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Energiewende

„Markt oder Dauersubvention“

Wie wirkt der Atomausstieg auf Klimaschutz und Strompreise? Diese Frage beantwortet Ewald Woste, Thüga-Vorstandschef und BDEW-Präsident.

„Markt oder Dauersubvention“ „Markt oder Dauersubvention“
Steffen Wierer, www.formdusche.de

Was bedeutet der Atomausstieg für Strompreise und Klimaziele? Wie wird Ökostrom marktfähig? Und wie geht es nach der Zerreißprobe um die Kernenergie mit dem Branchendachverband BDEW weiter? Diese Fragen beantwortet Thüga-Chef und BDEW-Präsident Ewald Woste im Interview mit ENERGLOBE.DE-Chefredakteur Joachim Müller-Soares.

Herr Woste, die Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima im März hielt die Welt in Atem. Welche Folgen hat Fukushima für das Denken und Handeln deutscher Topmanager in der Energiewirtschaft?

Ewald Woste: Vor Fukushima erschien der Mehrheit deutscher Topmanager das Restrisiko eines GAUs sehr klein und damit ethisch vertretbar. Nach Fukushima ist klar: Das Restrisiko ist nicht mehr zu verantworten. Zwar sind Tsunamis und stärkere Erdbeben in Deutschland wohl eher nicht zu erwarten. Aber die Gefahr von Flugzeugabstürzen und terroristischen Angriffen auf Kernkraftwerke, um nur zwei Beispiele für real existierende Risiken zu nennen, kann hierzulande niemand mehr ausschließen. Das Unbehagen gegenüber der Kernenergie ist deutlich gewachsen - auch bei Führungskräften, die früher diese Technik sehr positiv bewerteten.

In anderen Industriestaaten wie den USA, Frankreich und Großbritannien ist von Atomausstieg keine Rede. Vielmehr wird dort nach Fukushima offenbar business as usual betrieben. Wie ist die radikale Abkehr von der Kernenergie in Deutschland zu erklären?

Woste
: Da haben drei Dinge zusammen gewirkt. Erstens: die Kontroverse um die Laufzeitenverlängerung. Zweitens: die schrecklichen Ereignisse in Fukushima. Drittens: eine Rückbesinnung auf den rot-grünen Ausstiegsbeschluss aus dem Jahr 2002. Die Debatte um den Atomausstieg hat in Deutschland, anders als in Frankreich und Großbritannien, eine lange Vorgeschichte. Und mit den Grünen gibt es hier eine Partei, die sich aus der Anti-Atom-Bewegung heraus gegründet hat. Dieses in Europa einzigartige Zusammenwirken kann die Kehrtwende der Regierung Merkel erklären. Apropos: Ganz so isoliert wie oft behauptet ist Deutschland damit nicht. Auch in der Schweiz und in Italien hat eine Debatte um die friedliche Nutzung der Kernenergie begonnen. Und in Japan hat Expremier Sato kürzlich gefordert, über eine Energiewende wie in Deutschland nachzudenken.

Erwarten Sie, global betrachtet, dennoch eine Renaissance der Kernenergie? Werden künftig weltweit viele neue Meiler gebaut?


Woste
: Nur in Ländern mit massiven staatlichen Subventionen, also zum Beispiel in China, wäre dies möglich. In einer Marktwirtschaft können neue Kernkraftwerke nicht finanziert werden. Sie bekommen am Kapitalmarkt die Milliarden Euro einfach nicht, die Sie für einen Neubau brauchen. Banken, Versicherungen und Fonds bewerten die Risiken der Kernenergie als zu hoch, die mit Betrieb, Transport und Endlagerung verbunden sind. Nehmen Sie das Olkiluoto-Projekt in Finnland als Beispiel: Die Kosten dieses Kernkraftwerks haben sich seit Planungsbeginn verdoppelt.

Sind die deutschen Klimaschutzziele ohne Kernenergie zu erreichen?

Woste
: Es wird schwieriger. Wir werden die Reaktoren vor allem durch den Ausbau der erneuerbaren Energien, durch hocheffiziente Gas- und Kohlekraftwerke und steigende Energieeffizienz kompensieren müssen. Dies wird vermutlich zunächst zu einem Anstieg der CO2-Emissionen führen. Wohlgemerkt: Der EU-weite Emissionshandel setzt eine Obergrenze. Es wird also in Europa nicht mehr CO2 in die Luft geblasen, aber die Preise für die Zertifikate werden durch die Entwicklung in Deutschland steigen. Dadurch könnte sich der Strompreis für private und industrielle Endkunden erhöhen.

