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Wärmeversorgung

BDH fordert einfache Gesetze

Trotz steigender Energiepreise ist die Bereitschaft zur Modernisierung begrenzt. Worin liegt das Problem?

BDH fordert einfache Gesetze BDH fordert einfache Gesetze
energlobe.de, Denny Rosenthal

Von den rund 18 Millionen Heizungsanlagen in Deutschland entsprechen nur rund 13 Prozent dem Stand der Technik. Trotz steigender Energiepreise ist die Bereitschaft zur Modernisierung begrenzt. Worin liegt das Problem? Antworten vom Präsidenten des Bundesindustrieverband Deutschland Haus-, Energie- und Umwelttechnik (BDH) Klaus Jesse und seinem Hauptgeschäftsführer Andreas Lücke.

Klaus Jesse: Das Durchschnittsalter der Heizungsanlagen in Deutschland ist in den letzten Jahren gestiegen und liegt bei Ölheizungen bei 25 Jahren, bei Gasheizungen bei 22 Jahren. Entsprechend ineffizient sind diese Geräte. Stellen Sie sich vor, wie Emissionen und Spritverbrauch aussähen, wenn die Fahrzeugflotte von vor 25 Jahren das Straßenbild prägen würde. Das ist unvorstellbar.

Der Impuls zur Investition geht oft von einem Servicefall aus oder ist in deutlich steigenden Energiepreisen begründet. 2008 kletterte der Ölpreis auf 150 Dollar je Barrel und der Heizungsmarkt wuchs um zehn Prozent. 2009 war der Energiepreis immer noch hoch, aber nachdem ein gewisser Rückgang eingetreten war, gingen die Investitionen in komplexere, effizientere Systeme zurück. Wenn die Energiepreise jedoch weiter steigen – und das werden sie mit Sicherheit –, werden viele Hausbesitzer nur durch Investitionen in eine energetische Modernisierung ihre Energiekosten in Zukunft begrenzen können. Der Gedanke, autark zu sein, spielt dabei ebenfalls eine Rolle. Eine solarthermische Anlage zum Beispiel hilft natürlich, sich ein Stück weit unabhängiger zu machen.

Wie kann die Politik das Modernisierungsverhalten beeinflussen?

Jesse: Die Politik versucht das durch Marktanreizprogramme. Wir haben es hier aber permanent mit Stop-and-go-Entscheidungen zu tun. So lässt sich keine konstante und nachhaltige Marktentwicklung schaffen.

Andreas Lücke: Am 3. Mai wurde der Förderstopp des Marktanreizprogramms (MAP) offiziell vom Bundesumweltministerium bekannt gegeben. Wir kämpfen aber weiter dafür, dass dieser kurzfristig aufgehoben wird. Der Koalitionsvertrag enthält eindeutige Zusagen, die relevanten KfW-Programme und vor allem das Marktanreizprogramm fortzuführen. Gegenwärtig entmachtet eine Handvoll Haushaltspolitiker die bisher starke Phalanx der Umwelt- und Wirtschaftspolitiker, die sich für den Aufbau der Erneuerbaren Energien im Wärmemarkt konsequent einsetzen. Wir befürchten einen Fördergau, wenn sich jene Haushaltspolitiker durchsetzen, die die Mittel für das MAP und das KfW-Programm sperren wollen.

Wenn die Energiepreise stetig steigen, die Situation der Branche also sowieso in die Hände spielt, wozu brauchen Sie dann noch die Hilfe der Politik?

Jesse: Sie haben Recht, die Energiepreise sind ein Treiber unseres Geschäfts. Aber da kommen wir ganz schnell zu einer sozialpolitischen Komponente. Es gab in der Vergangenheit auch die Diskussion um Heizkostenzuschüsse, weil sich viele Menschen die Gas- oder Ölrechnung nicht mehr leisten konnten. Deswegen kann sich die Politik nicht allein auf steigende Energiepreise berufen. Darüber hinaus ist das politische Ziel, den regenerativen Wärmemarkt zu fördern, nur durch höhere Investitionen durch den Hausbesitzer erreichbar, die eine gewisse Förderung bedingen.

Welchen Einfluss hat die Klimadiskussion auf den Modernisierungswillen der Hausbesitzer?

Jesse: Die Diskussion um den Klimaschutz hilft, da sie auf das schlechte Gewissen abzielt. Dies führt aber nicht zu einer Kaufentscheidung. Niemand investiert 20.000 oder 25.000 Euro, um den CO2-Ausstoß seines Hauses zu reduzieren. Hausbesitzer wollen Geld sparen bei den Energiekosten, eine zukunftssichere Investition tätigen und den Wert ihres Hauses steigern.

