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Grüne Pioniere (1)

Der Solar-Ästhet

Eine Berliner Solarfirma veredelt Glasplatten mit Schwefelstaub. Die Solarzellen sind international gefragt.

Der Solar-Ästhet Der Solar-Ästhet
energlobe.de, Maud Radtke

Der Solarboom in Deutschland hat so manchen Sonnenkönig hervorgebracht: Schillernde Persönlichkeiten wie Frank Asbeck etwa, der mit rauschenden Partys, einem großen Fuhrpark und zig Tiergeweihen in seinem Büro die Klatschspalten füllt. Nikolaus Meyer ist anders: Der Mann, dessen Unternehmen von der britischen Zeitung „The Guardian“ auf Platz sechs der „100 worldwide hottest cleantech companies“ gewählt wurde, residiert bescheiden.

Ein helles Grasgrün passt da ganz gut in das Arbeitszimmer des Geschäftsführers eines der angesagtesten Umwelttechnologie-Unternehmen. Genauso wie die puristische Einrichtung ohne überflüssigen Schnickschnack. Nichts lenkt vom Tagesgeschäft ab. Wenn Meyer morgens zur Arbeit fährt, besteht er darauf, sein Fahrrad zu benutzen. Den Erfolg des Unternehmens genießt Meyer besonnen. Er ist bodenständig, ein Mann der leisen Töne.

Kleine wissenschaftliche Sensation

Nikolaus Meyer ist der Gründer und Geschäftsführer von Sulfurcell, einem der weltweit ersten Unternehmen, dass sich auf Dünnschicht-Solarmodule der nächsten Generation spezialisiert hat. Sie bestehen aus den Halbleiterverbindungen Kupfer-Indium-Sulfid und Kupfer-Indium-Gallium-Selenid – kurz CIS. Als er 1996 begann, Schwefel als Grundstoff für die Herstellung von Solarmodulen zu verwenden, war das eine kleine wissenschaftliche Sensation.

Die Erfolgsgeschichte von Sulfurcell beginnt am ehemaligen Hahn-Meitner-Institut – dem heutigen Helmholtz-Zentrum Berlin für Materialien und Energie. Dort entwickelt Meyer mit einem Forscherteam ein neuartiges Herstellungsverfahren für die Dünnschicht-Module. „Es war der ideale Geburtsort für unsere Technologie“, erinnert er sich.

Sulfur statt Silizium

Martha Lux-Steiner, die renommierte Leiterin dieser größten Forschungseinrichtung für Dünnschicht-Photovoltaik in Europa, hat ihn dabei unterstützt. Und als Doktormutter seine Forschung betreut. Sie ist genauso überzeugt von den Sulfurcell-Modulen wie Nikolaus Meyer selbst. Und lässt sich als eine der ersten die mattschwarzen Module auf das Dach ihres Ferienhauses in der Schweiz montieren.

Doch was ist das Besondere an den Modulen von Sulfurcell? Anstatt in jeder Solarzelle einen Silizium-Wafer einzubauen, wird bei diesen Solarzellen eine nur wenige Tausendstel Millimeter dünne Schicht des CIS-Halbleitermaterials auf eine Glasplatte aufgetragen. „Das ist vergleichbar mit einer Rußschicht, die sich bildet, wenn man eine Kerze an eine Glasscheibe hält“, erklärt Meyer.

Das spart viel Material bei der Herstellung: Der Bedarf an Halbleitermaterial verringert sich um 99 Prozent, die Produktionsschritte reduzieren sich um zwei Drittel. Ein weiterer Vorteil ist, dass bei der Produktion keine Schadstoffe freigesetzt werden und nicht so hohe Temperaturen nötig sind. „Wir müssen deshalb deutlich weniger Energie einsetzen“, so der Öko-Unternehmer.

Ästhetik im Nadelstreifen-Look

Auch optisch unterscheiden sich die mit Schwefelstaub veredelten Glasplatten von herkömmlichen Solarzellen. Schick und edel wirken die anthrazitfarbenen Module, deren Muster an einen Stoff mit Nadelstreifen erinnert. Bei genauerem Hinsehen, erkennt man in den Linien die Verschaltung der einzelnen Solarzellen.

