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Exklusiv

Energiekonzept treibt Strompreis

Elektrizität wird teurer – trotz Energiekonzept. Das zeigt eine energlobe-Umfrage unter führenden Instituten für Wirtschaftsforschung.

Energiekonzept treibt Strompreis Energiekonzept treibt Strompreis
energlobe.de, Denny Rosenthal

Trotz Energiekonzept und Beteuerungen des Bundeswirtschaftsministers wird der Strompreis wohl weiter steigen. Das zeigt eine energlobe.de-Umfrage unter führenden Wirtschaftsforschungsinstituten. Was die Gründe der bevorstehenden Preismisere angeht, scheiden sich allerdings die Geister.

Auf der Pressekonferenz zum Energiekonzept warb Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle mit der „dämpfenden Wirkung“ der Laufzeitverlängerung dank der man „bezahlbare Strompreise“ behalte. Wer nach diesen Worten mit sinkenden Kosten für Elektrizität rechnet, irrt. Zu diesem Ergebnis kommt eine Umfrage von energlobe.de unter Forschern fünf führender Wirtschaftsforschungsinstitute.

Manuel Frondel vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) bringt das schlechte Ergebnis der Befragung für die Verbraucher auf den Punkt: „Das ist glasklar, dass der Strompreis für Endkunden steigen wird“, sagt der Leiter des Kompetenzbereichs „Umwelt und Ressourcen“. Preistreibende Faktoren überwiegen, trotz kostendämpfender Laufzeitverlängerung.

Erneuerbare Energien als größte Preistreiber

Seit dem Jahr 2000 sind die monatlichen Stromkosten für einen Drei-Personen-Haushalt von rund 41 Euro auf 69 Euro gestiegen, Steuern, Abgaben und Umlagen inklusive. Das ist eine Steigerung um rund 70 Prozent. Die Daten stammen vom Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW).

Trauriger Gewinner um den Platz des größten Kostenverursachers sind aus Sicht der Wissenschaftler die Erneuerbaren Energien. Frondel nennt das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) „einen der Haupttreiber“ des Strompreises. In ihrem Energiekonzept hat die Regierung einen starken Ausbau der Regenerativen verankert: Bereits 2030 soll ihr Anteil auf 30 Prozent angewachsen sein, 2050 soll er sogar 60 Prozent erreichen. Bezahlen muss den Ökostrom der Verbraucher – per Umlage, wie das EEG festlegt.

5,97 Milliarden für Erneuerbare im ersten Halbjahr

Das RWI erwartet, dass die Kosten von heute zwei Cent pro Kilowattstunde schon im kommenden Jahr auf drei Cent ansteigen. Allein im ersten Halbjahr 2010 haben die deutschen Stromkunden insgesamt rund sechs Milliarden Euro für den Ausbau der Regenerativen ausgegeben, meldet der BDEW.

Die Regenerativen sind ein Kostentreiber, das sieht auch Energieökonom Tim Mennel vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) so: „Im Ausbau der Erneuerbaren Energien liegt das größte Risiko für die Preisentwicklung.“ Allerdings geht er davon aus, dass die Einspeisevergütung stärker sinkt, als im Gesetz vorgesehen – zumindest für Solarstrom. Für die Energie aus Sonne hat die Regierung den Satz in diesem Jahr aller Proteste zum Trotz bereits gekürzt.

Verbraucher mitschuldig an hohen Preisen

Der Argumentation seiner Kollegen schließt sich auch Hubertus Bardt vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) an. Zudem macht er wie Mennel den Verbraucher für die hohen Strompreise mitverantwortlich. „Privatkunden sind kaum bereit, den Anbieter zu wechseln“, bemängelt Bardt. Nur 30 Prozent der Kunden prüfen zumindest gelegentlich, ob es sich lohnt, den Versorger zu wechseln. Das ergab eine aktuelle Untersuchung des Institut für angewandte Sozialwissenschaft (ifas).

Für Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) liegt die Sache anders. Zwar hält auch sie die EEG-Umlage für preistreibend. Auf die Anklagebank des größten Kostenverursachers setzt die Expertin allerdings Energieversorger und Wettbewerbsaufsicht. „In der Summe müssten die Strompreise in etwa konstant bleiben – wenn wir ausreichend Wettbewerb hätten“, sagt die Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt mit Blick auf das Energiekonzept.

Mangelnder Wettbewerb auf dem Strommarkt

Anders als Frondel, Menner und Bardt gibt sie dem Wettbewerb auf dem deutschen Strommarkt nur fünf von zehn möglichen Punkten. Ihr Urteil: „Eindeutig nicht ausreichend.“ In Deutschland dominieren vier große Energieversorger den Strommarkt, Eon, RWE, EnBW und Vattenfall.

