Anlagen, die stärker am Lastfolgebetrieb teilnehmen als andere“, bestätigt Horst May, Sprecher der Gesellschaft für Reaktorsicherheit (GRS). Welche das sind, verrät er nicht. Eine Häufung von Problemen bei diesen Anlagen sei aber nicht zu beobachten, insbesondere nicht im Zusammenhang mit einem Lastfolgebetrieb. Das Bundesumweltministerium sowie das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) äußerten sich bis zum Redaktionsschluss nicht zu der Problematik. Laut Jahresbericht 2009 des BfS – neuere Daten liegen nicht vor - wurden drei Prozent der meldepflichtigen Ereignisse im „An- und Abfahrbetrieb“ registriert.

In diesem Jahr war es beispielsweise bei der Abschaltung des AKW Isar I zu einer Panne gekommen, als die Anlage wegen des von der Bundesregierung verhängten Kernkraft-Moratoriums vom Netz genommen werden musste. Auch das Atomunglück in Tschernobyl ereignete sich, als man das Kraftwerk für einen Test der Notstromversorgung kurzzeitig herunterfuhr (siehe Interview).

Genehmigungen überprüfen“

In einer aktuellen Studie mit dem Titel „Sicherheitsrisiken des Lastfolgebetriebs von Kernkraftwerken" im Auftrag der Umweltschutzorganisation Greenpeace beschreibt Renneberg das Gefahrenpotential, das durch schnelles Hoch- und Runterfahren der Reaktoren ausgeht. Demnach wird „das Risiko weiter erhöht, weil es häufiger zu sicherheitsrelevanten Ausfällen und Schäden kommen wird“. Diese könnten sich zu gravierenden Störfällen entwickeln. Die Bundesregierung hatte der Kernenergie die Rolle des Partners der Erneuerbaren Energien zugedacht, deren Anteil an der Stromversorgung von derzeit 17 Prozent auf 80 Prozent im Jahr 2050 steigen soll. Daraufhin wurden die Laufzeiten der AKWs im Herbst um durchschnittlich 12 Jahre verlängert. Ob es nach Katastrophe in Japan im März dabei bleibt, ist zu bezweifeln. Aktuell wird ein Atomausstieg bis spätestens 2021 erwogen.

Nach Ansicht von Renneberg passen Kernkraft und Erneuerbare nicht zusammen. Die deutschen AKWs seien für den Lastfolgebetrieb zum Ausgleich von hohen wechselnden Angeboten von Ökostrom überhaupt nicht ausgelegt. Die Anforderungen, die sich daraus ergeben, seien in den ursprünglichen Genehmigungen nicht geprüft worden. Es bedürfe also eines neuen Genehmigungsverfahrens, welches aber nicht abzusehen ist. Zuvor müssten erst einmal die neuen Anforderungen durch Zahl und Intensität der künftig zu erwartenden Lastwechsel festgestellt werden. Auch dies sei noch nicht geschehen. „Das ist sicherheitstechnisch auf Dauer nicht zu verantworten“, so Renneberg.

Weitere Informationen:

Die Studie „Sicherheitsrisiken des Lastfolgebetriebs von Kernkraftwerken" im Auftrag der Umweltschutzorganisation Greenpeace“ von Wolfgang Renneberg: www.atomsicherheit.de

Das ARD-Politmagazin über die Studie von Renneberg, „Häufiges Drosseln und Hochfahren gefährdet Sicherheit deutscher AKW“: www.swr.de

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014