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Energieszenarien

„Wir brauchen alle Quellen“

Ein Gastbeitrag zur Energiewende – aus der Sicht eines Ölkonzerns

„Wir brauchen alle Quellen“ „Wir brauchen alle Quellen“
bvl.de

Gerade hat das Bundeskabinett in Deutschland den Ausstieg aus der Atomkraft beschlossen und sich für eine intensivere Förderung von Erneuerbaren Energien ausgesprochen. Das ist angesichts der jüngsten Ereignisse, insbesondere des Reaktorunglücks von Fukushima, politisch nachvollziehbar.

Ökonomisch betrachtet sind sich Experten hingegen einig: Wir brauchen künftig alle Energiequellen, um die steigende Nachfrage  zu decken und gleichzeitig die klima- und umweltpolitischen Herausforderungen zu berücksichtigen. Motto der Zukunft kann nicht sein, das eine zu tun und das andere zu lassen. Wir müssen vielmehr alles technologisch Machbare tun, um den Energiehunger zu stillen – und das so vernünftig und nachhaltig wie möglich.   

In jeder Sekunde werden auf der Welt fünf Babies geboren. Mitte des Jahrhunderts wird die Weltbevölkerung von jetzt 6,5 auf neun Milliarden Menschen ansteigen. Das entspricht einem weiteren China und Indien, mit all den Grundbedürfnissen der Bevölkerung nach Nahrung, Wasser und Energie, die dann gestillt werden müssen.

Gleichzeitig finden weltweit Millionen von Menschen den Weg aus der Armut. Insbesondere in Ländern wie Brasilien, Russland, Indien und China steigt das Wohlstandsniveau spürbar. Dort können sich viele Menschen ihren ersten Kühlschrank, Computer oder ihr erstes Auto leisten – Konsumgüter, von denen ihre Eltern und Großeltern häufig nur träumen konnten.

Folge dieser Entwicklung ist ein rasant steigender Energiebedarf. Sollte sich an unserem Umgang mit Energie nichts ändern, könnte sich der weltweite Bedarf bis 2050 verdreifachen. Dabei muss sich der CO2-Aussstoß im selben Zeitraum nach Ansicht zahlreicher Wissenschaftler halbieren, um eine spürbare Änderung des Weltklimas zu verhindern.

Sicherlich wird es gelingen, den Energieverbrauch unserer Autos, Häuser und Fabriken in den kommenden Jahren zu senken. Auch wird der technische Fortschritt helfen, zusätzliche Energiequellen zu erschließen. Doch steht zu befürchten, dass dies nicht ausreichen wird. Die Energieökonomen des Shell-Konzerns prognostizieren, dass gegen Mitte des Jahrhunderts eine große Lücke zwischen dem weltweiten Energiebedarf und –angebot klaffen wird: 400 Exajoule pro Jahr (Anm. der Red.: 1 Exajoule = 1018 Joule). Das entspricht dem Volumen der weltweiten Energiewirtschaft  im Jahre 2000.

Ende des kommenden Jahrzehnts wird die Produktion von leicht förderbarem Erdöl und Erdgas voraussichtlich nicht mehr in den dem Maße steigen wie die Nachfrage. Obwohl es in vielen Regionen der Erde noch Kohlevorkommen gibt, sind dem Wachstum dieses Energieträgers durch Transportprobleme und ökologische Herausforderungen Grenzen gesetzt. Alternative Energiequellen wie Biokraftstoffe werden zwar ein immer wichtigerer Bestandteil im Energiemix, doch einen Königsweg aus der mangelnden Deckung der Nachfrage bieten sie auch nicht.

 

Der weltweite Strombedarf wird in den nächsten 20 Jahren voraussichtlich um 75 Prozent ansteigen. In der Stromerzeugung verlassen sich heute viele Länder hauptsächlich auf Kohle, die für 40 Prozent der weltweiten Stromerzeugung steht. In China und den USA stammen 80 Prozent des erzeugten Stroms aus Kohlekraftwerken. In Europa und Indien sind es rund 70 Prozent.

Die stärkere Nutzung erneuerbarer Energien wie Windkraft und Solarenergie wird gewisse Abhilfe schaffen. Aber selbst bei sehr schnellen Entwicklung werden erneuerbare Energien im Jahr 2050 voraussichtlich nur für rund 30 Prozent der weltweiten Energieversorgung stehen, wie der Weltklimarat IPCC in einem kürzlich veröffentlichten Bericht feststellt.

Auch die Umstellung auf Erdgas wird dazu beitragen, künftige Emissionen in der Stromerzeugung zu senken. Mit Gas betriebene Kraftwerke erzeugen 50 bis 70 Prozent weniger CO2 als Kohlekraftwerke. Gaskraftwerke kosten außerdem weniger und können schneller gebaut werden. Daneben lassen sie sich auch leichter an- und abfahren und sind daher die optimale Ergänzung für fluktuierende Sonnen- und Windenergie. Kurzum:  Erdgas ist für viele Länder die schnellste und kostengünstigste Option, ihre CO2-Emissionen zu senken und gleichzeitig ihren wachsenden Energiebedarf zu decken.

Die Förderung regenerativer Energiequellen ist nur eine Seite der Energiewende. Wir müssen auch intelligenter mit Energie umgehen. Und dies sollte in den Städten beginnen. Während heute bereits rund die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten lebt, wird dieser Anteil bis 2050 auf drei Viertel steigen.

Um diese zusätzliche Stadtbevölkerung zu beheimaten, muss laut der Habitat Group der Vereinten Nationen Woche für Woche eine neue Stadt mit einer Million Einwohner gebaut werden, und das die nächsten 30 Jahre lang. Da 80 Prozent aller CO2-Emissionen in Städten erzeugt werden, wird Städteplanung und -gestaltung eine entscheidende Rolle spielen. Dabei müssen der öffentliche Personennahverkehr sowie intelligente Abfall- und Wassermanagementsysteme von vornherein einbezogen werden.

Eine kürzlich durchgeführte Shell-Studie zu 20 hoch entwickelten Volkswirtschaften ergab, dass US-amerikanische Autofahrer doppelt so viel fahren und dabei dreimal so viel Energie verbrauchen wie Autofahrer in Europa. Das kann man teilweise durch den in den USA weit verbreiteten sehr flächenintensiven Städtebau und die vergleichsweise niedrigeren Benzinpreise erklären, denn diese Faktoren führen dazu, dass sich bei den Verbrauchern ein eher verschwenderisches Energieverhalten festsetzt.

Dies gilt aber auch, wenn Regierungen Energie stark subventionieren. Solche Subventionen sind kontraproduktiv. Sie fordern die Verbraucher geradezu auf, mehr Energie zu verbrauchen, als sie es sonst tun würden. Eine kürzlich veröffentlichte Untersuchung zeigt, dass durch die Streichung der jährlich zur Kraftstoffsubvention eingesetzten 300 Milliarden US-Dollar ausreichend Energie gespart werden könnte, um den Bedarf von Japan und Korea zu decken – und es wäre dann immer noch genug übrig, um auch Neuseeland zu versorgen.

 

Zur Person: Peter Blauwhoff ist promovierter Verfahrenstechniker und arbeitete seit 1981 in verschiedenen Positionen für den Shell-Konzern, unter anderem in Frankreich, Großbritannien und der Elfenbeinküste. Seit 2008 führt er die Geschäfte der deutschen Konzerntochter in Hamburg.

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014