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Energiewende

Weniger Innovation, mehr Umsetzung

Weniger über künftige Innovationen zu reden, als entschlossen die jetzt notwendige Detailarbeit umzusetzen, fordert RWE-Vorstand Leonhard Birnbaum

Weniger Innovation, mehr Umsetzung Weniger Innovation, mehr Umsetzung
Foto: RWE

Sie haben erst kürzlich während eines Vortrags vor Experten der „Energiegespräche am Reichstag“ mit der Äußerung provoziert, viel werde über Innovationen geredet, aber Innovationen seien jetzt bei weitem nicht das, was die Energiewende in Deutschland am dringendsten brauche. Was wird denn gebraucht?

Mir kam es auf das „Jetzt“ an. Was jetzt am dringendsten ist, ist die Umsetzung. Denn wir haben in erster Linie ein Umsetzungs- und kein Innovationsproblem. Jetzt geht es vor allem um Systemdenken und Europäisierung, damit das, was zu tun ist, auch getan werden kann. Und wer meint, zunächst eine Innovationsdebatte führen zu müssen, macht einen Fehler. Der Erfolg der Energiewende, ihre Glaubwürdigkeit und die Bereitschaft der Gesellschaft, diesen Weg konsequent zu gehen, entscheidet sich in den nächsten drei Jahren und nicht erst nach 2020. Innovationen zu unterstützen steht dabei außer Frage, aber „jetzt“ steht vor allem die Umsetzung ganz vorn auf der Agenda.

Umsetzung klingt noch sehr abstrakt? Worum geht es für Sie konkret?

Es reicht nicht aus, Ziele zu definieren. Allein aus der Definition eines Ziels kann nicht erwartet werden, dass sich ein Investor finden wird, um dieses Ziel so zu sagen zu materialisieren. Oder, anders gesagt: Die Energiewende kann man nicht verordnen, man muss mit den richtigen Anreizen für die richtigen Investitionen sorgen. Ein gutes Fördersystem zum Beispiel kann an unzureichenden Genehmigungen scheitern. Habe ich dann die Genehmigungen im Griff aber nicht die technischen Standards, zerfällt mein Zeitplan. Was sich hier so abstrakt anhört, ist für uns sehr real und konkret. Wenn unser Unternehmen in Großbritannien Offshore-Windparks bauen möchte, dann gibt es dafür ganz klare technische Standards und Abläufe, nach denen ich planen kann. In Deutschland ist das nicht der Fall. Im Ergebnis ist in Deutschland jede Anlage ein Unikat. Und Unikate brauchen länger zur Realisierung und sind teurer. Das kann doch nicht richtig sein! Umsetzung ist eine enorme Detailarbeit und sie muss jetzt geleistet werden, damit wir auf dem Weg zu unseren Ausbau-Zielen vorankommen.

Dafür müsse man, so sagen Sie, „richtig“ Denken. Was wäre demnach „falsches“ Denken?

Bleiben wir bei Ersterem. Unter „richtigem“ Denken verstehe ich den Ansatz, die Energiewende effizient, kostengünstig und beispielhaft umzusetzen – um vielleicht auch zum Vorbild für andere Länder zu werden. Dazu gehört Europäisierung genau so wie Pragmatismus und Ideologiefreiheit.

Bedarf es dafür neuer politischer Institutionen?

In der Energiewirtschaft herrscht, so meine ich, Konsens darüber, dass es in der Politik „irgendwo“ einen Punkt geben muss, in dem die verschiedenen Verantwortungen für Versorgungssicherheit, Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit zusammenfließen. Es kann nicht unsere Aufgabe als Industrie sein, mit unterschiedlichen Politikbereichen unterschiedliche Ziele zu diskutieren, um dann die Rahmenbedingungen für unsere Investitionen zu verstehen und umzusetzen. Diese Diskussion muss mit einer Instanz geführt werden, egal wie diese dann heißen mag.

Braucht Deutschland für die Energiewende einen neuen Ruck, in Anlehnung an ein Wort von Roman Herzog?

Der Ruck ist doch schon durch Deutschland und die Politik gegangen. Wer behauptet denn, die Energiewende wäre nicht ein solch großer Ruck. Der Wille zu massiver Veränderung ist vorhanden – das war es, was Herzog damals in anderem Zusammenhang einforderte. Wir brauchen jetzt aber die Entschlossenheit, diesen Willen auch umzusetzen.

