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Nachfragesteuerung

„Tarifangebot reicht nicht“

Der Präsident der Bundesnetzagentur Matthias Kurth fordert ein Geschäftsmodell für das intelligente Stromnetz.

„Tarifangebot reicht nicht“ „Tarifangebot reicht nicht“
Bundesnetzagentur

Der Präsident der Bundesnetzagentur Matthias Kurth fordert von den Energieversorgern ein Gesamtkonzept zur Entwicklung des intelligenten Stromnetzes, des „Smart Grid“. Der Einbau von digitalen Verbrauchszählern sei nur sinnvoll in Kombination mit attraktiven Stromspartarifen und Haushaltsgeräten, die sich automatisch anschalten, wenn Strom günstig ist. „Ich brauche alle drei Elemente, mit einem allein bin ich verloren“, sagt Kurth im Interview mit ENERGLOBE.DE. Apropos: Mehr zum Thema Smart Grids finden Sie hier.

Herr Kurth, der Stromverbrauch von Privathaushalten und Industrie soll in Zukunft intelligent gemanaged werden. Warum ist das notwendig?

Matthias Kurth: Wegen der großen Schwankungen beim Angebot aus Erneuerbaren Energien. Wir müssen erreichen, dass sich die Stromnachfrage diesen Schwankungen anpasst. Dazu gibt es mehrere Möglichkeiten: Strom zu speichern, etwa durch neue Pumpspeicherwerke, ist in Deutschland nur beschränkt möglich, auch wegen der langwierigen Planungs- und Genehmigungsverfahren. Die zweite ist: Man könnte versuchen, die Verbraucher so zu beeinflussen, dass sie den Strom gerade dann nachfragen, wenn er reichlich vorhanden und somit billig ist.

Wie erreicht man das?

Kurth: Dazu braucht es drei Elemente: Zunächst muss der Stromverbrauch jedes Kunden durch intelligente Stromzähler, die Smart Meter, minutengenau gemessen werden. So lernt der Versorger die Gewohnheiten seiner Kunden besser kennen. Das ist die Voraussetzung, um ihnen neue, günstige Tarifmodelle anzubieten, die zum Sparen animieren. Letztendlich sind auch intelligente Haushaltsgeräte notwendig, die sich ansteuern lassen, wenn der Strom wenig kostet. Das darf kein aktives Eingreifen der Menschen mehr erfordern.

Zeigen die deutschen Energieversorger zu wenig Pioniergeist bei der Entwicklung eines intelligenten Netzes?

Kurth: Viele Unternehmen sind zwar bereit, intelligente Stromzähler einzubauen. Aber mit denen allein können Verbraucher noch nicht sparen. Ich kann einen Smart Meter nur nutzen, wenn ich einen lastvariablen Tarif und passende Endgeräte habe. Ich brauche alle drei Elemente. Mit einem allein bin ich verloren. Das derzeitige Angebot reicht noch nicht aus. Es wird den Anforderungen an ein ernsthaftes Smart Grid nicht gerecht. Das haben wir in einem Bericht an die Bundesregierung auch klargemacht. Es fehlt ein Gesamtkonzept.

Bis zum 30. Dezember 2010 müssen alle Stromversorger in Deutschland einen tageszeitabhängigen oder einen lastvariablen Tarif anbieten, der zur Steuerung des Energieverbrauchs und somit sparen animiert. Bis dato setzen die Versorger aber fast ausschließlich auf zeitvariable Tarife. Was halten Sie davon?

