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grüne Pioniere (3)

Cleverer Recycler

Aus Kunststoff und Autoreifen stellt die Firma von Pascal Klein im Saarland wieder schwarzes Gold her.

Cleverer Recycler Cleverer Recycler
energlobe.de, Denny Rosenthal

Statt alte Autoreifen zu verbrennen, können sie zu wertvollem Öl geschmolzen werden. Um weitere Anlagen bauen zu können, fehlen den Machern nahe der deutsch-französischen Grenze nur noch ein paar innovative Investoren.

In einer alten Werkshalle im saarländischen Dillingen knattert und zischt es. Grobes Gummi-Granulat aus Altreifen und Gummiabfällen wird in einen Trichter am oberen Ende der sieben Meter hohen Maschine gefüllt. Sie verdampfen bei Temperaturen bis 800 Grad Celsius, ohne Sauerstoffzufuhr, hermetisch abgeriegelt. Als Endprodukte produziert diese Pilotanlage Öl, Kohlenstoff und Erdgas – begehrte Rohstoffe für die Industrie. Das Recycling-Verfahren heißt Thermolyse. In der Theorie ist es seit langem bekannt, nur in der Praxis hat es noch nie geklappt, zumindest nicht mit Kunststoff und Gummi. Und so wird bislang etwa die Hälfte der Altreifen einfach verbrannt, zum Schaden der Umwelt. „Das wollen wir ändern“, sagt Jungunternehmer Pascal Klein, der die Firma Pyrum Innovation führt.

Er trägt einen dunklen Anzug und ein Hemd ohne Krawatte. Die Bodenhaftung scheint der 24-Jährige nicht verloren zu haben. Schon der Opa, der die Korrosionsschutz-Firma Klein in den Fünfziger Jahren gründete, lehrte ihn, „die Putzfrau wie den Vorstandsvorsitzenden zu behandeln“, wie er sagt. Bereits mit zehn Jahren ging er ins benachbarte Frankreich, auf ein Internat im Elsass.

Von Paris und New York nach Dillingen

Bald war er zweisprachig und hatte mit 16 Jahren sein Abitur in der Tasche. Ein Bachelor in Straßburg bot sich an, ein betriebswirtschaftlicher Master in Paris und New York folgte. Während der Zeit in den USA konkretisierte sich dann das Projekt.

Der Erfinder der Anlage, Klaus Peter Schulz, ist heute 67 Jahre alt. Bis er auf Familie Klein traf, hatte er mehr als zehn Jahre nach Investoren für sein Projekt gesucht. Klein Senior entschied sich, Pyrum Innovation zu gründen und die Patentrechte für das Verfahren anzumelden. Die Leitung übertrug er seinem Sohn, der sich nach dem betriebswirtschaftlichen Studium beweisen sollte.

Obwohl der keinen Monat in New York missen möchte, fühlt er sich ganz heimisch in der Industrie-Region Saarland. Im familieneigenen Gebäude durfte er sich ein eigenes Büro ausbauen und einrichten - im Keller. Mit einem Schmunzeln sagte ihm damals sein Vater, er müsse sich erst noch hocharbeiten.

Arbeitsfreie Abende sind selten

Pascal Klein teilt sich die Anteile der Firma mit seinem Partner Julien Dossmann aus dem Elsass. Beide besitzen je knapp die Hälfte, kennen sich bereits seit dem Studium in Straßburg und haben später in New York zusammen gewohnt. Fünf Prozent der Anteile gehören Michael Kapf, einem anderen langjährigen Freund. Arbeitsfreie Abende sind selten. Und so ist ein vierter Gründer vor einigen Monaten wieder ausgestiegen; er hatte nach zwei Jahren die Geduld verloren und wollte nicht mehr länger neben seinem täglichen Fulltime-Job bei Pyrum schuften.

Pascal Klein wie auch Mitgründer Dossmann sind bei den Firmen ihrer Väter angestellt. Sie können Pyrum Innovation wie ein Projekt leiten, mit allen notwendigen Freiheiten. Außerdem haben sie so die Möglichkeit, Erfahrungen mit ihrer Eltern-Generation auszutauschen.

