Sie benutzen einen veralteten Browser. Bitte updaten Sie Ihren Browser oder aktivieren Sie Chrome Frame um die Darstellung zu verbessern.

Um den vollen Funktionsumfang dieser Webseite zu erfahren, benötigen Sie JavaScript. Eine Anleitung wie Sie JavaScript in Ihrem Browser einschalten, befindet sich hier.

Energiewende

Bye, Bye Offshore

Die Debatte über die Kosten des EEG hat die Ziele des Offshore-Ausbaus erreicht.

Bye, Bye Offshore Bye, Bye Offshore
Fotomontage: Maud Radtke

„Bislang geht es für Offshore-Strom um genau 0,5 Prozent der Fördermittel durch das Erneuerbare Energien Gesetz (EEG). Noch einmal: Nur 0,5 Prozent. Alles andere geht in Photovoltaik, Onshore-Windräder und Bioanlagen. Soviel zum Einstieg in die Kostendebatte um ein Ja oder Nein zum weiteren Ausbau von Offshore-Windanlagen“, sagt Mike Winkel, 41, seit Juni vergangenen Jahres bei E.ON für die Erneuerbaren Energien verantwortlich. 8 Milliarden hat man in den vergangenen Jahren in Erneuerbare Energien investiert, und allein 2 Milliarden gehen in den nächsten drei Jahren in drei große Offshore-Projekte. Winkel sieht sich in mitten einer hitzigen Debatte. Erst kürzlich hatte er in der Presse erklärt, zu hohe Subventionen würden Nachhaltigkeit verhindern und er fürchte, der Politik platze dann irgendwann der Kragen und es komme zum abrupten Zusammenstreichen der Förderung. 

Nun ist Furcht für einen Manager meist nur ein rhetorisches Vehikel der Zuspitzung, allein an dieser Stelle scheint sie berechtigt, denn „zugespitzt ist schon“: Die Energiewende steht auf der Kippe. Die Offshore-Windenergie auch.

Neue Kosten, neue Wahlen, neue Wende 

Mit Bekanntgabe der 5,3 Cent-Umlage pro Kilowattstunde (kWh) nach EEG brach sich eine schon lange angestaute Kostendebatte mit einer Wucht Bahn, die nicht mehr aufzuhalten ist, denn die EEG-Umlage ist nur der Anfang. Kosten für Offshore-Ausbau, neue Übertragungsnetze, Ausbau der Verteilnetze, Kapazitätsmechanismen usw. usf., sie alle harren ihrer Bekanntgabe in den nächsten Wochen und sind nicht länger hinter dem Berg zu halten – schon allein als jeweilige Mittel des begonnenen Wahlkampfes. Die Energiewende und ihre Kosten rangieren nach neuesten Umfragen auf den Prioritätenlisten der Wähler ganz weit oben und in den vergangenen Tagen wurde sehr deutlich, dass die Kostendebatte die Öffentlichkeit jetzt auch als Missmanagements- oder auch Chaosdebatte erreicht hat und zunehmend ein Zusammenhang erkannt wird. Damit scheint die Chefsache „Energiewende“ der Kanzlerin zu scheitern, zumindest solange die Folgen des EEG unangetastet bleiben und keine Koordination der Energiewende erfolgt, sprich: und die Kosten weiter explodieren.

Unerfüllte Versprechen rächen sich an Kanzlern, siehe die „blühenden Landschaften“, und wohl auch an Kanzlerinnen. Das Menetekel der versprochenen und nicht eingehaltenen 3,5 Cent-Prozentgrenze für die EEG-Umlage steht schon nicht mehr nur an der Wand. Aber das schon 1989/90 vor mehr als zwei Jahrzehnten in einer damals wenig wahrgenommenen Allianz von SPD, Grünen und CSU gesetzlich eingepuppte und 2000 dann voll entfaltete EEG ist das Kernstück des heutigen Systemwechsels durch die Energiewende. Wer nach zwei Jahrzehnten an dieser Säule rüttelt, muss wieder an allem rütteln – und das ein Jahr vor der Wahl, inklusive Finanzkrise. Es wird ein sehr langes Rütteln und die Kostendebatte der vergangenen Tage ist nichts anderes als das Signal zum Umbau des EEG und mit ihm zum Umbau der Energiewende – kurz: die Karten werden neu gemischt. Alle Interessengruppen versuchen noch einmal alles auf den politischen Prüfstand zu heben und in die öffentliche Debatte zu werfen.

Auch den Ausbau der Offshore-Windenergie! Womit wir wieder beim Thema und bei Mike Winkel wären.

