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Interview

„Neue Geschäfts- felder besetzen“

Gasag-Vorstand Prohl über die Vorteile dezentraler Erzeugung.

„Neue Geschäfts- felder besetzen“ „Neue Geschäfts- felder besetzen“
ENERGLOBE.DE, Denny Rosenthal

Gasag-Vorstand Andreas Prohl über die Vorteile dezentraler Erzeugung von Strom und Wärme, Handlungsoptionen für kleine und mittlere Player in einem schrumpfenden Markt und die politischen Weichen für die Energieversorgung der Zukunft.

Herr Prohl, die Gaswirtschaft kommt im Energiekonzept der Bundesregierung nur am Rande vor. Wirtschaftsstaatssekretär Jochen Homann sagte kürzlich, darüber möge sich die Branche doch freuen, denn es bedeute, dass der Erdgasmarkt offenbar funktioniere. Freuen Sie sich?

Andreas Prohl: Ich hätte mich mehr gefreut, wenn die Äußerung von Herrn Homann auch in das Konzept aufgenommen worden wäre – denn so kann es leicht zu Missverständnissen kommen. Gas wird nicht nur in der Wärme-, sondern auch in der Stromerzeugung künftig eine Rolle spielen müssen. Einerseits aufgrund der Volatilität bei der Stromerzeugung mit Erneuerbaren Energien und andererseits aufgrund der Unsicherheit, wie lange die Umstellung der Versorgung auf Erneuerbare dauern wird.

Insgesamt ist es jedoch zu begrüßen, dass jetzt endlich ein Energiekonzept auf dem Tisch liegt. Positiv ist auch, dass darin eine sehr anspruchsvolle Zielsetzung für die zunehmend wichtige Rolle der Erneuerbaren Energien formuliert wird.

Ich bedauere allerdings, dass die Laufzeitverlängerung so sehr im Vordergrund des Konzeptes steht. Sie hat insbesondere bei Unternehmen unserer Größe – also vor allem bei Stadtwerken – zu Enttäuschung geführt. Denn diese haben auch auf der Grundlage des Ausstiegsbeschlusses Investitionen für zusätzliche Kraftwerkskapazitäten geplant und teilweise bereits realisiert.

Hat die Gaswirtschaft keine Lobby in Berlin?

Prohl: Es gibt sehr wenige Unternehmen, die ähnlich wie die Gasag aufgestellt sind. Die großen Konzerne, die in jedem Geschäftsfeld tätig sind, haben zwar auch Gasinteressen, ihren Schwerpunkt jedoch meist im Stromgeschäft. Die Stadtwerke haben in der Breite vielleicht noch nicht ganz erkannt, wie wichtig das Thema Gas für sie ist. Die großen Stadtwerke, die ihre Stimmen als 8KU bündeln, haben in der Diskussion um das Energiekonzept auch sehr stark das Stromerzeugungsthema gepusht. Und die vielen mittleren und kleinen Stadtwerke, deren Ergebnisse viel stärker vom Gas abhängen als vom Strom, haben nicht genügend Lobby zusammengebracht, um ihre Interessen vorzutragen. Diese Stimme war einfach nicht stark genug und diejenigen, die die Kraft haben, sich öffentlich wirklich bemerkbar zu machen, hatten andere Schwerpunkte.

Aber langfristig ist es doch so, dass der Kernmarkt der Gaswirtschaft schrumpft?

Prohl: Unser Kernmarkt, der Wärmemarkt, ist rückläufig. Langfristig wird die Bedeutung von Gas im Wärmemarkt dramatisch zurückgehen. Allerdings sind kleine dezentrale Erdgasanlagen auf einen Betrieb von 20 Jahren ausgelegt. Das heißt, wir müssen noch zweimal den gesamten Bestand erneuern und dann erst ist Stichtag. In einem schrumpfenden Markt müssen Unternehmen sich nach neuen Geschäftsfeldern umschauen. Über Energiedienstleistungen rund um den Wärmemarkt, beispielsweise Bau, Betrieb und Wartung von energieeffizienten Anlagen, neues Geschäft aufzubauen, halte ich für sehr effektiv. Investitionen in diesen Bereich überfordern auch kleine Stadtwerke nicht.

