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Grüne Pioniere (6)

Dynamisches Duo

Der sächsische Mittelständler Loser Chemie will im großen Stil Dünnschichtsolarzellen und Seltenen Erden recyceln.

Dynamisches Duo Dynamisches Duo
ENERGLOBE.DE, Denny Rosenthal

Higtech-Metalle sind für Erneuerbare Energien unentbehrlich und werden auf dem Markt zunehmend knapp: Wolfram Palitzsch und Ulrich Loser vom sächsischen Mittelständler Loser Chemie wollen weltweit die Ersten sein, die die sogenannten Seltenen Erden im großen Stil recyceln.

In den Händen von Wolfram Palitzsch sind die Grenzen des Machbaren dehnbar wie ein Gummiband. Sein beharrliches „das muss doch gehen“ scheint sie elastisch zu machen. So kann Palitzsch schlicht nicht glauben, was er vor drei Jahren im Radio hört: Die Thüringer Landesentwicklungsgesellschaft soll eine halbe Millionen Euro für die Entsorgung von 600 Tonnen hochgiftigem Dünnschicht-Solarabfall zahlen. Dabei stecken in den Modulteilen, die vom insolventen Photovoltaik-Hersteller Antec stammen, wertvolle Hightech-Metalle wie Gallium und Indium. „Das kann doch nicht sein, habe ich mir gedacht, das muss man doch recyceln können“, sagt Palitzsch und klingt noch heute empört. „Nach einer Woche im Labor wusste ich, wie es geht.“

Mit dem Patent zu Dünnschichtsolarzellen beginnt das Projekt Hightech-Metall-Recycling der Firma Loser Chemie. Das mittelständische Unternehmen hat seinen Sitz im kleinen Ort Hainichen in Sachsen und ist eigentlich auf Abwasserreinigung und Chemikalien für die Papierindustrie spezialisiert.

Nun haben Palitzsch und sein Geschäftsführer Ulrich Loser ein neues Projekt: Sie wollen teure Hightech-Metalle, die sogenannten Seltenen Erden, im großen Stil wiederaufbereiten. Damit wären sie weltweit die Ersten. Die Hersteller Erneuerbarer Energien in Europa brauchen die wertvollen Stoffe dringend, beispielsweise für Batterien von Elektroautos und Generatoren von Windrädern.

Ungleiches Duo

Deshalb ist das Recycling dieser Stoffe wichtiger denn je. Meistern kann die Aufgabe bei Loser Chemie nur Palitzsch, Wissenschaftler und Prokurist der Firma. Die Geschäfte führt Kaufmann Ulrich Loser, der anders als sein Kompagnon nicht aus Sachsen, sondern dem Rheinland stammt. Hierarchie? Die gebe es nur auf dem Papier, sagen beide. Sie sehen sich als gleich gestellt, als ideale Ergänzung, erklärt Loser.

Palitzsch nickt zur Bestätigung. Ruhig sitzt er da bis das Gespräch auf seine Forschung kommt. Das Thema scheint einen imaginären Schalter umzulegen. Jetzt übernimmt der Chemiker das Reden. Seine Gesten werden ausladend, er springt begeistert auf, holt Fotos, um noch besser, noch genauer zeigen zu können, was er herausgefunden hat. Loser sagt dazu schlicht: „Ich dachte immer, ich wüsste etwas über Chemie – bis ich Herrn Palitzsch getroffen habe.“ Er sieht seinen Kompagnon an, und beide müssen grinsen.

Umsatz steigt jährlich bis zu 50 Prozent

Geld organisieren ist Losers Sache. Er muss gleich weg, wichtige Verhandlungen, die Zeit wird knapp. Nicht, dass man ihm das anmerken würde. Der leicht untersetzte Geschäftsmann hat sich zurück gelehnt und plaudert. Jovial, ganz rheinische Frohnatur. Der Loser habe eben ein breites Kreuz, sagt man im Betrieb über den Chef. Den werfe so schnell nichts um.

Kennengelernt haben sich Loser und Palitzsch vor rund elf Jahren. Auf dem Hochschularbeitsmarkt herrschte Flaute und der Chemiker entschloss sich, bei Loser Chemie einzusteigen. Die Firma befasste sich zu dieser Zeit mit Abwasserreinigung – einem Geschäftsbereich, der auch heute noch das wichtigste Standbein des Unternehmens ist. Das Duo hatte Erfolg: Der Jahresumsatz des Unternehmens stieg jährlich um 30 bis 50 Prozent und liegt heute bei rund 9 Millionen Euro.