Wird dabei der seit 1998 in der Energiewirtschaft eingeführte Markt immer weiter zurückgedrängt?

Es gibt klare Entwicklungen, die die Liberalisierung in ihr Gegenteil verkehren. Aber: Erstens war die Liberalisierung kein deutsches Experiment, sondern Teil des europäischen Binnenmarkts, in dem wir uns heute bewegen. Zweitens hat die Liberalisierung des Energiemarktes große Erfolge erzielt, die oft zu wenig Beachtung finden. Wenn wir die Energiepreise betrachten und Steuern und Abgaben einmal ausblenden, so sind diese über die Jahre konstant beblieben. Die Verdreifachung der Kohle- und Gaspreise wurde durch Effizienzgewinne aufgefangen. Das wäre ohne Liberalisierung und ohne den Druck des Marktes nicht einmal ansatzweise denkbar gewesen. Der Markt treibt Effizienz. Deshalb sollten wir Marktmechanismen auch weiter für die Energiewende nutzen.

Mit der Einführung von so genannten Kapazitätsmärkten wäre aber der letzte Rest von Markt auch reguliert?

Versuchen wir doch erst einmal, zu klären, worüber wir beim Thema Kapazitätsmärkte reden. Dann sehen wir folgendes: Erstens fahren wir netz-technisch gesehen derzeit auf Sicht, weil wir im vergangenen Jahr mit der Abschaltung von Atomkraftwerken sehr schnell große Kapazitäten aus dem System genommen haben und die Einspeisung der Erneuerbaren Energien starken Schwankungen unterliegt. Damit haben wir uns sieben bis acht Jahre genommen, in denen wir die Netze auf die neuen Anforderungen hätten vorbereiten können. Ein Kapazitätsmarkt hilft uns hier überhaupt nicht! Wir haben jetzt zu wenig Reservekapazität. Daran würde die Einrichtung eines Kapazitätsmarktes in den nächsten ein bis zwei Jahren nicht das Geringste ändern, denn es käme nur die sich gegenwärtig schon im Aufbau befindliche Kapazität hinzu – keine durch den Kapazitätsmarkt geschaffene. Kurzfristig bringen uns Kapazitätsmärkte also gar nichts.

Anders verhält es sich am Ende der Dekade, sobald weitere Atomkraftwerke und eine Reihe älterer konventioneller Kraftwerke abgeschaltet werden. Dann könnte es wieder einen Engpass geben, wenn niemand neue Kapazitäten baut, weil sich das nicht rechnet. Für diesen Zeitpunkt kann man über Kapazitätsmärkte nachdenken, nicht aber, um jetzt kurzfristige Lösungen zu finden. Langfristig sollte man bedenken, dass es teuer werden kann, wenn die Kapazitätsmärkte nicht gut strukturiert sind und dass es bislang sehr wenig Erfahrungen mit guten Kapazitätsmärkten gibt.

… was wären die „guten“? ...

… da müsste ich jetzt sehr lange nachdenken. Die meisten der mir bekannten Vorschläge sind weder kosteneffizient noch europäisch. Abgesehen davon, dass die schnelle Einführung einer Kapazitätsprämie zu deren Abschöpfung durch die umgebenden europäischen Unternehmen führen würde, ohne auch nur ansatzweise den beabsichtigten Nutzen bringen zu können.

Deshalb müssen wir weiter nachdenken – glücklicherweise haben wir Zeit dafür.

Apropos Zeit. Oft werden die im Vergleich zu anderen Ländern höheren volkswirtschaftlichen Kosten der Energiewende und der damit verbundenen Technologieentwicklung in Deutschland mit dem künftig erwarteten Gewinn des „first movers“ gerechtfertigt – also dem Gewinn desjenigen, der sich keine Zeit gelassen hat. Wie sehen Sie diese Chancen?

Das ist kein Automatismus. Das kann, muss aber nicht so sein. Der „first mover advantage“ hängt davon ab, ob wir nachhaltige Exporterfolge mit unseren Innovationen erzielen können – die Betonung liegt auf „nachhaltig“. Es ist nebenbei auch nicht gerechtfertigt anzunehmen, mehr Kapital oder mehr Förderung erhöhe die Aussichten auf den „first mover advantage“. Für das, was vor uns liegt, gibt es keine vorgefertigten Rezepte, die müssen wir jetzt selber finden.

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014