Sie benutzen einen veralteten Browser. Bitte updaten Sie Ihren Browser oder aktivieren Sie Chrome Frame um die Darstellung zu verbessern.

Um den vollen Funktionsumfang dieser Webseite zu erfahren, benötigen Sie JavaScript. Eine Anleitung wie Sie JavaScript in Ihrem Browser einschalten, befindet sich hier.

Stadtwerke

„Gas ist die wahre Brücke“

SWM-Chef Kurt Mühlhäuser über den Weg ins regenerative Zeitalter, das nicht über Kernkraft zu erreichen sein wird.

„Gas ist die wahre Brücke“ „Gas ist die wahre Brücke“
ENERGLOBE.DE, Denny Rosenthal

Kurt Mühlhäuser leitet seit 1995 die Geschäfte der Stadtwerke München (SWM). Er hat die Weichen gestellt, um München bis 2025 vollständig mit regenerativem Strom versorgen zu können. Gleichzeitig sind die SWM das einzige deutsche Stadtwerk, das über eine Beteiligung eigenes Erdgas in der Nordsee fördert. Neben Bielefeld ist es zudem eines von zwei Stadtwerken, die auch eine Beteiligung an einem Kernkraftwerk halten.

Herr Mühlhäuser, die gesamte Energiebranche klagt über sinkende Gewinne, trotz Laufzeitverlängerung für Kernkraftwerke und Förderprogrammen für den Ausbau der Erneuerbaren. Zu Recht?

Mühlhäuser: Die aktuellen energiepolitischen Entscheidungen haben in unterschiedlicher Form Auswirkungen auf alle Akteure: Die meisten kommunalen Versorger haben damit gerechnet, dass die Kernkraftwerke nach und nach vom Netz genommen werden, sodass Kapazitäten wegfallen, die durch neue, auch konventionelle Kraftwerke ersetzt werden müssen. Wer seine Investitionsplanungen noch stoppen kann, wird dies angesichts der Laufzeitverlängerung jetzt tun. Unabhängig von der Atomdiskussion haben zahlreiche Energieversorger – auch aufgrund der Förderung – regenerative Erzeugungskapazitäten zugebaut. Das führt jetzt zu Überkapazitäten. Die Betreiber konventioneller Kraftwerke leiden unter historisch niedrigen Deckungsbeiträgen für Kohle- und Gaskraftwerke. Und die Betreiber von Kernkraftwerken werden durch Brennelementesteuer, Förderbeiträge und Nachrüstungen belastet.

Die Ergebnisse verschlechtern sich auch aus anderen Gründen: Zuschüsse für die Kraft-Wärme-Kopplung fallen weg und ab 2013 endet die überwiegend kostenlose Zuteilung von CO2-Zertifikaten. Zusätzlich drücken die Netzregulierung und der intensive Wettbewerb auf die Erträge. Die Gaspreise haben sich momentan nach unten vom Ölpreis abgekoppelt. Es gibt im Augenblick keinen wesentlichen Bereich der Energiebranche, der in den nächsten Jahren höhere Gewinne verspricht.

Sind Sie da nicht froh, dass nun die bereits abgeschriebenen Kernkraftwerke länger laufen dürfen? Auch die SWM profitieren ja durch ihre Beteiligung an Isar II von der Laufzeitverlängerung.

Mühlhäuser: Wir haben immer die Position vertreten: keine Verlängerung der Laufzeiten, weil das den Ausbau der Regenerativen bremst. Schon heute müssen zu vielen Zeiten Kraftwerke zurückgefahren werden, wenn gerade viel erneuerbarer Strom ins Netz gespeist wird. Aber Kernkraftwerke sind nicht so flexibel. Für den Übergang in die regenerative Welt sind Gaskraftwerke die ideale Kombination – das ist die wahre Brückentechnologie. Der Konflikt zwischen Kernkraft und Erneuerbaren wird sich künftig noch verschärfen. Es wird immer mehr Tage geben, an denen zu Schwachlastzeiten wie nachts und am Wochenende allein die Windkraft ausreicht, um in Deutschland die Versorgung sicherzustellen.

Aufgrund der Brennelementesteuer und der Förderbeiträge würden wir als Anteilseigner zudem erst ab 2020 von der Laufzeitverlängerung profitieren – wenn sie denn wirklich zum Tragen kommt. Ich gehe aber davon aus, dass die Laufzeitverlängerung nicht kommen wird, weil entweder ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts oder aber eine neue Bundesregierung die Weichen bis dahin wieder anders stellt. Wenn es so kommt, wie ich vermute, haben am Ende auch die großen Vier draufgezahlt, und die ganze Branche hat gelitten. Gaskraftwerke können nicht realisiert werden, denn sie erwirtschaften unter diesen Rahmenbedingungen ihre Kapitalkosten nicht und KWK-Ziele schwimmen davon. Am Ende gibt es außer dem Bundesfinanzminister wahrscheinlich keinen erkennbaren Gewinner.