Konflikt mit China um Seltene Erden gibt Recycling Brisanz

Das neue Projekt von Loser und Palitzsch hat Brisanz: Die Europäische Union (EU) warnt vor einer drohenden Knappheit von Hightech-Metallen. Dazu gehören auch die sogenannten Seltenen Erden. Sie stammen zu über 90 Prozent aus China. Die Volksrepublik nutzt ihre Marktmacht und senkt als Quasi-Monopolist zunehmend die Exportquoten. Es könnte Jahre dauern, bis Minen in anderen Ländern genug Seltene Erden für den Weltmarkt fördern.

Umso interessanter wird das Recycling von Seltenen Erden für die Wirtschaft. Die Ressourcen kommen nur in kleinsten Konzentrationen in Handys, Motoren und Energiesparlampen vor und sind oft mit anderen Metallen vermischt. Bisher rechnete sich der Aufwand nicht, sie mühsam wieder zu extrahieren. Doch nun steigen die Preise für Seltene Erden. Unternehmen aus aller Welt wenden sich bereits jetzt an Loser Chemie, dabei ist das Projekt gerade erst angelaufen.

Leuchtpulver-Abfall bringt Palitzsch auf die Idee

Auf die Idee zum Recycling von Seltenen Erden kam Palitzsch, als er vor rund zwei Jahren zu Besuch bei einem Geschäftspartner aus der Wiederaufbereitungsbranche war. Auf dem Weg über das Firmengelände entdeckte er prall gefüllte Säcke mit hellem Pulver. Palitzsch wäre nicht Palitzsch, hätte er nicht sofort versucht herauszufinden, was es damit auf sich hatte. In den Säcken steckte Leuchtpulver aus Energiesparlampen – Abfall. Einen Verwertungsweg gab es nicht. Der Chemiker bat sofort um eine Probe und fand in seinen Lösungen tatsächlich aufkonzentrierte Seltene Erden, wie zum Beispiel Gadolinium oder Europium, die man angesichts der steigenden Nachfrage unbedingt recyceln sollte, fand Palitzsch.

Um als Mittelständler aus solchen Ideen Kapital zu schlagen, braucht es jedoch mehr als einen genialen Kopf: Loser Chemie hatte damals keinerlei Strukturen, um die begehrten Metalle zu recyceln. Hightech-Schrottzulieferer und Abnehmer für die metallhaltigen Konzentrate fehlten.

Recycling-Netzwerk soll geringe Größe kompensieren

Hier hätte die Geschichte zu Ende sein können, steckten nicht zwei ambitionierte Männer hinter dem Projekt, die zur richtigen Zeit von einer Ausschreibung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung erfuhren. Palitzsch und Loser witterten die Gelegenheit, ihr Strukturproblem zu lösen.

Das mit 85.000 Euro dotierte Förderprogramm würde ihnen ermöglichen, ein Netzwerk aus Firmen aufzubauen und mit finanzieller Unterstützung ihr Konzept bekannt zu machen. Das Ende der Bewerbungsfrist stand allerdings kurz bevor und es blieb kaum Zeit, ein überzeugendes Konzept zu schreiben. Doch es klappte: Die Firma bekam im März 2010 den Zuschlag.

Förderung durch Bundesforschungsministerium

Ihr Projekt trägt den Namen „Life-Cycle Strategien und Recycling Seltener Metalle mit strategischer Bedeutung.“ Das beinhaltet nicht nur das Recycling Seltener Erden oder anderer seltener Metalle, sondern auch die bereits patentierte Wiederaufbereitung von Dünnschichtsolarzellen.

Rentabilität durch Komplettrecycling

Um das Problem der Rentabilität zu lösen, sollen alle Wertstoffe aus Hightech-Schrott verwertet werden: Für die Solarmodule dürfte allein der Verkauf der darin verbauten Glasplatten einen großen Anteil der Verwertungskosten decken, schätzt Palitzsch. Erste Ergebnisse renommierter Institute bescheinigen dem wiederaufbereiteten Glas eine sehr hohe Qualität.

Netzwerk soll auf Innovationsforum entstehen

Ein Recycling-Netzwerk wollen Loser und Palitzsch Anfang März auf einer Tagung im sächsischen Freiberg ins Leben rufen. Zur Jahreswende hatten bereits über 60 Abfallerzeuger, Recycler, Logistiker und Abnehmer der metallhaltigen Konzentrate aus dem In- und Ausland zugesagt, zum Innovationsforum zu kommen.

Im September soll die industrielle Verwertung beginnen. Auch auf dem Sektor Seltener Erden macht Palitzsch Fortschritte: „Es sieht schon sehr vielversprechend aus.“ Er ist entschlossen, der Unmöglichkeit ein Schnippchen zu schlagen.

Weitere Informationen:

Informationen zum Innovationsforum zum Recycling von Seltenen Erden und Dünnschicht-Solarzellen: www.loserchemie.de

Homepage von Loser Chemie: www.loserchemie.de

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014