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Interview

„In Deutschland fehlt Expertise“

Rechtsanwalt Rinker erläutert, warum Wetterderivate in Deutschland noch ein Nischenprodukt sind.

„In Deutschland fehlt Expertise“ „In Deutschland fehlt Expertise“
ENERGLOBE.DE, Denny Rosenthal

Rechtsanwalt Mike Rinker befasst sich seit Jahren mit Wetterderivaten. Neben der Arbeit in seiner eigenen Kanzlei ist er in der Rechtsabteilung eines der größten deutschen Asset Manager im Kapitalmarktrecht tätig. Er hat mehrere Aufsätze in Fachzeitschriften sowie 2008 das Buch „Wetterderivate - Funktionsweise / rechtlicher Rahmen / MiFID / Ultra-vires-Doktrin“ veröffentlicht.

Herr Rinker, seit wann existieren Wetterderivate?

Rinker: Die Geburtsstunde der Wetterderivate ist eng mit der Deregulierung der Strommärkte in den USA im Jahr 1996 verknüpft, die zu einer Abkoppelung der Stromerzeugung von der Stromversorgung führte. Durch diese Liberalisierung entstanden neue Unternehmen und Geschäftszweige rund um den Handel mit Energie. Die Unternehmen stellten schnell fest, dass das Wetter Einfluss auf den Energieverbrauch und damit ihre Geschäfte hatte. Da die Versicherungsbranche nur eine Absicherung gegen Wetterextreme anbot, schufen Unternehmen wie Enron, Koch Industries und Aqulia ihre eigenen Absicherungsprodukte. Der erste veröffentlichte Handel war 1997 ein Kontrakt zwischen Enron und Koch Industries. Gegenstand waren die Temperaturen während des Winters in Milwaukee. Mittlerweile werden Wetterderivate in den USA auch börslich gehandelt und das Volumen von gehandelten Wetterderivaten geht in die Milliarden US-Dollar. In Europa hat dieses Finanzinstrument bislang noch nicht die gleiche Akzeptanz gefunden.

Wo liegt für ein Unternehmen der Vorteil gegenüber einer Versicherungspolice?

Rinker: Unternehmen können sich so gegen wetterbedingte Umsatzverluste absichern, ohne dass sie konkret einen Schaden nachweisen müssen. Erfasst werden moderate Veränderungen des Wetters, wie beispielsweise die Niederschlagsmenge, die Windstärke oder die Temperaturen innerhalb eines festen Zeitraums an einem bestimmten Ort. Letztlich wird der maßgebliche Wetterverlauf in einem Index erfasst. Damit können die Vertragsparteien bei der Ausgestaltung des Vertrages auf alle bekannten Derivatestrukturen zurückgreifen, um so bestehenden Risiken adäquat zu begegnen. Die Vereinbarung einer Prämie ist nicht zwingend.

Für welche Branchen sind Wetterderivate noch von Interesse?

Rinker: Neben der Energiebranche sind natürlich auch die Landwirtschaft und der Tourismus ganz besonders vom Wetter abhängig. Letztlich ist aber jedes Unternehmen in irgendeiner Weise wirtschaftlich vom Wetter abhängig, und sei es in Hinblick auf die Beheizung oder Kühlung der Geschäftsräume. Hervorgehoben werden müssen auch Kommunen. Denn ein langer und harter Winter kann schon für eine kleine Stadt Mehrkosten im hohen sechs-stelligen Euro-Bereich bedeuten - für die Beseitigung von Straßenschäden, Räumung, Heizung. Mit der Energiebranche, die von einem langen Winter profitiert, gäbe es da auch einen idealen Vertragspartner. Dieser würde in kurzen Wintern von der Gegenleistung der Kommune profitieren, beipielsweise einer Optionsprämie.

Warum ist der Trend bislang noch nicht richtig aus den USA nach Europa geschwappt und was müsste geschehen, damit sich dies ändert?

Rinker: Derzeit ist das Volumen für derartige Transaktionen in Europa noch vergleichsweise gering. Es mangelt in der Breite an Expertise. Unternehmen wissen zum Teil nicht, dass sie wetterbedingte Umsatzrisiken über Wetterderivate absichern können. Ist dies bekannt und geht beispielsweise ein Getränkehersteller zu seiner Hausbank, um sich mit einem Wetterderivat gegen einen zu kühlen Sommer abzusichern, kann diese ihm häufig nicht weiterhelfen. In der Regel enden an dem Punkt die Bemühungen des Unternehmers. Würde die öffentliche Hand bestehende Wetterrisiken absichern und aufgrund des Wetterverlaufs eine Zahlung aus dem Derivat erhalten, könnte dies schlagartig zu einer erhöhten Nachfrage und damit einer Erhöhung des Handelsvolumens führen. Dies würde allseits den Aufbau entsprechender Expertise fördern und derartige Produkte pushen. Da der Einsatz von Derivaten im Zuge der Finanzkrise aber ungeachtet ihrer Zweckmäßigkeit pauschal in Verruf gekommen ist, bleibt fraglich, ob und wann eine solche Entwicklung einsetzen wird.

Weitere Informationen:

Mike Rinker, „Wetterderivate - Funktionsweise / rechtlicher Rahmen / MiFID / Ultra-vires-Doktrin“Erich Schmidt Verlag, Berlin, Oktober 2008: www.esv.info

Rechtsanwalt Mike Rinker: http://e-lawconsult.net

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014