Verspricht wenigstens die Offshore-Windkraft, in der die SWM sich auch engagieren, ausreichende Gewinne?

Mühlhäuser: Die Banken sehen bei Offshore-Projekten momentan nur die Risiken und verlangen hohe Zinsen. Ohne öffentliche Bürgschaften und Kredite wären Projektfinanzierungen für Offshore-Windparks nicht darstellbar; die Banken allein würden es nicht machen. Das größte Problem für Windparks in der deutschen Nordsee ist derzeit aber die Netzanbindung.

Nach den Vorgaben der Bundesnetzagentur muss die Netzanbindung erst dann vom Übertragungsnetzbetreiber realisiert werden, wenn der Windpark-Investor mindestens eine Großkomponente vergeben hat. So will man vermeiden, dass das Netz für einen Windpark bereits gebaut wird, die Windräder am Ende aber nicht. Ab der Auftragsvergabe soll es dann maximal noch 30 Monate dauern, bis die Netzanbindung steht. Eine konkrete Zusage, wann es soweit ist, bekommen Investoren vor der Auftragsvergabe der Windräder von den Netzbetreibern aber nicht. Doch wer einen Offshore-Windpark baut, muss bei der Bestellung der Windanlagen festlegen, wann sie geliefert werden sollen. Hält der Übertragungsnetzbetreiber dann die 30-Monatsfrist nicht ein, weil beispielsweise die wenigen Kabelnetzanbieter kein fristgerechtes Lieferangebot abgeben, führt dies beim Windpark-Investor zu erheblichen Verzögerungen und Mehrkosten.

Machen die derzeit niedrigen Gaspreise den SWM zu schaffen, die über ihre Tochter Bayerngas Norge ja auch Gas fördern?

Mühlhäuser: Mittelfristig erwarte ich wieder eine stärkere Orientierung des Gaspreises am Ölpreis. Es gibt in liberalisierten Märkten immer Schwankungen des Gaspreises, der mal niedriger und mal höher als der Ölpreis war. Derzeit ist der Gaspreis niedriger als der Ölpreis, weil die USA aufgrund der Ausschöpfung unkonventioneller Gasvorkommen kein LNG mehr benötigen und dies in Europa angeboten wird. Zusätzlich hat die Wirtschaftskrise zeitweise die Gasnachfrage reduziert. Und solange die Gazprom ihr Gas weitgehend ölindexiert verkauft, wird sie ihre Fördermengen kaum reduzieren.

Die OPEC-Staaten haben vor allem durch Angebotssteuerung den Ölpreis nach seinem Höhenflug 2008 und dem darauf folgenden Absturz wieder auf ein relativ hohes Niveau gebracht. Dies ist ihnen gelungen, obwohl ihr Anteil an der weltweiten Produktion bei weniger als 40 Prozent liegt. Acht Gas-OPEC-Länder, die im Vergleich fast einen doppelt so hohen Anteil an der Gasgewinnung haben, sind noch nicht so gut organisiert, dass sie Ähnliches schaffen. Mittelfristig werden sie aber eine ähnliche Politik wie die Öl-OPEC betreiben. Meine langfristige Prognose: Die Öl- und Gaspreise werden wegen der fundamentalen Knappheit deutlich stärker steigen als andere Preise. Öl-OPEC und Gas-OPEC werden sich aber bemühen, heftige Preisausschläge nach unten wie nach oben durch „Angebotsglättung“ zu vermeiden.

Was bedeutet das für ihr Engagement in Norwegen?

Mühlhäuser: Wir werden den eingeschlagenen Kurs konsequent fortsetzen, das heißt durch verstärktes Engagement in Explorationsprojekte unsere Wertschöpfung erhöhen und durch Kooperationen mit strategischen Partnern und ein differenziertes Beteiligungsportfolio unser Risiko minimieren. Zwischenzeitlich hat sich der Gaspreis deutlich erholt. Wir haben bei der Bayerngas Norge erst vor kurzem in zwei Feldern die Erdgasförderung aufgenommen, sodass uns die Phase der ganz niedrigen Gaspreise nicht betroffen hat. Trotzdem ist natürlich festzustellen, dass der Marktpreis für Gas immer noch deutlich unter dem ölindexierten Gaspreis liegt.

Weitere Informationen:

Webseite der Stadtwerke München: www.swm.de

Webseite der Bayerngas Norge: www.bayerngasnorge.com

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014