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Stromnetze

„Ein grundlegend neues System“

Interview mit ABB-Manager Kreusel über die Energieversorgung der Zukunft und den notwendigen Netzumbau.

„Ein grundlegend neues System“ „Ein grundlegend neues System“
ENERGLOBE.DE, Denny Rosenthal

Jochen Kreusel ist seit Anfang 2011 Leiter des weltweiten Konzernprogramms Smart Grids beim Schweizer Technologieriesen ABB und Vorsitzender der Energietechnischen Gesellschaft im Verband der Elektrotechnik (VDE). Im Interview mit ENERGLOBE.DE erläutert er, wie das Übertragungsnetz der Zukunft aussehen muss und warum Smart Grids sowohl in Deutschland als auch in China gebraucht werden.

Herr Kreusel, inwiefern muss das Übertragungsnetz der Zukunft sich vom heutigen unterschieden?

Kreusel: Wir beobachten weltweit eine fundamentale Veränderung der elektrischen Energieversorgung: hin zu Erneuerbaren Energien. Doch Sonnen- und Windkraft sind vollkommen anders als alle Erzeugungsarten, die wir bislang genutzt haben. Um einen gewissen Ertrag sicherzustellen bedarf es bei beiden einer sehr hohen installierten Leistung, beide unterliegen kurzfristigen Leistungsschwankungen, und zumindest die Photovoltaik ist zudem eine ausgesprochen dezentrale Technik.

Unser System wird also deutlich komplexer werden. Wir werden mehr zufällige Prozesse haben und eine viel höhere Anzahl an Komponenten in die Steuerung mit einbeziehen müssen. Anstelle von ein paar hundert Großkraftwerken werden es nun ein paar Millionen kleinere Erzeugungseinheiten sein. Das ist eine andere, komplexere Welt, die zunächst einmal anfälliger ist. Es wird darauf ankommen, rechtzeitig Konzepte zu entwickeln, um das in den Griff zu bekommen. Eines sollte uns dabei klar sein: Es geht um den Aufbau eines grundlegend neuen System und nicht nur darum, neue Elemente in das bestehende System einzubauen.

Welche konkreten Veränderungen werden sich im Verlauf dieses Systemumbaus bemerkbar machen?

Kreusel: Es gibt zunächst einen vermehrten Bedarf an Übertragungskapazität. Zum einen weil Erneuerbare Energien stark standortgebunden sind, das heißt der Anteil verbrauchsfern erzeugter Energie zunimmt. Zum anderen, weil sie stark schwanken. Solange wir Strom nicht in großem Mengen speichern können, müssen wir also verschiedene Arten dieser schwankenden Erzeugungsformen mischen und zwar möglichst an verschiedenen Orten – um nicht so abhängig von Wind und Sonne zu sein. Wir sind also gut beraten, das System geographisch auszudehnen und die Transportkapazität zu verstärken.

Technisch ist das keine Revolution, denn in anderen Teilen der Welt gibt es diesen Ferntransport schon länger – nur nicht in Europa. Wir müssen uns jetzt hier daran gewöhnen, dass wir ein größeres Übertragungsnetz brauchen. Da sind wir bei dem Akzeptanzproblem, denn die Politik hat es lange versäumt, die Menschen darauf vorzubereiten. Dieser Aspekt ist erst relativ spät thematisiert worden.

Die zweite Veränderung ist die zunehmende Dezentralität. Wir bekommen eine immer höhere installierte Leistung in dezentraler Erzeugung, überwiegend in ländlichen Regionen. Und genau da haben wir relativ schwache Verteilnetze mit vergleichsweise langen Leitungen. Deshalb haben wir schon jetzt zunehmend Probleme mit der Spannungshaltung. Wir brauchen da neue Lösungen, um das zu unterstützen.

Der dritte Schritt ist, dass wir innerhalb kurzer Zeit anfangen müssen, die Erneuerbaren Erzeugungseinheiten betrieblich in das System zu integrieren. Es sollte zumindest möglich sein, sie abzuschalten, wenn die Leistung gerade nicht genutzt werden kann. Derzeit ist das technisch aber nicht machbar, denn es gibt keinen Weg, ein derartiges Signal an die über 600.000 Photovoltaik-Anlagen zu senden. Wir müssen diese Anlagen also kommunikativ anbinden. Damit nähern wir uns den Themen, die gemeinhin unter dem Begriff Smart Grid gefasst werden: die stärkere informationstechnische Integration aller Systemkomponenten.

Welche Rolle spielen dabei intelligente Zähler?

Kreusel: Die Einführung intelligenter Zähler soll dazu führen, den Verbrauchern bewusst zu machen, wann und womit sie wie viel Strom verbrauchen. Das interessiert derzeit ja niemanden – denn so sind wir es seit Jahrzehnten gewohnt. Aus Sicht des Energieversorgungssystems sind allerdings die Zähler weniger spannend als die Kommunikationsinfrastruktur, die dahinter liegen soll. Diese werden wir nutzen müssen um Verbrauchern auch kurzfristige Steuersignale zu geben, damit die sich an Veränderungen auf der Erzeugerseite anpassen können. Derzeit sind Verbraucher ja daran gewöhnt tun und lassen zu können, was sie wollen – das Versorgungssystem wird es schon richten. Doch in einem System mit einem hohen Anteil Erneuerbarer wird sich in der Stromrechnung deutlicher als bisher bemerkbar machen, ob der Verbrauch zum Erzeugungsangebot passt oder nicht.

Wir brauchen eine Kommunikationsinfrastruktur, die in fünf bis zehn Jahren den Systembetrieb in Echtzeit unterstützen wird. Dem müssen wir jetzt Rechnung tragen und mit dem Aufbau beginnen. Das wird im Moment in Deutschland nicht ausreichend angesprochen. Der Rechtsrahmen schreibt lediglich den Einbau elektronischer Zähler vor, aber nicht die Kommunikation. Das reicht jedoch nicht. In einigen Jahren werden wir dann feststellen, dass die Aufwendungen, die wir jetzt tätigen, nicht ausreichend waren. Dann werden wir nachlegen müssen und das wird ziemlich sicher teurer, als es gleich richtig zu machen.

Wie gehen andere Länder vor, China beispielsweise?

Kreusel: Im Moment ist der stärkste und anspruchsvollste Treiber für den Ausbau Erneuerbarer Energien nach wie vor Europa, aber wir sehen diese Entwicklung in vielen anderen Ländern kommen. Die Motivation, sich für Smart Grids zu interessieren, ist in China oder Indien derzeit eine andere als in Europa. Die Lösungen, auf die es hinausläuft, sind es jedoch nicht, und auch die Gründe werden mit der Zeit konvergieren.

China hat sich das Ziel gesetzt, Emissionen zu senken und betrachtet Energietechnik als eine der Schlüsseltechnologien. Dabei gehen die Chinesen sehr analytisch vor. Wenn sie beschließen Erneuerbare auszubauen, verstehen sie gleichzeitig auch, was das für Konsequenzen in anderen Teilen des Systems hat und bringen dies auf den Weg. Obwohl es technisch noch nicht so nötig wäre, ist China schon heute eine der Regionen weltweit, die am stärksten nach Smart Grid-Lösungen nachfragen. China will beim Aufbau seines Systems nicht die Version 1.0 kaufen, um dann in zehn Jahren bereits auf 2.0 umbauen zu müssen. Deshalb ist die Motivation dort gar nicht so anders als in Europa.

Weitere Informationen:

ABB-Pressemitteilung zum Konzernergbnis 2010: www.abb.com

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014