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Netzausbau

Schluss mit dem "Schwarzer-Peter-Spiel"

Die Verzögerungen im Anschluss der Offshore-Windparks wurden bislang häufig Tennet angelastet. Seit dem "offenen Brief" an die Bundesregierung hat sich das verändert, meint Lex Hartmann.

Schluss mit dem "Schwarzer-Peter-Spiel" Schluss mit dem "Schwarzer-Peter-Spiel"

Vor zwei Jahren hat Tennet die Übertragungsnetze von Eon gekauft. Was hat sich seither für Tennet verändert?

Hartmann: Eine Entscheidung - besser "die" Entscheidung - mit der wir alle nicht gerechnet haben, war der sehr impulsive Entschluss der Bundesregierung, die Verlängerung der Kernkraftwerkslaufzeiten zu kippen und völlig auszusteigen. Die damit verbundenen Folgen hat keiner wirklich übersehen. Das Besondere daran ist: Es gibt keinen Weg zurück! So als hätten wir einen Tauchsieder in ein Goldfischaquarium gehalten und müssten jetzt zusehen wie wir die Fischsuppe irgendwie genießbar machen. Dafür fehlt uns gegenwärtig aber das Rezept.

Als Netzbetreiber ist Tennet von allen Betreibern am stärksten betroffen, denn wir sind sowohl für die Offshore-Anbindungen der Windparks in der Nordsee als auch die Nord-Süd-Verbindungen verantwortlich. Die Folgen dieser Ausstiegsentscheidung kamen auf uns zu wie ein Tsunami, nur waren wir nicht Verursacher des Bebens. Wir benötigen jetzt also vor allem einen abgestimmten Plan, denn der Netzausbau erfolgt offshore zu schnell und onshore zu langsam. Beides muss aber aufeinander abgestimmt werden, wollen wir die notwendigen Ziele in zehn Jahren erreichen.

Noch mehr Beschleunigung?

Es ist immer wieder die Rede vom beschleunigten Ausbau und Anschluss der Offshore-Anlagen. Was aber den wenigsten bekannt ist, ist die Tatsache, dass wir jetzt schon die Hälfte der Ziele der Bundesregierung realisieren. In den nächsten zehn Jahren sollen wir 11 Gigawatt anschließen, davon sind in den vergangenen zwei Jahren schon 5,5 Gigawatt beauftragt worden und gegenwärtig im Bau! Bei dem jetzigen Tempo erreichen wir in ein bis eineinhalb Jahren 7 bis 8 Gigawatt.

Gleichzeitig bleibt aber erstens der Ausbau der Netze onshore zurück und zweitens ist es vollkommen fraglich, ob die geplanten Offshore-Windräder überhaupt termingerecht installiert werden können.

Wenn wir unsere "Steckdosen" zu spät installieren, wird es für uns sehr teuer - es wird aber auch sehr teuer, wenn wir die Steckdosen installiert haben und die Windanlagen nicht stehen. Dann für den Steuerzahler. Bislang sind wir da - die Windräder noch nicht.

Einerseits wird immer wieder in Frage gestellt, dass wir die Offshore-Anlagen termingerecht anschließen können. Andererseits bedeutet das Ziel von 11 Gigawatt Offshore-Windanlagen, ab sofort jeden Tag ein neues Windrad in der Nordsee zu installieren.

Halten Sie das für realistisch?

Nein! Und genau darüber machen wir uns Sorgen - nicht nur aus Sicht unseres Unternehmens. Dieses Tempo wird die ganze Branche nicht schaffen. Das war auch der Grund für unseren - heute so genannten - "Brandbrief" vor einem halben Jahr, in dem wir die Probleme, aber auch unsere Lösungsvorschläge an die Bundesregierung adressierten.

Wurde die Lernkurve für Projekte dieser neuen Dimension, wie sie die Offshore-Windparks mit ihren Gleichstromanschlüssen darstellen, unterschätzt, schließlich sind es Weltneuheiten?