Meyer, der ein Faible für Berliner Designerbrillen hat, schätzt offensichtlich die schönen Dinge. Seine Sonnenfänger haben Stil: „Allein aus ästhetischen Gründen entscheiden sich viele Architekten für unsere Solaranlagen“, bestätigt Meyer stolz.

Man merkt sofort: Dieser Mann hat von Anfang an an die Technologie geglaubt. „Mich hat immer das Ziel angetrieben, dass Solarstrom nicht mehr kosten sollte als Strom, der aus fossilen Ressourcen gewonnen wurde." Deshalb beschließt Meyer Ende der 90er Jahre in die industrielle Anwendung zu gehen. „Obwohl wir bis dahin nur im Labormaßstab geforscht hatten und der Prototyp nur etwas größer als eine Streichholzschachtel war.“

An der Uni wollte er ohnehin nicht bleiben, gesteht Meyer. Was ihn nicht daran gehindert hat, neben dem Physikstudium auch noch an der Fernuniversität in Hagen Betriebswirtschaft zu absolvieren. Beruflich aktiv ist er auch für Siemens und die Unternehmensberatung McKinsey. Doch er will die Erneuerbaren Energien vorantreiben. „Und die Photovoltaik wirtschaftlich machen“, sagt er ohne jeglichen Pathos.

Über 200 Menschen arbeiten heute bei Sulfurcell; in der Produktion herrscht an sieben Tagen Schichtbetrieb. Lag die Jahresproduktion 2007 noch bei unter einem Megawatt, werden im kommenden Jahr Herstellungskapazitäten von 85 Megawatt erreicht. Nikolaus Meyer ist zuversichtlich, dass sich die Firma auch in Zukunft auf dem internationalen Solarmarkt behaupten kann.

Donnerknall statt Sonnenschein

Und das obwohl das Jahr 2010 die Branche mit einem wahren Donnerknall aufgeschreckt hat. Seit Bundesumweltminister Norbert Röttgen im Januar überraschend die Kürzung der Einspeisevergütung verkündete, geht in der Branche die Angst um. „Wir müssen eine Absenkung von 40 Prozent innerhalb von zwölf Monaten verkraften“, beklagt Meyer die Sparmaßnahme. Noch ist das Gesetz nicht vom Bundesrat abgesegnet. „Es besteht also noch Hoffnung auf einen milderen Sparkurs“.

Doch der Preisdruck – ausgelöst durch den subventionieren Markt in Asien und deren niedrige Modulpreise – wird weiter steigen. Meyer geht davon aus, dass die Solartechnik weiter rentabel bleiben kann. Davon hat er auch seine Investoren, unter anderem den kalifornischen Chiphersteller Intel, die Investment-Banking Gruppe Climate Change Capital, Vattenfall und Frankreichs führenden Energiekonzern Gaz de France Suez, überzeugt. Stattliche 85 Millionen Kapital hat er unlängst für die Erweiterung der Produktion und die Forschung akquiriert.

Neue Märkte: Solares Bauen

Jetzt konzentriert er sich darauf, die Firma in schwierigen Zeiten auf einer soliden Basis zu halten. Beispielsweise mit solarem Bauen. Sulfurcell will den internationalen Markt mit gebäudeintegrierter Photovoltaik erobern. Also mit Solarzellen, die Dachziegel oder eine Außenfassade an Gebäuden ersetzen können. Die Dünnschicht-Solarzellen avancieren so zu Baumaterialien, die gleichzeitig Strom erzeugen. Besonders in Frankreich sei der Markt interessant, so Meyer. „Dort wird eine erhöhte Einspeisevergütungen gezahlt, wenn die Anlagen gebäudeintegriert sind.“

Studien belegen diesen Trend und sehen gute Marktchancen für die Kombination von Solarmodulen und Baustoffen. Außerdem will er sich auf gewerbliche Gebäude konzentrieren, den Service für komplette Solaranlagen verstärken und die Herstellung weiter optimieren.

Viel Arbeit für den Geschäftsführer und sein Team. Da bleibt wahrscheinlich keine Zeit für Hobbys, oder? „Doch, meine Arbeit ist mein Hobby.“

Weitere Informationen:

Aussichten zur Entwicklung der Dünnschicht-Photovoltaik vom Institut für Zukunftsstufien (pdf-Dokument)

 

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014