Rund fünfzehn Prozent der gesamten CO2-Emissionen werden von den privaten Haushalten verursacht. Die Klimaschutzziele der Bundesregierung sehen vor, den Kohlendioxidausstoß bis 2020 um vierzig Prozent im Vergleich zu 1990 zu reduzieren. Welche Rolle spielt die veraltete Heizanlagentechnik dabei?

Lücke: Die aktuelle Modernisierungsrate von drei Prozent – das sind 630.000 neue Anlagen im Jahr, davon 90 Prozent im Bestand – reicht nicht aus, um die CO2-Minderungsziele der Bundesregierung zu erreichen. Eine Verdopplung des Modernisierungstempos wäre erforderlich.

Jesse: Eine Verdopplung erreichen wir aber mit den bisherigen Maßnahmen nicht. Wir brauchen eine einfache Förderung. Und das ist im Prinzip die Steuerabschreibung. Wir hatten schon einmal eine Modernisierungsquote von sechs Prozent: Damals gab es einen Paragrafen 82a (im Einkommenssteuer-Gesetz von 1977 bis 1996, Anm. d. Red.), nach dem der private Hausbesitzer seine Investition über zehn Jahre abschreiben und damit steuerlich geltend machen konnte.

Lücke: Das Gros der Modernisierer ist zwischen 35 und 58 Jahren alt, hat einen hohen Bildungsstand und ein vernünftiges Einkommen, vielleicht auch ein bisschen Vermögen. Diese Klientel reagiert am besten auf eine Steuerabschreibung. Wenig hätten natürlich diejenigen davon, die zwei bis drei Kinder haben. Die Steuernachteile könnte man dann mit einer Zuschussvariante ausgleichen, genauso wie die Rentner, die natürlich auch potenziell Modernisierer sind.

Beschränkt sich Ihre Forderung an das von der Bundesregierung zum Herbst angekündigte neue Energiekonzept auf die steuerliche Absetzbarkeit der Investitionen?

Lücke: Wir setzen uns für eine Deregulierung und Vereinfachung des Ordnungsrechts ein sowie für eine intelligente Politik der Anreize. Wenn man sich das Marktanreizprogramm anschaut, dann gibt es dort einen Multiplikatoreffekt je eingesetztem Fördereuro. Das bedeutet, ein Euro aus Steuergeldern resultiert in acht Euro an Investitionen.

Wir setzen uns für eine Deregulierung und Vereinfachung des Ordnungsrechts ein sowie für eine intelligente Politik der Anreize. Wir wollen darüber hinaus eine technologieoffene Regelung. Das heißt, es wird vorgeschrieben, dass ein Neubau siebzig Kilowattstunden je Quadratmeter im Jahr verbrauchen darf. Und wenn eine umfassende Sanierung im Bestand durchgeführt wird, muss dieser Wert auch erreicht werden. Mehr nicht. Wie das gemacht wird, bleibt dem Hausbesitzer überlassen. Er kann dämmen oder eine moderne Anlagetechnik einbauen. Je nachdem, wie scharf die Anforderungen sind, wird er womöglich beides tun müssen. Praktiziert wird das bereits in Holland – da funktioniert es.

Die Unsicherheit der Verbraucher ist sehr groß. Sie wissen nicht, ob sie auf erneuerbare Energien, auf Gas, Öl oder Erdwärme setzen sollen. Oder ist es vielleicht besser, das Haus neu dämmen zu lassen, um die Energiekosten zu senken?

Lücke: Es kann durchaus sinnvoll sein, erst zu dämmen – vor allem, wenn die Fassade desolat ist. Aber in den meisten Fällen ist es wirtschaftlicher, den Kesseltausch vorzuziehen und später zu dämmen.

Jesse: Manche Techniken funktionieren auch nur, wenn das Haus gut gedämmt ist. Uns ist überhaupt nicht damit gedient, wenn zum Beispiel Wärmepumpen in schlecht gedämmten Altbauten installiert werden und dann nur einen geringen Wirkungsgrad erreichen. Das haben wir schon mal in den Siebzigerjahren erlebt. Damals ließen sich viele Hausbesitzer eine Wärmepumpe einbauen und waren schließlich unzufrieden, weil ihre Stromrechnung keineswegs auf eine effiziente oder effektive Anlagetechnik hindeutete. Eine Wärmepumpe ist nur in den richtigen Gebäuden effizient.

Wie hoch sind die Einsparpotenziale bei einer Modernisierung der Anlagentechnik?

Jesse: Das ist von jedem Einzelfall abhängig: Bei einem dreißig Jahre alten Gerät sind alleine durch den Austausch gegen einen Brennwertkessel Einsparungen von zwanzig bis vierzig Prozent möglich. Wir haben viele Beispiele, wo Hausbesitzer nur durch den Austausch des Wärmeerzeugers ihre Öl- oder Gasrechnung halbiert haben.

