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Stadtwerke

Vollkommen neue Partnerschaften

Die Zukunftschancen der Stadtwerke hängen von ihrer Fähigkeit ab, prinzipiell neu über Kooperationen nachzudenken

Vollkommen neue Partnerschaften Vollkommen neue Partnerschaften
Foto: Mainova

Vor der Energiewende gaben sich die Stadtwerke sehr kämpferisch gegen die Laufzeitverlängerung der Kernkraftwerke. Nach der Energiewende wurde sogar von der kommenden Ära der Stadtwerke gesprochen. Momentan klingen die Statements eher verhalten. Was hat sich verändert?

Für uns war das kämpferische Auftreten gegen die Verlängerung der Laufzeiten von Kernkraftwerken eine wichtige Positionierung, weil wir - wie lange geplant - in neue Erzeugungskapazitäten investieren und unseren Marktanteil vergrößern wollten. Ich habe diese Position auch in Frankfurt schon sehr lange vertreten. Mir lag aber der Gedanke fern, danach würden paradiesische Zeiten für Stadtwerke anbrechen. Für uns ergeben sich heute Chancen, aber keine Automatismen. Denn die Rahmenbedingungen für alle Stufen der Wertschöpfung – wirklich alle, angefangen von der Erzeugung über die Netze bis hin zum Vertrieb – sind gegenwärtig durchaus schwierig und stellen oft bestehende Geschäftsmodelle in Frage. Im Vertrieb werden neue Vertriebsmodelle, neue Produkte und Dienstleistungen gesucht. In der Erzeugung müssen Kapazitäten geschaffen werden, aber Investitionsrisiken in fossile Kraftwerke sind gegenwärtig nicht kalkulierbar.

Das war doch aber vor der Energiewende nicht anders?

Die Situation hat sich schon verändert. Nach Fukushima hat sich der Großhandelspreis für Strom nicht substanziell stabilisiert. Bei gleichzeitig gestiegenen Rohstoffkosten sanken dadurch unsere Margen in der Erzeugung empfindlich. Zusätzlich verringert die Einspeisung der Erneuerbaren Energien die Laufzeit der Kraftwerke, und im Ergebnis macht es gegenwärtig wenig Sinn, in die fossile Erzeugung zu investieren. Das sah vor Fukushima etwas anders aus.

Wir haben zum Beispiel in Frankfurt für Investitionen in die Erzeugung rund 500 Millionen Euro vorgesehen, die wir jetzt vornehmlich für Erneuerbare Energien einsetzen werden.

Und wo ist dann das Problem? Diese Investitionen sind doch sehr übersichtlich kalkulierbar. 

Ich kann auch nicht behaupten, mit einer Situation unzufrieden zu sein, in der dezentrale Energieerzeugungsstrukturen aufgebaut werden können. Auch wir investieren in Photovoltaik. 

Das darf uns doch aber nicht immun gegen prinzipielle Überlegungen machen. Dazu zählen die Kosten der Energiewende. Unser momentaner Umgang mit der Photovoltaik ist gefährlich. Durch nationale Anstrengungen haben wir – etwas zugespitzt formuliert –  die Lernkurve, sprich die Kostendegression, der Photovoltaik insgesamt geschultert. Das haben unsere Bürger bezahlt. Ist es nicht aber an der Zeit, dass für die Energiewende Anreizsysteme gefunden werden, welche konsequent die wirtschaftlichsten Lösungen fördern? 

Die da wären?

Vor allem Kraft-Wärme-Kopplung. Und hocheffiziente Gaskraftwerke. Es ist gut, in Erneuerbare Energien zu investieren. Ich bedaure aber zugleich, nicht auch in Kraft-Wärme gekoppelte Gaskraftwerke investieren zu können, weil die Rahmenbedingungen fehlen, Stichworte KWK-Gesetz und unwirtschaftliches Marktszenario.

In diesem Zusammenhang wird sehr intensiv um das Für und Wider eines Kapazitätsmarktes gestritten. Welche Position vertreten Sie?

Mir ist wichtig, im Erzeugungsbereich nach einer Anlaufförderung wieder eine Marktsituation herzustellen. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) ist solch eine Anlaufförderung, die den Markt aktuell deutlich einschränkt. Das ist eine bekannte Art der Förderung, die es in Deutschland auch für die Atomenergie gegeben hat. Die Förderung neuer Technologien durch Einschränkungen des Markts ist also nicht neu, wobei man damals im Übrigen nicht von Markt reden konnte. 

