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Grüne Pioniere (2)

Der Manager im Maisfeld

Fast hätte das geänderte EEG-Gesetz die Biogasfirma Nawaro in den Ruin getrieben. Heute denkt Gründer Felix Hess wieder an Expansion.

Der Manager im Maisfeld Der Manager im Maisfeld
Nawaro BioEnergie AG

Ein typischer Umweltschützer ist Felix Hess nicht. Obwohl der Name seiner Firma Nawaro für „nachwachsende Rohstoffe“ steht und obwohl er in Güstrow die weltgrößte Bioerdgas-Einspeiseanlage betreibt. Der 50-Jährige hat sich nach seinem Maschinenbaustudium zielstrebig eine Karriere in der Wirtschaft aufgebaut. Doch Hess war von Anfang an überzeugt, dass das Konzept trägt, Bioerdgas industriell herzustellen. Deshalb gab er 2005 eine lukrative Position als Partner in der etablierten Unternehmensberatung Roland Berger auf und zog von München nach Leipzig: ein Schritt, den er bis heute nicht bereut – auch wenn Nawaro in den ersten Jahren einige Krisen durchstehen musste.

Biogaserzeugung nicht nur Annex der Landwirtschaft

Die Idee, Biogas nicht als Annex der Landwirtschaft sondern eigenständig und in industriellem Maßstab zu produzieren, wurde erstmals 2004 vom damaligen Chef von Sony Music Entertainment Deutschland, Balthasar Schramm, an Hess herangetragen. Dass der Musikmanager nicht vom Fach war und gelegentlich Megawatt mit Kilowatt verwechselte, habe ihn nicht abgeschreckt, erinnert sich Hess. Auch die Skepsis einiger Ingenieure, denen beide Männer das Konzept zur Prüfung vorlegten, änderte nichts an seinem Entschluss: „Das war die richtige Idee zur richtigen Zeit.“

Selbständigkeit sei schon länger eines seiner Ziele gewesen. „Mir war es aber sehr wichtig, als Unternehmer etwas aufzubauen, das wirklich nachhaltigen Charakter hat“, betont der gebürtige Westfale, der in Ingolstadt aufgewachsen ist. Dauerhaft und lokal verfügbare Ressourcen für die Energieerzeugung zu nutzen und so die Abhängigkeit von Importen zu verringern, sei volkswirtschaftlich sinnvoll. „Deswegen wird es sich auch langfristig durchsetzen“, sagt Hess. Zudem überzeugt ihn der vergleichsweise hohe Wirkungsgrad bei der Herstellung von Biogas und der dabei weitestgehend geschlossene Stoffkreislauf.

Aus Maissilage entsteht Biogas, Biodünger und Wasser

In den Nawaro-Anlagen in Penkun und Güstrow entsteht beim Fermentationsprozess der Pflanzen – meist Silage aus vergorenen Maispflanzen – neben Biogas auch Biodünger. Übrig bleibt nur Wasser, das zurück in Flüsse geführt werden kann. Landwirte aus der Region liefern den Anlagen Energiepflanzen, die in speziellen Fermentern vergoren werden. Dabei entsteht das Biogas, das im Wesentlichen aus Methan und Kohlendioxid besteht.

Doch auch die Pflanzenreste werden weiter veredelt, sodass sie als Düngemittel zurück auf die Felder gelangen. „Als die Idee 2004 entstand, gab es weltweit noch keine Anlagen, die diese weitestgehend vollständige Verarbeitung leisten konnten“ sagt Hess stolz: „Wir waren die ersten.“

Nordosten Deutschlands idealer Standort

Weil die Verfahrenstechnik eine relativ aufwändige Betreuung benötigt, müssen die Anlagen die nötige Größe haben, um eine professionelle Betriebs- und Wartungsmannschaft zu tragen. Deswegen müssen in der Umgebung möglichst große landwirtschaftliche Betriebsstrukturen vorhanden sein, denn andernfalls wären Lieferverträge mit mehreren hundert Höfen nötig: Logistisch ist dies kaum machbar. „Um die hundert Partner pro Anlage sind handhabbar“, sagt Hess. Deswegen sei schnell klar geworden, dass als Standort nur der Nordosten Deutschlands geeignet ist, wo landwirtschaftliche Betriebe mit beträchtlichen Ackerflächen existieren.

