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Exklusiv

Bohren statt Bio

Während Deutschland den Ökovorreiter gibt, dreht sich auf dem Weltenergiegipfel im kanadischen Montreal alles um die Erschließung fossiler Energien.

Bohren statt Bio Bohren statt Bio
energlobe.de, Denny Rosenthal

Riesige Schiefergasfunde in den USA, Ölbohrungen in der Arktis, eine weltweite Renaissance der Kernkraft: Auf dem Weltenergiegipfel, dem wichtigsten Branchentreffen, zeichnete sich kein Ende des Zeitalters fossiler Rohstoffe ab. Das Thema Klimaschutz bleibt global gesehen auf Dauer im Abseits, meinen die Topmanager.

Diese Geschichte klingt zu schön um wahr zu sein: Der weltgrößte Ölkonzern aus dem Wüstenreich Saudi-Arabien will das Klima schützen. „Wir investieren hunderte Millionen Dollar in ein Projekt zur Abscheidung von Kohlendioxid aus den Abgasen unserer Raffinerien“, kündigte Khalid Al-Falih, Chef des staatlichen Ölkonzerns Saudi Aramco, auf dem Weltenergiegipfel vergangene Woche im kanadischen Montreal an. Das Treibhausgas werde zurück in die Lagerstätte verpresst, anstatt es in die Atmosphäre zu blasen. „So steigern wir nicht nur die Ölproduktion“, erklärt Al-Falih, „sondern schützen auch das Klima“.

Die Realität sieht düsterer aus. Durch die Verbrennung des zusätzlich geförderten Öles wird Saudi Aramco die vielfache Menge des Klimakillers produzieren. Der vollmundig angekündigte Klimaplan dient also allein der Energiegewinnung. Wieder einmal gibt es in dem Wettstreit zwischen Ökonomie und Ökologie nur einen Gewinner. Denn der Energiehunger der Welt ist scheinbar grenzenlos. Während das wohlhabende Deutschland den Ökovorreiter geben kann, investiert die große Mehrheit der Staaten in die ungebremste Ausbeutung fossiler Energien.

Ölfelder werden stärker ausgebeutet  

Weil die Ressourcen knapp werden und die Preise langfristig steigen, rentieren sich technisch aufwendige neue Fördertechniken zur Erschließung alternativer Quellen und das damit verbundene Risiko: Gas aus Schiefergesteinen in den USA, Öl aus unterirdischen Sandklumpen in Kanadas Boden oder neue Explorationsbohrungen nach dem schwarzen Gold in der Arktis. Die Sicherung des Status Quo war das dominierende Thema auf dem Weltenergiegipfel, dem wichtigsten Branchentreffen, das alle drei Jahre stattfindet. Klimaschutztechnologien wie Solarstrom oder Wind und Effizienzthemen spielten kaum eine Rolle.

Besonders heikel ist die künftige Entwicklung des Ölmarktes. Die Internationale Energieagentur hatte für dieses Jahr den Peak Oil vorhergesagt, also jenen Punkt, an dem die tägliche Förderrate nicht mehr gesteigert werden kann. Bis 2015 komme es zu einer massiven Verknappung und einem deutlichen Preisanstieg, hieß es. Doch davon ist in Montreal nichts zu spüren. „Öl reicht bei den derzeitigen Förderraten noch 80 Jahre“, beteuert Al-Falih. „Das wichtigste Mittel, das Ölangebot konstant zu halten, wird die Steigerung der Ausbeute bestehender Felder sein“, schätzt Professor Bernhard Cramer von der deutschen Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe. Kohlendioxid aus Anlagen zur Kohlendioxid-Abscheidung, kurz CCS, soll dabei eine entscheidende Rolle spielen. Der Klimakiller verflüssigt das Öl, erhöht den Druck im Reservoir und erleichtert so die Förderung.

Fast 200 neue Kernkraftwerke weltweit

Der wichtigste Rohstoff Kohle ist ohnehin im Überfluss vorhanden, vor allem in China und Indien. Kernenergie erlebt weltweit eine Renaissance. „59 Reaktoren sind derzeit im Bau und mehr als 140 in Planung“, sagt Luis Echavarri, Generaldirektor der Nuklearenergie-Agentur bei der OECD, im Gespräch mit energlobe.de. Die Anlagen seien sicher und das Problem der Endlagerung könne gelöst werden, lautet seine überraschende Erkenntnis. Die Politik müsse das der Bevölkerung nur klarmachen. „Gas ist durch die neuen Vorkommen im Schiefer noch 250 Jahre verfügbar“, sagt Peter Voser, Chef des Öl- und Gaskonzerns Royal Dutch Shell. Erdgas zu verstromen sei der schnellste und billigste Weg, die Treibhausgasemissionen um ein Fünftel zu reduzieren.