Das Offshore-Image: Wie gewonnen so zerronnen

Mit seinen Investitionsentscheidungen für den Bau der von E.ON geplanten Nordsee-Windparks steht Winkel jetzt in einem politischen und öffentlichen Umfeld, das mit dem vor einem halben Jahr nicht mehr zu vergleichen ist. Allen „Offshorern“ bläst der Wind gegenwärtig nicht nur auf dem Meer mitten ins Gesicht: zu teuer, zu komplex und so nicht machbar! Es sind ganz unterschiedliche Enden, die sich jetzt vor dem Hintergrund einer neu aufgelegten EEG-Debatte zu einem Knoten schnüren. Es lohnt, sich diesen Knoten kurz etwas näher zu betrachten:

Noch bevor die Netzbetreiber im Sommer ihren Vorschlag für einen Netzplan vorstellten, um zu zeigen, wie der durch die Off- und Onshore-Windkraft im Norden erzeugte Strom in den Süden und Westen Deutschlands transportiert werden soll, stellten das Fraunhofer Institut (FI) und das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) eigene Studien vor, nach denen die Gestehungskosten für den in Offshore-Anlagen erzeugten Strom 2030 gegenüber anderen Erzeugungsarten am teuersten sein werden, teurer noch als der Strom aus Photovoltaik-Anlagen, so die FI-Studie. Das DIW untersuchte ein Szenario, in dem die Kosten für die Errichtung von Offshore-Erzeugungs- und Übertragungskapazitäten ins Verhältnis zu den Kostenentlastungen gesetzt wurden, die durch den Ausbau der regionalen Erzeugung und der Verteilnetze entstehen würden und legte den Schluss nahe, deutlich die Offshore-Erzeugungskosten und die des Ausbaus der Übertragungsnetze senken zu können. 

Fazit: Unabhängig von Details und Beweiskraft beider Studien, brachten beide dezidiert die Frage nach den (zu) hohen Kosten für den Offshore-Ausbau in die Diskussion, was sein politisches Echo in Bayern und Baden Württemberg fand.

Etwa zur selben Zeit erreichte die Diskussion um die gesetzliche Einschränkung der Haftungsrisiken für die Netzbetreiber im Offshore-Bereich ihren Höhepunkt und führte zum Kabinettsbeschluss über ein Gesetz zur Regelung von Haftungsfragen. Heute, zwei Monate später, stellt sich nach der ersten Anhörung im Wirtschaftsausschuss des Bundestages die Situation so dar: Der Netzbetreiber Tennet, verantwortlich für die Netzanschlüsse in der Nordsee (und zusammen mit den Ausrüstern ABB und Siemens verantwortlich für enorme Verzögerungen; beide erklärten übrigens, bei der jetzt vorgesehenen gesetzlichen Haftungslage aus dem Offshore-Geschäft in Deutschland aussteigen zu wollen) sieht in dem in letzter Minute von Verbraucherschutzministerin Aigner geänderten Gesetzesentwurf den „Tod für Offshore in Deutschland“, so Geschäftsleitungsmitglied Hartmann gegenüber Energlobe und später auch vor dem Wirtschaftsausschuss, weil erstens kein Investor in diese gesetzliche Haftung gehe und zweitens nicht zu einer Rendite, welche nur der von Onshore-Windanlagen entspreche. Letztere seien für Investoren so risikolos, das selbst die Bundesnetzagentur sie in einem internen Papier (liegt ENERGLOBE vor, d. Red.) mit einer „Vollkasko-Versicherung“ für Investoren verglich, während das Risiko bei Offshore-Anlagen deutlich höher sei. Darin wird Tennet sehr deutlich und öffentlich von interessierten Investoren wie der  Allianz-Gruppe flankiert. 

Fazit: Wenn überhaupt, dann werde es deutlich teurer.

Zugleich warnt Tennet vor „stranded investments“, denn bis zum Jahresende werde man von den bis 2020 geplanten Anschlüssen für 10 Gigawatt Stromerzeugung schon Anschlüsse für über 6 Gigawatt im Bau haben, ohne dass eine Aussicht bestehe, diese Anschlüsse dann auch mit Windrädern zu bestücken. Parallel zu dieser Warnung erklärt der Präsident des Bundesverbandes Windenergie, Albers, dieser Tage dem Magazin e21, man könne bis 2020 maximal Windanlagen für 6 bis 7 Gigawatt bauen, was die Warnung von Tennet unterstreichen würde. Vor diesem Hintergrund lässt sich dann auch die Forderung des Bundesverbandes der Verbraucherschützer sehen, den Offshore-Ausbau nicht über eine Erzeugung von 5 Gigawatt hinaus zu steigern, und die fehlenden 5 Gigawatt an Land dezentral zu erzeugen. Dann benötige man auch an Stelle der vier nur noch zwei Nord-Süd-Leitungen, was Kosten spare, so sein Vertreter Krawinkel gegenüber der taz. Nebenbei: Vor dem Wirtschaftsausschuss erklärte sich Hartmann positiv zu der Forderung von Krawinkel, solange man sich auf die 6 Gigawatt als vorläufige Ausbaugrenze beziehe, die schon im Bau seien. 

