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Börse

Minus bringt Aufwind

Käufern Geld zu zahlen scheint paradox. Doch negative Strompreise können die Integration der Erneuerbaren ins Netz fördern.

Minus bringt Aufwind Minus bringt Aufwind
energlobe.de, Denny Rosenthal

Es klingt nach verkehrter Welt: Käufer bekommen Geld vom Anbieter, damit er seinen Strom los wird. An 197 Tagen war dies im vergangenen Jahr der Fall. Der Grund: Kräftige Böen hatten Windräder so stark zum Rotieren gebracht, dass sie das Netz mit regenerativem Strom fluteten. Das Überangebot ließ die Strompreise für die Megawattstunde an der Börse in den Keller fallen – bis zu rund 1500 Euro ins Minus.

Der Geschäftsführer der energiewirtschaftlichen Beratung Consentec, Christoph Maurer, hält negative Strompreise trotzdem für eine sinnvolle Sache – unter den gegebenen politischen Rahmenbedingungen. Deutschland will den Umbau des deutschen Energiesystems, damit zukünftig regenerative Energien den Ton angeben.

Anreiz für Speicher und schnelle Kraftwerke

Derzeit stellt es für die Energiebranche ein Problem dar, den nach Wetterlage produzierten grünen Strom zu integrieren und überlastete Netze zu verhindern. Negative Strompreise könnten diese Anpassung beschleunigen: Sie schaffen laut Maurer Anreize, sich an den fluktuierenden regenerativen Strom anzupassen. „Die negativen Preise machen den Bau von Speichern und flexiblen Kraftwerken attraktiv.“

Denn wer seine Kraftwerke schnell herunter fahren kann, muss in der Starkwindzeit nicht mit Verlust Strom an der Börse verkaufen. Mit so hoher Geschwindigkeit regelbar sind in erster Linie Gasanlagen. Speicherbesitzer steigern bei negativen Preisen sogar ihren Gewinn, weil sie zusätzlich zum Strom auch noch Geld vom Verkäufer bekommen.

Bürger bezahlt negative Preise

Schuld an den negativen Strompreisen ist eine politische Entscheidung, die den Ausbau der Regenerativen fördern soll: In Deutschland hat grüner Strom laut Erneuerbare-Energie-Gesetz (EEG) Vorrang. Die Folge: Die erzeugte Energie muss von den Netzbetreibern abgenommen werden – egal ob sie gebraucht wird oder nicht. „Das Problem ist, dass es bisher keinen Anreiz gibt, die Produktion von regenerativem Strom der Nachfrage anzupassen“, kritisiert Maurer. Und das, obwohl etwa Biomasseanlagen wetterunabhängig Strom produzieren könnten, bemängelt er.

Für einen Windanlagenbetreiber gibt es keinen Grund, seine Anlage abzuschalten. Auch wenn gerade niemand seinen Strom braucht: Er bekommt sein Geld in jedem Fall vom Bürger per Umlage, die das EEG festlegt.

Unternehmen nehmen negative Preise in Kauf

Für Verbrauchsspitzen aufbewahren lässt sich dieser Windstrom nur bedingt: In Deutschland mangelt es an Energiespeichern. Auf große Mengen des grünen Stroms reagieren müssen also die konventionellen Kraftwerke, indem sie herunterfahren.

Hier gibt es allerdings ein Problem: Kohle- und Kernkraftwerke können ihre Leistung zwar in weiten Bereichen regeln. Aber die Kosten für das Ab- und Anfahren sind hoch, es müssen Mindeststillstandszeiten und Prüfverfahren eingehalten werden. Es scheint sich zu lohnen, negative Preise an der Börse in Kauf zu nehmen, statt die Kraftwerke auf Null herunterzuregeln. „Als die konventionellen Kraftwerke gebaut wurden, konnte man mit dieser Situation noch nicht rechnen“, erläutert Maurer.

Bewegung in der Energiebranche

Der Energieberater sieht aber bereits Bewegung in die deutsche Branche kommen. Die Energieversorger mussten im vergangenen Jahr in einzelnen Stunden hohe Summen bezahlen, um ihren Strom loszuwerden. „Betriebswirtschaftlich kann das für betroffene Unternehmen nicht angenehm sein“, sagt Maurer. 

Er ist sich sicher, dass an einer Lösung dieses Problems bereits gearbeitet wird. „Der Markt muss lernen – und normalerweise tut er das recht schnell, da bin ich zuversichtlich.“ Zwei Pumpspeicherkraftwerke sind derzeit in Deutschland geplant, in der Schweiz, in Österreich und Luxemburg sind es sogar zwölf Stück. Die Nachbarländer könnten durch Exporte vom EEG-Strom profitieren.

Nachts Wäsche waschen

Auch Verbraucher müssten sich theoretisch gesehen nur anpassen und könnten dann von den negativen Strompreisen profitieren: Sie müssten Essen kochen und fernsehen, wenn es ein Überangebot am Markt gibt. Mit entsprechenden Tarifen könnten sie Geld sparen, wenn der Preis ins Minus rutscht.

Maurer ist allerdings skeptisch, inwieweit sich die Nachfrageseite kurzfristig den Schwankungen des Stroms anpasst. Der Prozess werde sich über viele Jahre hinziehen, nimmt er an. „Ich halte es für nicht sehr wahrscheinlich, dass Unternehmen in großem Stil bald ihre Produktionszyklen umstellen und wir anfangen, um drei Uhr nachts Wäsche zu waschen.“

Weitere Informationen:

FAZ: Verbraucher zahlen für Überangebot an Ökostrom" www.faz.de

Handelsblatt: "Windenergie sprengt die Stromnetze" www.handelsblatt.de

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014