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Interview

„Walk the Talk“

Enercity-Chef Feist über die Energiewende und Stadtwerke, die ihre Versprechen einlösen müssen.

„Walk the Talk“ „Walk the Talk“
ENERGLOBE.DE, Denny Rosenthal

Michael Feist ist seit 2004 Vorstandsvorsitzender der Stadtwerke Hannover (Enercity). Zuvor war der Energieexperte weltweit im Öl- und Gasmarkt tätig, etwa für den ExxonMobile-Konzern. Im ENERGLOBE.DE-Interview spricht Feist über die Zukunft der Stadtwerke und den Ausbau Erneuerbarer Energien.

Nach der Laufzeitverlängerung standen die Stadtwerke als Verlierer da. Sind sie nach dem von der Bundeskanzlerin verkündeten Moratorium wieder im Spiel?

Michael Feist: Nach dem rot-grünen Atomausstieg wollten sich die Stadtwerke als Wettbewerber auf dem Erzeugungsmarkt positionieren. Diese Chance wurde ihnen durch die Verlängerung der Laufzeiten genommen. Sie haben daher eine Reihe von neuen Kraftwerksprojekten ausgesetzt. Wenn die Laufzeiten für Kernkraftwerke jetzt doch kürzer werden, öffnet sich für Stadtwerke auch wieder das Erzeugungsfeld. Konkret können sie dann mehr Kraft-Wärme-gekoppelte Erzeugungsanlagen bauen und den Anteil von Fernwärme und Gas im Energiemix hochfahren.

Die Laufzeitverlängerung hat die Regierung Merkel letztlich nur mit den großen vier Betreibern Eon, RWE, Vattenfall und EnBW verhandelt. Wurden die Stadtwerke dabei hintergangen?

Feist: Ich glaube, dass die Bundesregierung hier dialektisch gehandelt hat: Auf der einen Seite beschwert sie sich über die Macht des Oligopols und den mangelnden Wettbewerb. Auf der anderen Seite findet sie, dass das Leben ohne Stadtwerke viel einfacher sein könnte, wenn weit reichende Entscheidungen anstehen. Ich glaube, man empfindet Stadtwerke als schwierig oder nicht systemrelevant. Obwohl wir doch aus Sicht der Kunden gute und nützliche Teilnehmer am Markt sind. Es hat meines Wissens keine fundierten Gespräche mit den Stadtwerken gegeben. Ob sich das jetzt ändert, müssen wir abwarten.

Meinen Sie, dass die Stadtwerke jetzt von der Bundesregierung in die Pflicht genommen werden, um die von der Kanzlerin verkündete Energiewende voranzutreiben?

Feist: Man darf das 'in die Pflicht nehmen' an dieser Stelle nicht mit Gefangennahme verwechseln. Klar ist: Wenn man als Stadtwerkegruppe auftritt und mehr Wettbewerb im Erzeugungsmarkt sowie den Ausbau der Erneuerbaren ankündigt, dann muss man auch zu seinem Versprechen stehen und damit anfangen. Anders gesagt: 'Walk the Talk'.

Ich bin überzeugt, dass Stadtwerkegruppen wie die Thüga oder die 8KU das notwendige Potenzial und insbesondere die Finanzkraft besitzen. Sie sind bereit, einen Beitrag zu leisten, wenn sich die Rahmenbedingungen nach Ende des Moratoriums als belastbar erweisen.

Für unser eigenes Haus kann ich sagen: Wir haben die Thüga gekauft und Kraftwerkskapazitäten aufgebaut. In den letzten zwei Jahren haben wir circa 750 Millionen Euro investiert; in den kommenden Jahren planen wir eine gute halbe Milliarde Euro in die Erneuerbaren zu investieren. Wir werden zur Finanzierung keine Desinvestitionen tätigen müssen, sondern können dies mit eigenen Finanzmitteln leisten.

Ob die Rahmenbedingungen stimmen, wird sich am Ende des Moratoriums an zwei wesentlichen Bausteinen zeigen: Der erste Punkt sind die 7.000 Megawatt der acht derzeit vom Netz genommenen Kernkraftwerke. Wenn die Politik entscheidet, dass diese für immer vom Netz gehen, dann haben wir eine belastbare Grundlage.