Der Anteil erneuerbarer Energien an der Stromerzeugung wird nach Angaben der Internationalen Energieagentur bis zum Jahr 2030 von derzeit weniger als 20 auf 22 Prozent. Doch die Kohlendioxid-Einsparungen würden zunichte gemacht durch den Anstieg der Energienachfrage um mindestens 40 Prozent. „Industrielles Wachstum kommt aus der Verfügbarkeit von Energie", sagt der Chef des staatlichen indischen Kohleförderers Northern Coalfields, Kumar Singh. „Kohle ist unser wichtigster Brennstoff“. „In den nächsten Jahrzehnten wird der globale Energiebedarf der Verbraucher zu vier Fünfteln aus Kohle, Gas und Erdöl gedeckt werden müssen“, meint Saudi-Aramco-Chef Al-Falih.

Eon-Chef fordert mehr Egoismus in der Klimadebatte

„Die Welt zerfällt in drei Lager“, konstatiert Johannes Teyssen, Chef des deutschen Energieversorgers Eon. Der durch die Politik forcierte Ausbau Erneuerbarer Energien bleibt auf Europa beschränkt, weil den Schwellen- und Entwicklungsländern das Geld dafür fehlt. Schwellenländer wie Indien oder China sind auf ihr Wachstum fokussiert, während bis zu zwei Milliarden Menschen in den Entwicklungsländer Zugang zu Energie fehlt. „Afrika ist nachts ein dunkler Kontinent", so Teyssen. Er glaube deshalb nicht an eine globale Lösung. RWE-Chefstratege Leonhard Birnbaum dazu: „Wir müssen anerkennen, dass die Prioritäten ganz unterschiedlich sind“. Für 90 Prozent der Teilnehmer an dem fünftägigen Kongress ist die Verfügbarkeit von Ressourcen wichtiger als das Thema Umweltschutz, ergab eine Umfrage der Veranstalter.

Wege aus dem Dilemma können die Topmanager nicht aufzeigen. Teyssen fordert einen radikalen Kurswechsel in der Politik. „Wir müssen die Klimadebatte zu einer egoistischen Debatte machen“, sagt er. Das Thema Energieeffizienz müsse stärker in den Fokus rücken. Denn wer Energie spart, profitiert direkt davon, und schützt damit das Klima. CO2-Vermeidung durch Investitionen in grüne Technik wie Solaranlagen oder Windrädern laden stattdessen zum Trittbrettfahren ein. Weil die Emissionsreduktionen allen zugute kommen, sinkt mit jeder Maßnahme der Anreiz für andere, Ähnliches zu tun. RWE-Manager Birnbaum hat jedoch „Zweifel, ob Effizienz so viel bringt“. Einsparungen würden durch Mehrverbrauch aufgefressen. So werde der notwendige Umstellung auf grüne Technologien nur hinausgezögert.

Finanzierung ist ein "gigantisches Problem"

Aber selbst in den Industriestaaten stockt die ökologische Modernisierung. Das liegt vor alllem daran, dass in Zeiten leerer Staatskassen und hochverschuldeter Unternehmen die Vorhaben nicht finanziert werden können. „Die Verfügbarkeit von Kapital ist ein gigantisches Problem“, sagt Teyssen. Die europäischen Versorger seien doppelt so hoch verschuldet wie der Rest der Industrie. „Wir sind die am höchsten verschuldete Industrie auf Mutters Erden“, erklärt der Eon-Chef. Das macht sich vor allem beim Netzausbau bemerkbar, der dreimal so kapitalintensiv sei wie der Kraftwerksbau. In Europa ist ein Supernetz geplant, das Mitteleuropa unter anderem mit den Windrädern in Nord- und Ostsee sowie Solaranlagen in Nordafrika verknüpfen soll. Außerdem beklagen die Bosse die fehlende Akzeptanz der Bevölkerung, etwa hinsichtlich Freileitungen für Strom. Teyssen: „Wir können nicht jedes Kabel unter die Erde bringen“.

Weitere Informationen:

Rede von Khalid Al-Falih von Saudi Aramanco, www.saudiaramanco.com

Rede von Peter Voser von Royal Dutch Shell, www.shell.com

Weltenergiekongress Montréal, www.wecmontreal2010.ca

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014