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Stadtwerke

„Emotionale Reaktionen“

Thüga-Chef Ewald Woste über Gaspreise, Ölförderrisiken und Effizienzdruck bei Erneuerbaren

„Emotionale Reaktionen“ „Emotionale Reaktionen“
Steffen Wierer, formdusche.de

Herr Woste, wie entwickelt sich der Gasmarkt aus Ihrer Sicht?

Ewald Woste: Langfristig rechnen wir europaweit mit einer steigenden Erdgasnachfrage. Aufgrund der weltweiten Wirtschaftskrise besteht derzeit aber ein Angebotsüberhang. Das drückt auf die Preise, und das ist gut so.

Welche Rolle spielt dabei das Schiefergas, das in den USA für Furore sorgt?

Woste: Neue Bohrtechniken haben in den USA die Förderung von Schiefergas wirtschaftlich gemacht. Die USA sind damit quasi zum Selbstversorger geworden. Das setzt große Mengen an Flüssiggas frei, die ursprünglich für den US-Markt geplant waren. Jetzt werden diese Mengen in China und Europa angeboten - und drücken die ohnehin schon gesunkenen Spotmarktgaspreise in Europa weiter nach unten. Sehr zum Ärger der Produzenten, von denen es weltweit nur eine sehr überschaubare Anzahl gibt.

Wie werden diese Produzenten reagieren?

Woste: Ich befürchte, dass sie sich den Preisverfall nicht mehr lange mit anschauen und eine Drosselung der weltweiten Gasförderung verabreden. Bereits vor rund zwei Jahren wurde die Gründung eines internationalen Gaskartells, analog zur OPEC, diskutiert; ich glaube, in den nächsten zwei Jahren wird eine solche Institution entstehen. Wichtigste Mitglieder dürften wohl Russland, Norwegen, Algerien und Katar sein.

Welche Folgen hat das für die Gaspreise?

Woste: Für Kontinentaleuropa rechne ich damit, dass es die nächsten fünf bis zehn Jahre bei dem bestehenden Überangebot für Erdgas bleibt – mit preisdämpfendem Effekt. Abzuwarten bleibt, ob dabei ein Gaskartell den Preisverfall aufhalten wird. Gegen 2020 erwarten wir dann einen Nachfrageüberhang. Da der Gaspreis in den meisten Fällen an den Ölpreis gekoppelt ist, wird auch die aktuelle Ölkatastrophe im Golf von Mexiko einen Effekt haben, und zwar einen preissteigernden.

Wird nach dem BP-Öldesaster der Anteil des Öls am Energiemix weltweit sinken?

Woste: Ja, und der Markt wird diesen Prozess weitgehend automatisch regeln. BP, aber auch die anderen Ölkonzerne, werden künftig höhere Risikozuschläge bei der Finanzierung neuer Förderprojekte zahlen müssen. Der Finanzvorstand eines Ölkonzerns, der mit Banken zum Beispiel über die Emission einer Unternehmensanleihe verhandelt, muss also mit hohen Risikoaufschlägen rechnen. Dies wird vermutlich dazu führen, dass eine Vielzahl theoretisch erschließbarer Projekte aus wirtschaftlichen Gründen nicht mehr erschlossen werden.

Welche politischen Konsequenzen ziehen Sie aus der Ölkatastrophe am Golf von Mexiko?

Woste: Dieser Unfall wirft die politische Frage auf: Sollten wir alles, was technisch möglich ist, auch tun beziehungsweise zulassen? Und wenn nein, sind die Folgen der Gesellschaft zu vermitteln? Wenn also durch den Unfall die Öl- und Energiekosten deutlich steigen, dann ginge damit auch die Ära günstiger Transportkosten zu Ende. Diese ermöglichen derzeit noch massive Verlagerungen der Produktion in Schwellenländer wie China; wir kaufen hierzulande Krabben, die in Marokko aus ihrer Schale gepult werden. Ich glaube, dass wir als Folge deutlich steigender Transportkosten wieder mehr lokal produzierte Waren konsumieren werden.

Werden die Erneuerbaren Energien jetzt zusätzlich Rückenwind bekommen?

Woste: Ja, ganz eindeutig wird sich deren Anteil am Energiemix deutlich erhöhen. Damit wird übrigens auch das Problem des Netzausbaus noch dringender. Erneuerbare Energien werden in der Regel verbrauchsfern erzeugt, so wird in Norddeutschland so viel Windstrom erzeugt, dass dieser zu den Verbrauchszentren in Bayern oder ins Ruhrgebiet transportiert werden muss.

Aber Hausbesitzer, die durch ein geplantes Umspannwerk oder eine Hochspannungstrasse in unmittelbarer Nähe betroffen sind, gründen ganz schnell eine Bürgerinitiative, um diese Baumaßnahmen zu verhindern. Überall dort, wo diese Infrastrukturen entstehen sollen – wie etwa die Trasse durch den Thüringer Wald – erfahren die Betreiber zum Teil sehr heftige emotionale Reaktionen und Widerstand.

Können wir uns die Förderung Erneuerbarer Energien überhaupt noch leisten?

Woste: Jede neue Technologie braucht für die Markteinführung eine gewisse Zeit mit Anschub-Subventionen. Das geht nicht anders, denn neue Technologien konkurrieren mit etablierten Anlagen, die steuerlich längst abgeschrieben sind. Aber wir kommen durch das EEG in Förderhöhen, wo nicht nur mir schwindelig wird. Johannes Lackmann, ehemaliger Präsident des Bundesverbandes der Erneuerbaren Energien, warnt die Solarbranche davor, die Förderung als Ruhekissen zu verwenden. Allein die Photovoltaikanlagen, die in Deutschland in den letzten 10 Jahren in Betrieb genommen wurden, werden in Summe Nettokosten von mehr als 80 Milliarden Euro verursachen.

Sind Sie für die Abschaffung des EEG?

Woste: Nein, aber wir sollten bei den Energieträgern differenzieren: Die Photovoltaik-Vergütung kann deutlich abgesenkt werden, sie hat ihren industriepolitischen Zweck erfüllt. Beim Biogas gibt es derzeit noch gar keine vergleichbare Förderung, die sollte meines Erachtens eingeführt werden.

Muss das EEG neu justiert werden?

Woste: Ja, und zwar mit Hilfe eines Prinzips, das wir aus der „Anreizregulierung“ kennen. Die hat sich bei der Regulierung der Stromnetze als ein effizientes Instrument erwiesen. Dabei sagt der Staat zum Betreiber: Ich kürze Dir sukzessive deine Vergütungen, mit der Folge, dass du dich auf der Kostenseite anstrengen musst, um effizienter als der Durchschnitt zu werden; dann erreichst du dauerhaft eine Verzinsung.

Ich bin dafür, ein solches Prinzip auf das EEG zu übertragen. Der Betreiber eines Windparks kassiert nur dann 20 Jahre die gleiche Rendite, wenn es ihm gelingt, seinen Windpark durch Repowering und andere technische Innovationen ständig energieeffizienter zu machen, denn die Förderung würde nach einem festgelegten Degressionsfaktor sinken. Durch einen solchen Mechanismus löst man Effizienzdruck aus - im Angebotsmarkt bei den Herstellern und im Nachfragemarkt bei den Anlagenbetreibern.

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014