Wohin klettern die Strompreise in Deutschland künftig?


Woste
: Das ist heute noch nicht abzusehen. Wir werden gegenläufige Effekte beobachten: Steigende Strompreise bei gleichzeitig sinkendem Stromverbrauch und eine zurückgehende Rechnung für Importkohle. Dadurch könnten sich die Stromkosten am Ende stabilisieren. Bei den stromintensiven Unternehmen, etwa Kupfer- und Aluminiumhütten, muss man natürlich Lösungen finden, um den Effekt steigender Preise abzufedern.

Wie hoch ist in Deutschland das Einsparpotential beim Stromverbrauch?

Woste
: Nehmen Sie als konkretes Beispiel die elektronisch geregelte Umwälzpumpe der Heizungsverteilung im Gegensatz zu einer ungeregelten Umwälzpumpe: Dadurch kann ein privater Haushalt im Jahr bis zu fünf Prozent Strom einsparen. Großes Reduktionspotential, von circa 22 Milliarden Kilowattstunden pro Jahr, steckt im Standby-Betrieb von Fernsehern, Hifi-Anlagen und Elektrogeräten.

Bei der Energiewende will die Bundesregierung den Ausbau Erneuerbarer Energien forcieren. Deren Anteil am Stromverbrauch soll sich bis 2020 auf 35 Prozent verdoppeln, und bis 2050 gar auf 80 Prozent anwachsen. Sind diese Ziele realistisch?

Woste
: Ja, das sind sie. Allerdings stellt sich dabei eine Gretchenfrage: Wollen wir Marktwirtschaft oder dauerhafte Subventionen? Das Erneuerbare Energien Gesetz (EEG) garantiert Betreibern von Wind- und Solaranlagen feste Einspeisevergütungen, komme was wolle. Mit diesem System werden wir ernste Schwierigkeiten bekommen, wenn der Anteil Erneuerbarer tatsächlich so stark wächst wie politisch geplant.

Was ist zu tun?

Woste
: Ein Schritt in die richtige Richtung ist die optionale Marktprämie, die Umweltminister Norbert Röttgen in der EEG-Novelle verankern will. Dadurch wird nachfrageorientierte Erzeugung von regenerativem Strom belohnt. Der Anlagenbetreiber, also zum Beispiel der Besitzer eines Wasserkraftwerks, wird durch die Prämie animiert, den Strom dann zu erzeugen, wenn er tatsächlich benötigt wird.

Kann auch ein Hausbesitzer mit Photovoltaik-Anlage auf seinem Dach diesen neuen Mechanismus nutzen?

Woste
: Er allein wohl eher nicht. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass etwa ein Stadtwerk vor Ort den PV-Anlagenbesitzern anbietet, ihren Solarstrom gebündelt zu vermarkten. Noch ist das freilich Zukunftsmusik. Wir müssen abwarten, wie die optionale Marktprämie in der Praxis wirkt – und daraus lernen. Ich rechne mit einer steilen Lernkurve und entsprechender Nachbesserung.

Wie sollte es in Deutschland mit der Förderung der Photovoltaik weiter gehen?

Woste
: Wir müssen uns stärker auf Forschungsförderung konzentrieren. Bei der Produktion technisch ausgereifter Module werden Schwellenländer wie China und Indien immer Kostenvorteile gegenüber Deutschland nutzen können. Mit unseren üppigen Einspeisevergütungen haben wir letztlich Anreize für Produktionsaufbau in Schwellenländern gesetzt. Und so wirbt heute zum Beispiel ein großer chinesischer Modulhersteller auf dem Münchner Flughafen für seine Produkte. Das ist an sich nichts Schlimmes. Deutsche Produzenten müssen aber darauf achten, dass sie technologisch immer ein bisschen mehr zu bieten haben – sonst werden sie vom Markt verschwinden.

Was heißt das konkret?

Woste
: Wir müssen bei der Entwicklung der sogenannten dritten Photovoltaik-Generation die Nase vorn haben. Die Dünnschichttechnologie bietet großflächige Anwendungen etwa auf Fassaden zu günstigen Produktionskosten. Wenn wir bei der dritten Generation erfolgreich sind, dann sind im Rückblick auch die hohen Einspeisevergütungen für die technisch bereits ausgereiften Module der ersten Generation vertretbar – als Anschub für den Aufbau einer Zukunftsbranche.

