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Exploration

Upstream in die Unabhängigkeit

Mit Erdgasförderung wurde in den letzten Jahren weltweit satte Erlöse erzielt. Sollten nun auch Stadtwerke in das Geschäft investieren?

Upstream in die Unabhängigkeit Upstream in die Unabhängigkeit
energlobe.de, Maud Radtke

Ein großer Teil von München liegt am Alpenrand, ein kleiner Teil liegt unter der Meeresoberfläche, auf dem Grund der Nordsee. Dort fördern die Stadtwerke München (SWM) über ihre Tochter Bayerngas Norge seit kurzem ihr eigenes Erdgas und Erdöl.

Damit sind die Münchener – im Verbund mit der Bayerngas, über die auch die Stadtwerke Augsburg, Ingolstadt, Regensburg und Landshut beteiligt sind – die ersten kommunalen Versorger, die in das Explorations- und Produktionsgeschäft eingestiegen sind. Erklärtes Ziel der SWM ist es, ihre Heizgaskunden im Raum München und Umgebung bis 2014 unabhängig von russischem Gas aus eigenen Quellen zu versorgen.

Gute Margen in der Erzeugang

Natürlich wollen die Stadtwerke dabei auch von den attraktiven Margen profitieren, die weltweit in den vergangenen Jahren mit der Erzeugung und Produktion erzielt wurden. So betont SWM-Chef Kurt Mühlhäuser, dass die Stadtwerke auch bei ihren Upstream-Aktivitäten den Anspruch haben, „eine gewisse Rendite nach Steuern zu erzielen, die das Unternehmen SWM insgesamt wirtschaftlich stabilisiert“.

Im klassischen Geschäft der deutschen Stadtwerke, dem Vertrieb an den Endkunden, sind die Margen in den vergangenen Jahren immer mehr unter Druck geraten. Hauptgrund hierfür ist die von der Bonner Bundesnetzagentur verordnete Deckelung der Netznutzungsentgelte, die Versorger für die Durchleitung von Strom oder Gas durch ihr Leitungsnetz verlangen dürfen. Die niedrigeren Netzentgelte schlagen sich unmittelbar in der Profitabilität der Stadtwerke nieder, denen die lokalen Netze gehören. Sie kämpfen zudem mit zu hohen Personalkosten und den Forderungen ihrer oftmals klammen kommunalen Eigner. 

Dass auf dem Energiemarkt die besten Margen mittlerweile in der Erzeugung zu erzielen sind, haben viele Stadtwerke längst erkannt und sind über Beteiligungen an Kraftwerken in die Stromproduktion eingestiegen. Doch die Hemmschwellen für einen Einsteig in die Erdgasexploration und -produktion sind hoch. „Grundsätzlich ist es ein interessanter Ansatz die Kontrolle von der Produktion bis zum Endkunden zu übernehmen“, sagt Josef Auer, Energieexperte bei Deutsche Bank Research: „Aber unter einem Investitionsbetrag von einer Milliarde Euro, macht es keinen Sinn.“ Außerdem bräuchten Neueinsteiger einen Partner der das Geschäft beherrscht, denn gerade im Upstream-Bereich komme es besonders auf das Know-how an. 

Hohe Investitionskosten beim Markteintritt

Die SWM und ihre Partner haben den Investitionsrahmen der Bayerngas Norge in den vergangenen vier Jahren sukzessive von 300 Millionen Euro auf derzeit 1,5 Milliarden Euro erhöht. Bislang sind 680 Millionen Euro an das 2006 gegründete Tochterunternehmen mit Sitz in Oslo geflossen, weitere 300 Millionen Euro sollen bis Ende des Jahres folgen. Nach dem Mehrheitseigner Stadtwerke München mit 61,4 Prozent ist die Bayerngas GmbH mit 31,5 Prozent zweitgrößter Geldgeber. Über die Bayerngas GmbH sind neben den SWM auch die Stadtwerke Augsburg, Landshut, Ingolstadt und Regensburg indirekt an dem Geschäft in Norwegen beteiligt.

Mit dem Geld hat sich Bayerngas Norge in alle Stufen des Wertschöpfungsprozesses eingekauft, das heißt die Firma ist nun gleichzeitig in der Exploration, in der Erschließung von Funden für die kommerzielle Nutzung sowie in der laufenden Produktion aktiv. Bayerngas Norge ist bislang an zehn Feldern beteiligt, von denen bis Ende 2010 drei in Produktion sein werden, und hält 44 Explorationslizenzen.

„Es nützt nichts nur ein einziges Öl- oder Gasfeld zu kaufen, das ist wie Poker“, erläutert Mühlhäuser die Strategie: „Wenn ich das Risiko minimieren will und überhaupt noch etwas bewirken möchte, dann muss ich etwa in der Größenordnung investieren, wie das bei Bayerngas Norge gemacht wurde.“ Zudem beteilige sich die norwegische Tochter nur anteilig und gemeinsam mit renommierten und erfahrenen Partnern an Lizenzen.

Kompetenz ist entscheidend

Eine entscheidende Weichenstellung für das künftige Wachstum der Bayerngas Norge sei durch die Übernahme von PA Resources Norway Anfang 2009 gelungen. „Wir haben nicht nur Felder und Explorationslizenzen bekommen, sondern auch ein Team gekauft, das uns jetzt entscheidend hilft“, sagt Mühlhäuser.

Ein professionelles Team aus kompetenten Geologen, Geophysikern und Ingenieuren zusammenzustellen, ist deshalb so entscheidend, weil der norwegische Staat Explorationslizenzen nach Kompetenz zuteilt. Die Lizenzen sind kostenlos, die Firma mit dem schlüssigsten Antrag erhält den Zuschlag. Auch aus finanziellen Gründen ist eine zuverlässige Analyse der seismischen Daten entscheidend, denn eine  Explorationsbohrung mehrere Kilometer unterhalb des Meeresbodens kostet ab 30 Millionen Euro aufwärts.