Auch die Gasag investiert in dieses Geschäftsfeld. Warum?

Prohl: Der Vorteil der dezentralen Anlagen ist die bereits bestehende Versorgungsinfrastruktur. Wir haben kein großes Genehmigungsproblem. Wir werden auch in der Anfangszeit mit der aufnehmenden Infrastruktur kein Problem haben, denn die geht ja über Selbstversorgung – Überflussstrom – ins Netz. So können wir ohne gigantische Einstiegsinvestitionen, ein neues Geschäftsfeld besetzen.

Man muss diesen Prozess aber auch starten, um die Geräteindustrie für diesen Markt zu interessieren. Im Moment haben wir relativ geringe Stückzahlen bei kleinen Anlagen, was dazu führt, dass die spezifischen Kosten vergleichsweise hoch sind. Wenn aber beispielsweise Volkswagen, die gemeinsam mit Lichtblick Blockheizkraftwerke für Einfamilienhäuser anbieten, mit einer Stückzahl von 100.000 mittelfristig kalkulieren kann, lassen sich große Kostensenkungseffekte erzielen. Es ist eine faszinierende Idee, diesen Markt zu entwickeln, der ja auch kein isolierter deutscher Markt bleiben wird. Ich bin fest davon überzeugt, dass das seinen Platz finden wird.

Die Gasag will auch in die dezentrale Stromerzeugung aus Gas einsteigen. Wie gehen Sie da vor?

Prohl: Wir wollen erst mal mit dem Know-how, das wir im KWK-Bereich haben, in den Markt einsteigen. Wir starten jetzt mit einem relativ begrenzten Investitionsrisiko, gehen mit unserem Produkt auf die Wohnungswirtschaft zu und hoffen auf regen Zulauf. Wenn es diesen Zulauf nicht gibt, haben wir keine Vorinvestitionen in Erzeugungsanlagen. Die dafür nötige Infrastruktur unterhalten wir ohnehin für unser reguläres Gasgeschäft. Unser Risiko ist also relativ gering. Wir können das Geschäft sukzessive aufbauen und an die Akzeptanz der Kunden anpassen.

Wir sehen da einen klaren Trend: Die Menschen sind durchaus bereit, einen angemessenen Strompreis zu zahlen, wenn sie sehen wofür. Je abstrakter die Idee des alternativen Stroms ist, desto schwieriger ist das Verkaufen. Aber so kann man einem Mieter sagen: Sie können dabei zusehen, wie in ihrem eigenen Keller Strom erzeugt wird, hocheffizient mit Kraft-Wärme-Kopplung. Dieses Angebot will die Gasag machen. Wenn die Marktentwicklung so läuft, wie wir uns das perspektivisch vorstellen, dann wird dieses Geschäftsmodell aufgehen. Denn dann bleiben die Gaspreise relativ stabil und wir haben den Vorteil der vermiedenen Netzentgelte. Diese werden auf jeden Fall steigen.

Die Berliner Politik diskutiert derzeit den Rückkauf der großen Versorgungsunternehmen, die in den 1990er Jahren veräußert wurden. Nimmt die Gasag diese Rekommunalisierungsbestrebungen ernst?

Prohl: Wir nehmen das sehr ernst, denn das ist ja keine Außenseitermeinung. Die Wahrnehmung der vergangenen Jahre ist, dass die großen privaten Energiefirmen sich mental zu weit entfernt haben von ihren wichtigsten Kunden. Auch die Laufzeitverlängerung ist ein ganz konkreter Ausdruck davon. Die Verlängerung der Laufzeiten für Kernkraftwerke wirkt, als habe da jemand einfach eine Rechenaufgabe gelöst, ohne zu bedenken, welche Reaktionen das auslösen wird. Dabei lebt die Energiewirtschaft doch genau von der Zusammenarbeit mit Politik und Bevölkerung auf der lokalen Ebene.

Weitere Informationen:

Internetauftritt der Gasag: www.gasag.de

Das Energiekonzept der Bundesregierung: www.bmwi.de

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014