Fazit: Ein Festhalten am alten Plan sei technisch nicht realisierbar und führe direkt zu „stranded investments“. Sehr teuer.

Diese aktuelle „Kosten-Haftungs-Ausbau-Debatte“ reißt natürlich auch einen alten politischen Grabenkampf wieder neu auf, in dem der Energie-Systemwechsel als Kampf zwischen dezentraler und zentraler Energieerzeugung betrachtet wird und die Offshore-Windanlagen der zentralen Erzeugung zugerechnet werden, also der „alten“ Energieindustrie mit ihren finanzstarken Konzernstrukturen. Mit Blick auf den deutschen Wahlkampf und einen möglichen politischen Richtungswechsel mag der Verweis auf ein programmatisches Buch des in Deutschland sehr populären Merkel- und Barroso-Beraters Rifkin: „Die dritte industrielle Revolution – die Zukunft der Wirtschaft nach dem Atomzeitalter“  (Campus 2011) angebracht erscheinen, in dem Rifkin unterstreicht, dass die „Entscheidungsschlacht“ der „grundlegende Konflikt zwischen Fernenergie und lokaler Energie bleibe“. Ein Indiz dafür, unter den Anhängern grüner Energiepolitik aus Prinzip auch weiterhin nicht viele Offshore-Fans zu finden.

Fazit: Unter dem enormen wirtschaftlichen und politischen Druck, das EEG und mit ihm die Energiewende in Zeiten des bevorstehenden Wahlkampfes und einer anhaltenden weltweiten Finanzkrise neu justieren zu müssen, schürzt sich ein Problemknoten, dessen äußere Gestalt sich auf den ersten Blick mit „zu teuer, zu unkoordiniert, so nicht machbar“ etikettieren lässt. Für solch einen Knoten hat die Geschichte seit dem Altertum bekanntlich zwei Lösungen parat: Entwirren oder zerschlagen!

Zwischen Notbremse und Verschnaufpause

Mike Winkels eingangs erwähnte Befürchtung, der Politik könne in dieser Situation der Kragen platzen, scheint unter den genannten Aspekten nicht unbegründet. Seine Option ist alternativlos: entwirren. 

„Mit einem Energieplan, der nur auf einzelne Teilziele abzielt, deren Verhältnis zueinander ungeklärt ist, kommen wir – egal wie – nicht mehr weiter. Und unter den heutigen technologischen Voraussetzungen sind wir noch sehr lange auf ein Miteinander von dezentraler und zentraler Energieversorgung angewiesen, wobei es wenig sinnvoll ist, Äpfel mit Birnen zu vergleichen“, sagt Winkel und spielt auf die erwähnte Fraunhofer Studie an, der er vorwirft, die Sonnenenergie in der Berechnung der Volllaststunden bevor- und die Offshore-Windenergie benachteiligt, sowie die Kostensenkungspotenziale bei Offshore-Anlagen falsch eingeschätzt zu haben. Winkel sieht für die Windanlagen 40 Prozent Kosteneinsparungen für Projekte zwischen 2010 und 2015 und bis spätestens 2010 einen Stromgestehungspreis von unter 10 Cent/kWh. Diese Entwicklung sei auch aus keiner fiktiven Lernkurve abgeleitet, denn drei Viertel der 40prozentigen Kosteneinsparungen hat E.ON schon identifiziert oder gar realisiert. Der wesentliche Hebel: Standardisierungen bei Technik und Projektabwicklung. „Damit wird der Strom aus Offshore-Anlagen noch wettbewerbsfähiger im Vergleich zu Strom aus Photovoltaik. Aber eigentlich stehen beide nicht im Wettbewerb, deshalb der unzulässige Vergleich von Äpfeln mit Birnen, denn in der Nacht ist es dunkel, während Offshore-Anlagen wegen des guten Windes auf hoher See meistens produzieren, wenn der Mond scheint“, meint Winkel und sagt weiter: Heute stecke hinter diesem Vergleich nur der Kampf um die Verteilung der Subventionen. Bislang gingen aber nur 0,5 Prozent der EEG-Förderung in den Offshore-Bereich. Auch wenn sie es vorgäbe, ginge es dieser Debatte keinesfalls um die Zukunft des deutschen Energiesystems. 