„Meine damals 16-jährige Tochter und mein 14-jähriger Sohn waren allerdings nicht begeistert, als ich ihnen vorschlug von München nach Leipzig umzuziehen“, erinnert sich der Unternehmer, Mittlerweile sei Leipzig aber für ihn und seine Familie zur zweiten Heimat geworden. Auch wenn er als Firmengründer emotional und geistig eigentlich immer mit der Arbeit befasst sei, habe er jetzt mehr Freiraum und genieße es, weniger zu reisen und mehr Zeit daheim in Leipzig zu verbringen „Die Mentalität der Menschen hier ist anders als in München und gerade deshalb komme ich so gut mit ihnen aus“, sagt Hess.

Das Beinahe-Aus durch eine rückwirkende EEG-Änderung

Die erste 20 Megawatt Biogas-Anlage errichtete Nawaro 2006 am Standort Penkun, nahe der polnischen Grenze. Dort wird das Gas noch vor Ort verstromt, in das Stromnetz eingespeist und nach EEG gefördert. So sah es zumindest das Unternehmenskonzept vor und so war es auch bis zum 4. Juni 2008. „Dieses Datum werde ich so wenig vergessen wie meinen eigenen Geburtstag“, schmunzelt Hess. Denn an jenem Tag änderte die große Koalition auf Bestreben der SPD rückwirkend eine Bestimmung des EEG. Damit fiel die Anlage in Penkun aufgrund ihrer Größe aus der Förderung heraus und war nicht mehr wirtschaftlich.

Die Gesetzesänderung habe ganz gezielt Nawaro treffen sollen, ist Hess überzeugt. „Die Politik hatte einen Missbrauch gewittert, wo keiner war“, analysiert er. Doch der Unternehmer gesteht auch eigene Fehler ein. Er und sein Partner Schramm, der das Unternehmen im Februar 2010 verließ, hätten die Bedeutung des Networkings in Berlin unterschätzt. So habe es im Vorfeld der Entscheidung keinen Dialog mit der Politik gegeben, der die EEG-Änderung vielleicht hätte verhindern können. Letztlich wurde die Entscheidung Anfang 2010 von der schwarz-gelben Koalition zurückgenommen. Doch für Nawaro entstanden in der anderthalbjährigen Phase der Unsicherheit Kosten von mehreren Millionen Euro, die das Unternehmen an den Rand der Insolvenz führten.

„So etwas möchte ich nicht nochmal erleben“, sagt Hess. Er könne zwar mit dem Stress umgehen und habe sowohl mit seiner Frau als auch mit seinen Mitarbeitern stets offen über die Lage der Firma reden können. Dennoch sei dies eine ganz schwierige Zeit gewesen, weil in einer strukturschwachen Region wie Mecklenburg-Vorpommern das Schicksal zahlreicher Mitarbeiter mit den Arbeitsplätzen bei Nawaro verknüpft sei.

Expansion gen Osten geplant

Heute blickt der Firmenchef wieder zuversichtlich in die Zukunft. Die Finanzierung und der Bau der zweiten großen Anlage in Güstrow ist Nawaro trotz globaler Rezession geglückt. Dort wird das Bioerdgas direkt ins Gasleitungsnetz eingespeist – ohne direkte EEG-Förderung. Größter Abnehmer ist die Ferngasgesellschaft VNG. Eine dritte Anlage soll in absehbarer Zeit in der Lausitz entstehen und mittelfristig möchte Hess auch ins Ausland expandieren. „Denkbar wären Anlagen in den neuen EU-Staaten Polen, Tschechien, Ungarn oder auch in Kroatien“, sagt er. Ihm sei klar, dass er dafür gegebenenfalls einen neuen Kapitalgeber mit ins Boot holen muss.

Allerdings ist es Hess sehr wichtig, die hohe Entscheidungsgeschwindigkeit bei Nawaro beizubehalten. „Das Schöne am Unternehmertum ist doch das Machen“, betont er. Dass er ein Macher ist, der ohne Sicherheitsnetz und doppelten Boden leben kann, zeigt sich auch in seiner Freizeit. Hess liebt Oldtimer, diesen Sommer soll es mit seinem 60 Jahre alten Mercedes rund um die Ostsee durch das Baltikum und Skandinavien gehen. Für den Fall, dass der Wagen auf der langen Strecke liegenbleibt, hat Hess seinen Werkzeugkasten und einige Ersatzteile dabei. „Im Zweifel lege ich mich unter den Wagen und mache die Reparaturen selbst.“

Weitere Informationen:

Nawaro BioEnergie AG

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014