Die zweite Voraussetzung ist die Novellierung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG). Wenn wir stärker in Erneuerbare gehen wollen, müssen entsprechende Impulse gesetzt werden. Wir brauchen Anreize, die Erneuerbaren auszubauen und in den Markt zu integrieren.

Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Punkte bei der EEG-Novelle?

Feist: Wir müssen zu einer Kosteneffizienz der Förderung kommen, um auch die öffentliche Akzeptanz für das EEG als Werkzeug weiter zu erhalten. Das Beispiel Photovoltaik zeigt, wie mit massivem finanziellen Aufwand nur ein begrenzter Anteil von Erneuerbaren gefördert wird.

Zweitens brauchen wir Mechanismen für Bereitstellung und Einsatz von Regelenergie, um auf die fluktuierende Einspeisung aus den Erneuerbaren flexibel reagieren zu können. Erneuerbare werden nach meiner Ansicht nur Erfolg haben, wenn ihr Ausbau für den Kunden nicht mit Komfortverzicht verbunden ist.

Das setzt voraus, dass wir eine qualitativ hochwertige und zuverlässige Stromversorgung haben und dass die Netzstrukturen und die Regelbarkeit so stehen, dass jederzeit die sichere Versorgung gewährleistet ist.

Es gibt immer mal Tage wie im vergangenen Winter, als die Solarpanels mit Schnee bedeckt waren und nicht viel Wind wehte, an denen die Erneuerbaren nicht genug Strom einspeisen konnten. Dann ist es gut, wenn man ein konventionelles Kraftwerk hat, dass man hochfahren kann. Die Backup-Möglichkeit und die Ausregelmöglichkeiten für die Regenerativen müssen im Erzeugungspark geschaffen werden – neben dem Ausbau der Netze sind dies die wesentlichen Voraussetzungen.

Bei den Erneuerbaren werden auch Fragen zu den Förderstrukturen, zum Beispiel beim Offshore-Wind, zu lösen sein.

Was wir sehen ist, dass im Bereich Offshore, gemessen an den Risiken und Kosten der Investitionen, die Einspeisevergütung im Regelfall keine angemessene Rendite bringt. Und ich spreche nicht über zweistelligen Renditen. Wir sind hier im einstelligen Bereich noch zu niedrig.

Wie engagiert sich Enercity?

Feist: Wir sprechen bei uns über substanzielle Investitionen bis zum Jahr 2020 von rund 250 Millionen Euro Offshore-Wind, 200 Millionen Onshore-Wind und 100 Millionen Euro in Biomasse.

Wir fahren dabei ein abgestuftes Programm. Der Fokus liegt derzeit stark auf Biomasse. Über unser Tochterunternehmen in Potsdam betreiben wir 15 Biomasseanlagen und haben eine Produktion von 200 Gigawattstunden Grünstrom. Wir wollen die Kapazität aber noch substanziell erweitern, um auf 400 Gigawattstunden bis zum Ende dieses Jahres zu kommen.

Welche Rolle werden die Stadtwerke innerhalb der Kommunen auch im Hinblick auf die Politik einnehmen?

Feist: Ich denke, die unternehmerischen Anforderungen an Stadtwerke werden weiter zunehmen. Sie werden verstärkt von ihren kommunalen Eignern mit orientierten Strategien auf den Weg geschickt, weil die alten Modelle – Stadtwerke plus verschiedene andere Dinge wie zum Beispiel Bäder – die Entwicklung im Wettbewerb eher behindern. Das schließt nicht aus, dass es noch Querverbünde geben wird, wie etwa im öffentlichen Nahverkehr wo die Verluste verrechnet werden. Unternehmerisch erfordert die Entwicklung der Energieversorgung ein immer spezieller werdendes Know-how durch die zunehmende Regulierung. Das erzwingt eine stärkere marktorientierte Führung.

Weitere Informationen:

Die Internetpräsenz der Stadtwerke Hannover Enercity: www.enercity.de

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014