Fluktuierender Solarstrom belastet das Stromnetz, ebenso wie Windstrom. Biogas soll dieses Problem lindern. Ist die geplante Flexibilitäts-Prämie für Biogasanlagen ein guter Lösungsansatz?

Woste
: Durchaus, denn Biogasanlagen sind grundlastfähig und können damit Systemverantwortung übernehmen. Bei Windflaute und Wolken können sie in die Stromproduktion einsteigen und fehlenden Wind- und Solarstrom kompensieren. Die Flexibilitäts-Prämie dient also dazu, ähnlich wie die optionale Marktprämie, den Strom in erster Linie dann zu produzieren, wenn er tatsächlich gebraucht wird. Gerade vor dem Hintergrund des Atomausstiegs brauchen wir solche Anreize, die im Ergebnis zu mehr Netzstabilität führen.

Brauchen wir zu diesem Zweck nicht auch mehr Stromspeicher?

Woste
: Unbedingt. Wir appellieren an die Bundesregierung, sich beispielsweise stärker mit dem Thema Power to Gas auseinanderzusetzen. Dabei wird überschüssiger Strom in Wasserstoff oder Methan verwandelt und dann im vorhandenen Erdgasnetz gespeichert. Diese Technik ist seit Jahrzehnten bekannt, wird bislang aber nicht eingesetzt – weil sie sich nicht rechnet.

Wie kann Methanisierung wirtschaftlich werden?

Woste
: Zunächst brauchen wir Demonstrationsanlagen. Deren Bau sollte die Bundesregierung fördern. Wir müssen den Nachweis erbringen, dass diese Technik, die ja im Kleinen funktioniert, auch für den großflächigen Einsatz taugt. Vielleicht sind solche Großanlagen ohne Subventionen marktfähig. Vielleicht auch nicht, dann müsste die Bundesregierung auch hier finanzielle Anreize setzen, damit Methanisierung in der Energiewirtschaft auf breiter Front zum Einsatz kommt. Sie ist für mich integraler Bestandteil der Energiewende.

Apropos Energiewende: Vor einem Jahr haben Sie ihr Amt als Präsident des Branchendachverbandes BDEW angetreten. Inzwischen hat die schwarz-gelbe Bundesregierung unter Kanzlerin Merkel das Ende der deutschen Kernkraftwerke bis zum Jahr 2022 und eine radikale Energiewende beschlossen. Hätten Sie bei ihrem Amtsantritt mit solch einer Entwicklung gerechnet?

Woste:
Nein. Die schrecklichen Ereignisse in Fukushima konnte ja niemand vorhersehen. Die in Deutschland darauf folgende Debatte um den Atomausstieg war in ihrer Heftigkeit so nicht zu erwarten gewesen. Insofern war mein erstes Jahr als BDEW-Präsident eine Zeit mit großen Herausforderungen. Ich möchte mich bei allen haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den Verbandsgremien bedanken. Sie haben unter hohem Zeitdruck exzellente Arbeit geleistet und dafür gesorgt, dass die Bundesregierung unsere Konzepte in hohem Maße mit berücksichtigt. An unserem Beschluss zum Atomausstieg haben Energieversorger aller Größen mitgewirkt, und ich will gar nicht verhehlen: Es war ein Prozess, der alles andere als einfach war. Am Ende ist der Beschluss mit überwältigender Mehrheit gefasst worden.

Es gibt Brancheninsider, die behaupten, dass sich der BDEW von dieser Zerreißprobe, dem Verbandsbeschluss zum Atomausstieg, nicht erholen wird. Insbesondere die beiden Platzhirsche Eon und RWE scheinen bereits heute ihre Interessen lieber selbst in Berlin zu vertreten, als sie über den BDEW an die Politik heranzutragen...

Woste
: Wenn es den BDEW nicht gäbe, müsste man ihn jetzt erfinden. Wir sind der einzige Verband, dem die Integration sehr verschiedener energiewirtschaftlicher Interessen gelingt - und das gerade nicht auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner. Der Umbau des Energiesystems birgt viele schwierige Probleme. Daher ist die Bundesregierung auf einen seriösen Berater in technischen und wirtschaftlichen Fragen unbedingt angewiesen. Diese Funktion wird der BDEW in Zukunft mehr denn je ausfüllen.

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014