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Erzeugung

Stadtwerke sind wieder wer

Ein Konsortium kommunaler Versorger übernimmt den fünftgrößten Stromerzeuger Deutschlands: die Evonik Kraftwerksparte Steag.

Stadtwerke sind wieder wer Stadtwerke sind wieder wer
ENERGLOBE.DE, Denny Rosenthal

Ein Konsortium kommunaler Versorger aus dem Ruhrgebiet übernimmt den fünftgrößten Stromerzeuger Deutschlands: die Evonik Kraftwerksparte Steag. Die Stadtwerke wollen durch eigene Erzeugung mehr Unabhängigkeit von den großen Stromkonzernen erlangen. Doch der Preis ist hoch: Dreistellige Millionenkredite sind für die Finanzierung des Deals nötig.

Die Stadtwerke wollen mehr. Sie wollen wieder mehr sein als reine Verteiler, die jene Energie, die sie bei den großen Energieversorgern einkaufen, mit kleinem Aufschlag an die Endkunden weitergeben. Nach der Übernahme der Thüga durch die Stadtwerke aus Hannover, Nürnberg und Frankfurt sowie einem Konsortium aus 45 kleineren Stadtwerken ist nun der nächste kommunale Coup geglückt. Sieben Stadtwerke aus dem Ruhrgebiet haben den Zuschlag für die Mehrheit an der Kraftwerksparte Steag des Evonik-Konzerns erhalten – den fünftgrößten Stromerzeuger in Deutschland.

Steag-Kauf zeugt von neuem Selbstbewusstsein

Die Steag betreibt im Inland elf Kraftwerke sowie drei weitere in der Türkei, in Kolumbien und auf den Philippinen - die meisten davon Steinkohlekraftwerke. Die Versorger der Ruhrgebietsstädte Duisburg, Essen, Bochum, Oberhausen, Dinslaken und Dortmund übernehmen nun 51 Prozent des Stromerzeugers und zahlen dafür Verhandlungskreisen zufolge 649 Millionen Euro.

„Dass sich ein Stadtwerke-Konsortium um die Steag bewirbt ist ein Zeichen für das stärkere Selbstbewusstsein der Kommunalen“, sagt Hans-Joachim Reck, Hauptgeschäftsführer des Verbands kommunaler Unternehmen (VKU). Die Stadtwerke versorgten bundesweit mehr als 50 Prozent der Bevölkerung, hätten aber lediglich einen Anteil von 10 Prozent der Stromerzeugung. „Insofern ist es nur konsequent, wenn Stadtwerke ihre Eigenerzeugung stärken wollen“, so Reck.

Ziel ist eine größere Unabhängigkeit: „Wir – also das Stadtwerke-Konsortium – wollen uns mit dem Erwerb mittelfristig zum bedeutendsten kommunalen Energieerzeuger entwickeln“, sagt Hartmut Gieske, Vorstand der Energieversorgung Oberhausen (evo). Damit wären die beteiligten Versorger „ein Stück weit unabhängiger von stark schwankenden Preisen bei Strom und Erdgas.“

Auch andere Stadtwerke setzen auf Erzeugung

Eine ähnliche Strategie verfolgen beispielsweise auch die Stadtwerke München (SWM), die über ihre Tochter Bayerngas Norge in Norwegen ihr eigenes Gas fördern. Erklärtes Ziel der SWM ist es, ihre Heizgaskunden im Raum München und Umgebung bis 2014 unabhängig von russischem Gas aus eigenen Quellen zu versorgen. Auch Trianel, 1999 zunächst als Einkaufsgemeinschaft von mehr als 45 kommunalen Versorgungsunternehmen gegründet, setzt mittlerweile auf Erzeugung und betreibt ein Gas- und Dampfturbinenkraftwerk. Der Bau zweier Kohlekraftwerke sowie eines Offshore-Windkraftparks ist in Vorbereitung.

Auch die Politik hat sich offenbar von der Maxime „privat vor Staat“ verabschiedet. Die rot-grüne Landesregierung in Nordrhein-Westfalen ändert derzeit das restriktive Gemeindewirtschaftsrecht, das den Stadtwerken eine überörtliche Betätigung bislang extrem erschwert hat. Branchenkennern zufolge war dies auch ein Grund dafür, dass sich 2009 kein großes Stadtwerk aus NRW beteiligt hat als Eon die Thüga, in der Beteiligungen an knapp 100 Stadtwerken gebündelt sind, an ein kommunales Konsortium veräußerte.

Kritiker verweisen auf hohe Risiken

An der Übernahme der Steag gibt es allerdings auch Kritik. Die FDP moniert beispielsweise, dass die Finanzierung des Deals in zu großem Maße auf Krediten basiere. Medienberichten zufolge finanzieren die Stadtwerke 70 Prozent des Deals über Fremdkapital. Zudem will Evonik in drei bis fünf Jahren auch die übrigen 49 Prozent der Steag verkaufen und räumt dem Mehrheitseigner dafür eine Put-Option ein. Gegebenenfalls kämen also weitere Kosten auf das Konsortium zu. Denkbar wäre allerdings auch, dass noch weitere Partner mit an Bord kommen.

Die Kommunen haben bis Mitte 2011 Zeit, in den Stadträten die Beschlüsse über den Zukauf der restlichen 49 Prozent einzuholen. Der Evonik-Aufsichtsrat und das Kuratorium der RAG-Stiftung, müssen den Verkauf an die Stadtwerke noch billigen. Auch die Zustimmung der Stadträte in Dinslaken, Dortmund und Bochum über den Kauf der 51 Prozent Steag-Mehrheit stehen noch aus. Dennoch sollen die Verträge bereits Mitte Dezember – unter Vorbehalt der ausstehenden Zustimmungen – unterzeichnet werden und die Übernahme der Steag zu Ende Januar 2011 erfolgen, so Verhandlungskreise.

Das Stadtwerke-Konsortium gibt sich in Bezug auf die Risiken der Übernahme selbstbewusst. Dem Kaufangebot lägen eigene Modellrechnungen zugrunde, heißt es in einem Statement. „In der Tat wollen wir mittel- und langfristig mit dem Steag-Einstieg Geld verdienen“, so evo-Vorstand Gieske. Sollte dies gelingen, könnte die Dominanz der Stromriesen Eon und RWE auf dem deutschen Energiemarkt zumindest ein wenig ins Wanken geraten.

Weitere Informationen:

Homepage des Evonik Konzerns: www.evonik.de

Homepage der Thüga: www.thuega.de

Homepage der Stadtwerke München-Tochter Bayerngas Norge: www.bayerngasnorge.com

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014