Auf der einen Seite beklagt Ihre Branche einen Investitionsstau, auf der anderen Seite gibt es gerade bei den neuen Technologien Mikro-KWK und Brennstoffzelle einen Innovationsstau. Sollten Verbraucher nicht abwarten, was sich letztlich durchsetzt?

Jesse: Das Grundproblem sind nicht fehlende Innovationen, sondern die Marktdurchdringung mit moderner, effizienter Technik. Dabei spielen natürlich auch die Kosten für eine solche Investition eine Rolle. Bei den modernen, komplexen Systemen liegen sie im Rahmen eines Kleinwagens. Unsere Industrie muss aber technische Lösungen für jeden Geldbeutel bereithalten. Auch in Zukunft müssen wir Technologien anbieten, die zwischen 5.000 und 10.000 Euro liegen. Daneben wird es hoch effiziente Systeme im Bereich von 20.000 Euro geben.

Die Hausbesitzer müssen zudem wissen, dass sie sich nicht die Zukunft verbauen, wenn sie heute zum Beispiel in eine moderne Brennwertanlage investieren. Denn auch die Strom erzeugende Heizung wird in Zukunft immer modular in eine bestehende Heizungsanlage eingebunden werden können.

Wird sich Mikro-KWK und die Brennstoffzelle für Einfamilienhäuser durchsetzen?

Jesse: Mikro-KWK mit drei bis hin zu zwanzig Kilowatt sind bereits marktfähig. Die Ein-Kilowatt-Lösungen, die für private Hausbesitzer interessant werden, sind noch in der Feldtestphase. Wir gehen davon aus, dass diese Erprobungsphase in den nächsten zwei Jahren abgeschlossen sein wird. Die Brennstoffzelle in diesem Leistungsbereich ist allerdings noch nicht marktreif.

Wie schätzen Sie in diesem Zusammenhang die Kampagne der Volkswagen AG mit dem Energieversorger LichtBlick für das „innovative ZuhauseKraftwerk“ ein?

Jesse: Das Produkt hat eine elektrische Leistung von 20 Kilowatt und eine Wärmeleistung von 34 Kilowatt. Es ist damit für Einfamilienhäuser nicht der richtige Anwendungsbereich und wird eher im kleingewerblichen Bereich Anwendung finden.

Beim Autokauf interessiert letztlich, was der Wagen auf hundert Kilometern verbraucht. Auf Ihre Branche übertragen heißt das: Gibt es eine Drei-Liter-Heizung?

Lücke: Die Drei-Liter-Heizung ist Stand der Technik. Ein Brennwertkessel nutzt die fossilen Energieträger heute zu 98 Prozent aus, das heißt zwei Prozent sind Verluste. Wenn also dieser Brennwertkessel gegen einen Standardkessel mit einem Wirkungsgrad von etwa sechzig bis siebzig Prozent ausgetauscht wird, ergeben sich dreißig Prozent Einsparung. In Kombination mit einer solaren Heizungsunterstützung sind weitere zwanzig Prozent möglich.

Welchen Einfluss hat die Energieeinsparverordnung(EnEV) auf den Wärmemarkt?

Lücke: Anders als im Neubau hat die EnEV im Bestand keine Relevanz, denn es gibt keine Nachweispflicht und keine Kontrolle für vorgeschriebene Maßnahmen – wie zum Beispiel die Vorgabe, dass über 30 Jahre alte Heizkessel ausgetauscht werden müssen.

Jesse: Unsere Erfahrung zeigt, dass Ordnungsrecht im Wohnbestand eher zu Zurückhaltung führt als zu wirklicher Marktbelebung. Wir sehen das am Beispiel der Energiesparlampe. Als die Energiesparlampe vorgeschrieben wurde, kauften die Leute die Regale mit Glühbirnen leer – und haben jetzt wahrscheinlich noch Vorräte für die nächsten fünf bis zehn Jahre zu Hause.

Womit, glauben Sie, wird in Zukunft in Deutschland geheizt werden?

Jesse: Bis mindestens 2040 wird in Deutschland noch zu fünfzig Prozent mit Öl und Gas geheizt werden. Denn siebzig Prozent aller neuen Wärmeerzeuger sind heute noch mit Gas betrieben, fünfzehn Prozent mit Öl, acht Prozent sind Wärmepumpen. Dazu kommt Solarthermie. Die Gasverbräuche werden in den nächsten zehn, zwanzig Jahren aber signifikant abnehmen – durch effizientere Technologien, durch den vermehrten Einsatz von Solaranlagen und durch demografische Veränderungen. Biomasse und Wärmepumpe werden weiter zunehmen.

Natürlich arbeiten auch die Öl- und Gasindustrie daran, ihre jeweiligen Energieträger grüner zu machen. Bio-Erdgas ist ein großes Thema, und je nach Entwicklung der Importpreise wird es auch wirtschaftlich werden. Dann wird zwar immer noch Erdgas verbrannt, aber das ist regenerativ erzeugt.

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014