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Stromnetze

„Finanzinvestoren genügt das nicht“

Tennet-Geschäftsführer Hartman über den notwendigen Netzausbau, die dafür erforderliche Rendite und die Anbindung von Offshore-Windparks.

„Finanzinvestoren genügt das nicht“ „Finanzinvestoren genügt das nicht“
ENERGLOBE.DE, Denny Rosenthal

Der staatliche niederländische Netzbetreiber Tennet war bis vor kurzem in Deutschland kaum bekannt. Doch Anfang 2010 übernahm das Unternehmen die Eon-Tochter Transpower, die einen großen Teil des deutschen Höchstspannungsnetzes betreibt. Das Netz von Tennet Deutschland, ehemals Transpower, erstreckt sich von der Nordsee bis nach Bayern. Im Interview mit ENERGLOBE.DE erläutert Lex Hartman, der sowohl Mitglied der Geschäftsführung der niederländischen Tennet Holding als auch der deutschen Netztochter ist, warum der Konzern sich im deutschen Markt engagiert, welche Probleme es bei der Anbindung von Offshore-Windparks gibt und wie das Stromnetz der Zukunft aussehen muss.

Herr Hartman, vor welchen Herausforderungen steht Europa bei der Stromversorgung der Zukunft?

Hartman: Wir gehen auf eine Zukunft mit Erneuerbaren Energien zu, da haben wir keine andere Wahl. Es wird sicherlich in den kommenden Jahren Zeiten geben, in denen es in einigen Ländern langsamer vorangeht. Aber die Richtung ist eindeutig vorgegeben. Elektrisch sind Erneuerbare Energien allerdings nicht einfach in das bestehende System zu integrieren. Deswegen werden wir viel bauen müssen und das wird sehr viel Geld kosten - in Deutschland und anderswo.

Beim Netzausbau gibt es drei große Themen: Akzeptanz, Kapital und Zeit. In Deutschland hat die Regierung große Ambitionen. Das ist gut, doch es bedeutet, dass jetzt viel getan werden muss. Denn in der Vergangenheit ist in Deutschland nicht so viel passiert, was dazu führt, dass jetzt große Investitionen nötig sind. Vor dieser Herausforderung steht letzten Endes aber ganz Europa.

Ist denn grundsätzlich bis 2050 eine Stromversorgung aus 80 Prozent Erneuerbaren machbar?

Hartman: Es ist möglich, kostet für Europa aber etwa 20 Milliarden Euro pro Jahr – also 800 Milliarden Euro bis 2050. Das ist unvorstellbar viel Geld. Letzten Endes bezahlt das natürlich der Steuerzahler. Aber wer stellt erst einmal die Mittel zur Verfügung, um die notwendigen Bauprojekte zu realisieren? Mit soviel Kapital können eigentlich nur Finanzinvestoren einsteigen: Die Pensionsfonds aus Australien, Großbritannien, den USA, Deutschland und anderen europäischen Ländern. Aber selbst die konservativen Pensionsfonds erwarten wenigstens 10 bis 11 Prozent Rendite, die aggressiveren wollen sogar 14 oder 15 Prozent.

Die Netzrendite darf in Deutschland aber maximal 9,29 Prozent vor Steuern betragen. Real können Netzbetreiber unter Berücksichtigung der Vorgaben der Bundesnetzagentur jedoch lediglich eine Eigenkapitalrendite in der Größenordnung von etwa 5,4 Prozent realisieren. Das genügt Pensionsfonds und anderen Finanzinvestoren nicht, von denen das Kapital für den massiven Umbau kommen muss. Die Rendite muss so hoch sein, dass wir mit anderen Projekten weltweit konkurrieren können und das Eigenkapital bekommen, um die Netze zu bauen.

Wenn die Renditen hierzulande zu niedrig sind, wieso hat Tennet dann das deutsche Höchstspannungs-Übertragungsnetz von Eon gekauft?

