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Kommentar

Globale Energie-Gerechtigkeit

Eon-Vorstandschef Teyssen kritisiert die „energie- und klimapolitische Nabelschau“ der Industrienationen.

Globale Energie-Gerechtigkeit Globale Energie-Gerechtigkeit
Christian Schlüter, E.ON

„Durchbruch bei Weltklimakonferenz“ – warum lesen wir diese Schlagzeile nicht? Nicht nach Kopenhagen. Und auch nicht im Zuge von Cancún. Die Gründe sind natürlich vielfältig. Aber sie haben einen gemeinsamen Kern: Die Industrienationen missachten in ihrer energie- und klimapolitischen Nabelschau immer noch allzu oft das Recht der Entwicklungs- und Schwellenländer, eine industrielle und gesellschaftliche Entwicklung nachzuholen, die für uns schon so selbstverständlich ist, dass wir hochmütig und besserwisserisch glauben, Verzicht predigen zu können. Natürlich vorrangig anderswo, denn unseren eigenen Wohlstand stellen wir nicht in Frage. Wir vergessen dabei: Es geht für Milliarden von Menschen auf der Welt nicht um die Frage, ob eine Gasheizung oder eine Wärmepumpe das Haus heizt. Es geht darum, ob sie ihre Wohnung überhaupt heizen können. Wenn sie denn eine Wohnung haben. Und es kommt für sie nicht darauf an, ob ein Kohlekraftwerk oder ein Hochseewindpark den Strom erzeugt. Es kommt darauf an, ob es überhaupt Kraftwerke und Netze gibt, die sie mit Strom versorgen können. Wer das ignoriert, redet an einem Großteil der Weltbevölkerung vorbei.

Energie und Klimaschutz dürfen nicht von der wirtschaftlichen Entwicklung getrennt werden. 2,7 Milliarden Menschen weltweit – das ist mehr als ein Drittel der Weltbevölkerung – nutzen noch heute als Hauptenergiequelle zum Kochen und Heizen Holz, Holzkohle und Dung. Mindestens 1,4 Milliarden Menschen haben keinen Zugang zu Elektrizität. Dabei ist Energie eine der Grundvoraussetzungen für ein menschenwürdiges Leben. Strom ist beispielsweise für die medizinische Versorgung in Krankenhäusern unersetzlich. Schon für die Verarbeitung landwirtschaftlicher Produkte, selbst für einfachste Handwerksarbeiten brauchen die Menschen Energie. Dieser Mangel schränkt nicht nur die Lebensqualität erheblich ein, er ist auch teuer: Menschen in Entwicklungsländern geben bis zu einem Drittel ihrer Haushaltskosten für Energie aus. Man kann sogar mit einigem Recht sagen, dass günstige und verfügbare Energie eine der wesentlichen Voraussetzungen für öffentliche Meinung, gesellschaftliche Teilhabe und die Demokratie schlechthin ist. Denn all dies setzt voraus, dass Menschen sich informieren und dass sie miteinander kommunizieren können. Ohne Strom aber gibt es weder Fernsehen oder Radio noch Telefon, E-Mail oder Internet. Macht man sich klar, wie selbstverständlich für uns in Europa eine zuverlässige Energieversorgung mit modernen Energiedienstleistungen ist, dann wird der Gedanke unerträglich, dass Milliarden von Menschen in Entwicklungsländern keinen Zugang dazu haben. Der Mangel an Energie ist das entscheidende Entwicklungshemmnis in zahlreichen Regionen der Erde. Die Herstellung von Energiegerechtigkeit ist daher eine der wichtigsten Herausforderungen unserer Zeit.

Der auf der Welt weit verbreitete Energiemangel hat auch unmittelbare Folgen für Umwelt und Klima, denn die nicht nachhaltige Nutzung von Biomasse als Energieressource trägt zur Wüstenbildung bei und führt zur Verschmutzung der Luft. Dabei kann mit gemeinsamer Anstrengung von Industrienationen und Schwellenländern in den meisten Fällen eine nachhaltige Lösung gefunden werden.