Fast ein Perpetuum Mobile

Die Firma trägt sich heute noch nicht. 2.000 Teststunden hat die Pilotanlage bis heute absolviert. Bei der Einweihung vor einem Jahr funktionierte sie nicht, Klein musste nachjustieren. Mittlerweile läuft die Anlage und belohnt den Aufwand mit schwarzem Gold. Die Maschine kann eine Tonne pro Tag recyclen, dass entspricht rund 150 Autoreifen. Daraus entstehen in Dillingen eine halbe Tonne Öl, 380 Kilogramm Kohlenstoff und 120 Kilo Erdgas. Mit dem Gas kann die Maschine betrieben werden, sobald sie einmal läuft. Fast ein Perpetuum Mobile also.

Und der Bedarf ist groß: Allein in Deutschland fallen über 600.000 Tonnen Altreifen an, aus Frankreich kommen weitere 450.000 hinzu. Ein Riesenmarkt. Dabei gibt es noch jede Menge anderer Kunststoffe wie Autodichtungen und Bitumen aus den Dachbelegen zu entsorgen. Nachfragen von bis zu 30.000 Tonnen Auftragsvolumen von namhaften Reifenherstellern gibt es bereits.

Wie man sechs Millionen Euro einsammelt

Dennoch möchte niemand eine Anlage bestellen, ohne eine entsprechende Garantie, dass die genauso gut funktioniert wie die Pilotanlage. Aber diese Sicherheit gibt es nicht. Das Investment ist riskant und wird mit einer stattlichen Rendite von 15 bis 20 Prozent belohnt. Ein französischer Finanzkonzern hätte das Geld bereitgestellt, aber nur gegen eine Mehrheitsbeteiligung am Unternehmen. Darauf wollten sich die zuversichtlichen Gründer nicht einlassen: „Dann hätten wir unsere Seele verkauft“, wie es Klein nennt. Die Gründer planen nun selbst die erste Anlage zu bauen: Sechs Millionen Euro müssen sie dafür einsammeln.

Ende August starteten sie eine Umfrage im Bekanntenkreis, ob nicht einige Mittelständler bereit wären, 100.000 Euro für eine Ein-Prozent-Beteiligung am Unternehmen zu geben. Bereits nach zwei Wochen hatten sich sechs Interessenten gemeldet. Auch die französische Förderbank Oseo, vergleichbar mit der deutschen Kreditanstalt für Wiederaufbau, ist bereit zu investieren, wenn die Gründer zusätzlich eigenes Geld in das Projekt stecken. Die Bank unterstützte schon die Umsetzung der Pilotanlage. Als einzige Förderinstitution.

CO2-Emissionen von über 15.000 Autos einsparen

Auf die deutsche und saarländische Förderlandschaft ist Klein deshalb gar nicht gut zu sprechen. Die Handelskammer hielt die jungen Entrepreneure, die eine halbe Million Euro in eine Pilotanlage stecken wollten, für „verrückt“, so Klein. Jetzt sollen Kooperationen helfen, Geld zu sparen: Der Stahlbauer Schäfer aus Dillingen wird die Anlage auf eigene Rechnung planen und bauen, mit der Lizenz, künftig weitere Folgeaufträge zu bekommen. Für die Steuerungselektronik gibt es einen weiteren Deal mit einer Firma aus dem Saarland, so sparen Klein und Co. fast drei Millionen Euro und damit die Hälfte der Kosten ein.

Ende 2011 soll die erste kommerzielle Anlage in Betrieb gehen, die 5.000 Tonnen Granulat wiederverwertet. Sie spart dadurch die CO2-Emissionen von über 15.000 Autos ein. In einigen Jahren könnte Pyrum Innovation eine schwarze Goldgrube sein. „Visionen muss man haben“, sagt der Hobby-Kapitän Klein. Auf der Bootsmesse in Friedrichshafen hat er sich schon mal umgeschaut. „Es wäre schön, in einigen Jahren ein eigenes Motorboot zu besitzen.“ Vielleicht werden sich schon bald beide Visionen von Pascal Klein erfüllen.

Weitere Informationen:
Homepage von Pyrum Innovations

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014