Wenn es mehr Anbieter auf dem Markt gäbe, würde der Strompreis sinken, da ist sich Kemfert sicher. „In den vergangenen zwei Jahren haben sich die Stromgroßhandelspreise deutlich vermindert, das ist jedoch nicht beim Verbraucher angekommen.“ Während die Unternehmen profitierten, gingen die Verbraucher leer aus. Deshalb rechnet Kemfert auch nicht damit, dass die Energieversorger in Zukunft preisdämpfende Faktoren wie die Laufzeitverlängerung an die Endkunden weitergeben.

Kemfert begrüßt Markttransparenzstelle

Die Wissenschaftlerin begrüßt es, dass die Regierung den Wettbewerb strenger überwachen will. Merkel und ihre Minister wollen eine Markttransparenzstelle beim Bundeskartellamt einrichten, so steht es im Energiekonzept. Sie soll Insiderhandel und Manipulationen auf dem Strom- und Gasmarkt aufdecken. „Das Kartellamt muss unbedingt eingreifen, gerade wenn der Kraftwerkspark so zementiert wird, wie im Energiekonzept geplant“, fordert Kemfert.

Die Energie-Expertin spielt auf die Laufzeitverlängerung an: Ein Atomausstieg wäre die Chance für Stadtwerke gewesen, als Ersatz für die Reaktoren neue Kraftwerke zu bauen und damit den vier größten Energieversorgern Marktanteile abzuluchsen. Die Kernkraft stellt in Deutschland nach Angaben des Bundeskartellamts rund 20 Prozent der gesamten Stromproduktion.

Bundeskartellamt: längere Laufzeiten hemmen Wettbewerb

Der Präsident des Bundeskartellamts Andreas Mundt bestätigt Kemferts These gegenüber energlobe.de. „Durch die Entscheidung der Bundesregierung wird die Machtstellung der vier großen Energieversorger zementiert“, sagt er über die Laufzeitverlängerung. Die Marktstruktur werde sich auf absehbare Zeit wenig ändern. Seit April vergangenen Jahres läuft bereits eine Untersuchung des Strommarktes durch das Bundeskartellamt. Die Ergebnisse sind im Spätherbst zu erwarten.

Wilfried Ehrenfeld vom Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) teilt die Einschätzung seiner Kollegin Kemfert: Er glaubt wegen der Wettbewerbssituation auf dem Strommarkt nicht, dass längere Laufzeiten zu einer Preissenkung führen. „Die Energieerzeuger haben doch hierfür keinen Anlass, solange es nicht mehr Konkurrenz gibt.“

Ehrenfeld rechnet zudem damit, dass die Versorger auch in Zukunft den Preis für CO2-Zertifikate an den Endkunden weitergeben. Ab 2013 müssen die Energieunternehmen sie im europäischen Emissionshandel selbst ersteigern. Bisher bekommen die Firmen diese zu 90 Prozent vom Staat kostenlos zugeteilt.

Energieversorger schweigen über Pläne

Die Energieunternehmen schweigen über ihre Pläne für den Strompreis, obwohl der BDEW von steigenden Strompreisen ausgeht. Doch es gibt Anzeichen dafür, dass die Forscher richtig liegen: Was der Chef des Versorgers Eon Johannes Teyssen vor Kurzem im kleinen Kreis auf dem Weltenergiekongress in Montréal zum Thema sagt, klingt nicht nach billiger Energie. „Die Verschuldung der europäischen Energiekonzerne ist doppelt so hoch wie die durchschnittliche Verschuldung aller Industrieunternehmen“, beklagt er. Selbst die Laufzeitverlängerung muss bei Teyssen Federn lassen: „Fest steht, dass wir über die kommenden sechs Jahre weniger Erträge aus der Kernenergie haben werden.“ Der Konzernchef spielt damit auf die Brennelementesteuer an, die Eon und Co. bis 2016 zahlen müssen.

Weitere Informationen:

BDEW-Analyse der Strompreisentwicklung im ersten Halbjahr 2010, www.bdew.de

ifas-Umfrage zur Bereitschaft der Deutschen, den Stromanbieter zu wechseln, www.ifas.de

Spiegel-Online: „Kartellamt soll Großhandel von Strom und Gas überprüfen“, www.spiegel.de

Atomkompromiss der Bundesregierung mit den Energieversorgern, www.bundestag.de

Energiekonzept der Bundesregierung auf der Seite des Bundeswirtschaftsministeriums, www.bmwi.de

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014