Kurth: Zeitvariable Tarife sind antiquiert. Im Wesentlichen unterscheidet man dabei zwischen Tag- und Nachtstrom, beziehungsweise einem Hochpreistarif und einem Niedrigpreistarif: Nachts ist der Strom billig und tagsüber ist er teuer. Allerdings hängt vor allem das Angebot an Windenergie nicht von den Tag-Nacht-Zyklen ab. Bei lastvariablen Tarifen willigen die Verbraucher ein, dass ihre Last bei Bedarf hoch- und heruntergeregelt wird. Nehmen Sie zum Beispiel an, alle Tiefkühltruhen und Kühlhäuser in Deutschland würden miteinander gekoppelt. So entstünde ein gewaltiger Speicher, dem bei tagelanger Windflaute Strom entzogen werden kann. Denn die Kühlware verdirbt nicht, wenn sie für kurze Zeit um zwei Grad mehr oder weniger gekühlt wird. Bläst der Wind wieder stärker, wird auch wieder mehr gekühlt.

Das Konzept Smart Grids zielt also mehr auf die Großkunden ab?

Kurth: Am Anfang bringen die Großkunden mehr. Ihnen ist der Nutzen leichter klarzumachen, sie haben ein größeres Sparpotential als die Haushalte. Insoweit denke ich, dass das Gewerbe und die Industrie die Vorreiter in der Entwicklung von Smart Grids sein werden. Langfristig können die Privatkunden aber nachziehen, wenn es erst einmal Tarife und Endgeräte für sie gibt.

Mitunter wird argumentiert, private Verbraucher wollten keine variablen Tarife. Sehen Sie das auch so?

Matthias Kurth: Das ist richtig, ich bin auch skeptisch. In dem Moment, wo ich keinen Nutzen für mich sehe, würde ich es auch nicht machen. Das Geschäftsmodell muss einen Kundennutzen vermitteln. Der muss nicht unbedingt darin bestehen, dass man gewaltige Stromspareffekte erzielt. Ich glaube, den Deutschen genügt es, wenn sie sich ein Stück weit effizienter verhalten können. Falls die Steuerung des Netzes in einem System intelligenter Haustechnik automatisch mitläuft, ist das den Menschen sicherlich leichter zu vermitteln. Dazu bedarf es attraktiver Angebote. Nur weil die Bundesnetzagentur will, dass Smart Meter eingebaut werden, wird es nicht funktionieren.

Warum wehren sich die Unternehmen der Energiebranche gegen Smart Grids?

Kurth: Ich glaube nicht, dass sie sich wehren. Das Problem ist, dass sie noch kein richtiges Geschäftsmodell sehen. Sie sehen zunächst nur die Mehrkosten, aber nicht die zusätzliche Nachfrage. Das ist ein typisches Henne-Ei-Problem. Dass sie natürlich selbst die Nachfrage schaffen könnten durch attraktive Angebote, das sehen einige in der Branche, aber viele sagen auch: Das ist ein langer Weg, warum müssen wir die Pioniere sein. Deswegen muss man jetzt diejenigen fördern, die den Pioniergeist entwickeln und bereit sind, gewisse Vorinvestitionen zu leisten. Das wird am besten in Pilotprojekten geschehen.

Im intelligenten Stromnetz weiß der Anbieter jederzeit über das Verbrauchsverhalten seiner Kunden Bescheid. Resultiert daraus ein Datenschutzproblem?

Kurth: Da müssen wir aufpassen, das sollten wir ernst nehmen. Datenschutz ist bei den vielen Skandalen, die wir in Deutschland haben, ein Thema, das man nicht auf die leichte Schulter nehmen darf. Wir sind in dieser Frage unter anderem im Gespräch mit dem Bundesinnenminister und dem Bundesdatenschutzbeauftragten. Wir sollten aber auch aufpassen, dass wir die Kosten nicht so weit in die Höhe treiben, dass am Ende das ganze Konzept scheitert. Da sind Vernunft und Augenmaß gefragt.

Haben intelligente Stromnetze bei all den Herausforderungen eine Zukunft?

Kurth: Das glaube ich schon. Die Volatilität der Erneuerbaren setzt ein intelligentes Netz voraus. Die spannende Frage ist: Wie schnell geht es und wie schnell werden die Kunden diese neue Art der Energieversorgung akzeptieren? Da kann man einiges tun. Ich hoffe, dass Deutschland bei Smart Grids ein Vorreiter sein wird und die Marktchancen nutzt.

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014