Innerhalb der Branche ist es daher üblich, dass mehrere Firmen sich zusammentun, gemeinsam Lizenzanträge einreichen und sich anschließend die Kosten für die Explorationsbohrungen auf den zugeordneten Feldern teilen. Doch auch hier gilt: Wer mitmischen will, braucht ein starkes Team. „Die Guten suchen sich die Guten, niemand tut sich mit einem schwachen Partner zusammen“, sagt Bayerngas Norge-Geschäftsführer Arne Westeng.  

Mit dem Norweger hat Bayerngas Norge einen Mann an der Spitze, der als ehemaliges Mitglied der staatlichen norwegischen Gasexportorganisation von Anfang an Insiderwissen nach München weitergeben konnte. Er informierte seine Geldgeber in Bayern kontinuierlich über den Markt, insbesondere über geeignete Übernahmekandidaten. So konnte der Aufsichtsrat schnell handeln, als sich die Gelegenheit zum Kauf von PA Resources Norway ergab – eine Firma, die zum Zeitpunkt der Übernahme mehr Angestellte hatte als Bayerngas Norge selbst.

Gutes Timing

Auch die Finanzkrise kam Bayerngas Norge beim Markteintritt zur Hilfe. Der niedrige Ölpreis, die Kreditklemme und der Ausfall der Märkte als Kapitalgeber brachten einige Firmen in Schwierigkeiten. Diese Chance hat Bayerngas Norge genutzt und in Norwegen Dänemark und Großbritannien günstig zugekauft. „Es war pures Glück, dass die Finanzkrise kam, denn so konnten wir angreifen als andere Probleme hatten. Im heutigen Geschäftsumfeld hätten wir PA Resources niemals übernehmen können“, so Westeng.

Haben andere deutsche Stadtwerke also die Chance verpasst, in das Geschäft mit der Erdgasexploration und -produktion einzusteigen? „Solche Phasen kommen immer wieder“, sagt Mühlhäuser, betont aber auch, dass Neueinsteiger durchaus manchmal zehn  Jahre warten müssten, bis sie in einem pessimistischen Geschäftsumfeld günstige Kaufgelegenheiten bekämen. „Wir haben Glück gehabt, dass dies relativ zeitnah zu unserer Gründung eingetroffen ist“, so der SWM-Chef.

Dieses Glück wollen die Münchner vorerst nicht mit weiteren Partnern neben den bereits bestehenden teilen. Er könne derzeit nicht erkennen, dass ein zusätzlicher Partner beim Norwegen-Engagement eine wesentliche Verstärkung darstellen würde, so Mühlhäuser.

Dabei gäbe es durchaus Interessenten. Trianel, die Aachener Kooperationsgesellschaft von rund 40 kommunalen Versorgern, erwägt einen Einstieg in das Explorations- und Produktionsgeschäft. „Wir prüfen das sehr ernsthaft – sowohl die Variante mit einem Partner als auch allein“, sagt ein Unternehmenssprecher. Eine Entscheidung werde bis Mitte des Jahres getroffen. 

Andere deutsche Stadtwerke ziehen nicht nach

Andere große Stadtwerke scheinen im Moment kein Interesse an einem Engagement im Upstream-Geschäft zu haben. Für die Mannheimer Stadtwerke sei dies derzeit keine  strategische Option, sagt MVV-Chef Georg Müller. Bei den Stadtwerken Hannover, Nürnberg und Frankfurt scheint ein solcher Schritt in naher Zukunft ebenfalls unwahrscheinlich, da die drei 2009 gemeinsam mit einem Konsortium aus 45 kleinen Stadtwerken für 2,9 Milliarden Euro die Thüga übernommen haben. In der Thüga sind Beteiligungen an gut 90 kommunalen Energie- und Wasserversorgungsunternehmen gebündelt.

Ein Grund für die Zurückhaltung könnte auch der niedrige Gaspreis sein. „Momentan sind  wir in einer Phase des Gas-Überschusses, so dass auch Stadtwerke – sofern sie nicht durch Langfristverträge gebunden sind – bei den großen Versorgern oder an den Spot-Märkten günstig einkaufen können“, erläutert Energieexperte Auer. Er erwartet allerdings, dass sich dies spätestens in fünf bis sechs Jahren wieder ins Gegenteil verkehrt, da der Gasabsatz auf den asiatischen Märkten immer mehr zunimmt.

Für Auer liegt das größte Risiko eines Stadtwerkes, das sein eigenes Gas fördert, in der künftigen Entwicklung des deutschen Endkundenmarktes. „Momentan ist es noch so, dass man Gas zu guten Preisen an die Endverbraucher verkaufen kann“, sagt Auer. Denn die große Mehrheit der deutschen Verbraucher mache bislang von dem Recht den Gasanbieter zu wechseln noch keinen Gebrauch. 

„Das größte Risiko ist mit Sicherheit immer das Endpreisrisiko“, weiß auch SWM-Chef Mühlhäuser. Er ist sich dennoch sicher, dass der Weg in den Upstream-Bereich im Prinzip richtig und auch für andere  kommunale Versorger gangbar ist. „Man muss ihn aber auch finanziell stemmen können“, betont er. Angesichts der Finanznot der meisten Kommunen und der deshalb eher knappen Eigenkapitalausstattung vieler Stadtwerke, zeigt ein Blick in die Bilanzen jedoch: Diesen Weg werden sich nur wenige leisten können.

Weitere Informationen:

Bayerngas Norge und Stadtwerke München

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014