Aktuelle Prognosen zeigen deutlich: Der Energieverbrauch wird weltweit steigen. Weniger in Europa, wo es zunehmend gelingt, Wirtschaftswachstum und Zuwachs des Energieverbrauchs zu entkoppeln. Dafür aber in vielen Schwellen- und Entwicklungsländern umso mehr. Gerade wenn dort fossile Energieträger wie Kohle und Gas vorkommen, werden diese in zunehmendem Maße genutzt. Diese Nutzung ist längst keine Frage des „ob“ mehr. Es geht um das „wie“.

Auch vor diesem Hintergrund gewinnt im weltweiten Maßstab eine Wahrheit an Bedeutung, die in Deutschland gern verdrängt wird: Ohne Kernenergie geht es nicht. Es hilft dem Weltklima, dass beispielsweise das bevölkerungsreichste Land der Erde, China, allein bis 2020 rund 30 neue, nahezu CO2-freie Kernkraftwerke in Betrieb nehmen will. Andere Länder, auch Entwicklungs- und Schwellenländer, folgen diesem Beispiel in ihrem Bemühen, den Energiehunger des eigenen Landes zu stillen.

Mit Investitionen in die komplette Bandbreite der Stromerzeugungstechnologien – von Kernkraftwerken über Kohle- und Gaskraftwerke bis hin zu großen Wasserkraftanlagen und anderen Erneuerbaren Energien – schaffen diese Länder die Grundlage für ihre weitere wirtschaftliche Entwicklung. Hindern können wir sie daran nicht. Mit welchem Recht auch? Stattdessen können und sollten wir unsere langjährige Erfahrung bei der Nutzung von Energietechnologien in Erzeugung, Transport und Verteilung zur Verfügung stellen, damit ökonomisch und ökologisch verantwortlich mit Ressourcen und Technologien umgegangen wird. Und wir können unsere Erfahrungen einbringen, wie ein nachhaltiger Rechtsrahmen gestaltet werden sollte, der Anreize für internationales Kapital und Know-how schafft. Denn mit öffentlichen Mitteln allein werden nicht industrialisierte Volkswirtschaften ihre Energieprobleme kaum lösen können. Jedenfalls nicht mit der bestmöglichen Effizienz. Deshalb sind verlässliche Rahmenbedingungen wichtig, die Vertrauen für private Investitionen schaffen.

Wir müssen aber auch realistisch zur Kenntnis nehmen: Alle diese Bemühungen werden nicht dazu führen, dass Entwicklungs- und Schwellenländer ihren Kohlendioxid-Ausstoß insgesamt verringern. Das zu erwarten, wäre vermessen. Denn wer wollte ihnen mit welchem Recht verwehren, einen Wohlstand anzustreben, der für uns ganz selbstverständlich ist? Mehr Wohlstand setzt mehr Energie voraus – trotz allem Bemühen, Energie effizienter zu nutzen. Das können wir beklagen. Und uns damit aber gleichzeitig ins Abseits stellen. Oder anerkennen, dass Menschen in Entwicklungs- und Schwellenländern genauso Anspruch auf Zugang zu Energie haben wie wir. Mit unserer Erfahrung und unserem Know-how können wir aber daran mitwirken, den steigenden Energiebedarf dieser dynamisch wachsenden Volkswirtschaften so kosteneffizient und Klima schonend wie irgend möglich zu decken.

Erst auf Basis einer so verstandenen Energiegerechtigkeit wird es gelingen, den Klimaschutz weltweit voranzutreiben.

Zur Person: Dr. Johannes Teyssen studierte Jura und Volkswirtschaft in Freiburg, Göttingen und Boston. Seit 2004 sitzt er im Vorstand der Eon AG. Seit Mai 2010 ist er dort Vorstandschef.

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014