Heute ist nach meiner Auffassung unbedingt am Zielszenario Markt festzuhalten. Kapazitätsmärkte sollten über Anreizsysteme verfügen, die den Markt auf keinen Fall außer Kraft setzen. Dafür ist aber leider noch kein überzeugendes Modell auf dem Tisch. Ein Marktdesign, welches umgekehrt die Erzeugung einer umfassenden und nachhaltigen Regulierung unterwirft, ist für mich kontraproduktiv. 

Wird man auch noch in Zukunft von den Kernkompetenzen der Stadtwerke sprechen, oder wird es, wie jemand aus den Reihen der Stadtwerkechefs vor kurzem formulierte, keine ewigen Kernkompetenzen, sondern nur noch die Markennamen von Stadtwerken geben, hinter denen sich die unterschiedlichsten Strukturen befinden?

Die Entwicklung unserer Verteilnetze wird auch weiterhin zu unseren Kernkompetenzen zählen. Die für die Verteilnetze notwendige technische Kompetenz ist den Stadtwerken schwer streitig zu machen. Auch der Vertrieb mit seiner Nähe zum Kunden gehört zu unseren starken Seiten. 

Was mir aber in der gegenwärtigen Diskussion um Kernkompetenzen auffällt, ist die sehr fragwürdige Gleichsetzung von Kernkompetenz und Ausschließlichkeit. Dahinter steckt der Gedanke, in den Bereichen mit Kernkompetenz nicht kooperieren zu müssen, um die Wertschöpfung allein zu realisieren. Ich bin im Gegenteil der Meinung, im Vertrieb und in der Produkt- und Dienstleistungsentwicklung sehr stark und breit zu kooperieren. Vereinfacht gesprochen würden wir wie beim Handy eine Plattform bilden, über die unterschiedlichste Leistungen auch Anderer angeboten werden können. Die Fähigkeit zu Partnerschaftsmodellen wird für künftige Erfolge und Entwicklungschancen ausschlaggebend sein, nicht nur für die Stadtwerke, auch für die großen Energieunternehmen – mit Kernkompetenzen allein ist es nicht mehr getan.

Kooperationen zwischen Stadtwerken gibt es doch schon?

Was vor uns steht, ist eine ganz andere Dimension von Partnerschaften und Kooperationen, sozusagen ohne irgendwelche Denkverbote. Ich spreche also nicht nur von Kooperationen in der Gruppe der Stadtwerke, sondern auch über Kooperationen mit den großen Energieunternehmen, mit Unternehmen des Kapitalmarkts und mit ganz neuen Anbietern, z.B. aus den Technologie-, IT- oder Telekommunikationsbranchen. Wieder etwas vereinfacht ausgedrückt, sollten die Stadtwerke nach meiner Ansicht nicht wie die deutschen Sparkassen unter sich bleiben wollen, sondern offen für neue innovative Partnerschaften sein.

Was sind neben dieser Perspektive die Aufgaben, die jetzt ganz unmittelbar zu lösen sind?

Bezogen auf die Verteilnetze ist es eine enorme Herausforderung, die dezentrale Energieerzeugung in die Netze einzubinden. Der Ausbau und Schutz sowie das Intelligentmachen dieser Netze stehen aber vor dem Hintergrund einer Regulierung, deren Renditevorgabe für diesen Ausbau unzureichend ist und eine Fehlallokation zu den Renditen bildet, die aus der Förderung der Erneuerbaren Energien resultieren. Diese Verzerrung des Förderregimes muss korrigiert werden, damit die in den Stadtwerken für die Netze durchaus bereitstehenden Investitionen zu rechtfertigen sind.

Im Bereich der Erzeugung stehen die Flächensuche für Onshore-Windkraftanlagen im Fokus und die Frage, wie man günstig in diese Anlagen investieren kann. Denn für viele Stadtwerke entsteht das Problem, zum Beispiel über die KfW Fremdkapital zu erhalten, aber zu wenig Eigenkapital aufbringen zu können. Hier führt der Weg nur über sinnvolle Kooperationen.

Für den Vertrieb wird es auch weiterhin darum gehen, die bewährte Nähe mit hinreichend großen Kundenzahlen zu verbinden. Hier steht die Aufgabe von Kooperationen auch ganz oben auf der Agenda.

Betrachtet man also das Gesamtbild der Stadtwerkelandschaft – sowohl aktuell, als auch in seiner Perspektive – zeigt sich die Notwendigkeit neuer Partnerschaftsmodelle in ihrer ganzen Dimension.

 

Seit 1. Januar 2012 ist Dr. Constantin Alsheimer als Vorstandschef der Mainova Koordinator der „8KU“, einer Vereinigung der acht größten deutschen Stadtwerke.

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014