Hartman: Tennet ist ein strategischer Investor, der nicht nur Rendite generieren will, sondern Versorgungssicherheit als seine Aufgabe sieht. Das ist in den Niederlanden auch gesetzlich verankert. Weltweit gibt es nur wenige derartige Investoren. Wir haben Transpower aber natürlich auch übernommen, weil es ein vernünftiger Kauf ist, der ein gutes Geschäft verspricht. Denn wir sind auch ein Unternehmen, das für seine Aktionäre Geld verdienen muss.

Wir haben schon vor einigen Jahren erkannt, dass der Netzbetrieb zunehmend ein europäisches Geschäft ist, das nicht nur in einem Land Investitionen erfordert. Wenn es in Deutschland viel Wind gibt und zugleich wenig Nachfrage nach Strom – wie zuletzt Anfang Februar 2011 – dann hat auch das Netz in Holland ein Problem. Umgekehrt hilft beispielsweise die geplante neue Verbindung zwischen den Niederlanden und Norwegen auch Deutschland. Denn wenn es viel Wind gibt, ist Windkraft günstiger als Wasserkraft und lässt sich insofern nach Norwegen exportieren.

Tennet will in den kommenden zehn Jahren in den Niederlanden und Deutschland insgesamt 9 bis 11 Milliarden Euro investieren. Können Sie dazu bereits einige Details nennen?

Hartman: Diese Investitionen werden größtenteils für die Anbindung von Offshore-Windparks verwendet werden. Wir haben bereits Investitionsentscheidungen über 3,5 Milliarden Euro für die Anbindung von Windparks in der deutschen Nordsee getroffen. Wir bauen dort nur in Ausnahmen einzelne Verbindungen, meist jedoch so genannte „Meeressteckdosen“ von beispielsweise 800 Megawatt, an die mehrere Windparks angeschlossen werden können. Diese clusterweise Anbindung geschieht in Abstimmung mit der Bundesnetzagentur – aber auf unsere eigene Initiative, wir sind nicht dazu verpflichtet. Wir müssen lediglich innerhalb einer bestimmten Frist eine Einzelanbindung zur Verfügung stellen. Wir müssen lediglich innerhalb einer bestimmten Frist eine Einzelanbindung zur Verfügung stellen.

Es gibt da zurzeit allerdings ein gewisses Ungleichgewicht zwischen unserer Verpflichtung die Offshore-Windparks anzubinden und der Verpflichtung des Projektbetreibers sie tatsächlich zu bauen. Ich bin allerdings überzeugt: letzten Endes werden alle diese Windparks gebaut – die Frage ist nur wann. Bislang gibt es in der deutschen Nordsee nach wie vor nur einen einzigen fertig gestellten Windpark: Alpha Ventus mit 60 Megawatt. Mit Bard I befindet sich ein weiterer im Bau.

Ein weiterer Teil der Investitionen fließt in Pilotprojekte zur Erprobung von Erdkabeln auf Hauptverbindungen. Es ist der Wunsch vieler Bürger den Netzausbau ausschließlich über Erdkabel zu realisieren. Das ist jedoch bislang gar nicht möglich. Das ist nicht nur eine Frage des Kapitals, denn Verbindungen mit Erdkabeln sind etwa vier bis acht Mal teurer als Freileitungen. Aber auch in technischer Hinsicht können wir heute das Höchstspannungsnetz nicht einfach unter die Erde verlegen. Denn Erdkabel sind störanfälliger und viel schwerer zugänglich für Reparaturen als Freileitungen. Wenn aber eine Höchstspannungsverbindung ausfällt, sind schnell mehr als 100.000 Haushalte ohne Strom.

Deswegen bauen wir jetzt beispielsweise eine Pilotverbindung zwischen Amsterdam und Rotterdam – eine Hauptschlagader, von der sehr viele Menschen abhängig sind. Wenn wir diese Erfahrungen ausgewertet haben und wissen, wie sich das Netz verhält, können wir weitere Hauptverbindungen mit Erdkabeln bauen – wenn das politisch gewünscht und die Kostenfrage geklärt ist.

Weitere Informationen:

Webseite von Tennet Deutschland: www.tennettso.de

Eon-Pressemitteilung zum Verkauf seines Höchstspannungsnetzes: www.eon.com

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014