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Energiemix

Chefs unter Strom

Auf dem Weltenergierat im kanadischen Montreal treffen sich derzeit die Topmanager der Energiewirtschaft. Dabei ist Schiefergas das große Thema.

Chefs unter Strom Chefs unter Strom
energlobe.de, Denny Rosenthal

Auf dem Weltenergierat im kanadischen Montreal treffen sich derzeit die Topmanager der Energiewirtschaft aus aller Welt. Dabei ist Schiefergas ein großes Thema. Der billige Rohstoff stellt die Stromerzeugung auf den Kopf. Kunden und das Klima könnten davon profitieren.  

Sind Tiefseebohrungen für den Chef des weltgrößten Energieunternehmens etwa kein Thema mehr? 30 Minuten lang referiert Peter Voser von Royal Dutch Shell auf dem Weltenergiegipfel in Montreal – doch auf die umstrittene Ölförderung unter dem Meer geht er mit keinem Wort ein. Dabei will die ganze Welt wissen, wie es nach der Katastrophe im Golf von Mexiko weitergeht. Doch Voser will gute Nachrichten verbreiten und konzentriert sich deshalb auf ein anderes Thema, das die Branche beschäftigt: Schiefergas. Das ist in großen Mengen vorhanden, spottbillig – und könnte einen radikalen Wandel in der Stromerzeugung bewirken. „Gas ist der schnellste, billigste und einfachste Weg, die CO2-Emissionen zu reduzieren“, sagt Voser. 

Gas könnte Strom grüner machen

Wie das funktionieren könnte, haben die Unternehmensberater von Booz and Company in einer aktuellen Studie skizziert. Sie gehen davon aus, dass in den USA und Europa bis 2015 jährlich etwa 220 Milliarden Kubikmeter des billigen Erdgases zusätzlich für die Stromproduktion genutzt werden könnten. Das hieße, dass sich der Einsatz des Rohstoffes etwa verdoppelt. Was möglich sei, weil Gaskraftwerke von Natur aus „stark unterausgelastet“ sind – im Schnitt nur zur Hälfte. „Gas könnte bei Entscheidungen zum Betrieb bestehender und Bau neuer Kraftwerke zum bevorzugten Energieträger werden“, sagt Thomas Schlaak, Partner und Gasexperte bei Booz and Company. Diese Entwicklung ist bereits in vollem Gange: Laut Branchenverband BDEW wurden im ersten Halbjahr dieses Jahres in Deutschland 20 Prozent mehr Gas verstromt als im gleichen Zeitraum des Vorjahres.

Bei einer stärkeren Auslastung würde vor allem Steinkohle verdrängt – mit positiven Folgen für das Klima. Denn Gaskraftwerke stoßen im Schnitt nur halb so viel Kohlendioxid aus. „Solche anhaltend niedrigen Preise haben das Potential, die Umstellung auf CO2-armes Erdgas zu beschleunigen“, so Schlaak. Ein Fünftel der Emissionen könne so ohne zusätzliche Kosten vermieden werden, meint Shell-Chef Peter Voser. Auch die Stromkunden könnten entlastet werden. „Tendenziell sollte Schiefergas einen dämpfenden Effekt für die Strompreis haben“, meint der Manager.

Steinkohle neuer Spitzenreiter

„Die Gasschwemme hat die Merit Order auf den Kopf gestellt“, sagt Stefan Judisch, Geschäftsführer der Energiehandelsfirma RWE Supply and Trading, im Gespräch mit energlobe.de. Damit meint er die Einsatzreihenfolge und Auslastung des Kraftwerkparks. Früher wurde Gas, weil es der teuerste Rohstoff war, überwiegend in den besonders profitablen Spitzenlaststunden eingesetzt, wenn der Strompreis am höchsten war. Heute kostet die Stromproduktion aus Gas etwa 15 Euro je Megawattstunde. Sie ist damit ähnlich teuer und teilweise sogar preiswerter als der Einsatz von Steinkohle.

Überangebot abgeschöpft   

Wie lange sich dieser Trend hält, ist indes ungewiss. Laut Studie wird das Überangebot wegen der stärkeren Nachfrage der Stromproduzenten bis 2015 verschwinden. „Die Preise ziehen seit Mitte 2009 schon wieder an“, erklärt RWE-Manager Judisch. Er rechnet damit, dass sich das Überangebot schon im kommenden Jahr auflösen wird. Der Vorstandsvorsitzende des russischen Energiekonzerns Gasprom Alexeij Miller prophezeite im Juni: Wegen der wachsenden Nachfrage von Gas zur Verstromung wird sich der Gasmarkt bis 2012 „vollständig erholt haben“. Die Produktion werde dann seiner Meinung nach über dem Niveau vor der Krise liegen.

Gas für 250 Jahre

Die günstige Marktsituation resultierte aus der Erschließung neuer Schiefergasvorkommen in den USA und der sinkenden Nachfrage infolge der Wirtschaftskrise. Mit Hilfe von Flüssiggastankern erreichte der Überschuss Europa. Die Importpreise wurden zwischen Anfang und Mitte 2009 mehr als halbiert. In Zukunft wird viel davon abhängen, ob es einen ähnlichen Schiefergasboom auch in Europa, Australien und vor allem Asien geben wird. Shell-Chef Voser glaubt, dass Gas wegen der Funde im Schiefer noch 250 Jahre verfügbar sein wird, wenn man von konstanten Fördermengen ausgeht. Der US-amerikanische Energieexperte Daniel Yergin spricht hinsichtlich des Schiefergasbooms sogar von der „größten Innovation des 21. Jahrhunderts“.

Kein normaler Rohstoffmarkt

Damit Schiefergas dauerhaft genutzt werden kann, auch wenn es wieder teurer wird, braucht es nach Ansicht aller Experten bessere politische Rahmenbedingungen. Das könnte ein höherer CO2-Preis im Emissionshandel sein, welcher Kohle verteuern würde, oder ein vorzeitiger Ausstieg aus der Steinkohlesubventionierung. Vor allem aber muss mehr Wettbewerb geschaffen werden, indem man den Zugang zu den Leitungsnetzen für Newcomer erleichtert. Außerdem beziehen gerade deutsche Unternehmen nach wie vor einen Großteil ihrer Importe über langfristig vereinbarte Lieferverträge, die deutlich teurer sind. Sie profitieren daher weniger von der Gasschwemme und stehen unter großem Druck, ihre Langfristverträge umzustrukturieren. Schlaak: „Die europäischen Gasmärkte müssen sich an normale Rohstoffmärkte angleichen.“

Weitere Informationen:

Rede von Peter Voser von Royal Dutch Shell unter www.shell.com

Weltenergiekongress Montréal unter www.wecmontreal2010.ca

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014