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Naturkatastrophen

Zittern um die Reaktoren

Deutsche Kernkraftwerke sind vor Schäden durch Erdbeben nur unzureichend gesichert, so Experten. Das Risiko werde unterschätzt.

Zittern um die Reaktoren Zittern um die Reaktoren
ENERGLOBE.DE, Denny Rosenthal

Deutsche Kernkraftwerke sind vor Schäden durch Erdbeben unzureichend gesichert, so Experten. Die Risikoeinschätzung der zuständigen Bundesanstalt entspreche nicht dem Stand der Forschung.

Nach der Atomkatastrophe in Japan warnen Experten vor den Gefahren durch Erdbeben für Kernkraftwerke in Deutschland. Die Anlagen seien nicht ausreichend gegen Erdstöße gesichert, sagt der Geophysiker Oliver Heidbach vom Geoforschungszentrum Potsdam gegenüber ENERGLOBE.DE. Er leitet eine Arbeitsgemeinschaft zum Thema Erdbebengefährdung. Die Sicherheitsbewertung der Standorte „entspricht nicht dem Stand der Forschung“. Das Restrisiko eines nuklearen Störfalls infolge eines Bebens hält er für „nicht tragbar“.

In den kommenden Monaten wird die Gefahr genauer untersucht. Die Bundesregierung hatte als Reaktion auf die Ereignisse in Japan eine neue Risikoeinschätzung angeordnet und die im Herbst 2010 beschlossene Laufzeitenverlängerung um durchschnittlich zwölf Jahre auf Eis gelegt. Ein Expertengremium, die Reaktorsicherheitskommission, soll bis Mitte Juni alle 17 deutschen Atomkraftwerke auf ihre Sicherheit bei Erdbeben, Flugzeugabstürzen und Hochwasser überprüfen. Von den Befunden hängt maßgeblich der Weiterbetrieb der Meiler ab. Die sieben ältesten wurden vorerst vom Netz genommen.

BGR: „Vorschriften sind sehr streng“

Die zuständige Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) hatte nach dem Unglück erklärt: „Die in Deutschland gültigen Vorschriften zur Erdbebensicherheit von Kernkraftwerken sind sehr streng“. Die BGR misst die Stärke von Beben nicht wie sonst üblich anhand ihrer Magnitude, also der seismischen Energie, sondern ihrer Intensität. Dieses Maß beschreibt die Schäden an einem bestimmten Standort. Je nach Bodenbeschaffenheit, Tiefe des Epizentrums und Entfernung zu den Gebäuden können Beben gleicher Magnitude unterschiedliche Intensitäten aufweisen. Die Werteskala reicht bis zwölf. In Gebieten mit geringer Seismizität wie in Norddeutschland sind Kernkraftwerke laut BGR für Intensitäten zwischen sechs und sieben ausgelegt, in den Regionen mit moderater Seismizität – die Schwäbische Alb, der Rheingraben, die Niederrheinische Bucht und das Vogtland – für Intensitäten zwischen sieben und acht.

Nach Ansicht von GFZ-Experte Heidbach ist diese Risikoanalyse der BGR jedoch antiquiert und ungenau, sie beruhe auf „überholten Berechnungen“ aus den 70er Jahren. „Eine Intensität von sieben bis acht – was heißt das?“, fragt sich der Fachmann, „eher sieben oder eher acht?“. Jeder einzelne Standort müsse zudem getrennt bewertet werden. Eine einfache Unterscheidung in zwei Erdbebenzonen genüge den Anforderungen nicht.

Rheingraben besonders gefährdet

Laut Heidbach sollten die Kraftwerke für Intensitäten ausgelegt werden, die je nach Standort „ein bis zwei Stufen höher liegen“. Eine Intensität von sieben am Standort Biblis sei seiner Meinung nach „leicht zu erreichen“, schon durch ein flaches Beben der Magnitude fünf. In Deutschland habe es schon Bodenerschütterungen der Magnitude sechs gegeben. „Eine Intensität von acht im Oberrheintal ist eindeutig zu niedrig angesetzt“, so Heidbach. Um zu diesem Schluss zu kommen, benötige es keine aufwendigen Berechnungen. Er erhofft sich nun eine dauerhafte Diskussion um die Risiken und technische Nachrüstungen. Hier müsse „ordentlich Geld in die Hand genommen werden“. Heidbach: „Wir sollten nicht auf die Japaner schimpfen, sondern vor der eigenen Haustür nachbessern“.

Hinter dem Streit schwelt ein seit Jahren andauernder Konflikt um die Deutungshoheit des Erdbebenrisikos zwischen Wissenschaft und Industrie. Das Geoforschungszentrum Potsdam als Teil der Helmholtz-Gesellschaft untersteht dem Bundesforschungsministerium, die BGR dagegen dem Bundeswirtschaftsministerium.

Rückendeckung erhält Heidbach von Kollegen. „Es ist möglich, dass heutige Ergebnisse von den bei der Auslegung zugrunde gelegten Annahmen deutlich abweichen und eine Neubewertung notwendig ist", heißt es in einem Gutachten des Freiburger Öko-Institus. Die vier erdbebengefährdeten Reaktoren in Neckarwestheim und in Philippsburg müssten demnach noch zehn Prozent stärkere Erdstöße aushalten als das schlimmste je in der Region registrierte Beben von Basel aus dem Jahr 1356. Es hatte eine Magnitude von 6,9.

BGR zeigt sich gesprächsbereit

Die BGR weist die Kritik zurück, zeigt sich aber offen für Diskussionen. „Unser Verfahren ist anerkannt und entspricht dem aktuellen Kenntnisstand“, sagt Christian Bönnemann, Abteilungsleiter Seismologie bei der Bundesanstalt. Sollte es neue Erkenntnisse von Forschern geben, und diese „überzeugender wirken“, würden sie in die Bewertungen einbezogen.

Weitere Informationen:

Bundesumweltministerium, „Erste Überlegungen zu Konsequenzen Fukushima“: www.bag-energie.de

Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) zur Erdbebensicherheit deutscher AKWs: www.bgr.bund.de

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014