Natürlich ist die Lernkurve unheimlich steil. Wir haben eine Ausgangssituation, in der es eine gesetzliche Pflicht gibt, Offshore-Windanlagen anzuschließen. Sie werden mir aber zustimmen, dass kein Unternehmen - so wie wir jetzt - eine neue Technologie, auf See, in großen Entfernungen zur Küste und in großen Tiefen in 7 Projekten gleichzeitig angehen würde. Das würde nie geschehen, wenn es nicht die gesetzliche Verpflichtung gäbe. Dies bedeutet eine steile Lernkurve für alle, Zulieferer, Netzbetreiber und Genehmigungsbehörden. Das ist eine Herausforderung, die weltweit ihres Gleichen sucht.

Was heißt Lernkurve mal ganz plastisch: Womit ist man konkret konfrontiert?

Zunächst einmal: Die weltweiten Produktionskapazitäten sind sehr begrenzt. Es gibt weltweit noch sehr wenig Zulieferer für die entsprechenden Kabel und Gleichstrom-Konverterstationen. Insgesamt nur drei Unternehmen. Eine Konverterstation kann sogar die Ausmaße von einem Fußballfeld haben und bis zu 10.000 Tonnen wiegen. Und eine solche Anlage muss aufs Meer gebracht und installiert werden, weit von der Küste entfernt und in einem sehr engen Zeitfenster - das alles ist für alle sehr neu! Immerhin haben wir bei Tennet durch die vielen parallelen Projekte jetzt mehr Erfahrungen mit solchen Gleichstrom-Verbindungen als jeder andere Netzbetreiber.

Und onshore?

Onshore ist vor allem noch die jeweilige Länderhoheit bei der Genehmigung ein Problem, besonders wenn länderübergreifende Strecken benötigt werden. Hier gibt es deutliche Verbesserungen und es ist eine gute Entscheidung, die übergreifenden Genehmigungsverfahren in Zukunft an die Bundesnetzagentur anzubinden.

... die vorerst betont, nur "moderieren" zu wollen. Ist das zu wenig?

Wir haben in den Niederlanden aus ähnlichen Gründen wie in Deutschland vor fünf Jahren eine ebensolche gesetzliche Festlegung getroffen, das so genannte "Koordinationsgesetz". Danach begann man die Planungsabläufe konsequent zu koordinieren und dies hat sehr geholfen. Das wird hier in Deutschland genauso sein, da bin ich mir sehr sicher. Die Bundesnetzagentur ist dafür genau die richtige Adresse.

Dann teilen Sie nicht die in Deutschland auch zu hörende Meinung, wonach die Bundesnetzagentur als nachgeordnete Behörde zu viele Befugnisse habe, kurz: zu mächtig sei?

... und dann geht es weiter mit "die KfW wird zu mächtig, und das Umweltbundesministerium wird zu mächtig, und, und, und ..." Das führt zu nichts. Die Herausforderung ist einfach riesig. Die Energiewende ist vielleicht die größte wirtschaftliche Wende nach der Wiedervereinigung. Koordination und Planung sind für sie jetzt absolut existenziell. Und diese Aufgaben sind bei der Bundesnetzagentur nach meiner Auffassung in den richtigen Händen.

Oft hört man den Vorwurf, Tennet hätte vorher wissen müssen, was auf das Unternehmen zukommt, manchmal fällt sogar das Wort "Erpressung" für die finanziellen Forderungen von Tennet?

Das ist vollkommener Unsinn! Als wir vor zwei Jahren das Übertragungsnetz von Eon kauften, sind die verantwortlichen Ministerien damals von weniger als einer Milliarde Euro Investitionen in die Offshore-Anschlüsse ausgegangen.

Nach - noch einmal "nach" - dem Kauf der Netze hat sich vieles sehr stark verändert: Die bis dahin nur bis 2015 geltende Verpflichtung zum Offshore-Anschluss gilt heute unbeschränkt. Die Vergütung für von Offshore-Windparks produziertem Strom wurde von 13 auf 15 Cent gesteigert und 4 Cent wurden bei schneller Fertigstellung noch dazu gewährt. Die Konditionen, um als Windpark angeschlossen werden zu können, wurden von der Bundesnetzagentur erleichtert und die KfW wurde zur Bereitstellung günstiger Kredite aufgefordert. Die von der Politik veränderten Spielregeln führten im Ergebnis zu einem gewaltigen Anstieg der Planung für Offshore-Windparks. Wer will da noch länger behaupten, Tennet hätte das vorher wissen müssen?