Gefragt, warum dennoch der Eindruck entstehe, die Kosten für den Aufbau von Offshore-Anlagen und deren Stromübertragung seien so hoch, weil so viel „unkoordiniert daneben gehe und schief laufe“, verweist Winkel zunächst auf die Entwicklung der Offshore-Industrie, als einer sehr jungen: „Die Offshore-Industrie ist bei uns erst fünf Jahre jung, die Onshore-Industrie hat schon dreißig und die Photovoltaik rund zehn Jahre hinter sich. In dieser jetzigen Phase sind wir noch teuer aber schon absehbar kostendeckungsfähig und grundlastfähig, im Gegensatz zur Photovoltaik. Die durch Skaleneffekte bewirkten Kostensenkungen in den anderen Bereich gleichen wir durch zunehmende Turbinengrößen von heute 3 Megawatt und künftig 6 bis 10 Megawatt aus.“ 

Als das, was „schief laufe“, sieht Winkel in erster Linie den gesamten Prozess des Netzanschlusses bis hin zum technischen Anschluss an sich. Es habe zu viel Anfangsoptimismus bei den Netzbetreibern geherrscht, die Finanzierungsprobleme seien unterschätzt worden, wobei es andererseits wenig Anreize für Investoren gegeben hätte; noch immer seien die Haftungsrisiken nicht endgültig geklärt, die Lieferanten würden die Menge an Kabel und Konverter-Stationen nicht termingerecht liefern können und der Behördenwirrwarr tue sein Übriges. „Aber auch hier ist eine Differenzierung notwendig. Tennet hat sich als Netzbetreiber für Gleichstromtechnik entschieden. Diese Gleichstromtechnik mit Offshore-Anforderungen zu verbinden ist neu und stellt die Anlagenhersteller vor zahlreiche Herausforderungen, das führt im gegenwärtigen Stadium zu Verzögerungen.“ Was von allen außerdem unterschätzt worden sei, ist die Personalknappheit. Es würden die für Offshore-Projekte benötigten Spezialisten fehlen. „Das es die Netzbetreiber heute schwer haben, für diese großen Projekte die entsprechenden Finanzierungen zu stemmen und Investoren zu finden, liegt auf der Hand, solange die Frage der Haftungsrisiken ungeklärt ist – aber ganz prinzipiell: Es kann nicht das Ziel der Offshore-Industrie sein, diese Haftungsregelungen in Anspruch nehmen zu wollen.“ Auch sehe er die bislang der risikolosen Onshore-Rendite entsprechende Rendite für Offshore-Netze trotz des höheren Risikos nicht als Hindernis für Investoren. Diese Renditefrage werde nach seiner Auffassung nicht zu weiteren Verzögerungen durch fehlende Netzinvestitionen führen. 

Dagegen würden sich ursprünglich als zielführend gedachte administrative Vorgänge durchaus in ihr Gegenteil verkehren und zu Hindernissen werden, sagt Winkel und nennt das Verfahren der Bundesnetzagentur, wonach die Offshore-Projektanten verpflichtet seien, unterschriebene Turbinenverträge vorzulegen, wenn für sie nach drei der darauf folgenden Jahre die Netzanschlüsse bereit gestellt werden sollen. „ Da sich inzwischen aber die Anschlusszeiten de facto von drei auf vier bis fünf Jahre verlängert haben, stecken die Projektanten in einem Dilemma: Entweder sie kaufen jetzt Turbinen, die dann auf Jahre veraltet sind, oder solche, die bislang nur auf dem Papier existieren. Das führt zu leeren Seiten in den Bestellungen der Turbinenbauer, wodurch die Stückzahlen nicht steigen und die Kosten nicht sinken können.“

Für Winkel sind das die Anfangsschwierigkeiten einer neuen und noch jungen Industrie, die in Europa eine große Zukunft haben wird, weil sie energiewirtschaftlich werthaltig, ergiebig und ohne Flächen- und Akzeptanzprobleme ist. Gefragt, was er dennoch von den Stimmen in der Debatte halte, die in Deutschland ein geringeres Tempo des Offshore-Ausbaus oder auch eine Begrenzung auf 5 bis 6 Gigawatt fordern, sagt Winkel: „Auf keinen Fall die Notbremse ziehen, denn sie würde ohne jeden Zweifel die gesamte schon aufgebaute Offshore-Industrie zerstören. Deutschland wäre damit aus dem Rennen, mit fatalen Folgen für die Energiewende. Wenn man aber zu der Einsicht käme, eine Verschnaufpause einlegen zu müssen und die 10 Gigawatt nicht bis 2020 sondern erst bis 2025 zu realisieren, weil die Ausarbeitung eines ganzheitlichen Energiekonzepts noch mehr Überlegung und Zeit braucht – dann wäre das nicht die schlechteste aller Ideen.“ 

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014