Nach unserem "offenen Brief" vor einem halben Jahr hat sich das "Tennet-den-schwarzen-Peter-zuspielen" geändert. Jetzt hat auch der Letzte in der Branche verstanden, dass wir alle dringend eine gesetzliche Haftungsregelung für Offshore und eine Planung sowohl für die Offshore- als auch für die Onshoreprojekte benötigen. Der Netzausbau ist eine nationale Aufgabe für Deutschland, nicht nur für Tennet.

Sie haben deshalb für die Offshore-Windparks und den Neu- bzw. Ausbau der nationalen HGÜ-Übertragungsleitungen eine "gemeinsame Netz AG" vorgeschlagen. Wie ist der Stand?

Wir hören Zuspruch, aber auch Kritik, zum Beispiel von den anderen Übertagungsnetzbetreibern. Sie lehnen unseren Vorschlag bislang ab. Das verwundert mich insofern, als wir in Deutschland eine riesige nationale Aufgabe vor uns haben. Für mich bedeutet die Ablehnung, dass man sich dieser Herausforderung faktisch verweigert. Ich denke, das wird sich noch ändern.

Für die künftigen Finanzierungsmodelle wird die Lösung nach meiner Auffassung in einer gemeinsamen Netzgesellschaft für Offshore-Anbindungen und HGÜ-Onshore-Verbindungen mit anderen Netzbetreibern und/oder Investoren bestehen. Wir benötigen diese Struktur, damit überhaupt investiert werden kann. Genug Investoren gibt es ja.

Wenn es ausreichend Investoren gibt, warum dann unbedingt eine neue gemeinsame Struktur?

Weil wir viel Fremd-, aber auch viel Eigenkapital brauchen. Man geht in Deutschland von 30 bis 40 Prozent Eigenkapital für derartige Investitionen in Infrastrukturprojekte aus. Das halten auch wir für richtig. Aber wenn sich Investoren an einzelnen Projekten beteiligen, würde das das grundlegende Problem nicht lösen. Denn Tennet hätte weiterhin allein die gesetzliche Verpflichtung zum Anschluss von Offshore-Anlagen. Dann würde aus Sicht des Kapitalmarkts das volle Finanzierungsrisiko weiter allein bei Tennet liegen, was die Finanzierung deutlich verteuert. Deshalb meinen wir, dieses Risiko muss man teilen können. Dafür eignet sich aus unserer Sicht diese neue gemeinsame Netzgesellschaft, an der wir uns natürlich beteiligen wollen.

Auch für die Haftungsrisiken?

Schauen wir uns doch an, wofür wirklich gehaftet wird. Während Onshore-Anlagen der Formel "n - 1" folgen, lautet im Gegensatz dazu die Formel für Offshore-Anlagen "n - 0". Damit meint man, bei Leitungsausfall gibt es eine Reserveleitung an Land, aber keine im Meer. An Land haften wir bei grober Fahrlässigkeit mit gesetzlich festgelegten Höchstsummen, die am Markt tatsächlich versicherbar sind. Auf dem Meer haften wir voll, ohne eine Reserveleitung zu haben. Ganz klar gesagt: Dafür finden sich kein Investoren. Dafür gibt es gegenwärtig auch keine Angebote. Auch in Zukunft nicht. Deshalb muss die Frage, wer wann wofür haftet, schnell geklärt werden. Uns wurde zugesichert, dass das zur Sommerpause geschehen soll.

Die Bundesregierung hält an ihren Plänen fest, die Frage der Haftungsrisiken für die Anbindung von Offshore-Windparks noch im Sommer klären zu wollen. Am Rande der "Energiegespräche am Reichstag" erklärte der Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium Stefan Kapferer gegenüber ENERGLOBE, es habe Mitte Juni zwar eine Verzögerung gegeben, er sei aber optimistisch, die Frage der Haftungsrisiken noch im Juli auf den Tisch des Bundeskabinetts bringen zu können.

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014